Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 22 (29.5.1931)
- Date
- 1931-05-29
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 2 GEMEINDEBLATT DEM ISRAELITISCHEN RBL1GlüNSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 2 Wicklung und seiner Stellung nehmen müssen, und das durch die Jubiläumsausgabe reichliche Nahrung (Inden wird. Mehr als je ist die Stellung des Juden in der Umwelt in unseren Tilgen Gegenstand des Nachsinnens geworden. .Mendelssohn gilt uns geschichtlich als Repräsentant der Entwicklung, die den Juden ans der geistigen und gesellschaftlichen Abgeschlossenheit in die enge Berührung mit dem nichtjttdischen Menschen hineintreten, ihn danach streben ließ, an den Kulturwerten der anderen für das eigene Lehen teilzuhaben, ihn holten ließ, daß uraltes Vorurteil schwinden werde, wenn nahes Beieinander im Alltag der durch das Geheimnis des Frenidseins gelorderten Legendenbildung vorbeugen werde. Blindester Optimismus kann nicht verkennen, daß diese Erwartungen keine Erfüllung gefunden haben. Es ist das Problem, um das heule gerungen wird, ob die Emanzipation dem Judentum und der Judeuheil Segen oder Unsegen gebracht hat. Für die Antwort auf diese Fragen ist es von nicht geringer Bedeutung, wie wir zu Mendelssohn stehen. Bei solcher Betrachtung ist es recht wesentlich, daß Mendelssohn aus sich heraus seinen ganzen geistigen Aufhau vollzogen hat, daß er die Aufnahme hei den Niclitjuden nur sich allein zu danken hatte, da der so gefeierte Schriftsteller und Denker ja einst als armer Ghettoknabe in Berlin eingezogen war. Anderseits hat der im Kreise der Berliner Geistesgrößen so durchaus Heimische nie aufgehört, sich innigst im Judentum verwurzelt zu wissen, hat er sein Judentum ehrlich gelebt Daraus ergeben sich nun alle die Kragen, die für die Klärung unserer Stellung zu Mendelssohn gelöst werden müssen: welche Kräfte bewirkten diese eigenartig schnelle Entwicklung, was verlieh ihm bei so tiefgehender Anpassung an eine ihm durchaus fremde Well die unerschütterliche Sicherheit unverrückbarer religiöser Le- Ipeiisauffassung. Wie stellt sich das Bild vom geistigen Lehen der •luden jener Tage dar: interessante neuere Forschungen lassen erki nnen, daß es doch auch schon damals eine ganze lteihe von jüdischen Akademikern gab, die ein ganz ordnungsgemäßes Universitätsstudium durchgeführt hatten. Für diese und manche andere Frage wird die Jubiläumsausgabe ungemein wichtige Aufschlüsse geben. Ks war vorher auf die zum Meßgottesdienste mitgeteilt von L. II Es ist in diesen Blättern wiederholt berichtet worden, in welcher Weise die die Messe besuchenden Juden für ihre gottesdienstlichen Bedürfnisse Einrichtungen zu treffen hatten. Im Anfange des 10. Jahrhunderts erfuhren diese Gottesdienste eine fortschrittliche Ausgestaltung. Besonders die Hamburger und Berliner Kaufleute legten Wert darauf, im Gottesdienste Reformen einzuführen, wie sie damals in vielen Städten Deutschlands in Aufnahme gekommen waren. Um diesen Gottesdiensten hesondere Anziehungskraft zu verleihen, zog man die bedeutendsten Kanselredner der Zeit heran. Ueber den an den llerhstfeiertagen l*'Jb veranstalteten Gottesdienst lesen wir in der damals in Leipzig erscheinenden Zeilschrift ..Sulamith" folgenden interessanten Bericht, aus dem zu ersehen ist. welche bedeutenden Persönlichkeiten sich in den Dienst dieser Gottesdienste gestellt halien: „Der Gottesdienst in dem neuen Israelitischen Tempel zu Leipzig Dndet während der Hauptmessen ununterbrochen statt. Durch das während der .Michaelismesse am 1. X. IK'Jli plötzlich erfolgte Ableiten des siifters und Vorstehers dieses