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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1931-08-07 · 32 (7.8.1931) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
7 (1931)
Issue
32 (7.8.1931)
Date
1931-08-07
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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7. August M\\ QEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seite 3 jetxl wolil für den Vorstand oder den Synagogenkommissar reservierten ersten Plati links im Mittelgange vor der Altarempore hatte der Vorstand der Gemeinde mit einem (hoffentlich noch aufbewahrten) besonder! großen silbernen Schild „Ehrenplatz für Professor Dr. s. .ladassohn" schmücken lassen. Hier saß der so Geehrte gern an den Freitagabenden und ließ uns Jungem auf den, außer an den hohen Festtagen, meist leerbleibenden Nebenplätzen seines Freundes Sie<- kind-Sieskind usw. sitzen. Sonnabend vormittags beschäftigte ihn sein Dienst im Konservatorium, während ihn an den hohen Pesttagen sein Freiwilliger Dienst oben auf der Chor- und Orgelempore festhielt. Aber am Versöhnungstage wurde er regelmäßig zur Tbora aufgerufen) und das war ihm jedesmal immer von neuem eine wahre Herzensfreude. Ich sehe noch wie heute, wie er sich dann nach alter Sitte gani in seinen Tallis einhüllte, den er oben auf dem Chor oll gar nicht oder nur zu den stillen Gebeten umlegte, weil er ihn beim Dirigieren störte, und wie er dann freudig und doch voller Demut, das BIM eines vornehmen alten .luden, im wallenden, nach dein Tode meiner seligen Mutler weiß gewordenen Harle, durch den Mittelgang zum Altar schrill, um bald darauf oben seinen heiligen Dienst wieder aufzunehmen. An diesen Dienst da oben knüpfen sich meine schönsten Kindheitserinnerungen, Damals war die Choreinpore, was erst später geschah, noch nicht vergrößert vorgebaut, und es war da bei der Menge der von ihm zu den Chorgesängen hinzugezogenen Schüler usw. eine beängstigende Enge und infolge der Gasbeleuchtung aus offen brennenden Kerzen, [die ja heute noch — wenn auch unbenutzt — neben den erst viel später eingebauten elektrischen Beleuchtungskörpern vorhanden sind, und deren Hitze und Gasgeruch nach oben stieg! infolge mangelnder Ventilation fast unerträglich heiß. Also leicht war damals (insbesondere mit leerem Magen am Versöhnungstage) der Dienst da oben nicht; aber Alles war mit einer Liebe bei der Sache, die nur von einem wirklich für seine Sache begeisterten Manne ausgehen konnte. Sein Konservaloriums-Kollege (damals schrieb man beide Worte noch mit ('!), der dicke Professor Ilomeyer, mußte wirklich im Schweiße seines Angesichts (ich sehe es heule noch tropfen!) wacker die Pedale treten, um die schönsten Baehsehen Orgelpräludien und -fugen zu spielen, und eng um das Dirigentenpult drängten sich (Sitzgelegenheit gab es nur für wenige um) wir .liingens, noch als Sopranisten, hockten auf dem schmalen Podium, auf dem das Dirigentenpult stand) Sänger und Sängerinnen, an der Spitze als Sopraiiführerin und Solistin meine liehe selige Muller mit ihrer herrlichen, wohlgepflegten Stimme (ein Höhepunkt der Feierlichkeit war immer vor der Thora-Vorlesung ihre Solo-Stelle „el rnchum wechanun, erech apajim weraw chesed weemess" und der einfallende Männerchor „nosse owon wofescha"). und mancher angehende Opern-Tenor Schmetterte vor der Predigt sein Solo (z. B. in Mendelssohn! Psalm) „Kommt laßt uns anbeten und knien vor dem Herrn" hinunter und der Chor stimmte kraftvoll begeistert ein mit denn sein ist das Reich und er hat es gemacht . . ." Da war jedes Wort und jeder Ton. zumindest bei meinen seligen Eltern, wahr und lief empfunden, denn wenn sie auch in verschiedenen Glaubensbekenntnissen erzogen waren, waren sie beide wahrhaft religiös empfindende Menschen, sich selbst in Liebe zugetan und in bescheidenem Glücke eine selten schöne Künstlerehe lebend, ihre Kinder als freidenkende Juden im Glauben an Gott erziehend. Wir Kinder profilierten von dieser Mischehe insofern, als wir doppelte Feste feiern konnten, denn so wie die Mutter die hebräischen Gebete lernte, den jüdischen Gottesdienst verschönern half, zu Haus die Pesttagslichte ansteckte und die Gebräuche lernte und übte, so feierte der Vater die Feste der Mutler mit und wußte sogar sinnig