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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1931-08-07 · 32 (7.8.1931) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
7 (1931)
Issue
32 (7.8.1931)
Date
1931-08-07
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 32 S. Jadassohn und die Leipziger jüdische Gemeinde Erinnerungen aus meinem Vaterhause Von Alexander Jadassohn (Berlin). Die Feder, mit der diese Zellen geschrieben werden (denn die Schreibmaschine erscheint mir zu profan für so heilige Erinnerungen!) taucht in ein ornamentales, silbernes Tintenfaß, in das die Worte PSALTERION und die Jahreszahlen 1H(i(i-18!M eingraviert sind. Dieses schöne Zieratttck steht auf einem Schreibtisch, der — ebenso wie der dazugehörige Bücherschrank — in einer durch die moderne Sachlichkeit uberholten Ornamentik von einer Lyra gekrönt ist, unter der — ohne nähere Bezeichnung — die gleichen Jahreszahlen in goldener Schrift prangen. Nicht mit der schönsten und kostbarsten modernen Einrichtung möchte ich diesen Hausrat vertauschen, der so teure Erinnerungen liirgt. Kaum jemals hatte ich eine gröbere und andauerndere Freude, als darüber, daß eine meiner Schwestern, die als Lieblingstochter meines seligen Vaters dessen Arbeitszimmer geerbt hatte, mir diese Sachen zum Geschenk inachte. Diese tote n Gegenstände bezeugen so recht lebendig den innigen Zusammenhang des heißgeliebten und verehrten Verstorbenen mit der Leipziger israelitischen Religionsgemeinde, denn — war das Tintenlaß, wie schon die Gravierung besagt, ein Jublttumageaehenk iles von dem einst jungen, inzwischen weltbekannt gewordenen Komponisten gegründeten und '_'.") Jahre lang geleiteten Gesangvereins, der die hohen Festtage in der alten Leipziger Synagoge mit edelster Kunst verschönte, — so waren die Möbel eine Ehrengabe der Leipziger jüdischen Gemeinde zum gleichen Jubelfeste. Wenn ich der an mich ergangenen ehrenvollen Anregung Folge leiste, unter der am Kopfe dieser Zeilen stehenden Ueberschrift über meine Erinnerungen für das „Gemeindeblatt" zu schreiben, so sei es mir erlaubt, das Thema etwas zu erweitern und über „S. Jadassohn als Mensch und als Jude" zu schreiben, denn schon die Erinnerungen, die sich an diese Möbelstücke knüpfen, zeigen mir, daß die Themen zu eng ineinander greifen, als daß man sie zu trennen vermöchte. [Jeher ..S. Jadassohn als Künstler, als Komponist, ais Theoretiker, als Lehrer usw." zu schreiben, muß ich Berufeneren überhissen, obwohl ich als langjähriger Musikreferent und als Musikverleger auch dazu mancherlei zu sagen wüßte und zu sagen eigentlich die Pflicht hätte, was aber für später vorbehalten bleiben möge. Aber als Mensch und als Jude steht mir — ohne Verblendung — mein seliger Vater so vorbildlich vor Augen, daß ich mir nur daraus seine enge Verbundenheil mit der jüdischen Gemeinde erklären kann. Kr war ein Mensch, der diesem Gattungsnamen Ehre machte, L'eiiau wie es der Dichter verlangt: „Edel, hilfreich und! 1 ' Und er war, wenn auch sehr freidenkend, liberal und — was ja wohl zu einem gute n Menschen gehört — tolerant, nach ineinen Begriffen doch unbedingt ein guter, ja sogar ein selten guter Jude, der zwar nicht orthodox an allem Hergebrachten festhielt, dem nicht die in seiner Kunst so meisterlich beherrschte F o r in , ■.....lern der Inhalt die Hauptsache war. und der, worauf es ja wohl in erster Linie ankommt, den Geist des Judentums, wie des Menschentums überhaupt, vidi und ganz erfaßt hatte. Und dieser fleist strömte reichen Segen aus. nicht nur in der Familie, sowie im Schüler- und Freundeskreise (denn allen Schülern war er ein Freund, und Jene blieben ihm über die ganze Welt verstreute Freunde!), sondern auch in der Gemeinde. Unser lieber Vater (wir waren acht Geschwister) war ein schlichler, einfacher und geradezu rührend bescheidener Mensch, der nur für seine Familie, seine Kunst und für Hilfsbedürftige leide. Der heute noch in Ehren gehaltene alte Schreibtisch, der von dein obenbeaeiehneten Jubiläumsgeschenk abgelöst wurde, war von irgendeinem kleinen Tischler lUSammengehämmert und überlackiert, das Einfachste vom Einlachen, denn alles, was für ihn selbst bestimmt war. konnte nicht bescheiden genug