Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 28 (10.7.1931)
- Date
- 1931-07-10
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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10. Juli 1931 Seite 3 (us Lusitanus der Verlust seiner Manuskripte, die bei der eiligen Flucht in Anronn zurückgeblieben waren. In Pesaro war der Aufenthalt der Mummen indessen auch nicht von langer Dauer, denn u>j l'apst setzte es schon im .lahre 1558 durch, daß alle Juden das Herzogtum Urhino verlassen mußten. Unterdessen waren in Polen zwischen den Anhängern der Reformation und jenen der Oegenreformation heftige Kfimpfe ausgebrochen. Die Folge war die gleiche wie in allen derartigen innere.: Religionsstreitigkeiten: Die Sicherheit und flleichbero<*fcr.7iinr\ welche die Juden in Polen jahrhundertelang Genossen hatten, begonnen geringer zu werden. Amatus Lusitanus ento'-hloft rffh daher, die Einladung der Republik Ragusa anzunehmen. Nach Pulen?i>er ging sein Neffe Moses, der Sohn des Elias Philippe Montalto. Dubrovnik war damals eine der wenigen Städte, in denen tatsächlich vollkommene Glaubensfreiheit herrschte. Wenn auch der L'roße Dichter Ivan Franjo Gunduliö die Zustände seiner Helmahtcd? erst ein Jahrhundert später mit den Worten besingt: „0 'ijepa, o draga, zlatna slobodo" („Oh schöne, oh teuere, goldene Freiheit"), sc regierten doch Freisinnigkeit und liberaler Geist dort auch schon in jenen Tagen, da Amatus Lusitanus mit Didacus Pyrrhus die Stadt betrat. Auch der unvergeßliche Historiker Dr. Vladimir Maiurani* hat diese Glaubensfreiheit in seinem letzten Werke „Melek Ja Sa Duhrovcanin" und Indiji godine 1480—1528 i njegovi prethodmei u Islamu prye deset stoljeca" („Melek JaSa, der Dubrovniker, in Indien 1480—1528 und dessen Vorgänger im Islam vor zehn Jahrhunderten"), l>esonders hervorgehoben. Auf dem Gebiete der Republik lebten schon seit den ältesten Zeiten Pravoslaven. Auch Patarener gab es und lebhaft ging der Mandel mit den Rogumilen. Mit den Mohammedanern unterhielt Dubrovnik sehr rege diplomatische und Handelsbeziehungen; Gesandschaften kamen und gingen, ja mehrere von den im ottomanischen Reiche ansässigen Konsuln waren Juden. Die meergewohnten Dubrovniker zog es seit jeher nach dem fernen Indien. Dort traf Melek JaSa und viele seiner Landsleute, die zum Islam Obergetreten waren, mit Juden zusammen, und zwar nicht nur mit Marranen. sondern auch mit den weißen und schwarzen Juden, die ihre sagen iimwohenen Reiche in Kochin gegründet hatten. So bestanden zwischen den jugoslawischen Ländern (vornehmlich der Stadt Dubrovnik) und der arabischen wie jüdischen Welt in der Levante, in Sizilien und Spanien, stets sehr rege Beziehungen, die von unserer, mehr auf das christliche Europa eingestellten Geschichte nie genügend berücksichtigt worden ist. Amatus Lusitanus blieb nicht lange in Dubrovnik, denn es zog auch ihn wie so viele andere Marranen nach der Türkei. Sein Freund Don Josef Nasi Herzog von Naxos, der nach tausendjähriger Zerstreuung wieder eine jüdische Heimstätte in Tiberias (Palästina) geschaffen hatte, riet ihn zu sich. Tatsächlich finden wir Amatus Lusitanus schon 1558 in Saloniki. Charakteristisch ist der eigentliche Grund, der Amatus Lusitanus bewog, Dubrovnik, das ihn so gastlich aufgenommen, und das e- •o lieb gewonnen hatte, zu verlassen: Die zwangsweise christlich erlogenen Marranen waren, vom Wunsche beseelt, zum alten Glauben urürkzukehren, stets dem Mystizismus ergeben. Letzterem entspringt auch ihr Verlangen, auf einem jüdischen Friedhofe zu ruhen Nun 'ah es damals in Dubrovnik keinen jüdischen Friedhof. Dies war wohl für Amatus Lusitanus ein Grund mehr, dem