Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1931-06-26 · 26 (26.6.1931) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
7 (1931)
Issue
26 (26.6.1931)
Date
1931-06-26
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/4876568-5968779-5969256--3989-4878344
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seit« 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 20 Buropas, der er lelbil entstammt und deren geistige Spuren auch In tii'ii Lehren Henrj Bergsons, dessen Ahnen Chassidim waren, ra Bnden sind. Bloch bat Geschichte und Denkspruch dieser gottgeweihten Menschenschar in einer seltenen Kriseln' wiedergegeben; es ist Blochs glänzendstes Werk, darin sich sein Kühlen und Wollt n, seine Frömmigkeit und Menschenliebe vereinen. Dieses Buch hat Blochs Ruf in der deutschen Leserwelt begründet. Im Jahre 1921 gab er ein Werk „Ostjüdischer Humor" heraus. Ks ist ein sehr amüsantes Buch mit einer Menge teingelstiger jüdischer Witze, die vom volkskundlichen Standpunkt sehr wertvoll mimI. Durch das im Jahre 1922 erschienene Werk ..Hersch von Ostropole" inachte Bloch den deutschen Leser erstmalig mit den Narrenspielen dieses Spaßvogels, des jüdischen Till Eulenspiegel, bekannt. i!>2."> erschienen seine „Kabbalistischen Sagen". Neben einer von gediegener Kenntnis zeigenden gründlichen Abhandlung über die Kabbala stellt Bloch Leben und Sage des berühmten kabbalistischen Ästeten Rabbi Isaak Lurjt <lar. Bloch seigte sich hier als ein Kührer in die Welt der Mystik. Bin kurzer Aufenthalt im Winter 15)24 in den (ISA. pal) ihm den Stoff zu seinem Werke ..Das jüdische Amerika", worin er vor uns mit Geschick ein Bild der jüdischen Gesellschaft der grofien Republik entrollt. In seinem von Kranz Spunds eingeleiteten Buch „Lebenserinner u n g e n d e s Kabbalilt 6 n Vit a I" macht er uns mit einer eigentümlichen Gestalt des orientalischen Judentums im 16. Jahrhundert vertraut. Den stärksten Erfolg hatte er mit seinem 1980 erschienenen Werk ..Priester der Liebe", worin er eine zweite Reihe von Geschichten chassidischer Rabbis, Aussprüche, die das heimliche Sehnen, das bebende Hoffen der Chassidim nach Erlösung offenbaren, ins deutsche Schrifttum hinübertrug. Als ich dieses Werk zu lesen begann, erinnerte ich mich an den sinnvollen Ausspruch Kinneys: „Eine Erweckung ist kein Wunder, sondern die natürliche Folge eines geheiligten Lebens". Je mehr mau sich in dieses Buch vertieft, um so mehr geht Licht und Schönheit darin auf; es Ist von Menschlichkeit. Herzensgute und Brüderlichkeit überfüllt. Besonders ist die Darstellung der chatstdlschen Lehn», die Bloch in einer Einleitung ausbreitet, sehr fesselnd. In seinein letzt erschienenen Werk Das jüdische Volk In seiner Anekdote" hat Bloch tausend geistsprühende Anekdoten zusammengetragen. Erquickend sind die Gestalten, die da immer wieder auftreten, köstlich die Fülle lustiger und bedeutsamer Ein fälle. Und wenn auch das „Wichtigste", Dlmlish die galante Erotik, die Unverhüllte Frivolität, in dieser Sammlung fehlt, sie hat einen bedeutenden Literaturwert. Aber erst sein in Vorbereitung befindliuhea Werk „Das jüdis c h e V o i k i m Spie g e 1 e i n e s .1 a Ii r i a u send s" wird seinem Schaffen die Krone aufsetzen. Das Material hierzu schöpft Bloch minder rahhinisrhen Responsenliteratur, jenem Zweige des jüdischen Schrifttums, das. im achten Jahrhundert n. Chr. entstanden, noch heute fortgesetzt wird. Die Glaubwürdigkeit dieser zeitgenössischen Denk Würdigkeiten ist unanfechtbar, Bloch, der diese kulturhistorischen Geheimnisse der „Welsen von Zion" erstmalig der nichtjüdischen Welt offenbaren will, hat es meisterlich verstanden, das Quellengul so zu ordnen, da 1,1 Werden und Entwicklung jüdischen Lehens am allen Gebieten, Schicksal und Sitte in allen Ländern und Zeilen sieht bar werden: und viele falsche Annahmen über das Judentum werden durch dieses Werk aus der Welt geschafft werden. Unermüdlich schöpft Bloch, der trotz seines modernen Wissens den Zusammenhang mit dem alten Judentum bewahrt, aus dem reichen, unversiegbaren Brunnen seines Volkes. Er steht auf der Wegscheide als