Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 18 (1.5.1931)
- Date
- 1931-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer ls deutlich erkennen: dai deutsche Judentum ist der Gefahr des Unterganges erschreckend nahel Auch In der christlichen Bevölkerung finden wir den Geburtenrückgang in der Großstadt, aber <iort existiert ein Reservoir, die Bevölkerung auf dem flachen Laude, die jederzeit einen n<>ti«; werdenden Nachschub gewährleistet. Uns Juden fehlt auf Grund unserer historischen Entwicklung diese stütze; eilen wir, sie uns zu schaffen, solange es noch nicht zu spät ist! ich habe in den vorangegangenen /eilen immer von „jüdischen Siedlungen" gesprochen. Es ist selbstverständlich geplant, nicht bei dein einem Gute Qrofi-QaglOW haltzumachen, sondern es soll im Laufe der Zeit in den verschiedenen Teilen des Reichs nach dem Vorbild von Gaglow gesiedelt werden. Die staatlichen Kredite reichen hierzu nicht aus. denn der Staat gewährt sie immer nur für die Siedlerstellen. während er den Gutsbetrieb, der bis zur endgültigen Aufteilung bestehen bleiben muß, ebenso wie den Gärtnerlehrbetrieb und die besonderen Investitionen nicht unterstützen kann. Im Laute der Zeit aber wird durch das allgemeine (Jebergehen des Gesamtbetriebes das investierte Kapital der Siedluiigsgescllschaft wieder frei werden und es wird möglich sein, aus diesen Mitteln neue (Hiter zu kaufen und zu besiedeln. Ueber die Notwendigkeit der jüdischen Siedlung in Deutschland sind sich alle jüdischen Kreise einig, welcher Partei der Einzelne auch angehören mag; Liberale. Konservative. /. i o n i s t e ii, alle arbeiten sie gleichmäßig an der Aufbauarbeit der jüdischen Siedlung in Deutschland. Die jüdischen Parteien und Organisationen haben erkannt. daß die Wohlfahrt allein nicht aus der heutigen Notlage helfen kann, denn sie ist ein Fall ohne Boden, aus dem immer genau so viel herauslaufen muß, wie man hineintut. Es soll hieimit nichts gegen die Notwendigkeit der reinen Wohlfahrt gesagt werden, die gerade heute unbestreitbar ist. aber die Wohlfahrt krankt daran, daß sie keim» Arbeit schafft, die dauernd vor der Not schützt, und der Unterstützungsempfänger, der keine Arbeil findet, wird der Wohlfahrt ständig zur Last fallen, liier wird die volle Bedeutung der jüdischen Siedlung in Deutschland ersichtlich: d i e Menschen, die auf dem Lande unter derart günstigen Bedingungen angesiedelt werden, fallen nie wieder der Wohlfahrt zur Last, sondern sie werden sogar noch — wie ich oben ausführte einen größeren Kreis nach sich liehen (Handwerker und Gewerbe treibende), die sonsl auf der Flucht vor dem Antisemitismus dl ifl Hachen Landes ebenfalls den Wohlfahrtsorganisationen der Großstadl zur Last fallen würden. Weite Kreise des deutschen Judentums haben der Siedlungs bewegung in Deutschland ihre Unterstützung zugesagt und bewiesen, aber es sind noch lange nicht genug: Alle müssen helfen, keiner darf beiseitestehen bei diesem Werk, das Leben und Wohl ergehen der deutscheu Juden für Kinder und Kindeskinder gewähr leisten soll, ich weiß, die Zeiten sind schwer, aber es muß geschallt werden, ehe es zu spät ist. sonst ist das Schicksal des deutschen Juden lums in Frage gestellt. Der Landeskulturamtspräsidcnt, der über die Frage der Staatskredite zu entscheiden hatte, äußerte: „ich bin überzeugt, daß die deutschen Juden wenn sie die Siedlung ernstlich wollen auch die nötigen Mittel dazu aufbringe werden!" Soll er den Idealismus des deutschen Judentums überschätzt haben? Opfer sind nötig, ehe das Ziel erreicht sein wird, große Opfer, aber das Werk wird gelingen, wenn jeder nach seinen Kräften dasi beitrügt, es wird zukünftigen Generationen zeigen, was ziel bewußte Menschen auch in derartigen Not leiten vollbringen können. Ausschußsitzung des sächsischen Am 1"). März trat in Dresden der Ausschuß des sächsischen israelitischen