Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 31 (31.7.1931)
- Date
- 1931-07-31
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 31 dortigen Judenheil zu win.M Ein Jahr nach der Einweihung hielt Jellineh eine Keile üher das Thema: „Das Gotteshaus, unser Richter und unser Aufseher"«" (Text: Deuteronomium XVI. IS), welche gleich der ra Sabbat Hachodeach 5616 (•">. April isrxi) gehaltenen „Wirke im Kleinen""1 als der Höhepunkt der .lellinekschen Eloquenz in der Leipziger Periode bezeichnet werden kann. Klarheit In der Durchführung, kunstvolle Aneinanderreihung der Synonyma, geistreiche Anwendung von Antithesen, Steigerung Innerhalb des Aulbauet und vor allein Originalität des Gedankens bei nur geringer Verwendung des Mldrasch kommen in beiden zum Ausdruck. In der ersten Hede spielt er auf den Gegensatz in der ä u ß e r 1 i c h e n Ausstattung von Synagoge und Kirche mit den Worten an: „Keine Glocken schmücken Israels Gotteshäuser, die ehernen Zungen Schweigen in Judas Tempeln: aber tausend Mensehenrangen verkünden täglich im lauten Gleichklang das Herannahen jenes Reiches, in welchem die wahre Menschenliebe KU Fflflen der wahren (lotterkenntnis auf der ganzen Erde thront. Das sind die Glockentöne des Judentums, die weithin auf der ganzen Erde in mächtigen Schwingungen laut erschallen, überall, wo israelitische Gotteshäuser sich befinden." In der zweiten Rede wendet sich .lellinek gegen die überhandnehmenden Börsenspekulationen mit den Ausführungen: „Die Sucht z. B. reich zu werden und Schätze aufzuhäufen, aber nicht durch Mühen und Anstrengungen, nicht durch wirkliches Schallen und Arbeiten, nicht durch weise Sparsamkeit, sondern durch ein Stück Papier, durch einen schmalen Zettel, durch tollkühne Entwürfe in der kürzesten Zeit, über Nacht, in einem Atemzug: herrschte noch nie so fieberhaft in allen Staaten und Ländern, in allen Straßen und Ecken, in allen Palästen und Häusern, wie in unseren Tagen." Resondere Aufmerksamkeit widmete .lellinek nach damaliger Sitte den deutschen Liedern „vor und manchmal auch nach der Predigt", die er selber zu verfassen pflegte. Zur Abhaltung des Gottesdienstes schuf er einen Chor, und da keine genügende Anzahl geschulter jfldiseher Knaben zu erlangen war. wurden die (christlichen) Sänger der Thomasschüle, die sogenannten Thonianer, angeworben.*1 Eine entstandene Mißstimmung und manche Angriffe veranlagten verschiedene Beratungen **, um den jüdischen Gottesdienst . " Zu den hohen Feiertagen bestanden selbstverständlich nach Wie \<>r Sondergottesdienste für die Messebesucher, die den Verschiedenen religiösen Anschauungen angehörten; so schildert in der „Allgemeinen Zeitung". 1855, S. 528, ein Beobachter die drei vorzüglichsten jüdischen Gotteshäuser in Leipzig am „Jom llakippur", und zwar den „Hamburger Tempel" mit dem Prediger Dr. Gustav Philippson aus Dessau (Orgel), den „neuen Tempel" mit .lellinek (Gottesdienst nach teilweiser aller Ordnung) und die „Brodyer Schul" (Retende in Strümpfen und auf einem mit Heu betreuten Roden). •■" und " Reide gedruckt in Leipzig. lHöli. "- Oesamtarchiv, Depot. Leipzig. Protokoll der Kommission zur Beratung des Rltui vom 14. April IS.")."». Die Leitung des Chores hatte der bekannte jüdische Musiker .ladasson inne. So schon am "J.">. Oktober 1855. Bei dieser Beratung waren anwesend: Dr. .lellinek. die Synagogenvorsteher Ad. Kränkl, Ad. Straufi Horwitl und die Vertrauensmänner Hermann Meyer. Eugen Marcus Louis Bendix, Ed. Qelig und Dr. Meyer. Es wurde heschlosdurch jüdische Kräfte versehen zu lassen. Erst im Januar 1KT>7 raffte sich .lellinek, sicherlich unter Hinblick auf Wien dazu auf, die Abstellung des Abusus vom Synagogenvorsland (Vorsitzender: Moritz Merzfeld) zu fordern."* .lellinek w a r n ä m lieh a in 2. N o v e in - b e r 1858 z u in z w eilen Prediger der W i e n e r (lein e i n d e g e w ä h 11 w o r d e n. seit. ,dal.l der Synagogenclior zum grOflten Teile aus jüdischen Männern bestehen müsse, denen nur in den notwendigsten Fällen einige christliche Elemente beigegeben werden können". Zu diesem Zwecke sollten 1. die jüdischen Kinder Gesangsunterricht erhalten und '1. mindestens 4 bis 5 erwachsene jüdische Sänger aufgenommen werden. (Gesanilarchiv, a. a. O.) Der Rrief. der auch sonst beachtenswert Ist, lautet: An den löblichen Synagogen-Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde h i e r. Geehrte Herren! Als ich in der Michaelismesse 1S.">."