Rufe Don Josef \asis zu folgen. Didacus Pyrrhus verlangte hingegen, in Erceg-Nov' 'ipstattet zu werden, wo noch seit den Tagen der spanischen Besetzung ein jüdischer Friedhof bestand. Heute ist von diesem Friedhof, der im Laufe der Zeiten von den Meeresfluten weggespült wurde, keine Sjiur mehr vorhanden. Als ich gelegentlich meiner PatatttironiM nach dem Grab* Didacus Pyrrhus' forschte, konnte mir der dor'ige verdienstvolle Lokalhistoriker Propoviö nur die Stolle abigen, an der sich der mündlichen Ueberlieferung zufolge dieser Friedhof bstunden haben soll. Amatus LuiManus starb 1568 in Saloniki als Opfer seines Berufet hu der Pest. Im Dozemberheft 1980 der „Monatsschrift für Geachishte und Wissenschaft des Judentums" schreibt Dr. J, S Emmanuel aus Lausanne über den «iten jüdischen Friedhof ii, Saloniki, den tr gründlich durchforscht hat. Das Grab Amatus Lusitanus' kennte er aber, wie er mir auf meine diesbezügliche Anfrage mitteilt, nicht entdeckt k. Didecus Pyrrhus widmete seinem dahingegangenen Freund« folgendes Distichon, das laut „Rarbosa Machado: Ribliotheca Lusitana*' ■UOt] aur den Grabstein Amatus Lusitanus' gesetzt worden sein «oll• „Qui toties fugien'em animam sistebat in aegro Corpore, Lethaeis aut rjvocabat aquis. Grates, ob id populis et magnis regibus aeque, Hie jacet; hanc inoriens pressit Amatus humum. Lusitana dcmiis: Macedum tellure Sepulrhrum Quam nrocul a patrio conditur ille solo! At cum summa dies, fatalis et appetit hora Ad tijr?a et ad Manes undique prona via est." („Er, der das im siechen Körper entfliehende Leben PO oft zurückgehen, bei Königen und Völkern darum beliebt var, liegt fern von aen.em Geburtslande in niaredonischein Staub».") Interessanterweise wird der Name Amatus Lusitanus auch im fernen Brasilien noch heute genannt: selbst dort feiert man diesen Gelehrtes als den großen Sohn der portugiesischen Kation. Seil dem Erscheinen des Werkes Maximiano Lomos' nat sich aber auch in Portugal die Welt geändert. Dar. nüßte Wunder ist dort in der zeitgenössischen Judenheit geschehen: Nach vie>- Jahrhunderten geheimen Marranentums entstehen jetzt in Portugal unter der Führung Barlos Basto' große jüdische Gemeinden; die Nachkommen der im i .ande gebliebenen zwangsweise getauften; ortugieeischen Juden ''ehren offen zur Religion ihrer Väter zurück. Gerade im Geburtsorte Amatus Lusitanus', in Castelbranco. hat sich eine der größten Gemeinden entwickelt, ein Beweis drftlr, daß der Geist großer Menschen auf Jahrhundert hinaus w irkt* Die Dubrovniker Archive werden jetzt syttemati -h ge-ordnet. Eben dieser Tage erhielt ich von deren Direktor Dr. Branirr.lr Truhelkh, die erfreuliche Nachricht, daß man e-ine große Anzahl Dokumente, die auf die Vergangenheit der dortigen .luden Bez'.ii; haben, gefunden ha'.. Es ist zu erwarten, daß man bei dr.-.-er Gel»genl.eil auch vHes über Amatus Lusitanus und Didacus Pyrrhas enld-jcken wird, und hoffentlich gelingt es mir auch noch, uv neu lange gehegten Wunsch zu verwirklichen, und in einem ur. fasfii -'den Werke der ganzen gelehrten Weit die Bedeutung Amatus Lusitanus' und Didacus Pyrrhus' vor Augen zu führen. Der Ruhm, das Ansehen, die Freiheit, welche die jüdische Nation in Jugoslawien jrnießt, reicht bis auf die Zeiten der freien Republik Oubrovnik zurück. Deshalb sc.iulden wir diesen beiden großen Man tiern flr immer Dank und Anerkennung, Amatus Lusitanus, der berühmte Arzt und sein Freund Didacus Pyrrhus, die segensreich für die Menschheit wirkte:, und dabei unter den schwierigsten äußeren Verhältnissen ihr Judentum bewahrten, bleiben für uns jugoslawische 'uden, ruh in reiche Gestalten, deren Andenken nie erlöschen wird.!«n