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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1931-08-14 · 33 (14.8.1931) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
7 (1931)
Issue
33 (14.8.1931)
Date
1931-08-14
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Soito 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 33 Abba Glosker Ein Vorläufer der Aufklärung im Osten Von S. Meiseis. In zwei reizenden Balladen bat Adalbert v. Chamisso jüdische Stoffe behandelt. Die eine Ballade „Ein Baal Teschuba" handelt von einem büßenden Sünder, „der wallend durch das Elend Buße tut". Dem Gedicht liegt eine wahre Begebenheit zugrunde.' Der in dem Gedichte genannte Baal Teschuba lebte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Königsberg. Chamissos Quelle ist ein Aufsatz von David Friedländer „Büßende Sünder. Zur Sittengeschichte der Juden", der in der Neuen Berlinischen Monatsschrift abgedruckt war. Die andere Ballade — eine der schönsten, die Chamisso geschrieben — trägt die Ueberschrift: „Abba Glosk Leczeka". Den Stoff zu diesem Gedicht entnahm der Dichter einem ebenfalls in der genannten Zeitschrift erschienenen Aufsatz „Wandernde polnische Talmudisteu" von Friedrich Nicolai. Auch hier handelt es sich um eine wahre Lebensgeschichte, die der Dichter historisch getreu schildert, ohne etwas aus dem Eigenen hinzuzufügen. Vor der Veröffentlichung legte Chamisso das Gedicht den jüdischen Gelehrten David Friedländer und Dr. Jost zur Begutachtung vor. Am 28. Juni 1832 schreibt er au seinen Verleger: „Ich habe das Gedicht („Abba Glosk") der strengen Zensur etlicher unserer gelehrten Juden unterworfen, und verdanke ihren Rügen, die ich strenge beobachtet habe, daß es jetzt vollkommen in den Sitten gehalten ist, — Friedländer, ein Gleichzeitiger und Freund von Mendelssohn, hat den Abba gut gekannt und mit reger Teilnahme an meinem Lied erkannt." Wer war nun dieser Abba, den Chamissos Lied als mutigen Kämpfer für Freisinn und Aufklärung in schönen, rührenden Tönen feiert? Ein litauischer Jude, der ein gewiegter Talmudkeuner und berufsmäßiger Wandelprediger war. Abba Glosker (nicht „Glosk", wie Chamisso schreibt) lebte in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts. Die Spuren seines Lebensganges lassen sich nur schwer verfolgen. Jahr und Ort seiner Geburt sind unbekannt; nur die Namensbeifügung — die Juden im üsien führten damals noch keine Familiennamen — deutet vermutlich auf irgendeine abgelegene Ortschaft im Litauischen hin, aus der Abba herstammte. Wir wissen nicht, wer seine Eltern waren, und wo und bei wem er seinen ersten Unterricht genossen hatte. Jedenfalls muß er in seiner Jugend den Talmud nebst Kommentaren überaus fleißig studiert haben, denn er wird als ausgezeichneter Talmudkenner gerühmt. Als Wanderprediger aber dürfte er, wie die meisten jüdischen Wanderprediger jener Tage, auch in den hebräischen moralphilosophischen Schriften gut bewandert gewesen sein. Der Wanderprediger, gewöhnlich „Maggid" oder „Darschau" geheißen, war gleich dem fliegenden Buchhändler eine stehende Figur im Ghetto. So ein Wanderprediger zog von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt, und überall, wohin er kam, schlug er im Bethaus ein Wohnzelt auf, wo er auch gegen ein geringes, von den Zuhörern freiwillig gespendetes Lehrgeld seine Lehrvorträge hielt. Der Wanderprediger war eine Art von Improvisator, er predigte gleichsam aus dem Stegreif; unangekündigt und unvermittelt stellte er sich vor dem Almemor auf und begann zu predigen; sein Vortrag setzte sich aus allerhand philosophischen Betrachtungen, moralisierenden Mahnworteu und imckenden Gleichnissen zusammen. Fast immer und überall fand er eine Gemeinde, die ihm andächtig zuhörte. Auch Abba Glosker war ein solcher Maggid oder Darschan, aber er unterschied sich von seinen anderen Berufsgenossen dadurch, daß er freieren Anschauungen und lichteren Gedanken huldigte und auch den Mut besaß, diese Gedanken und Anschauungen in seinen Vortrag einzustreuen. Abba wollte nicht nur predigen, sondern auch lehren, belehren und seinen Stammesgenossen einen neuen, den fortschrittlichen Weg zeigen. Von Abba Glosker, dem