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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1931-07-31 · 31 (31.7.1931) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
7 (1931)
Issue
31 (31.7.1931)
Date
1931-07-31
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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31. Juli 1931 QEME1NDEULATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seite 3 wieder einer und entdeckt „die tieferen Ursachen des Antisemitismus" in uns — diesmal nämlich in unserer mangelhaften Körperlichkeit. Gleichsam damit aber eine gewisse nAbwehr"-Psychologie einmal an einem Beispiel krafi beleuchtet werde, spielt der Verfasser die ganae Präge auch noch auf das Gebiet einer sogenannten „Aesthetik" hinüber. Jetzt gilt es gar nicht mehr, bloß Gesundheit und Kraft anzustreben "— der Verfasser leitet vielmehr seine Ausführungen mit einem Hinweis auf die Juden des Altertums ein, deren Gesundheit und Kraft bezeugt sei und die doch der Umwelt „ästhetisch" nicht gefallen hätten. Sie waren also wohl nicht schön? Dem widerspricht, was der Verfasser aus dem Talmud zitiert: „Alle seid ihr schön." Ks bleibt also nur übrig: für den Geschmack der anderen, der „Umwelt", waren sie nicht schön. Und das ist tatsächlich des Pudels Kern, das ist es. was uns Dr. Spiegier predigt, wenn er seine eigene Logik versteht: Wir sollen danach streben, dem zu entsprechen, was der Umwelt schön erscheint. Er sagt das nicht mit diesen Worten; er spricht von „Aesthetik", und das klingt nach Allgemeingültigkeit So als ob ein Mongole, ein Neger und ein Weißer dasselbe schön fänden, denselben Menschentyp, dieselbe Stimme, Sprech- und Singweise! Aber das ist bekanntlich ganz und gar nicht der Fall. Es gibt hier keine Allgemeingültigkeit. Und auch die Weißen selber unterscheiden sich darin, die Nationen, die Landschaften, die Epochen, ja die einzelnen Individuen. Darf ich meinem eigenen Gefühl hier nicht folgen, dann habe ich überhaupt keinen Anhaltspunkt mehr. Das Rezept des Artikelverfassers ist gar nicht richtig anwendbar. Und was tut Herr Dr. Spiegier mit seiner „Aesthetik" mehr, als die finsteren Vorurteile der Judenverächter uns als richtunggebende gültige Wahrheit vorzusetzen, wenn er glattweg von der „ästhetisch unkultivierten Sprechweise der Juden", „dem jüdischen Mangel an Gratie" spricht? Ks gibt eben eine jüdische Qrasie und eine jüdische Sprechweise! Und sie findet vor vielen nichtjüdischen „Aestheten" viel mehr Gnade als vor unserem jüdischen Abwehrapostel, dein diese Möglichkeit anscheinend gar nicht einfällt. Dabei hat ja gerade auf dein Gebiete, wo die wirkliche Aesthetik i'ilt. auf dem der Kunst, das charakteristisch Jüdische — in den Werken osljüdischei Maler wie Mark Chagall, oder auf der Bühne des Wilnaer und des Moskauer jüdischen Künstlertheaters — auch in der „arischen" Welt Triumphe gefeiert. Unsere „arische Umwelt empfindet gar nicht so seltsam wie Antisemiten und — Antisemitenabwehrer! Man wird vielleicht-einwenden, dat.! der Kall hei den Oatjuden, die ein selhstäudiges Volkstum verkörpern, gänzlich anders liege als bei den deutschen .luden mit ihrer Angeglichenheit, wo jedes Abweichen von der deutschen „Norm" eine „Entstellung" bedeute. Aber diese Norm existiert nicht. Ks gibt eine unendliche Mannigfaltigkeit von Arten, deutsch zu sprechen (siehe unsere Nationalliteratur!), auch eine jüdische Art. Ich will nur an Heinrich Heine erinnern, der doch die jüdische Nuance in ausgeprägtester Form verkörpert, was ihn nicht hindert, ein großer deutscher Dichter zu sein. Von Mangel an Aesthetik, an Heiz, an Schönheit, von „Entstellung" wird der Unvoreingenommene nicht reden können. Der Haß wird uns immer häßlich linden. Nicht aber ist unsere Häßlichkeit die Ursache des Hasses. Dasselbe, was eine jüdische Mutler ihr Kind als „kleines Jüdchen" liebkosen läßt, gibt dein Verächter Anlaß zu „ästhetischem" Abscheu. Aber machen wir nicht gerade in dem kinderlieben Deutschland die Beobachtung liebenswürdigster Anteilnahme des „arischen" Publikums auch an jüdischen Kindern! Wir wollen unseren Blick doch nicht in der berühmten Abwehrpsychologie hypnotisiert auf den Hakenkreusler fixieren. Gottes Welt ist mannigfaltig. Jeder Art bleibe ihr Hecht. Wollen wir leben, so müssen wir sein können, was wir sind. Oder wir sind nicht. Das neueste „ästhetische" Rezept, „eine der wichtigsten Quellen des Antisemitismus zu verstopfen", läuft