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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1931-05-22 · 21 (22.5.1931) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
7 (1931)
Issue
21 (22.5.1931)
Date
1931-05-22
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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H, Mai 1931 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Sehr 3 id plünderte Jerusalem, wobei ihm dit> erst kürzlich an Salomo vergiften Pferde und Streitwagen gewiß eine willkommene Beute waren, c «ein Vordringen erleichterten. Und das Nordreieh erlag Iroti i euer Pestungsbauten bald den Atsyrern, ein Jahrhundert bevor «las dierte Südreich zwischen Aegypten und Babylon lerrieben wurde. i Megiddo fiel einer seiner letzten Könige, .losia, im Kampfe gegen Ii Pharao Necho II, der seinerseits fünf Jahre später dem Nehukud- ■zar von Babylon bei Knrkemisch unterlag. Diese Doppelkatastrophe, ie zum babylonischen Exil der .luden und zur Zerstörung Jerusalem! ihrte, machte der nationalen Staatsgründuni,' Davids und Salomos i Palästina ein frühes Ende. Die Lage der deklassierten Juden in SowjetruBlund. Vor einigen Monaten begab sich Herr S. Koldowsky im Auftrage des Verbandes der jüdischen Hilfsorganisationen Großbritanniens nach ttufiland, um die Lage der jüdischen Bevölkerung und die Erfordernisse für die Hilfsarbeit an Ort und Stelle zu studieren und die notwendigen Vereinbarungen für die Durchführuni; des vom Verband i lit der Sowjetregierung abgeschlossenen Vertrages zu treffen. Bekanntlich hat sich der Verband verpflichtet, jährlich einen Beirai; von o(MM) Pfund für Wohlfahrtsarheit zugunsten der deklassierten .luden in der Ukraine und Weißrußland zur Verfügung zu stellen. Von diesem Betrage sollen 75% für konstruktive und industrielle Hilfeleistung, wie Eröffnung und Erhaltung von Lehrwerkstätten, Förderung industrieller Unternehmungen, Lieferung von Rohmaterial und Gewihmng zinsfreier Darlehen verwandt werden. Die restlichen 25% sind für unmittelbare Hilfeleistung, d. h. Eröffnung und Erhaltung von Speisehäusern, lleilfürsorgestellen, Kinderheimen und Spielplätzen, auf denen auch Speisungen vorgenommen werden sollen, bestimmt Herr Koldowsky, der vor kurzem nach London zurückgekehrt ist, hat nunmehr dem Verband der Hilfsorganisationen einen Bericht erstattet, aus dem hervorgeht, daß zwar eine beträchtliche Zahl jüdischer Jugendlicher in den gegenwärtig in großem Maßstab errichteten Industriebetrieben untergebracht wurde, daß sich aber die deklassierten luden, d. h. die früheren Kaufleute und Handwerker, die aller Rechte berauÜ wurden, sowie die Kinder und die zur Arbeit physisch nicht Geeigneten in einer höchst beklagenswerten Lage befinden. Da sie Keine Brotkarten besitzen, müssen sie die notwendigen Lebensmittel zu außerordentlich hohen Preisen im freien Handel kaufen. Der Deklassierte muß z. B. für ein Pfund Brot, dessen Preis offiziell mit Kopeken festgesetzt wird, in Moskau 4(1 Kopeken, in der Krim gar 3K Rubel bezahlen. Die Laue hat sich in letzter Zeit noch dadurch Verschlimmert, daß durch einen neuen Erlaß den individuell arbeitenden Kustaren die Brotkarten entsogen wurden. Zu dieser Kategorie gehört eine große Zahl von Handwerkern, Schneider, Schuster, Barbiero usw., die auf eigene Initiative gearbeitet haben. Alle diese Kustars sind nunmehr auf die Lebensmittelversorgung im freien Handel angewiesen, in dem die Preise infolge dieses Zustroms neuer ' '•klassierter ständig im Steigen begriffen sind. Die jüdische Bevölkerung in den Städten und Städtchen hat ebenso wie die in den neuen | idischen Kolonien schwer unter Lebensmittelknappheit zu leiden, l errn Koldowsky wurde in Rußland seitens der Behörden mitgeteilt, ■iiß jetzt unmittelbare Hilfe durch Zusendung von Lehensmitteln und leidung für die Kinder noch dringender benötigt werde, als konduktive und industrielle Hilfe. Diese Aenderung der Verhältnisse ist Verein „Jüdisches Jugendhaus" Leipzig, Elsterstr. 