Gemeindeverbandes zu seiner diesjährigen Sitzung zusammen. Aus der soeben bekanntgegebenen Niederschrift sei hier über die Beratungen das Wesentliche mitgeteilt: Der Yorbandsvorsitzende, Rechtsanwalt Salinger. gedenkt nach BrOffnung der Sitzung mit ehrenden Worten der im Berichtsjahre Verstorbenen, der Herren Isidor Brauer (Löbau), Emil Plaut (Leipzig) und Desider Gutmsnn (Leipzig), denen der Verband für ihre im Interesse der Gemeinden geleistete Arbeit Dank schuldet. Aus dem Berichte des Vorsitzenden verdient besondere Erwähnung, daß voraussichtlich die Vorlage zum Gesetz über die öffentlich-rechtlichen Religionsgesellschaften bald vor dem Landtage zur Verhandlung kommen wird. Dagegen war noch nicht zu erfahren, wann die verschiedenen Anträge, die eine Aenderung des Gesetzes über das Steuerrecht öffentlich-rechtlicher Religioiisgesellschaften vom 1. Juli 1831 zum Gegenstand haben, zur Beratung kommen werden; auch über die Frage, in welchem Stadium sich der Antrag auf Einführung eines Schäehtverbotes befindet, war noch nichts Bestimmtes zu erfahren. Im Billvernehmen mit dem sächsischen Ministerium der Justiz ist die Seelsorge in den G e f a n g e neu an stalten neu geordnet worden. Die Gefangenenseelsorge wird jetzt von den für die betreffenden Anstalten zuständigen Rabbinern und Predigern ausgeübt. Der Gemeindeverband, die Vereinigung der Rabbiner im Freistaate Sachsen und die Sächsische israelitische Lehrervereinigung haben eine Eingabe au das Staatsministerium gerichtet, in der die sächsischen Juden gleiches Recht mit den anderen Religionsgesellschaften hinsichtlich des Rel I - giOBSUnt e r rieht- (ordern. Eine Antwort darauf ist noch nicht eingegangen; der Vorsitzende gibt auch seinem Zweifel darüber Ausdruck, daß aus Staatsmitteln für den jüdischen Religionsunterricht und für jüdische Kultuszwcckc Beiträge bewilligt werden würden. Eine Aussprache zu dieser Frage führt zu dem Beschluß, die Angelegenheit tatkräftig zu verfolgen und. falls es erforderlich werden sollte, auch eine gerichtliche Klärung über die Berechtigung der Forderung herbeizuführen. Zu begrüßen ist. daß das Ministerium für Volksbildung den Erlaß einer Verordnung vorbereitet, wonach die für den Sabbat geltenden Bestimmungen über Berücksichtigung der Sabbat-Heiligung ii den Schulen auch auf die F r e i t a g - N a c Ii m i 11 a g e ausgedehnt werden sollen. israelitischen Gemeindeverbandes Eine Aussprache entwickelt sich im Anschluß an ein Schreibet der jüdischen Volkspartei Chemnitl, worin diese Be schwerde führt, daß die Gemeinde Chemnitz im Ausschuß de- Sächsischen Israelitischen Qemeindeverbandes nur durch Anhange: einer einzigen Richtung vertreten sei, d. Ii. dafl die Volkspartei in diesem Ausschuß nicht vertreten sei. Der Vorsilzei.de hat auf diese« Schreiben erwidert, daß nach § 'J der Satzung des Veibandes Einwirkung auf die Verfassung der einzelnen Keligionsgemcii den, insbesondere in den Fragen des Wahlrechte, nicht zu de Zwecken de« Verbandes gehört, und daß der Verband deshalb nicht in der Lage ist, sich in die internen Angelegenheiten seiner Gl meinden einzumischen. Herr Schocken (Zwickau) empfiehlt bei dies. Gelegenheit, die Verhältnisse in der Chemnitzer Gemeinde zu er jrlei und spricht den Wunsch aus, zu einer Aussöhnung der Gegensätze Chemnitz beizutragen. Eine Erörterung wird grundsätzlich abgelehn Herr Kahn (Chemnitz) stellt Jedoch fest, daß er nach den letzt' schweren Angriffen der Volkspartei den jetzigen Zeitpunkt zu Fri> densvei handlangen nicht für geeignet halte; wenn Ruhe eingetreti sei, sei er bereit, Verhandlungen aufzunehmen. Von dieser Erkläru nimmt die Mehrheit der Versammlung mit Befriedigung Kenntnis. Beim Kassenbericht ergibt sich, daß der auf 2r>5<X) Ii festgesetzte Haushalt um 06,02 RM. überschritten worden ist. Unt Genehmigung der Ktatübcrschrcituiig wird Entlastung erteilt.