sein, (lind wieviel schöne und e rhebende Werke sind doch au diesem einfachen Tische zu Papier gebracht worden!) Aber nächst der durch dieses Geschenk der Gemeinde erfolgten Ehrung, welche die Feslstimmung des Jubilars natürlich sehr erhöhte, war seine größte Freude, daß er wieder um einiges besser für seine damals noch unverheirateten Töchter und deren künftige Wirtschaft durch diesen Zuwachs an Einrichtungsgegenständen gesorgt zu haben glaubte. Das war so recht charakteristisch für ihn, der immer in erster Linie au Andere, als an sich seihst dachte. So war es auch .nichts Materielles, sondern reiner Idealismus, der seinerzeit den jungen Künstler bald nach seiner Niederlassung in Leipzig veranlaßte, einen Gesangverein zu gründen, der keinen weltlichen, sondern nur den einen Zweck verfolgte, die Kunst in den Dienst der Religion zu stellen und damit den Gottesdienst schöner und feierlicher zu gestalten. Das war dem Gründer Herzensbedürfnis, und wer sich jener Zeit zu erinnern vermag, wird bezeugen können, daß (wie die hohen Messen der katholischen Kirche) die hohen Festtage in der Leipziger alten Synagoge wahre Kirchenkonzerte im edelsten Sinne des Wortes waren, an denen zahlreiche heute weltbekannte erste Künstler unter seiner Leitung mitwirkten, und für die er seine schönen Motetten und geistlichen Chorwerke, so zum Beispiel seine „Vergebung" nach dem von ihm selbst deutsch versifizierten Texte des solachti-Gehetes, seineu „100. Psalm", sein „Trostlied", seine „Verheißung" und vieles Andere, komponierte, — Werke, die dann auch in die Thomaskircbe und andere christliche Gotteshäuser, in die Programme großer Musikfeste, ins Gewandhaus und andere Konzertsäle über die ganze Welt ihren Weg fanden. Wohl wenige jetzige Mitglieder der Leipziger Gemeinde wissen, daß das noch heute in der Leipziger Synagoge gesungene ergreifende Seelenfeierlied „Wenn der Stifter der Geschlechter unsre Lieoen zu sich ruft" ein Werk von S. Jadassohn ist, der auch viele der altjüdischen Liturgien für vierstimmigen Chor und Orgel für die Leipziger Synagoge künstlerisch frei bearbeitete bzw. um- oder neu komponierte. Aber nicht nur seine eigenen Werke verherrlichten den Gottesdienst, sondern er ließ auch andere lebende und verstorbene Komponisten zu Wort kommen. Er ehrte seinen verstorbenen Lehrer, den berühmten Thomaskantor Moritz Hauptmann, und — ueid los wie er war — auch seine lebenden Kollegen und Freunde wie zum Beispiel Julius Klengel, den Thomaskantor Schreck, \<>' allem aber seine Vorbilder Bach, Beethoven und den von ihm be sonders geliebten und verehrten Mendelssohu-Bartlioldy usw. dürr Aufführung ihrer Werke, soweit sie — wie Bachs Orgelkoiupositione — textlos waren oder interkonfessionelle Texte hatten. Diese letl leren wurden — ich weiß nicht, ob es heute noch so üblich ist abgedruckt auf den vom Vorstande der Gemeinde für die Festlagt Gottesdienste herausgegebenen Programmen. Fjii solches für Nei jähr und Versöhnungstag des Jahres ö(i.V.i fand ich noch in Vatei Gebetbuch vor, und im Archiv der Gemeinde werden sich gew viele andere noch finden, die von dem Reichtum Zeugnis ablegen, de i ein wahrer Künstler aus innerem Bedütfuis heraus einer gtnsi großen Gemeinde schenkte. Er schenkte aber auch sonst mit für seine Verhältnisse voll' i Händen. Er war kein Freund von öffentlicher Wohltätigk< . aber, obwohl er oft sagte, daß Wohltun im eigenen Hause t fange, gab er doch — wie seine gewissenhaft geführten Ausgabt bücher ausweisen — im Geheimen, ohne genannt sein zu wollen, es not tat und im besonderen, wo es Jude n not tat. Aber er '. i nicht nur Almosen, nicht nur kaltes Geld, nein, an seinem Tb 1 aßen in den Zeiten, wo er noch — wie man so sagt — „ein Hl - führte", an Freitag-Abenden und au Sonntagen Arme und Bedürft' und seine Sonntagvormittage widmete der übermäßig stark bescl tigte Mann bis in sein spätes Alter hinein der Ausbildung mitteile i Musikbegabter, die sich den Besuch des Konservatoriums oder . r den Luxus von Privatstunden nicht leisten konnten. Unter den vielen Ehrungen, die ihm aus aller Welt zuteil » i den, schätzte er die der „Gemeinde" besonders hoch ein: des

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