Verdolinetscher der jüdischen Volksseele, als Mittler zwischen Ost und West. Wir beglückwünschen Chajim Bloch zu seinem fünfzigsten Wiegenfest und erhoffen von seinem beweglichen und reichen (ieisl noch viel Schönes. Lebenskunde Von Qemeinderabbiner Seit der Verkündung der neuen Reichsverfassung ist der Religionsunterricht nicht mehr obligatorisch. Zwar ist er in allen Öffentlichen Schulen Lehrfach geblieben, aber kein Lehrer kann dazu gezwungen werden, ihn zu erteilen, und kein Schüler, an ihm teilzunehmen. Da aber der Staat immerhin ein großes Interesse an der .'Huschen Erstehung seiner Bürger hat. ist in den Schulen für jene, die am Religionsunterricht nicht teilnehmen, ein allgemeiner sittlicher Unterriehl eingeführt worden, welchen man in Sachsen als „Lebenskuild e" bezeichnet. Dieses Schulfach soll von jeder konfessionellen Firbung unabhängig sein. Seine Aufgabe ist, den Kindern allgemeine ethische Werte in besonderem Hinblick auf die Aufgaben eines Staatsbürgers zu vermitteln. Selbstverständlich kann es das Historische nicht entbehren, und seine Belehrungen erfolgen darum an der Hand der Geschichte der groben Religionsgemeinschaften. In den Kreisen jüdischer Elb-rn. besonders von Kindern in Jüngeren Jahren, herrscht nun die Neigung, ihre Kinder am Lehenskundeunterrichl teilnehmen zu lassen und sie dem jüdischen Religionsunterricht zu entsI e h e n. Gefordert wird diese Tendenz durch die unglückseligen sächsischen Verhältnisse. Alles, «äs in der neuen Reichsverfassung geeignet ist. dem jüdischen Religionsunterricht Sehaden zuzufügen, wird von den Behörden sorglich beachtet, und von der durch die Reirhsverfassung gegebenen Möglichkeit, die Zeugnisse über den Jüdischen Religionsunterricht aus den Zensuren hOherer Schüler zu entfernen, hat man sofort Gebrauch gemacht! An der positiven Bestimmung der R.'iehsverfassung dagegen, dafl der Religionsunterricht der anerkannten Religionen Gegenstand des Schulunterrichts sein muH. Ist man in Sachsen, soweit das .1 u - d e n tum in Betracht kommt. sorglich \orübergegangen, und keine sie h si SC h 0 Offentli C h e Schule Ii a t b i s h e r d i e klar e Dr. Felix Gold in a n n. F o r d e r u n g d er Reirhsverfassung erfüllt u u d j ii d i se h an Rellgionsunterrleh t zu m Sehu 11ach ge macht' Wir sind daher noch immer gezwungen, die Kinder in unseren Reli gionsschuleii am Nachmittag zu vereinen, und vielen Eltern ist es / lästig, ihre Kinder zu einem besondern Nachmittagsunterricht zu enl senden. In diesem Kampfe zwischen Bequemlichkeit und Religio zieht letztere regelmäßig den kürzeren. So erfreut sich denn der Unterricht ii: der Lebenskunde in de Hauptsache bei jüdischen Kindern einer beachtenswerten Teii nähme. Es ist jüngst bei den Klternratswahlen festgestellt wurde: ohne daU ein Widerspruch erfolgt wäre, da 1.1 selbst die eifrigsten Ve fechter der weltlichen Schule unter den Mitgliedern des Leipzig' Lehrervereins ihre Kinder, insbesondere soweit sie höhere Sehn I e n besuchen, am christlichen Religionsunterricht teilnehm' lassen. Abgesehen von einigen ganz überzeugten Freidenkern in Kommunisten, die mit dieser Haltung politische Zwecke verfolge wi rd aIsoder LebenskundeunterrichtInder Hau p s a r he von j ii d i s e h e n K i n d e r n b 0 SU 0 Ii t. Das aber führt zu sehr bedauerlichen Folgeerscheinungen. Gew wird im Lebenskundeunterrirht auch Moral gelehrt, aber es ist eil Ethik, die in äußerlichen .Nützlichkeitserwägungen verankert ist. I das jüdische Kind gilt die Sittenlehre, welche ihre Verbindlich!.' durch den (Hauben an (iott erhält, und nur auf solcher Grundlage i die feste und unbeirrte Gesinnung zu erzielen, die nun einmal Sl der jüdischen Geschichte spricht und ihren Vorzug bildet. Die Si' lichki'it von praktischen Vorteilen abhängig zu machen, wie etwa de Bestände des Staates, heißt sie relativieren und ihr ihren eigentlich' Wert nehmen. In diesem Funkte wirkt der Unterricht in der Leben künde ebenso feindselig gegen die Grundlagen der jüdischen wie d< christlichen Weltanschauung. Er nimmt aller Ethik ihre Unbedingt heit.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.