Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 29 (17.7.1931)
- Date
- 1931-07-17
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGiONSÜEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 2ü l)it> moderne Psychologie hat die Wichtigkeit g e f ü h I s m ii B i - i;it Eindrücke auf die menschliche Charakterbildung klargestellt. Seihst dann, wenn diese Eindrücke bloß im U n t e r b 6 \v u Bt s e i n haften hleihen, spielen sie eine größere Rolle bei der Bildung jener Seelenkomplexe, die für die Einstellung der Individuen und ganzer □nippen zu anderen Individuen und Gruppen maßgebend sind, als die rein vernunf t mäßige Orientierung des Bewußtseins. Darum mag Richard Wagner trotz seiner günstigen Erfahrungen mit jüdischen Musikern, deren Talent er sehr gern in den Dienst seiner Kunst stellte, das Vorurteil, das die ästhetisch unkultivierte Sprechweise der .luden in seinen seelischen Organismus verpflanzt hatte, nie los geworden sein. Aualog ist auch das Versagen der mit Eifer zusammengestellten Statistik über die jüdischen Leistungen im Kriege gegenüber dem längst widerlegten Schlagwort von der jüdischen „Drückeberger*!" zu erklären. Mag der Geist unserer uichtjüdischen Landsleute, an den sich die Statistik wendet, sogar willig sein, die beredte Sprache der Zahlen unserer jüdischen Blutopfer in sein Bewußtsein aufzunehmen — im ..arischen" Unterbewußtsein bleibt trotzdem ein geheimnisvoller Widerstand gegen die Apperzeption jüdischer Kriegstüchtigkeit bestehen. Diese Hemmung basiert auf dem Widerspruch des rein gefühlsmäßig erworbenen Eindrucks der jüdischen Kör|>erinferiorität gegen das bessere Wissen der Vernunft mäßigen Ueberlegung. Dazu kommt, daß für das sittliche Empfinden des Ariertunis, in dessen Mitte wir leben, die Formel charakteristisch ist, mit der schon das antike Ilellenentuiu die Gleichsetzung der Begriffe „schön" und ,.g u t" vollzogen hat (Plato). Diese Tatsache macht die ganze Aussichtslosigkeit unseres Strebens nach gerechter Anerkennung der jüdischen Ethik klar, solange wir nicht auch dem ästhetischen Empfinden unserer Umwelt Rechnung tragen. Hier sind die tieferen Ursachen lür die Erfolge des Hakenkreuzes, das von dem „jüdischen Plattfuß" auf die Verwerflichkeit der jüdischen Religion schließt. Hier haben wir auch die tieferen Gründe, die uns zwingen sollten, endlich Körperkultur und Körper ästhetik im breitesten Ausmaß in Augriff zu nehmen und, wo dies schon geschehen ist, zu fördern. Die Meinung, daß dies eine Ab kehr von den wahren Idealen des Judentums bedeute, ist nicht zu rechtfertigen. Denn die Vernachlässigung des Leibes entspricht wuln dem katholischen Mönchsgedankeu, aber keinesfalls unserer Reil gion, die schon durch ihre zahlreichen, auf das leiblich e Qedeibei des Menschen bedachten Vorschriften die Tendenz zeigt, ihre An banger nicht bloß im geistig-moralischen Sinne zu einem „ausei wählten Volke" zu erziehen, sondern auch zu einer physische Auslese hochzuzüchteii. Diese Aufgabe war niemals dringlicher als heute, du die aml liehe Bevölkerungsstatistik einen zahlenmäßigen Rückgang der deul sehen Judenschaft anzeigt. Mit bloßem Klagen oder theoretische Erörterungen kann man dem Uebel, das hauptsächlich sozial Ursachen hat, nicht beikonimen. Mau muß zu retten suchen, wa zu retten ist, und die abnehmende Quantität der jüdische Bevölkerung durch Hebung ihrer physischen Qualität wettmachen Dadurch würde nicht nur der jüdische Sterblichkeits<{uotient herab gedrückt, sondern auch die jüdische Konkurrenzfähigkeit mit de anderen Bevölkerung auf Arbeitsgebieten, die größere Körperkrai beanspruchen, gehoben werden. Die Erschließung neuer Arbeits gebiete wUrde die Möglichkeit der Krüh ehe und damit wiede eine Vermehrung der Geburten sichern, wobei noch di« Erfahrung erfreulich ins Gewicht fiele, daß körperlich kultiviert' Eltern auch körperlich widerstandsfähige Nachkommen erzielen, die endlich das ästhetische Vorurteil gegen uns ad absurdum (Ohren und damit eine der wichtigsten Quellen des Antisemitismus ver