Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 21 (22.5.1931)
- Date
- 1931-05-22
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seit« 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer 81 Moses", zitiert Herder und schreibt zu diesem Satz einen Kommentar, wie ihn keiner der vielen Rihel-Kommentatoren geschrieben hat. Im allgemeinen gilt dieser Ausspruch als ein Axiom, das keines Beweiset bedarf; Herder dagegen sucht die Wahrheit dieses Ausspruches zu beweisen. Kr zählt der Reiht" nach fast alle Propheten auf, um dann tun, dafi sie au Moses Größe nicht heranreichen. „Samuel hatte einen Strahl von seinem Licht, aber nicht seine Kraft. David war weich und zart, gerecht und tapfer, aber ein Köllig; er umwand das mosaische Gesetz mit lyrischen Kränzen, konnte es aber nicht dauerhaft stützen. Snlomons Weisheit ging in wollüstige Feinheit, in Glans und Pracht des Hofes Uber. Elias hatte einen Arm von Moses Kraft, sein Zeitalter aber war zu tief gesunken: er reinigte wie Feuer und Wind, er konnte aber nicht stiften, nicht beleben. Jesalaa und andere Propheten waren der Mund Moses, sein Geist und reiner Klick erfüllte sie; wo ist aber die Tat, die sie schufen? das Gebäude, das sie dahinstellten?" Nein, es stund hinfort kein Prophet in Israel auf wie Moses. Und dieser größte aller Propheten war auch ein großer Dichter seines Volkes. Herder würdigt Moses als Dichter im buchstäblichen und zugleich auch in einein sehr vieldeutigen Sinne. Zunächst ist Moses Objekt der Dichtung, an dem sich die dichterische Begeisterung entzündet; und dann ist er selber ein gewaltiger Sänger vor dein Herrn. Auf dreierlei Weise, schreibt Herder, hat Moses auf die Poesie seines Volkes gewirkt. Zuerst durch seine Taten: der wunderreiche Auszug aus Aegypten, die Wanderung durch die Wüste, die Eroberung des Landes, ward der ewige Stoff ihrer Bilder und Lieder. Auch die Einrichtung des Gottesdienstes und des Priestertunis rechnet Herder zu den Taten Moses, durch die er auf die Poesie des Heräervolkes gewirkt hat, denn durch sie entstand der Tenipelgesang. der „die Poesie der Ebräer in allem heilig machte". Ferner hat Moses auf die Entwicklung der hebräischen Poesie den stärksten Einfluß dadurch ausgeübt, daß er den Propheten die Befugnis gab. zu warnen, zu unterweisen, zu trösten: dadurch wurde stets von neuem auch in Zeiten des Verfalls der heilige Gesang wiedererweckt. „Man liest die Propheten nie recht wenn man sie als Weissager, als Träumer, als Marktschreier ansieht: Nachfolger Moses waren sie, Anwender und Erneuerer seines Gesetzes in verfallenen Zeiten; und einige unter ihnen waren sehr weltkluge Männer, große Redner, lehrreiche Dichter". Unmittelbar aber hat Moses selbst als Dichter, durch eigen Poesien und Lieder, auf die Gestaltung der hebräischen VoUnpoesli unsterblich gewirkt. Moses letztes Lied war das Vorbild der Rede kunst der Propheten, sein Lied am Roten Meer das Vorbild der Lob Sieges- und Krrettiingspsalmen. und der (H). Psalm das Vorbild alli lehrenden Lieder. Ganz wundervoll beschreibt Herder Art und K< BChaflenheit der Poesie des Moses; sie ist, „wie sein Lehen un Charakter war, vielumfassend, aber hart, ernst und einsam, sie glän wie sein Angesicht, aber eine Decke hängt vor ihr". Herder geht al Moses-Lieder in der Bibel einzeln durch und weist im einzelnen au ihre poetischen Schönheiten und Feinheiten hin. Der Gesang Mos. am Roten Meer (die „Scliirah") nennt Herder „das älteste und kli gendste Siegeslied", den „unübersetzbaren ältesten Siegesgesang d< Erde". Herder vertritt die Ansicht, daß Israel die Lieder Moses au wendig lernen mußte. (Hierfür könnte man. dünkt mich. 2. B. .\ . Kap. 1"), V. 1,als Beweis heranziehen. Da heißt es: <)s jaschir Mosch* ubhne jisrael eth haschirah hasoth „Da sang Moses und die Kind' Israel dieses Lied". Haben nun die Kinder Israel das Lied gesungi . so mußten sie es vorerst auswendig gelernt haben.) Mit überschwenglicher Begeisterung spricht Herder von Mose-, dem Dichter. Moses ist ihm nicht nur der Dichter seines Volkes, di i Schöpfer und Erwecker der hebräischen Poesie, — der Mann Mo» ■ und sein Werk ist ihm schlechthin eine lebendige Quelle der Dichtkunst In Herders Hauptwerk findet man folgende merkwürdige Stelle: „Lies Moses! Lies die mosaische Geschichte! Oft gibt ein Wort, d.is darin vorkommt, zur schönsten poetischen Entwicklung in ganzen