Tempelvereins, Isaak Schiff aus Altona, hat die Veranstaltung einen grotieii Verlust erlitten, jedoch versuchen viele Israeliten aus verschiedensten Gegenden, «las Ganse mit allen Kräften aufrecht zu erhalten. Der Prediger Dr. Auerbach sen. aus Berlin wirkt durch seine Predigten viel Gutes. Auch dem Geheimen Finansrat Israel Jacobson aus Berlin, dem wir Juden so viel zu verdanken haben und dessen Andenken noch spätere Geschlechter lohen werden, liegt die Fortdauer des Tempels sehr am Herzen. Am letzten Versöhnungstage betete er fast den ganten lag vor und wirkte dadurch erhebend auf alle Anweseneisten Male zugänglich gemachten Briefe hingewiesen worden, he sonders die so urpersönlichen Schreiben, die er während der Vei lobungssell au seine Braut gerichtet hat. Mit außerordentlichen Fleiß und Scharfsinn hat der Herausgeber dieser Briefe (Halm Bo rodianskl) jeder Beziehung zu Personen nachgespürt, die aus diese BUttern bekannt wird. So wird sich die Möglichkeit ergehen, Meu delssohn in seiner Persönlichkeit viel schärfer als bisher zeichne zu können, seine Interessen, seinen Charakter, seine rein mensctl liehen Einflüsse auf andere wie die von anderen ausgegangenen Ell Wirkungen auf sein Wesen. Diese so urnatürlichen, so durchaus ungi künstelten Briefe zeigen einen aufrichtigen, zartfühlenden, und dahi doch zielbewußten, festen Menschen, so daß schon dadurch vieles In greiflieb wird, was Tür sein Werden bedeutungsvoll war. Das Bild der Persönlichkeit wird dazu beilragen, daß der ge stige Prozeß aufgehellt wird, der sich in dein Wachsen seiner Werk abgewickelt bat. Die Klarheit, mit der die verschiedenen Stufe dieser Schriften an Hand des ganzen wissenschaftlichen Rüstzeug) herausgearbeitet werden kann, wird wiederum dieses Bild von sei nein Wesen farbiger und lebendiger machen. Denn es wird ihn hineinstellen in den Zusammenhang mit der Geisteshaltung seile i Zeitgenossen und mit diesen Zeitgenossen seihst. Und aus all d..... wird sich dann die Frage beantworten lassen: Hat Mendelssohn he wüßt jene Entwicklung angestrebt und angebahnt, die das Judentum des 1!>. Jahrhunderts kennzeichnet, oder geschah dies nur im n.i türlichen Ablauf der Dinge, deren Exponent er selber gewesen isi. oder hat epigonenhaftes Mißverständnis ganz andere Wege einschlagen lassen, als folgerichtiges F'ortbilden der von ihm gewiesen' n Erkenntnisse geboten hätte. Antworten, die wir beute dringen i benötigen, weil sie für unsere Haltung zur Gegenwart und (er unseren Plan zur Gestaltung der Zukunft wesentlich sind. Wir haben den Mut. das Erscheinen der Jubiläumsausgabe ai- BUI der Frage der Zeit heraus geboren zu bezeichnen: so notwendig erscheint sie uns, so sehr dazu bestimmt, die notwendige neue I'" schäftigung mit Moses Mendelssohn fruchtbringend zu gestalten. V Spannung sehen wir dein F'ortgang des Werkes entgegen, das daiik der tatkräftigen Förderung der Familie von Mendelssohn auch n n äußerlich eine Zierde jeder Sammlung darstellt. in Leipzig 1826 o r w i t z , Cassel. den. Beim Gottesdienst wurde auch des Isaak Schilt gedacht und I ir sein Seelenheil gebetet. -- Aus Jacobsons Leben ist uns bekannt, i er seiner Heimatgemeinde Halberstadl eine große Summe speni wollte, wenn man ihm erlaubt hätte, einmal dort Neiloh vorzubet i. Auch in seinem Berliner Prlvatgoltesdienst amtierte er solange Kantor und Prediger. Iiis der König Friedrich Wilhelm III. die .' sonderung von der Gemeinde verbot. In Leipzig war er ja auf D< Iralem Boden und konnte dort sein Herz vor Gott ausschütten n sich hören lassen." ==E Verein „Jüdisches Jugendhaus" Leipzig, Elsterstr.7 Postscheckkonto: Leipzig Nr. 68274