Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 28 (10.7.1931)
- Date
- 1931-07-10
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN KELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 2s deu, nach den Niederlanden, wo wir die ersten Marranengemeinden finden. Auch Amatus Lusitanus, — so nannte sich loao Roderiguez im Geiste des Humanismus, — ging diesen Weg, begleitet von seinem treuen Freunde Didacus l'yrrhus, nach dem Gehurtsorte Jacobus Evorensis geheißen. Schon im Jahre 1886 veröflentlichte Amatus Lusitanus in Antwerpen seine „Exegemata in duos priores Dioscoridis de arte medica libros". Kaiser Karl V. gewahrte wohl in seiner Ordonnanz vom 31. Mai 152b' deu Mammen für dreißig Tage freien Aufenthalt in Belgien. Nach Ablauf dieser Frist hatten sie jedoch entweder zum Christentume überzutreten oder aber Antwerpen zu verlassen. Aus zeitgenössischen Dokumenten geht hervor, wie sehr sich Amatus Lusitanus und viele andere Mammen bemühten, dauernd in Antwerpen wohnen und sich dabei trotzdem zum Judentum bekennen zu dürfen. In Antwerpen erhielt Amatus Lusitanus das erstemal Kunde über Dubrovnik, welche Stadt die von Saloniki nach Antwerpen und umgekehrt reisenden .knien zu berühren pflegten. Amatus Lusitanus litt es nicht allzulange in Belgien, denn die Lage der .luden war dort noch sehr unsicher. Er zog mit seinem Freunde Didacus l'yrrhus nach Italien. Wir linden ihn in Venedig, dann in Ferraru und Florenz, später in Koni, Ancona und Fesaro. Auch andere Mitglieder der Familie Koderiguez zogen nach Italien, so unter anderem Amatus' Bruder Josef, dann ein zweiter Bruder Elias, der später unter dem Namen Philippe Moiilalto Leibarzt der Könige von Frankreich war und sich als einziger in Paris offen zum Judentum bekennen konnte. Dem Laien zuliebe zitiere ich . . . eine kurze Beschreibung der ärztlichen Tätigkeit Amati Lusitani: „Er war ein erfahrener Chirurg, scharfer Diagnostiker und rationeller Therapeut. Bei einer Vereiterung der Lungen nahm er eine Operation zwischen der dritten und vierten Kippe mit gutem Erfolge vor, und bei der Verhärtung der Vorsteherdrüse empfahl er als erster die Anwendung der Bougies, ein Heilverfahren, welches damals viel Aufsehen erregte. Auch als Anatom ging er selbständig zu Werke. Der päpstliche Leibarzt Canani hatte 1547 an der Mündung der ungepaarten Vene eine Klappe gefunden, von welcher er glaubte, daß sie dazu diene, den übermäßigen Zuschuß des Blutes aus der llohlvene zu verhindern. Durch Untersuchungen an zwölf Leichen konnte Amatus Lusitanus diese Entdeckung bestätigen; in der Erklärung der Funktion aber weicht er von Canani ab. Die Klappe, behauptet er, habe die Aufgabe, den Kücklauf des Blutes in die Hohlvene zu verhindern. Diese Untersurhungen des Lusitanus führten in ihrer allmählichen Entwicklung zu der so wichtigen anatomischen Entdeckung des Blutkreislaufes. Noch ein anderer medizinischer Forlschritt wird auf Amatus Lusitanus zurückgeführt. Bis in die neuere Zeit galt Pure unbestritten als der Erfinder des Obturators (VerscbluUplatten bei Defekten des G>Umena)■ L Christ bat jedoch nachgewiesen, dall l'are erst im Jahre 1881 über den Ohturator geschrieben hat. während Amatus Lusitanus bereits früher in ■einem Buche über sieben Centurien diesen von ihm erfundenen Apparat beschreibt und somit als der Erfinder des Obturators zu betrachten ist." — Amatus Lusitanus befaßte sich auch mit botanischen Studien. Auf diesem Arbeitsteide kam er in regen Verkehr mit den beiden hervorragendsten Naturforschern jener Zeit, Antonius Brasavola und dem Engländer Johannes Falcona, der das erste Herbarium angelegt und in seiner Heimat die Schaffung botanischer Gärten eingebürgert hatte. — Als praktischer Arzt war Amatus Lusitanus besonders angesehen. Die hochgestelltesten Persönlichkeiten suchten bei ihm ärztlichen Rat und Beistand, so unter anderem Jacoba de Monte, die Schwester des Papstes Julius III. Auch dieser selbst berief ihn wiederholt an sein Krankenlager. Wie groß aber auch die innere Befriedigung Koderiguez' Ober seine glänzenden äußeren Erfolge war, so war doch sein Leben ebenso unsicher wie jenes der anderen Marianen. Nirgends ist es ihm vergönnt, längere Zeit zu verweilen und sich ungestört seiner Tätigkeit widmen zu können. Im Jahre 1555 bestieg der damalige Großinquisitor, Kardinal Pietro Carafta, als Papst Paul IV. den Thron Petri. Schon eine seiner ersten Bullen, die am 12. Juli erlassene „Cum niniis absurdum", befaßte sich mit den Juden. Das Ghetto wurde eingeführt, die Juden mußten einen gelben Hut, die Jüdinnen ein gelbes Kopftuch tragen und neben vielen anderen, wirtschaftlich vernichtenden und moralisch demütigenden BesftSumungen wurde auch den jüdischen Aerzten die Behandlung von Christen untersagt. Ancona gehörte damals zum Kirchenstaate. Kein Wunder also, daß sich die heftigsten Angriffe gerade gegen Amatus Lusitanus richteten, der sich unter dem hebräischen Namen Nabib (wortgetreue Uebersetzuiit von Amatus) offen zum Judentume bekannte. Findet ja doch eben derjenige, der viel Erfolge im Leben erzielt, die meisten Neider und Hasser. Eben zu jener Zeit war vom Hofe des Polenkönigs Sigmund August die ehrende Aufforderung an Amatus Lusitanus gelangt, er möge der Leibarzt des Königs werden. Gleichzeitig erschienen abei auch die Boten der Republik Ragusa mit der Einladung an Amatus Lusitanus. die Stelle eines Stadtarztes in Ragusa anzunehmen. Ehe noch Amatus Lusitanus seinen Entschluß gefaßt hatte, trat in Ancona ein furchtbares Ereignis ein, daß in der Judenheit dei ganzen Welt größtes Entsetzen hervorrief: Papst Paul IV. ließ die in Ancona lebenden Mammen durch die Inquisition wegen Ketzer, anklagen und einkerkern. Auf Betreiben des am türkischen Hob lebenden Herzogs von Naxos (Josef Nasi), der sich gleich allen ii der Türkei lebenden Marranen offen zum Judentum bekannte, natu sich Sultan Soliman II. jener Anconaer Marranen, die türkisch' Untertanen waren, mit Erfolg an. Die anderen fanden aber fast all den Märtyrertod in den Flammen und nur wenigen, darunter ■ucl Amatus Lusitanus, gelang es, unter Zurücklassung ihrer Habe nach Pesaro im Herzogtum Urbino zu flüchten. Am schwersten traf Am ^^^^^5^-1 \. i^T' L ■* < ' ■ - \ * v \ * , . ä •••*■■•; v »«i': w » * - VJLA s. v --v - -afc****" Jüdische Volksdrogerie in Sarajevo i^jfek.