Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 34 (21.8.1931)
- Date
- 1931-08-21
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 34 Rabbiner und der rüstige Gemeindevorsteher, der bochbetagte R. Benjamin Wolf, Sohn des R, Chajira Arjeh Löwy, versichern, daß diese Synagoge mehr als lieben Jahrhunderte alt ist. Einem »jüngeren" Pinkas, der sich in Obhut des genannten Gemeindevorsteher* befindet, ist allerdings /.u entnehmen, dafi an der Synagoge im Jahre 1618, also vor mehr als dreihundert Jahren, eine „Verbesserung" (Renovierung) vorgenommen wurde. Die Inneneinrichtung erweckt ein tiefes Gettthl der Ehrfurcht. Die Heilige Lade, der Behilter einer großen Anzahl meist nicht mehr gebrauchsfähiger Thorarollen, stammt aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Ihre Fremdartigkeit füllt beim ersten Anblick auf. Ein Ursprungsbericht über dieses Prachtstück ist nicht vorhanden. Dafür aber weil) die Sage Bescheid, und die Sonderlichkeit dieses kostbaren Schreins mag der Sage Recht Liehen. Auf ihrer Flucht vor den Hussiten kamen einige Katholiken nach Könlgswart, um von dort nach dein nahen Bayerland zu gelangen. Die .luden nahinen sich dieser Unglücklichen brüderlich an und erwiesen ihnen lauge Zeil Gastfreundschaft Aus Dankbarkeit haben die Katholiken die noch heute von den Besuchern bewunderte Lade angefertigt und sie ihren Wohltatern zum Geschenk gemacht. Seltsam, ja geradezu unheimlich erscheint dem jüdischen Auge der Messinghüngeleuchter. an dem die Figur eines Mannes auf einem Adler reitend angebracht ist. Heim Anblick wird der Vers zwingend lebendig: „Verflucht sei. wer einen Götzen oder gegossenes Bild macht, einen Greuel Gottes, ein Werk von den Händen der Werkmeister" (•">. Mose 27. 1ö). Nun fragt man sich: Warum haben die Altvordern in Königswarl diesen Messingleuchter in ihre Synagoge hineingebracht? Das hat seinen guten Grund, und die Sage weiß Kescheid. Diesen I längeleuchter hat ein kunstsinniger böhmischer König oder Fürst (Metternich?) dem jüdischen Gotteshaus dargebracht, und es ist wohl begreiflich. daß man das Geschenk Beiner Bestimmung zuführen mußte, um kein Mißfallen zu verursachen. Das religionsgesetzliche Verbot, dieses Stück im Gotteshause anzubringen, wurde umgangen - die Juden leisteten sich da das Höchste an Findigkeit! —. indem sie der Gestalt einen Finger abgefeilt haben, damit ihr so das Wesen einer Figur genommen sei! Fis steht jedenfalls fest, dafi dieser Hängeleuchter nichtjüdischen Ursprungs ist. Auch dieser Hängeleuchter hat sein Schicksal! Nun folgen die alten Vorhänge („Poroehes") der Heiligen Lade. Auf jeder Decke ist die .lahri'szahl der Entstehung und der Name des Spenders gestickt So stammt eine Decke aus dem Jahre 1758, von H. Mordechai, Sohn des IL Flieser Mirschau und von dessen Ehegattin Esther, Tochter des R. Sender Hnbina. Ein anderer Vorhang ist die Spende des „angesehenen" R. Samuel, Sohn des „vornehmen" IL Barucb aus Könlgswart und seiner Gattin Gitel, Tochter des IL Mendel Segel aus Tachau. und wurde im Jahre 5528 gespendet. Der dritte Vorhang aber ist ein sehr kostbarer, mit echtem Gold gestickter, aus dem Jahre 1777, ein Geschenk des „ersten" Königswarter. des „Kosln" R. Joel von Königswart und dessen tugendhafter Gattin Dlnah. Die Arbeit besorgte R. Klkanah David Eger, Vorbeter aus Fürth. Von dem „ersten" Königswarter werden übrigens auch zwei „Thoramäntel" gezeigt, und in der Aufschrift heißt es „ha-Aluf" und „ha-Kozin". Auch ist der Name seines Schwähers Hirsch Segal aus Kuttenplan angegeben. Von dem Gemeindevorsteher R. Benjamin Wolf, Sohn des Königswarter Rabbiners R. Chajim Berlin und dessen Gemahlin Malkah, ist eine „Hand", d. h. ein Zeiger beim Verlesen der Heiligen Schrift, aus dem Jahre 178H erhalten geblieben. Rührend und stimmungsvoll ist die auf einein Schild („Tass") gemeißelte Inschrift. In Böhmen herrschte im Jahre 1882 die Cholera. Die Gemeinde traf alle Vorbereitungen und schaffte auch das Geld für Absonderungszelte für die Kranken herbei. Als aber die Stadt von der schweren Krankheit verschont blieb, kaufte sie für dieses