Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 32 (7.8.1931)
- Date
- 1931-08-07
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE Zü LEIPZIG Nummer 32 er immer mit Rai und Tat zur Seite, er behandelte Jeden individuell und verstand es. manche schwierige Situation mit Humor zu mildem. In seinen Klassen herrachte strengste Ordnung) nur wer fieiBlg den Unterrieht beiUchte, hatte guten Stand bei ihm. So kam einmal in der Stunde ein Schüler, der sehr lange geschwänzt hatte; da tagte Jadaseohn zu ihm: „Liebster Sohn. Sie sind ja aus den Hosen gewachsen." Hei dieser Gelegenheit erzählte uns der Meister folgende Geschichte: ..Kommt da ein Schüler zu mir. um Kamm und Fuge zu studieren; ich gebe ihm eine Aufgabe, und als or sie mir noch Wochen bringt, ist sie ohne Form, unmusikalisch und gehaltlos. Ich gebe ihm eine andere Arbeit, einige Fugen; beim Durchsehen bin ich dann aufgesprungen und sage ihm: .Liebster Sohn, Sie sind für Musik total unfähig, studieren Sie lieber Medizin oder .Iura!' Was glauben Sie, ineine Herren, was er mir antwortete? — .Aber Herr Professor, ich will doch gar nicht Musiker werden.' — ,Na, was denn?' — .Ich will Kritiker werden." Die Ursache zu dieser Kr- K&hlung gab eine Abhandlung, die er über ein Bacbsches Werk verfaßt hatte, und die von der Kritik anfällig beurteilt wurde. Jadassohns Aerger darüber erfand mit dieser Geschichte eine heißende Antwort darauf. Die trockenste Theoriestunde verstand er so mit geistreichen Gesprächen und Krzählungen lebend zu gestalten, man ging bei ihm nie mit leeren Worten nach Hause. Möge das große Schaffen und die Persönlichkeit Salomons Jadassohns wenigstens in unseren Kreisen nie in Vergessenheit geraten, sondern stets lebendig gehalten werden, besonders in unserer .lugend. Biographische Notizen über S. Jadassohn S. Jadassohn aus Breslau widmete sich nach Erlangung des Abiturs im Jahre 1K4H dem Studium der Musik und besuchte zu diesem Zweck l'jährig das Leipziger Konservatorium, welches damals durch die langjährige Tätigkeit Mendelssohn-Hartholdys große Anziehungskraft auf ihn ausübte. Durch den Tod Mendelssohns fand .1. in Leipzig keine Befriedigung und ging bereits im Jahre darauf, angezogen von Franz Liszts Persönlichkeit, nach Weimar, wo er bei letzterem zwei Jahre studierte, um alsdann als Klaviervirtuose in zahlreichen Städten. z.H. auch im Leipziger Gewandhaus aufzutreten. Wie ihn Franz Liszt. den .1. auch bei der Kinstudierung der Uraufführung des „Lohengrin" unterstützt hatte, schätzte, geht aus zahlreichen späteren Briefen Liszts an .f. hervor, die zum Teil in La Maras-Liszts Briefwechsel abgedruckt sind. Durch eine schwere Verletzung der rechten Hand gezwungen, seine Tätigkeit aufzugeben, begann er, in Leipzig niedergelassen, im Jahre 1854 bei dem berühmten Thomas-Kantor Moritz Hauptmann theoretische Studien und veröffentlichte schon damals viel beachtete Kompositionen. Im Jahre 1S(i7 übernahm er die Leitung der Kuterpe-Konzerte. die einen schnellen Aufschwung nahmen und dem Leipziger Gewandhaus ernstliche Konkurrenz machten, bis der Ausbruch des Krieges 1870 71 diesem Unternehmen ein Knde machte. Nach dem Tode Hauptmanns wurde .1. 1N71 als Lehrer des Königlichen Konservatorium:- berufen, wo er bis zu seinem Tode, also älter 80 Jahre tätig war, auch vertretungsweise hie und da die Gewand ha us-Konserte dirigierte. Im Anfang der KOer Jahre verlieh ihm der damalige König Albert von Sachsen den Professortitel, im Jahre 1SK7 ernannte ihn die Philosophische Fakultät der Universität Leipzig zum Ehrendoktor, zahlreiche ausländische Akademien ernannten ihn zum korrespondierenden Mitglied. Viele ihm gemachte Anträge aus dem Ausland (Kngland und Amerika), seine Tätigkeit dorthin zu verlegen, lehnte er ab und übte seine Tätigkeit am Leipziger Konservatorium bis drei Tage vor seinem am 1. Februar 1902 erfolgten Tode aus. Seine Schüler, darunter z. B. Carl Muck. Felix Weingartner, (leoru Schumann. Max Fiedler, Gustav Brecher, Klemperer, James Kwast, Gustav Hollaender, Husum, Scharwenka, Meyrowitx, Wilhelm