in Wirklichkeit eben auf das radikale Rezept aller „Abwehr" hinaus: uns seihst aufzugellen. Und das ist sicher: wer nur gerade den Antisemitismus und sonst nichts auf der Welt heilen will, wird kein anderes Mittel finden — mit den Juden verschwindet der Judenhaß. Wer aber überhaupt die Knechtschaft aus der Menschbeil zu tilgen strebt, wird auch «lies dasureehnen, daß auch die jüdische Knechtschaft aufhöre und mit ihr die Psychologie der Knechtschaft, wie sie sich in dieser „ästhetischen" Abwehr des Antisemitismus wieder einmal betrüblich dokumentiert. A. S. Aus aller Welt Die AlisrhatTuiifC der Privilegien für rumänische Studenten in Krank reich — Keine antisemitische Maßnahme? Erwiderung Prof. Balthazards auf einen Protest der Liga zur IIe k ii in pf u n g des Antisemitism u s. Der Dekan der medizinischen Fakultät an der Pariser Universität. Professor Balthazard. hat eine Krkläruug veröffentlicht, in der er es in \hrede stellt, daß die Aufhebung der bisherigen Privilegien für Studierende der Medizin aus Rumänien au den französischen Universi- I Iten auf antisemitische Motive zurückzuführen ist. Prof. Balthazard - ih sich zu dieser Erklärung infolge eines Protestes gegen die Benachteiligung jüdischer Studenten au der Pariser medizinischen Fakultät veranlaßt, den die Liga zur Bekämpfung des Antisemitismus dem I nterrirhtsminister Mario Koustau überreicht hat. Der Unterrichtsminister hat nunmehr der Liga die Krkläruug Pro- Ii -sor Balthazards übermittelt, in der dieser feststellt, daß für die ge- I offene Neuordnung die Präge, ob Juden in Rumänien verfolgt werden 0 ier nicht, nicht maßgebend gewesen sei. Sie sei vielmehr nur auf C und der Erwägung erfolgt, daß die französischen Aerzle nicht die 1 ixis-Kröffnung bunderter neuer rumänischer Aerzte in jedem Jahre ii Frankreich zulassen können. Aus diesem Grunde habe es die medili tische Fakultät für notwendig befunden, die rumänischen Studenten, die vorher eine bevorzugte Behandlung genossen, denselben Beschränkungen zu unterwerfen, wie sie gegenüber allen übrigen ausländi- Khen Aersten bestehen. Ruminisehe Aerzte werden künftighin, um Bir Praxis in Frankreich zugelassen zu werden, dieselben Prüfungen * e andere Ausländer abzulegen und die französische Staatsangehörigkeit anzunehmen haben. Dagegen unterliege die Zulassung ausländischer Höht zum Sludium in Frankreich keinerlei Beschränkungen. Jeder Student, rumäni-iher «Hier sonstiger fremder Nationalität, wird an der Universität aufgenommen werden und an ihr sein Studium vollenden können. Eine Befreiung von den Vorschriften über die Zulassung zur ärztlichen Praxis wird jährlich 1.*) rumänischen Studenten nach Abschluß ihres Studiums gewährt werden. Diese werden, ohne besondere Prüfungen ablegen, oder die französische Staatsangehörigkeit erwerben zu müssen, zur Ausübung der ärztlichen Praxis zugelassen werden. Die Auswahl dieser 15 rumänischen Studenten werde eine französische UniversiUtskommitsion treffen. Ich glaube, schreit:! Professor Balthasar am Schluß seiner Erklärung, daß Sie nunmehr einsehen werden, daß kein Unterschied hinsichtlich des Glaubensbekenntnisses dieser Hörer gemach! werden soll. Gegenüber dieser Erklärung muß auf den aufsehenerregenden Artikel hingewiesen werden, den Professor Balthasar am 1. Juni in der Zeitschrift „l->hos de la MdddsJne" veröffentlicht hat. In diesem Artikel hatte Professor Balthasar festgestellt, daß über .X.">"„ der an der Pariser Universität inskribierten Studenten aus Rumänien Juden sind, und daran die Bemerkung geknüpft. Frankreich habe das Privileg für rumänische Studenten nicht zugunsten dieser „Legion von Juden" erteilt. (J.T. A.) Tisclia he Ab in Jerusalem.----l'eher 10(MM) HfMicher an der Klajsemnuer. In herkömmlicher Weise wurde in Jerusalem in der Nacht vom •J'J. auf den 'JH. Juli der Vorabend von Tisclia he Ab gefeiert. Ueber 1(1 (HM) Juden, zum größeren Teil Jugendliche, zogen in feierlicher Prozession an der Klagemauer vorüber, während die älteren Leute auf dem Platz vor der Klagemauer saßen und Klagelieder saugen. Da jede Art von Beleuchtung verboten war, war der Klagemaucrplatz in vollständige Finsternis gehüllt. In den Durchgängen zum Platz patrouillierten britische Polizisten, während auf dem Platz selbst 00 jugendliche jüdische Ordner eine Mittelkette bildeten, um die herum sich der Zug in Kinzelreihe bewegte. Der Vorbeimarsch dauerte von

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