Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 35 (28.8.1931)
- Date
- 1931-08-28
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 35 vorfindenden jüdischen Diebe und anderes Gesindel, das sich während der Messe umhertrieli und .luden und Christen schädigte, der Obrigkeil auszuliefern, und sie aus der jüdischen Gemeinschaft Ml verstellen. Sie halten auch die Befugnis, gegen solche Elemente, die sich, wenn auch glücklicherweise nicht sehr blutig, in ihren Reihen vorfanden, nämlich Miene .luden, die Christen übervorteilten oder sie über ihre Kreditfähigkeit täuschten, vorangehen. Neben dieser äußerlichen Regelung des Marktwesens wurde auch die Rechtspflege auf den Märkten von diesen Körperschaften nicht vernachlässigt. So halte jede Messe ihr dreigliedriges MarktrichlerkoUegium (Dajan hajerid .iudex forensis). Diese Marktlichter — meist den obersten Richtern der Landschaft entnommen — wurden für ihr Amt zumeist von dem Oberrichter des Landes, d i. dem Oberrabbiner der Landschaft, autorisiert. Die Mnrktrichtor hatten nach dem geltenden und codiflserten jüdischen Recht über Geldangelegenheiten ('/.• 15. über Wechsel, die auf Märkten und in Marktgeschüftcn ausgestellt waren) ihr Urteil zu fällen. Sie konnten sowohl die Bannst rafe als auch Geldstrafen verhingen. Die Strafgelder muliten an Arme verteilt werden. (Man konnte wahrscheinlich gegen die Urleile des Meflgeriehta bei dem Jeweiligen Obergericht der Landschaften appellieren.) Den jüdischen Waadiin unterstand auUerdein noch die Aufsicht über die rituelle Zuverlässigkeit der auf den Messen eingerichteten jüdischen Fleischereien und Garküchen. Damit Schlott sich der Kreis der von den jüdischen autonomen Körperschaften und Landesverbänden für ihre Mitglieder eingerichteten Marktinstitutionen. Bernhard Shaws Dr. Eisenbart-Lösung der Judenfrage Bernard Shaw hat bekanntlich vor kurzem in Sowjot-RuUland geweilt und die Eindrücke seiner Reise verschiedentlich kundgegeben. In Moskau hat er auch ein Gespräch mit dein Moskauer Vertreter der Internationalen Telegraphen-Agentur geführt und dabei zur ..Lösung der Judenfrage" Gedanken entwickelt, die doch recht eigenartig anmuten. In der Wiener „Jüdischen Wochenschrift. Die Wahrheit" (Nr. X\) bespricht Dr. Ernst Feldaberg diese Aeutterungen dea als Dichter und Sozialphilosoph berühmten Mannes und weist mit Recht darauf hin, daß seine Ansichten ..den Grundideen des Judentums vollkommen widersprechen". Er führt im besonderen aus: ..Shaw ist zur Ueberzeugung gelangt, dall letzten Endes die Mischehe den Unterschied zwischen Juden und Christen aufheben werde. Wenn man solche Behauptungen aufstellt, muU man sich doch vorher mit diesem Problem befallt haben und an der Hand statistischer Daten über die Mischehe dieses Problem studiert haben. Hernard Shaw hat dies bestimmt nicht getan, denn wenn er es getan hätte, dann nuiUte er zur Ueberzeugung gekommen sein, daU gerade die Mischehe geeignet ist. den Gegensatz zwischen Juden und Nichtjuden zu verschärfen, und dall gerade die Mischehe schon so viel Unheil über beide Teile gebracht hat. Ist sich denn Hernard Shaw nicht bewutlt, daU die nach seiner Meinung ausgleichende Gerechtigkeit der Mischehe voraussetzt, dall die beiden Eheteile in religiöser und weltanschaulicher Beziehung sich einander angeglichen haben müssen? In der Mischehe stehen ja nicht Jude und Christ als Rassenangehörige einander gegenüber, sondern in der Mischehe stehen sich zwei Welten gegenüber, das Judentum und das Christentum. Hat Bernard Shaw vergessen, dall in der Ehefrage nicht nur Mann und Frau, sondern auch Kinder, und vor allem Kinder, eine wichtige Rolle spielen? Ist es nicht Unbedingte Voraussetzung, da 1.1 die Kinder in vollkommenem Atheismus, in vollkommener Gottesverleugnung und Areligiosität erzogen werden, um den von ihm so gelobten Ausgleich herzustellen? Da muU nun die Frage aufgeworfen werden, ob es im Interesse des Menschen gelegen ist. Kinder zur Guttesverleugnung und Areligiosität zu erziehen. Diese Frage kann nur mit einein kategorischen .Nein' beantwortet werden. Jeder Mensch muU Religion besitzen. In welcher Form er sie besitzt, mag gleichgültig erscheinen, aber nur in der ideellen, religiösen Erziehung kann ethische und moralische Kraft leiten. Jeder Mensch muU glauben, glauben