7 Postscheckkonto: Leipzig Nr. 68274 eine Folge des gegenwärtig in den südlichen Teilen Rußlands herrschenden allgemeinen Mangels an Lebensmitteln. Nach Entgegennahme des von Herrn S. Koldowsky erstatteten Berichts hat das Exekutivkomitee des Verbandes der jüdischen Hilfsorganisationen Großbritanniens beschlossen, daß die vertraglich lür direkte Hilfeleistung bestimmten 25";, des Jahresuntersttttsungsbeltrags für die sowjetrussischen .luden, also iVKM) Pfund, ausschließlich für Kindelhilfe verwandt werden sollen, und zwar sollen 8000 Pfund für Speisung und '2(HK> Pfund für Kleider und Schuhe, die aus England nach Rußland geschickt werden sollen, ausgegeben werden. Die Verteilung der Gelder und die Arbeit der Institutionen für Kinderfürsorge werden der Kontrolle des Vertreters des Verbandes in Rußland unterstehen. Sächsische Gemeinden Plauen (Liberale SoiintaRsfeier mit Vortrag des Dr. Itaeck). „Ein großer Festtag ist unserer Gemeinde beschieden-', so begann die Einladung des Vorstandes unserer Gemeinde zum Vortrag, den Herr Rabbiner Dr. Baeck (Berlin) im Rahmen einer liberalen Gemeindefeier am 2(>. April 1i)31 halten sollte. Diese von Zeit zu Zeit stattfindenden liberalen Sonutagsfeiern mit einem auswärtigen Rabbiner als Redner waren schon immer gut besucht, sowohl von Gemeindemitgliedern als auch von Andersgläubigen. Noch nie aber war das Interesse an einem Vortrag dieser Art so stark wie dieses Mal. Und wahrlich, es war ein Festtag für alle, die da waren! Umgeben von den durch den Synagogenchor klangschön vorgetragenen Psalmen 23 und 1(X) stand der Vortrag über „Religion und Bildung". Vom ersten Augenblick an verstand es der hervorragende Kanzelredner die Zuhörer in seinen Bann zu ziehen. Kr führte aus, daß durch das Buch, die Zeitung, es dem Einzelnen erspart werde, selbst zu denken, sich eine eigne Meinung zu bilden. Die in riesigen Auflagen erscheinenden Zeitungen gehen gewissermaßen am laufenden Bande der Gesamtheit die Gedanken eines Einzelnen. Diese Art Bildung unserer Zeit hat viele Mensehen verflacht. Daher kann man von einem Kollektivismus der Menschen sprechen. Im Gegensatz dazu alier steht die Religion. Sie kennt nichts Fertiges; sie spricht vom Leben, und das ist nie fertig. Fertig ist Ware, fertig sind Gegenstände, alier Leben nicht. Der lebende Mensch strebt und ringt! Religion kennt nur den einzelnen Menschen, die einzelne Seele, nicht aber Masse Mensch. Religion und fertige Meinung vertragen sich nicht. Die Verflachung der Bildung hat den Menschen immer prosaischer gemacht. Das Kind ist in seinem natürlichen Empfinden, Forschen, Fragen im Vergleich zum Erwachsenen ein Poet zu nennen. Die Poesie, der Sinn Hildas Edle entschwindet dem Erwachsenen immer mehr. Religion aber ist Poesie, sie führt uns über die Stunden des Alltags empor zum Erhabenen. Jedes Kind ist auch religiös, wenn es nicht künstlich durch den Einfluß anderer abgewendet wird. Jedes Kind ist ein Poet, jedes Kind dichtet, solange es im eignen Paradies lebt. Wenn aber die Kindheit vorbei ist. wenn der Mensch sich von der Prosa des Alltages besiegen läßt, dann wird er ein prosaischer Mensch, der das Religiöse verliert. Das Nichtverstehen zwischen Mann und Krau, zwischen Eltern und Kindern ist ein Zeichen, daß ihnen die Poesie verloren ging, sie sind prosaisch geworden. Alles Gute im Leben ist im Grunde Poesie. Wenn aber Poesie schwindet, dann ist alles vorbei, was Menschen im Leben zusammenführen kann zu Opfern, zu Hilfe. Alle wahre Religion hat ihre Wurzeln in der Poesie und zieht daraus ihre Kraft. Einer Verflachung fallen diejenigen an heim, die sich keine Poesie bewahren können, sondern in der Herde der Straße mitziehen. Plauen (Abwehr eines antisemitischen Vorstoßes iu der Srhärhlfragp). Die nationalsozialistische Stadtverordnetenfraktion in Plauen hatte für die Sitzung der Stadtverordneten vom Mittwoch, dem <i. Mai 15131 folgenden Antrag eingebracht: „Das Stadtverordnetenkollegium wolle beschließen: a) Das betäubungslose Schächten wird verboten, b) Das Fleisch geschlichteter Tiere, welches von den rituell lebenden deutschen Staatsbürgern jüdischer Rasse als nicht koscher nicht übernommen wird, ist als minderwertig der städtischen Freibank zum Verkauf zu überweisen und dort als solches dem Käufer kenntlich zu macheu. Den Mindererlös haben die am Schächten interessierten Kreise zu tragen." — Angesichts des planmäßigen systematischen Vorgehens der Nationalsozialisten im ganzen deutschen Reich auf Herbeiführung von Schächtverboten, bedeutet deren Antrag in Plauen, der Hochburg dieser Partei, einen schweren, in seinen Folgen nicht all-

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