Kapiteln Anlaß; was bei den Griechen Homer ist, ist hei den Ehrtern Moses". — Indes, in jeder vielgestaltigen Persönlichkeit gibt es ein Zentrum, worin alle Kraftquellen des schöpferischen Geistes gesammelt erscheinen. In diesem Zentrum ruht des großen Mensch* n Wesenskern, hierin ruht seine Größe, die alles andere Große in ihm überschattet. Wie groß auch in allem Moses gewesen sein mag. In überragender Größe erscheint er doch nur als Volksbildner und Gesetzgeber. Auch Herder verschloß sich nicht «lieser Erkenntnis. Zu Ende des Moses-Kapitels, das doch nur von Moses dem Dichter hau*] schaltet er kurz die Bemerkung ein: So großer Dichter Moses auch war, so war er doch mehr Gesetzgeber als Dichter. Aus aller Welt Der in Megiddo ausgegrabene Srhwadninsstall des König* Salomo. Friedrich von Oppeln-Rronikowski referiert in der „Frankfurter Zeitung" über die Ausgrabungen des Orientiustituts der Universität Chicago in Megiddo in Palästina, deren Bericht von P. L. O. Guy jetzt vorliegt (Kommunikation Nr.!). vom März 1881). Unweit der Stadtmauer fand sich ein großes Gebäude (08 iSOJi in) mit eigentümlich..... Grundriß. Es bestand aus vier Abteilungen, deren jede durch zwei Reihen von Steinpfeilern mit einer Mittelgasse aus Steinplatten geteilt ist; zwischen diesen Pfeilern tand sich au einer Stelle noch ein steinerner Trog nach Art einer Futterkrippe. Das Gebäude war offenbar ein Stall, der Raum für eine Schwadron von 120 Pferden bot. Kr stammt wie die ganze planmäßige Stadtanlage aus der Zeit um 1000 v. Chr.. also der Zeit Salonions. Nun wissen wir aus dem I. Buch der Könige, Kap. IX. 15—19, und X, 2—29, daß Salome außer seinem Palast und dem Tempel sowie den Stadtmauern von Jerusalem „Städte der Reiter und der Wagen", sowie Kornmagaziue erltaut hat, unter anderem die zerstörte Stadt Geser und Megiddo. und daß er ein Kavalier!ekorpa von 12000 Mann und 1400 Kriegswagen aufgestellt hat. die er jüdischen Führern unterstellte und teils als Garde nach Jerusalem, teils in die von ihm erbauten Festungen legte. Weiter heißt es: „Und man brachte Salomo Pferde aus Aegypten und allerlei Wagen, je einen Wagen um tiOO Sekel und ein Pferd um ISO. Also brachte man sie auch allen Königen der Hethiter und in Syrien durch ihre Hand." Mit anderen Worten: Salomo bezog diese Truppenformationen fertig aus Aegypten, dessen Pharao sein Schwiegervater war. und was er selbst nicht behielt, verkaufte er weiter an seine nördlichen Nachbarn. Die Ausgrabungen in Megiddo bestätigen diese Nachricht der Bibel; der aufgefundene Sehwadronsstall hat offenbar für Salon .s Kavallerie oder als Depot für seinen Soldatenhandel gedient. Das Merkwürdigste dabei ist vielleicht, daß die Aegypter SC sl das Pferd und den Streitwagen, den Vorgänger der modernen Tsi ■ -• erst durch die Hethiter in Kleinasien kennengelernt und deren \ - bild nachgeahmt hatten. Offenbar aber hatten sie ihre Lehruiei T in der Ausbildung und Organisation bald derart überflügelt, dafi diese jetzt Pferde und Streitwagen durch Salomos Zwiscbenlia* I aus Aegypten bezogen, also eine völlige Umkehrung der Dinge. A! rdingt war die einst so bedrohliche hetliitische Großmacht dan - schon zum Schatten verblaßt, und so hatte Salomo neben dem n> riellen Gewinn an seinem Monopolhaiidcl, der stark an den der sp reu Ptolemäer in Aegypten erinnert, vor allem auch ein polltis Interesse daran, seine nordischen Nachbarn zu stärken, um sich se 1 eine Rückendeckung gegen die bedrohlichen Großmächte des Zv Stromlandes, Astur und Babel, zu schaffen. Nimmt man dazu St Verwandtschaftlichen Beziehungen zu Aegypten und sein freu tcfasitlicbet Verhältnis zu der phönikischeu Seemacht von Tyru> erkennt man ein wohldurchdachtes System des bewaffneten h'riedi das den jungen jüdischen Staat zur Blüte brachte, und mau Verth warum die Zeitgenossen Salomos Weisheit bewunderten, obwohl •luden über sein strenges Regiment und seine Abgötterei murrten. Wie richtig diese Politik war, zeigte sich sofort nach seinem Ti als man sie verließ und der Staat in zwei Hälften auseinanderkla': die sich gegenseitig bekämpften und schwächten. Der Sturz dei nitendynastie in Aegypten, der den libyschen Söldnerführer St schonk (Sisak) zur Macht brachte, kam hinzu. Dieser Condottl* mit dem sich der ehrgeizige .lerobeam, der neue König des jüdisch' n Nordreiches, versippt hatte, bekriegte das Süd reich des Kebabe... *