die altgermanisch-vorchristliche Sitte des Weihnachtsbaumes mit dem Anzünden der Chanukka-Lichter zu verbinden, indem er so viele i.ichler an den Weihnachtsbaum steckte, als man an allen Chanukka- Tagen zusammengenommen anzuzünden hatte. Für das selten schöne Verhältnis der Mischehe meiner seligen Eltern hat die Leipziger jüdische Gemeinde (wie im folgenden dargelegt werden soll) ein ganz besonderes Verständnis an den Tag gelegt. Mein seliger Vater legte nämlich keinen Wert darauf, daß seine Ehefrau offiziell zum jüdischen Glauben übertreten solle, weil man — wie er sich auszudrücken pflegte — die Religion nicht wie ein Hemd wechseln könne. Ihm, der — wie wenig bekannt ist — aus einer alten Rabbinerfamilie aus Polnisch-Lissa stammte, erschien auch, trotz seiner Vorliebe für das Judentum, das rein Konfessionelle ganz nebensächlich, wenn nur der (Haube an Gott echt und ehrlich war. Seine Religion gipfelte, wie er oft betonte, in Schillers Worten: „Hoch über der Zeit und dem Räume schwebt lebendig ein ewger Gedanke." Als aber meine selige Mutter zum frühen Sterben kam, war ihr letzter Wunsch, daß ihr über alles geliebter Mann einst neben ihr vom Leben ausruhen solle, und zwar, da sie sein Inneres zu genau kannte, auf dem jüdischen Friedhof. Die jüdische Gemeinde hat in vollem Verständnis hierfür freidenkend nicht nur die Bestattung einer Christin auf dem jüdischen Friedhof gestattet, sondern auch als besondere Ehrung eine Doppel-Grabstelle gestiftet. Diese Talsache hat mehr als alles andere meinen seligen Vater innerlich mit der Gemeinde verbunden, denn der sonst so Frohe. Humorvolle war über Nacht ein gebrochener Mann geworden, der seitdem Iiis ganz kurz vor seinein Tode keine Note mehr komponierte, so gut wie keine Gäste mehr in seinem sonst so offenen Hause sah. und nur noch für seine Kinder und seine Pflichten lebte. Daß aber der letzte Wunsch seines „Lenchen" anstandslos von der Gemeinde erfüllt wurde, das hat er ihr — immer dankbar — nie vergessen. Aus diesem Grunde erfüllt es meine Angehörigen und mich auch mit doppi Iter Dankbarkeit, daß die Leipziger Gemeinde, ohne Anregung von unserer Seite, gerade an dieser nach den letzlwilligen Verfügungen des Verstorbenen ganz einfach gehaltenen Stätte [er hatte die Grabsteininschrift wörtlich genau — mit Ausnahme des freigelassenen Todestages — vorgeschrieben und die Hinzufügung jedes Titels und äußerer Ehrung ausdrücklich untersagt!] eine Gedenkfeier veranstalten und so auch nach seinem Tode noch eng mit ihm verbunden bleiben will. Erinnerungen an Prof. Dr. Jadassohn Von B a r n e t L i c Ii l. » uf allen Gebieten der Wissenschaft. Kunst und Technik haben ZA unsere Glaubensgenossen viel geleistet; doch sie kommen und L \ gehen und geraten oftmals in Vergessenheit. Man muß daher es öfteren an diese großen Persönlichkeiten erinnern und der hunrtste Geburtstag des bedeutenden Meisters der Tonkunst gibt uns nlaß, seiner in schlichten Worten zu gedenken. — Saktmon .ladassohn ist geborener Breslauer; er entstammt einer treng jüdischen Familie. Ein wahrhaft überzeugter Jude blieb i ' auch und hielt sein ganzes Lehen hindurch fest zu seinem Glau- «n. Der bekannte Oberkantor von Breslau, Felix Deutseh, förderte in in seinem Studium. Bei Morltl Hauptmann studierte er am eipsiger Konservatorium speziell Komposition, ging dann zu Franz. lagst nach Weimar, wo er sich zwei Jahre hindurch weiterbildete. Jadassohn wurde der höchsten Auszeichnungen teilhaftig: die Universität Leipzig verlieh ihm den Doktortitel ehrenhalber; der Staat ernannte ihn zum Kgl, Sächsischen Professor; außerdem war er korrespondierendes Mitglied der Akademien zu Florenz und Petersburg- Er war eine Persönlichkeit mit Weltgeltung, denn aus allen Ländern kamen die Schüler, um bei ihm zu studieren. Neben Prof. Carl Reinecke war er zur damaligen Zeit die führende Persönlichkeit am Leipziger Konservatorium. Ihm war eine nie ermüdende Arbeitskraft zu eigen, täglich gab er dort 6—7 Stunden für durchschnittlich 80 Schüler; dabei arbeitete er zu Haus schon von morgens 1 Uhr ab. komponierte, schrieb seine bedeutenden theoretischen Werke und war auch Korrektor für den bekannten .Musikverlag Breitkopf & Härtel. Seinen Schülern stand

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