stopfen würden. Die wirtschaftliche Situation der Juden in Deutschland Von stud. iur. et rer. pol. Willi Landau. Es ist eine bekannte, nicht nur gegenwärtig beobachtete Tatsache, daß die Bevölkerung eines Landes von einer hereinbrechenden Wirtschaftskrise je nach ihrer ökonomischen Kundicrung verschiedenartig erfaßt zu werden pflegt So hat auch die in ihrer wirtschaftlichen Tragweite ohne Präzedenzfall dastehende Gegenwartskrise den deutschen .Mittelstand in stärkerem Maße betroffen und die allgemeinen (iruudlagen seiner Existenz tiefer erschüttert als die materielle Basis wirtschaftlich anders strukturierter Kreise. Die starke Reduzierung des sozialen Standards dieser Schicht gestattet es, von einer Mitbdstandskrise im besonderen zu sprechen, von der beispiellosen Notlage einer Gruppe, zu der die Juden seit jeher infolge ihrer beruflichen Gliederung ein relativ hohes Kontingent gestellt haben. Auf Grund einer geschichtlich bedingten Abnormität der jüdischen Existenzgrundlagen, die sich in einer zur Bevölkerungszahl in keinem Verhältnis stehenden Anteilsziffer an den freien und unabhängigen Berufen äußert, hat die Intensität der Krise eitle ungeahnte Zunahme erfahren. Bereits eine oberflächliche Betrachtung der (iesamtsituation ergibt, daß gerade diejenigen Schichten des deutschen Wirtschaftsaufbaus, die man als Domäne des jüdischen Handels anzusprechen geneigt ist. teils eine erhebliche Verschlechterung erfahren haben, teils einer radikalen Umformung unterliegen. Dem jüdischen Drang zur Selbständigmachuug steht die fortschreitende Organisierung des Handels und die Zusammenfassung kleinerer Unternehmen in einer Hand oder durch eine Wirtschaftsgruppe entgegen. Die wachsende Tendenz auf Ausschaltung des kleinen privaten Unternehmers läßt die Selbstständigenzahl in einer rückläufigen Bewegung begriflen sein. Als natürlichen Ausgleich für den Rückgang der Itnabb&ngigen Positionen könnte mau den Angestelltenzuwachs der Juden entgegenhalten. Aber auch hier erleichtert die Kouzentrierung und Konzernierung des Handels und der Industrie ein teils bewußte, teils auch willkürliche Eliminierung des jüdisch* Elements, und häufig sind es gerade die größeren einheitlich UM iliengefaßten und straff geleiteten Unternehmen, die den geeignet' Nährboden für einen Wirtschaftsantisemitismus bilden, der den -lud' auch aus den Subaltcrnpositioneu zu verdrängen sucht. Als letzte Ursache dieser Einzelerscheinungen ergibt sich «I wirtschaftliche Entwicklungstendenz der Gegenwart, die nach ein« kollektiven Zusammenschluß strebt und eine der iudividualistiscb Tätigkeit feindliche Einstellung erkennen läßt, die sich in dem una haltsamen Rückgang der unabhängigen Positionen offenbart. Es liegt für die Judt n eine besondere Tragik darin, daß sie i I« die einstige Avantgarde einer individualistischen Wirtschaftsform, i dem kleinen privaten, mit der notwendigen Initative und mit W<!• Mick ausgestatteten Unternehmer günstig war, sich jetzt gegen ei entgegengesetzte Ziele verfolgende Entwicklung gestellt sehen. Ei itl die wegweisenden Pioniere, sehen sie sich heute gezwungen, den Gegebenheiten zu folgen. In dieser Erkenntnis liegt die tiefere Ursache für eine Not! I* begründet, vor deren Grüße jede Palliative der Wohltätigkeit in fin nzieller und technischer Hinsicht zu versagen droht. Sich diesen zweifellos peinlichen ober doch richtigen Tatsac n verschließen zu wollen, hieße nichts anderes, als eine törichte 1 illusorische Vogelstraußpolitik treiben. Es bleibt das Verdienst ei « Buches von Alfred Markus (Die wirtschaftliche Krise der d ltsehen Juden, erschienen bei Georg Stilke, Berlin, 1881), sich der a dankbaren Aufgabe, ohne jede Beschönigung die Situation zu zei B, wie sie wirklich ist, nicht entzogen zu haben. Auf Grund einer Aualysierung einzelner Berufszweige, in de a erfahrungsgemäß eine große Zahl von Juden tätig sind, ergeben t > bei aller Schwierigkeit für die statistische Erfassung einei Grt.p •'• die sich in der Wirtschaft nur konfessionell abgrenzt, «loch unhesti