Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 33 (14.8.1931)
- Date
- 1931-08-14
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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14. August 1931 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seite G Delhaus Dikur-Cholim ElienbahnslraOe 9 Wie alljährlich, wird auch in diesem Jahre an den hohen Feiertagen im Bethaus Bikur-Cholim, Eisenbahnstr. 9, sowie auch in den Kaiserhallen, Eisenbahnstr. 1, gebetet. Die Platzkarten werden für beide Betsäle täglich nur bei A. Hutterer, Tauchaer Str. 52a, im Möbelgeschäft ausgegeben. Für prominente Vorbeter und Ordnung ist gesorgt. Wir machen darauf aufmerksam, daß ohne Platzkarten kein Einlaß gewährt wird. Der Vorstand. und älteste dieser Genossenschaften, der „Suroit" in Warschau, hat allein einen monatlichen Unisalz von über 15 000 polnischen Zloty. H.Ph. (Au«: Jüd. Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik, 1981, Heft 7.) Die Einwanderung nach Amerika auf ein Minimum gesunken. Der Staatssekretär für Arbeltswesen William N. Donk bat an« gekündigt, daß die Einwanderung in die Vereinigten Staaten in diesem Jahre die Zahl von 50 000 Einwanderern nicht übersteigen und damit die niedrigste während der letzten hundert Jahn sein werde. Ferner würden vermutlich im Laufe dieses .lahres 20 000 Personen aus den Vereinigten Staaten ausgewiesen werden. Im letzten, am 1. Juli d..1. abgeschlossenen Finanzjahr betrug die Zahl der Einwanderer 97 000, die der Ausgewiesenen 18 000. Gegenwärtig kirnen auf je drei Einwanderer fünf Ausweisungen. Damit sei das Verhältnis zwischen Kinwanderungs- und Ausweisungsziffer zum ersten Mal in der Geschichte Amerikas umgekehrt worden. Seit 1881, in welchem Jahre 88 688 Einwanderer nach Amerika kamen, habe die Einwanderung noch in jedem Jahre 50 000 Personen überschritten. In welchem Umfang die Einwanderung eingeschränkt wurde, ist daraus zu ersehen, daß im Mai dieses Jahres bloß 3793 Einwanderern gegenüber 19 414 im gleichen Monat des Vorjahres die Einreise bewilligt wurde. Die Einwanderung ist somit auf ein Fünftel ihres vorjährigen Umfangs gesunken. Diese Abnahme der Einwanderung in die Vereinigten Staaten ist zum Teil auf die Schwierigkeiten zurückzuführen, die den Einwanderungsanwärtern in Europa von den amerikanischen Konsulaten gemacht werden, teilweise aber auch auf die Wirtschaftsdepression in den Vereinigten Staaten, durch die das Streben nach Auswanderung nach Amerika bei der Bevölkerung Europas vermindert wurde. Für die jüdischen Massen Osteuropas bedeutet diese Aenderung der Verhältnisse den Verlust des für sie seit Jahrzehnten wichtigsten Einwanderungsgebietes. Zunahme der jüdischen Bevölkerung in der Tschechoslowakei. Das Statistische Staatsamt veröffentlicht vorläufige Ergebnisse über den Zuwachs der jüdischen Bevölkerung in der Volkszählungsperiode 1921—1880. Danach hat sich die Zahl der Juden dem Bekenntnis nach von 888978 auf 885788 erhöht, d.h. sie ist um 0,8 "„ gewachsen und stellt 2,42% der Gesamtbevölkerung dar gegen 2,4% im Jahre 1921. Im Gegensatz zu dieser Gesamtteudenz steht die Bevölkerungsbewegung in den historischen Ländern. Während alle anderen Konfessionen durchwegs zugenommen haben, sind dir Juden in Böhmen um 3492 (43%) und in Mähren und Schlesien um 4082 (N.9%) zurückgegangen. Dieser starke Rückgang, in erster Reihe infolge Geburtenrückgang und erhöhter Sterblichkeit, wird durch Karpathorußland wettgemacht, wo die Zahl der jüdischen Bevölkerung um 9486 (Hier 10.2",, zugenommen hat, während der Zuwachs in der Slowakei nur 781 (0,6%) beträgt. Die Konfessionen an den deutschen Hochschulen. Die deutschen Universitäten zählten laut den neuesten statistischen Angaben im letzen Wintersemester bei einer Gesamtzahl von 130073 Studenten 88% Protestanten. 28% Katholiken. 4.39% Juden und '.55% Konfessionslose; die technischen Hochschulen 72",, Protestanten. '1% Katholiken, 83% Juden und 4.4% Konfessionslose. Die deutsche iesamtbevölkerung setzt sich bekanntlich aus (54,1% Protestanten. 2,4% Katholiken, 0,9% Juden und 2,ti% Sonstigen nuai.....6H. Die Uni- ■rsitäten in Berlin und Frankfurt a. M. haben die meisten jüdischen Studenten mit etwa 10%, es folgen dann Heidelberg und Freihurg. (J. T. A.) 