Hackhaus. Otto Neitzel und viele andere sind, soweit nicht inzwischen verstorben, in der ganzen Welt in hohen Stellungen verbreitet, und sorgten zum großen Teil auch für die Verbreitung seiner bekannten theoretischen Werke, die in vielen Sprachen, z. B. italienisch, französisch, englisch, holländisch und sogar japanisch usw. erschienen sind, und seiner zahlreichen Kompositionen auf dem Gebiete der Klavier- und Kammermusik, Chor- und Orchestermusik ernster Richtung, die bei dm bekanntesten deutschen und ausländischen Mlisikverlagen, z. B. den Leipziger Firmen Breilkopf & Härtel, C. F. Peters. C. F. Kaimt Narbf.. F. F.. C. Leuckart, Kistner & Siegel (Linnemann), .1. Rieter-Biedermann, Otto und Robert Forberg, Friedrich Hofmeister. Ferner bei den New Yorker Firmen G. Srhinnor und Edward Schubertfa & Co.. bei den Londoner Firmen Hosworth & Co., Rudall. Carte & Co., bei Artur P. Schmidt in Boston, usw. verlegt sind. Am meisten beachtet wurden seine Kompositionen in Kanon-Form, die er meisterlich beherrschte. Nach seinem Tode ehrte ihn der Hat de: Stadt Leipzig durch Anlegung einer S. Jadassohn-Straße. Jüdische Verbände und Gemeinden Die \\ eltkontereni der Poale /Jon in Wien. In Wien fand anläßlich der Tagung des Internationalen Sozialistenkongresses eine Weltkonferens der Poale Zion statt, an der Delegierte aus Palästina. Polen. Amerika. England, Litauen. Oesterreich und der Tschechoslowakei teilgenommen haben. Die Verhandlungen wurden unter Ausschluß der Oeflentlichkeit geführt. Neben Berichten Uber die Lage der poale-sionistischen Verbände in den einseinen Ländern stand nur die Frage des „Ichud". der Vereinigung mit der Hitachduth, auf der Tagesordnung. Ueber den Verlauf und die Ergebnisse der Konferenz hat der ITA-Vertreter folgendes erfahren: Ueber die Notwendigkeil einer Vereinigung der sionistischsosialistischen Parteien waren sich rlie Teilnehmer au der Konferenz grundsätzlich einig. Meinungsverschiedenheiten gab es nur bezüglich der Form, in der diese Vereinigung durchgeführt werden soll. Schließlich wurde beschlossen: Als programmatische Grundlage für den neu zu schallenden gemeinsamen Weltverltand der poale-sionistischen und der Hitachduth-Gnippen gelten folgende Grundsätze: l. Gleichberechtigung der jiddischen und der hebräischen Sprache in Kultur und Krziehungswerk und Anerkennung der jiddischen Sprache als Minderheitssprache in Ländern mit jüdischer Massensiedlung: '2. Kampf um die nationalen Minderheitsrechte; ">. Anerkennung des K lassen kam pfprintipS und Eintreten für eine sozialistische Politik in allen Ländern: 4. Verstärkte Anstrengung für den Aufbau Palästinas auf sozialisti scher Grundlage. — Die Mitgliedschaft in der neuen Organisatin setzt die Zugehörigkeit zur sozialistischen Internationale und zu Zionistischen Organisation voraus. (Diese Bestimmung bedeutet pruk tisch die Unmöglichkeit eines Anschlusses der linken Poale-Zionistei die weder der Internationale noch der Zionistischen Organisatio angehören.) Ks wurde ferner beschlossen, alle Anstrengungen zu machen, u innerhalb der nächsten sechs Monate die Vereinigung der beide Weltorganisationen zum Abschluß zu bringen. Für den Fall, da sich hierbei ernste Schwierigkeiten ergeben sollten, soll die Ve einigung der Poale-Zion mit der Hitachduth auf Grundlage der b schlossenen programmatischen Leitsätze zunächst länderweise in A l/rifT genommen werden. Spätestens nach zwei Jahren soll eine Wr konferens der vereinigten Parteien stattfinden. Nach Annahme einer Reihe Beschlüsse organisatorischer A wurden die Wahlen in die Leitung des Weltverbandes vnrgenoninn Gewählt wurden: Kaplansky, Locker, Ben Gurion, Katzenelso Singer, log.Helsa, Sokal, Neustadt, u.a. Jabotinsky über dir künftige Politik der Revisionisten. — Nur mit loser Zusammenhang mit der Zinnistisrhen Organisation. In einem Gespräch mit dein J.T.A.-Vertreter äußerte sich <l Präsident der Weltunion der Zioiiisten-Kevisiouisteii Wladimir Jab tinsky über die Lage innerhalb der revisionistischen Union und d