an etwas Höheres, glauben an das Schöne und an das Gute, glauben an höchste Menscheilideale. denen er nachstreben muU. Diejenigen, die behaupten, daU sie keinen (Hauben besitzen, diejenigen, die da meinen, daU sie wirklich Atheisten sind, belügen sich selbst, denn jeder Mensch glaubt und jeder Mensch besitzt die Religion seines Herzens. Der Jahrtausende alte EinlluU religiöser Erziehung auf die Menschen kann nicht dadurch aus der Welt geschafft werden, dal! sich zwei Mensrhen fürs Leben miteinander verbinden, die verschiedene religiöse Erziehung genossen haben. Man kann nicht durch das Wöriehen .Ja' bei der EheschlieUung die Welt begraben, in der mau bisher gelebt hat. Und wenn diese Weltidee im Menschen notwendigerweise bestehen bleiben um 1.1. dann muU sie sich auch auf Kinder und Kindes kinder durch die Art der ihnen zuteil werdenden Erziehung vererben. Aber ganz abgesehen von diesen theoretischen Betrachtungen kann man die Behauptung Bemurd Shaws viel materialistischer zu widerlegen versuchen . . . Ich möchte gern Bernard Shaw fragen, welcher Teil der beiden EheschlieBenden seine Eigenheiten aufzugeben hätte, der Jude oder der Andersgläubige? Ks macht den Ein druck, als ob Bernurd Shaw mit dieser Behauptung lediglich etwas sagen wollte, ohne zu wissen, was er sagt." Bernard Shaw gibt den Juden weiter den Hinweis, dafi sie sich von ihrem U e b e r w e r t i g k e i t s k o in p 1 e x freimachen tnUUten. Die verbreitete Ansicht. daU die Juden unter Minderwertigkeitskomplexen zu leiden hätten, habe er nie geteilt. Im Gegenteil: Kr vergleicht die Juden mit den Iren, die vielleicht noch rassenstolzer seien als die Juden, und sieht einen wichtigen Schritt zur Lösung der Judenfrage darin, daU die Juden sich von ihrem Ueberwerligkeitsgefühl gegenüber anderen Nationen befreien. Auch zu diesen Ansichten nimmt Dr. Feldsberg Stellung: „Ist es wirklich möglich, daU nur das Ueberhebungsgefühl eines Menschen imstande ist, ihn den anderen Menschen gegenüber als einen fähigen und hervorragenden Menschen gellen zu lassen? Wir Juden haben keine Ueberwertigkeilsgefühle, sondern wir besitzen die Fähigkeit, uns an die Verhältnisse, in denen wir leben, anzupassen. Wir ho sitzen vielleicht einen durch die Jahrtausende währenden Verfolgun gen und Knechtungen erzwungenen Arbeitseifer, der uns befähigt im Konkurrenzkämpfe trotz Anfeindungen zu bestehen. Ueberal feiert der Antisemitismus Orgien, Uberall wird versucht, das jüdisch Element zurückzudrängen, und wehe, wenn wir Juden nicht dii Fähigkeit besüüen, den anderen zu zeigen, da 1.1 wir es ihnen Bichl nur gleichzumachen imstande sind, sondern dal) wir uns bemflhei und bestreben. Spitzenleistungen zu vollbringen. Kann ein intell genter Mensch diesen dem Menschen Innewohnenden Kampfesmut al einen Ueberwertigkeitskomplex hinstellen? Ks wäre viel richtige gewesen, wenn Bernard Shaw alle diejenigen, die an den Uebei wertigkeitskomplex der .luden glauben, aufgerufen hätte, danach z trachten, dieselben Spitzenleistungen zu vollbringen, dieselbe Arbeit lust, denselben Arbeitseifer an den Tag zu legen, wie eben di Juden." Aus aller Welt Ih-nneHe Fürth 7(1 Jahre. Am 18, August beging die bekannte Vorklmpferin der Frauenbewegung Henriette Fürth ihren 7(). Oehurtstag. Henriette Fürth, die 1M1 in (Hotten geboren wurde, ist eine der Mitbegründerinnen der Mütterschutzbewegung, in den Jahren 15M!( bis WH war sie sozialistische Stadtverordnete in Frankfurt a. M. Als eine der ersten machte sie den Versuch Volkswirtschaft lieber Erfassung der einzelnen Hauswirtschaft in ihren Schriften über: „Ein mittelbürgerlirhes Budget vor und nach dem Kriege". Bekannt sind auch ihre sozialpolitischen Arbeiten Uber: „Das Pflegekind wesen". ..Die Fabrikarb-it der verheirateten Frau", „Das Bevöll rungsproblein in Deutschland" und „Die Regelung der Narhkomne schuft". Seit 1KSMÜ betätigte sie sich auf dem Gebiete des jüdisch i öffentlichen Lebens und setzte sich insbesondere für die Arbeit d Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens ein, dess^ Frankfurter Ortsgruppe sie seit der Gründung angehört. Der „Vi wärts" begriil.lt Henriette Fürth anlättlich ihres 70. Geburtstages „unermüdliche Vorkämpfern) für die Sache der Arbeiterschaft" U als „vorzügliche Sozialpolitikerin, deren Name innerhalb wie Buß<