> meine Einwilligung zur Benützung des Thomanerchores für unseren Tempel gab, bestimmte mich die Verlegenheit des Augenblickes dazu. Ruhig Meli ich über mich die Angriffe der Oeffentlichkeit ergehen, weil ich meinerseits die Ueberzeugung hatte, dnli der beste Wille keinen jüdischen Chor im ersten Augenblick beschaffen konnte und weil mich andererseits die Hoffnung beseelte, man werde dann kein Opfer scheuen, um einen jüdischen Chor zu organisieren. Das Letztere ist bis jetzt leider nicht geschehen. Die llauptbeamten unseres gottesdienstlichen Gesanges sind nach wie vor die Thonianer, was mit Recht Aergemis erregt, unser e u Tempel in Verruf bringt und den gewöhnlichen Sabbatgottesdienst ungebührlichen Schwankungen preisgibt. Unsere Chorverhültnisse drohen zu Ostern sich ganz aufzulösen und die nächste Folge würde sein, da 1.1 außer den jüdischen Rassisten Thonianer allein den Chor bilden müßten. Dies kann und darf aber nicht zur ständigen Regel werden; ein anfänglicher Mißbrauch soll nicht in einen anstößigen Brauch übergehen. Ich ersuche Sie daher, Ihren für unseren Gottesdienst bewährten Eifer von neuem dem Chor zuzuwenden, damit derselbe a 11 sa b b a 11 i c h wirke und aus j ü d i s c h e n Sängern zusammengesetzt werde. Ich lenke Ihre Amtstätigkeit gerade jetzt auf diesen Punkt, weil nach einer Mitteilung des Kantors Weisler die Aussicht vorbanden ist, einige für unseren Zweck sehr brauchbare Knaben in Breslau zu gewinnen, weil ich ferner den größten Schaden für die Michaelismesse voraussehe, wenn nicht frühzeitig die Chorverhültnisse auf befriedigender Rasis ruhen und weil ich nicht durch eine von der Not gebotene Nachgiebigkeit von meiner Seite einen schreienden Mißbrauch für längere Dauer sanktioniert haben will, wogegen ich feierlich protestiere. Der Gegenstand, meine Herren, ist von tiefstem Ernste für das Gedeihen des Tempels, für die Einigkeit der Gemeinde, für die Zukunft des Gottesdienstes, für die Beruhigung des Gewissens und für die Erstarkung des Judentums in unserer Messestadt, und der religiöse Eifer, den Sie in Ihrer Amtsführung bis jetzt au den Tag gelegt, läßt mich hoffen, daß Ihre tatkräftige Förderung der hohen Bedeutung des Gegenstandes gleichkommen werde und sie sobald als möglich Beschlüsse fassen werden, die unseren Gottesdienst von Anstoß und Aergemis befreien. Mit besonderer Hochachtung schließt der Prediger der Gemeinde gez. Dr. .lellinek Leipzig, S. Januar IH.77. (Gesamtarrhiv, Depot Leipzig.) Die Judenfrage „ästhetisch cc Der Aufsatz „Mehr Körperkultur. Die ästhetische Seite der Judenfrage" in Nr. 'J!l fordert zum Widerspruch heraus. Niehl etwa soll die Wichtigkeit körperlicher ICrtüchtiunng gerade auch für uns Juden bestritten werden. Wir wollen gesund sein, und w ir haben es unserer Berufsschichtung wegen, unseres allen Städtertunis wegen sogar bitter nötig, besonderen Wert auf Körperkultur zu legen. Woher leitet aber der Verfasser vorzüglich die Wichtigkeit der Leibeaflbung für uns ab? Nicht aus unserem GesundbeitsbedOrfniS, sondern aus der Judenfrage, will heißen aus der Aullsemitenfrage! Ein welkes Blatt mehr fOgt er in jene ganze Literatur, die das jüdische Leben gewissermaßen in einen Verein zur Abwehr des Antisemitismus verwandeln möchte und ihm entsprechende Rezepte verschreibt. Berufsumschichtung wurde uns so z. B. immer wieder verordnet, als unterläge die Berufswahl, im großen genommen nicht ehernem ökonomischen Zwang. Oder um ein anderes Beispie zu geben: In den letzten fünfzig Jahren sind 5 Millionen Juden voi Europa nach Amerika übergesiedelt: genau so alt ist auch der Ziooii mus; aber trotz Begeisterung und Fonds sind in dieser Zeit nacl Palästina nur etwa 50 000 Juden neu gekommen, ein Prozent der Au- Wanderung nach Amerika. Das jüdische Leben unterliegt den Gesetzen allen Lebens, ieben Leben, nicht bloß Abwehr des Antisemitismus. Alle reim Abwehrrezepte bleiben utopisch. Und dies um so mehr, als sie g< WOhnllch von der falschen Voraussetzung ausgehen, unsere Schwäche seien die zureichenden Ursachen des Judenhasses. Tausendmal idas schon widerlegt worden — und doch kommt nun zum 1001. Mal