Wanderprediger, singt der Dichter: Vor Sprach- und Stammverwandten entquillt an jedem Ort Aus übervollem Herzen ihm das lebend'ge Wort, Zu lehren und zu bessern, zu sichten sonder Scheu Den Glauben von dem Wahne, den Weizen von der Spreu. In Litauens Hauptstadt, Wilnu, linden wir Abba Glosker im offenen Kampfe gegen Fanatismus und für religiösen Fortschritt. Allerdings ist diese Kumpleszeit Abbas in ein gewisses unaufhellbures Dunkel gehüllt. Wir besitzen keine Nachrichteti über die Wegrichtung, die er einschlug, noch Uber das Ziel, das er verfolgte. Nur aus dem Umstände, daß er von den Rabbinern und den Ueberfrommen der Wilnaer jüdischen Gemeinde mit tütigem Haß verfolgt wurde, können wir schließen, daß Abbu wahrscheinlich höchst freisinnige, dazumal als ketzerisch empfundene Lehren zu verbreiten versucht hatte. Daß ihn ein Rabbiuerkollegium in Wilna mit dem Bann belegte, ist nicht bezeugt, wenngleich es manche behaupten. Sicher ist nur, daß alle von Abba verfaßten Schriften eines Tages im Vorhol der Synagoge zu Wilna auf einem Scheiterhaufen öffentlich verbrannt wurden. Bei diesem Autodafe ist mit den Blättern auch der auf ihnen schriftlich fixierte Gedankeniuhalt vollkommen vernichtet worden. Nicht weniger als dreizehn Bücher hat Abba Glosker verfaßt, davon ist nicht ein einziges beschriebenes oder bedrucktes Blatt erhalten, dadurch ist uns jede Möglichkeit genommen, den Mann in seinem Denken und Trachten näher kennenzulernen. Wir wissen nicht, ob Abba Glosker als ein Nachfahr Uriel Akostas oder als ein Vorfahr Salonio Maimous, oder bloß als Vorverkünder der jüdischen Aufklärung im Osten anzusprechen wäre. Das Wenige, was seine Zeitgenossen über ihn berichten, besagt nur, daß er ein vollgerüttelt Maß an talmudischen Kenntnissen besaß, seine Rede durch tiefe Gedanken und lehrreiche Gleichnisse zu würzen verstand, und im übrigen als Märtyrer seiner liberalen Ueberzeugung alles Leid und jegliche Not mit stoischer Geduld ertrug. Nahe an die Sechzig war Abba Glosker, als er zum erstenmal von dem großen jüdischen Reformator Moses Mendelssohn erfuhr. Ans Wandern gewöhnt, beschloß er, auf Schusters Rappen von Wilna nach Berlin zu pilgern, um Moses Mendelssohn zu sehen. Er schlug siel als Wanderprediger bis nach Preußens Hauptstadt durch. Von dei ersten Begegnung Abbas mit Moses Mendelssohn wird folgendes ei zählt: Eines Tages, noch vor Morgengrauen, stand ein armer Jud< in polnisch-jüdischer Tracht vor dein Mendelssohnschen Huuse und wartete. Als dann Moses Mendelssohn aus dem Hause trat, grüßte dei Mann ehrfurchtsvoll; Mendelssohn indessen, der in sein Geschüft eilt, erwiderte flüchtig den Gruß, ohne sich weiter um den Mann zu De kümmern. Erst gegen Abend kehrte Moses Mendelssohn heim, un siehe du, der Manu stand noch immer vor der Schwelle seiner Wol nung. Mendelssohn griff nun in die Tasche, um dem Mann, den für einen Bettler hielt, ein Almosen zu geben. „Nicht doch," sagt Abba, „nicht um eine Gabe zu empfangen, sondern um Euer leben«! ges Wort zu hören, bin ich zu Fuß von Wilna hierher gewandert Mendelssohn lud ihn darauf ins Haus, und alsbald entspann sich zv sehen beiden ein Gespräch, das dem Berliner Philosophen die G legenheit bot, Geist und Scharfsinn des litauischen Talmudgelehrl zu bewundern. Beim wogenden Gespräche, beim häuslich trauten Mahl, Beim Becher edlen Weines, dem llüss'gen Sonnenstrahl, Erblüht dem fremden Bettler die Rede wunderbar, Ein Gläub'ger und ein Denker, wie nie noch einer war. Moses Mendelssohn faßte eine Zuneigung zu dem gelehrten Mai und nahm sich seiner sehr warm an. Wie es scheint, hat Abba e Zeitlang im Hause Mendelssohns gewohnt. Da sich damals ausl disrhe Juden, wenn sie nicht irgendein Gewerbe hatten oder in Irgei Ieinem Dienstverhältnis standen, in der preußischen Hauptstadt in il aufhalten durften, so verschaffte Mendelssohn dem Abba eine St e bei einer Witwe. Als bald darauf zwei Amtspersonen erschienen, 1 « Abba von Berlin abzuschieben, da konnte sich dieser mit ein " Dienstschein ausweisen und die Polizisten mußten unverrichte r Dinge abziehen. Dafür aber erhielt er die Aufforderung, eine i -

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