'er 1'roieB Jesu in historischer Beleurhtung. Der hervorragende Kirchenhistoriker Prof. Hans Lictzmnmi. der ichfolger Harnacks, hat auf Grund historisch-kritischer Forschungen ' id Ueberlegungen die These aufgestellt, daß das Todesurteil über ■ sus nach Uige der Dinge keineswegs vom jüdischen Synhedrion. - Odern einzig und allein vom römischen Landplleger Pilatus ge- \ rochen werden konnte. Diese These begründete Prof. Liettmann * r kurzem in der Gesamtsitzung der preußischen Akademie der \ Issenschaften. Kr suchte durch die religiöse Dichtung der l.eidens- - schichte Jesu, wie sie sich in den vier Evangelien entfaltet, zu d< in historischen Kern einer einfachen Berichterstattung vorzu- <i mgen und kam zu dem folgenden Ergebnis: die Rolle, die das i' iische Gericht im Markus-Evangelium spielt, wurde von Lielzmann als unhistorisch erwiesen und die Verurteilung Jesu durch den römischen Statthalter zum Rang einer Tatsache erhoben. Kür den Bericht im Markus-Evangelium, daß das ganze Synhedrion Jesus wegen Gotteslästerung zum Tode verurteil! hat und dem Pilatus ubergab, wird nach Lielzmann keine Quelle glaubhaft. Petrus ist nicht der Gewährsmann, denn er ist. wie zweimal ausdrücklich betont wird, nur bis in den Hof des hohenpriesterlichen Palastes vorgedrungen und unten im Hof geblieben. Er kann also von der Verhandlung nichts gehört haben, einen anderen Zeugen sehen wir nicht. Jenes Wort, das den auferstandenen Jesus als Meister des neuen Lebens dem außer Kraft gesetzten mosaischen (iesetze gegenüberstellt, atmet den Geist der bekehrten Hellenisten. Ebenso unjüdisch ist die Frage des llohepriesters. oli Jesus der Messias, der Sohn Gottes, sei. Was Jesus antwortete, mochte man als volksverderblichen Aberglauben bekämpfen, alter eine Lästerung war es nicht — selbst der Name Gottes war mit jüdischer Korrektheit in der Antwort Jesu ebenso vermieden wie in der Frage des llohepriesters. Nimmt man seihst an. Jesus sei vom Synhedrion für die Gotteslästerung zum Tode verurteilt worden, so ergäbe sich notwendig, daß er nach dem levitischen Gesetz durch Steinigung hätte hingerichtet werden müssen. Nun ist aber Jesus gekreuzigt worden: eine typisch römische Strafe, aus deren Vollzug sich ergibt, daß Pilatus das entscheidende Urteil gesprochen hat. Der Einwurf. Pilatus habe nur ein jüdisches Urteil vollstreckt, da das Synhedrion wohl das formale Recht zur Verurteilung hatte, alter nicht die Kompetenz zur tatsächlichen Ausführung seines Urteils, das erst durch den römischen Prokiirator zu bestätigen war — diesen Einwand widerlegt Lietsmann mit dem Hinweis auf den französischen Juristen Jean Juster in dem Buch über die Juden im Römerreich: aus sechs positiven Zeugnissen geht hervor, daß zur Zeit des Pilatus das Synhedrion das volle Hecht besaß, jüdische Religionsverbrecher und Gotteslästerer mit dem Tode zu bestrafen und steinigen zu lassen. Ist Jesus nicht nach jüdischem Recht gesteinigt worden, so hat ihn auch nicht das jüdische Gericht wegen Gotteslästerung verurteilt, und der Bericht des Markus (14. 55—05) ist unhistorisch. Die Nachtsitzuug des Synhedrions erscheint als Fremdkörper in dem großen Petrus-Bericht: nach diesem als dein zuverlässigen Zeugen ist vor der jüdischen Behörde überhaupt nicht über Jesus Gericht gehalten worden, sondern man hat ihn ohne weiteres dem Prokurator übergeben. Pilatus hat Jesus zum Tode verurteilt und mit der gewöhnlichen Todesart für Laiidfriedenshrecher (für ihn war Jesus ein nationalistischer Bandenführer) kreuzigen lassen. Aber die urchrislliche Gemeinde wußte, daß es die Juden sind, die immer die von Gotl gesandten Propheten töten, und sie bewahrte ein Wort Jesu, daß er wie alle Propheten in Jerusalem sterilen müsse. So formte sie l'sMionsgeschichte mit unbewußter Selbstverständlichkeit nach Ihrer Theologie und entlastete den Pilatus Immer mehr, belastete parallel damit die Juden mit der Blutschuld. Lietzmanns These hat überall in der Well Aufsehen erregt und wurde in der internationalen Presse eingehend behandelt In den ki rehen historischen Kreisen Deutschlands und des Auslandes linden Lietzmanns Ausführungen Anklang. Jüdische Verbände und Gemeinden Die Moses-Mendelssoliu-Sliftung. Im Schloß zu Wörlitz fand unter dem Vorsitz des Ober* bflrgermeisters Hesse (Dessau) die diesjährige Sitzung des Kuratoriums statt, in der Ober die Verteilung der Stiftungsertriiguisse Beschluß gefaßt wurde, die sntzungsgeinäß am Geburtstage des Philosophen (tl. September) erfolgen soll. An der Sitzunu nahmen außer den Vorstandsmitgliedern teil Professor Albert Einstein, Generaldirektor Heck (Dessau), Professor Dr. Junkers (Dessau).