Geld ein Schild für die Thora „zur F'hre Gottes des Retters". Es würde zu weit führen, wollte ich alle kostbaren heiligen Geräte, so sehr sie es auch verdienen, hier einzeln anführen. Stolzen Gefühles verließ ich die Synagoge und machte mich auf den Weg zum Friedhof. Hier überkam mich ein wehmütiges beschämendes Gefühl. Könnten die Toten, die unter den verfallenen und bemoosten Grabsteinen ruhen, ihren Gräbern entsteigen und ihre Klagestimmen hörbar machen, sie würden Recht haben. Denn dieses ,,Haus des ewigen Lebens" ist verfallen und vernachlässigt. Nur einige Grabsteine sind in den letzten Jahren aufgefrischt worden. Ein herrlicher Stein trägt die Inschrift: „Hier ruht die angesehene und fromme, zarte und edle achtzehnjährige Frau Sarah, Tochter des berühmten Gaon Rabbi David Oppenheim, Oberrabbiner der heiligen Gemeinde Prag und Landesrahbiner, Gattin des IL .lonah, die im Hause des Kozin IL Abraham Eger am Montag, den 20. Klul verschieden ist und am Dienstag, den 21. Elul 473 (1718) begraben wurde." David Oppenheim war eine überragende Persönlichkeit seiner Zeit und stand auch bei der Regierung in hohem Ansehen. Er ist Verfasser mehrerer rabbinisrhen Werke. Seine seltene Burhsainmlung befindet sich in der Rodlejaiiisrhcn Bibliothek in Oxford. Rabbinische Anekdoten Berichtet von Ignatz Läufer. (Diese Geschichte wird von meinem Großvater iL Schmul Schmelke Tauber, Rabbiner in Jassy, erzählt [Verfasser von Käme Reäm].) Mehrmals hatte ein Schüler seinen Lehrer (genannten Rabbiner) gefragt, warum der liebe Gott solche Leute, die gar nicht fromm sind Und nichts halten, leben läßt. Diese Art Leute sollten doch lieher verschwinden. — Der Lehrer hatte stets ausweichend geantwortet. Als der Schüler bereits verheiratet war und die Stelle eines Rabbiners bekleidete, kam er wiederum zu seinem ehemaligen Lehrer und wiederholte die genannte Frage. Diesmal antwortete der Lehrer: Aus folgender Erzählung wirst du entnehmen können, daß wir auch der nichtfrommen Leute benötigen: Ks lebte einst ein braver, aber vollständig verarmter Mann. Seine Frau war krank, die Kinder schrien nach Brot, und im Zimmer war es sehr kalt. Die Lage war tro>tlo>. In seiner höchsten Verzweiflung entschloß er sich, obwohl es Ihm schwer fiel, zu seinem Nachbarn, der sehr fromm und wohlhabend war. zu gehen. Nachdem er diesem seine traurige Lage gründlich geschildert hatte, tröstete ihn der fromme Mann und sagte: „Gehe getrost nach Hause, der liebe Qotl wird dir helfen, nur nicht verzweifeln." Hoffnung*- und vertrauensvoll ging der arme Mann wieder nach Hause. Zu Hause angelangt war die Lage nm-h schlimmer, denn im Zimmer war es Inzwischen noch kälter geworden, und die Kinder hatten noch größeren Hunger. In der Nachbarschaft wohnte ein Mann, der sehr reich war, aber gar nicht fromm. Dieser sogenannte Apostat war von allen Leuten ziemlich verstoßen, und niemand wollte mit ihm verkehren. Du sich der arme Mann gar nicht helfen konnte, ging er zu diesem nichtfrommen Manne. Schon beim Eintritte rief der Reiche: „Was will denn der Kerl von mir?" und erwiderte, als der arme Mann seine hilflose Lage zu schildern anfing: „Zum Teufel noch einmal, marsch von hier: ich habe nichts Gemeinsames mit euch!" Warf ihm 500 Gulden hin und jagte den Mann fort. Der Arme fühlte sich natürlich wie neugeboren. Als der Reiche sich wieder beruhigt hatte, fragte ihn der Sohn der Arzt war: „Vater, wenn du so schimpfst und Skandal niachsl hattest du doch nicht nötig, dem Mann auch noch 5(K) Gulden zi geben!" — Darauf erwiderte der Vater: „Wer denn kann ihm helfen wenn ich nicht helfe!" „Siehst du", sagte der Lehrer zum Schüler, „dieser hat also nirh geglaubt, daß Gott helfen wird, aber auch solche Leute müssei du sein!" (Von meinem Urgroßvater, dem Kuhhiner von Zyduczow.) Aus einem Gespräch, dus zwei ruthenische Dorfleute führt« ■ lernte ich begreifen, duß Nächstenliebe heißt: „Wissen." Zwei Ruthener hielten sich im Dorfe in einem Wirtshaus auf 0n< zechten. A. fragte: „Liebst du mich. Freund Iwan?" Iwan: „Gewiß, ich liebe dich sehr." A.: „Weißt du auch, was mir fehlt und mir weh tut?"