Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1931-05-01 · 18 (1.5.1931) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
7 (1931)
Issue
18 (1.5.1931)
Date
1931-05-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/4876568-5968779-5969245--3884-4878247
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ßemeinö cMatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG! Das Gemeindeblatt erscheint |eden Freitag und wird den Mitgliedern der Kellglonsgemelnde unentgeltlich iciitKiHHdi I NUMMER 18 / JAHRCANC 7 durch die Post zugestellt - S i Ii r i I t I r I I u n k : p n C I v a # * LA m U | A ) < Gemeinderabbiner Gustav Cohn, Leipzig, Lohratrafie 10 r K t I T B 6 1» MAI 1911 Anzeigenverwaltung und Druck: Budidruckerel August Pries, Leipzig, BrOderstr. 59 - Fernruf 70008 - Postscheck Leipzig 53920 - Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfassers gestattet Groß-Gaglow wird besiedelt! Von itud. jur. Rudolf Solmsen. Vor einem Jahre haben Sie aus einem hier erschienenen Aufsatz von l'rof. Kran/. Oppenheimer („Siedlung tut not", Nr. '-'4, Jahrg. 1030) und aus einem Ausruf des „Rcichsbund für jüdische Siedlung in Deutschland" E. V. (HIS), Herlin, Kurfürstendamm 2(K), erfahren, dafi der HIS das Gut Groß-Gaglow bei Kottbus gekauft hat, um dort zum ersten Male In Deutschland jüdische Siedler in größerer Zahl ansässig zu machen. Wenn Sie heute nach Gaglow kommen, finden Sie einen grolicn Gutabetrieb mit ausgezeichneter Milchwirtschaft vor. Eine Zentralgärtnerel von etwa 20 Morgen Größe mit Baumschule wird angelegt, die Kulturen für die ersten Siedler, die bereits in diesem Herbst belogen werden sollen, sind im Hau. Zur Zeit sind auf Groß- Gaglow außer den beim Kauf übernommenen christlichen Landarbeiterfamilien ein verheirateter jüdischer Inspektor, ein verheirateter jüdischer Obergärtner und 25 jüdische (iärtner und Landarbeiter, darunter auch die Siedl ungsanwlrter, beschäftigt. Die Siedlung in Gaglow untersteht der Aufsicht des zuständigen Kidturamts und damit des preußischen Landwirtschaftsministoriums. Der Hebauungsplan für das Gut. das etwa K20 Morgen groß ist, sieht! 10 40 Gärtnerstollen, außerdem Geflügelfarmen von etwa 10 Morgen Grolle, Hauernslellen von 40 50 Morgen und einige Handwerker- und I indarbeiterstellen vor. Die Gürtncrstelle, die etwa 8 Morgen groß ■ I. kostet mit massivem Haus, elektrischem Licht, Wasserversorgung U8W, rund 19 000 KM. Davon werden 16000 UM im Hentcngutverfahn auf Qnind des Heichssiedlungsgcsclzes aufgebracht, die restlichen 3000 ü.M. muß der Siedler selbst anzahlen. An der Rentabllitll der S i e d 1 e r s t e 11 e n besteht kein Zweifel. Der einzelne Siedler hat durch die zur Verfügung | stellten Staatskredite nur ganz geringe Zinsen aufzubringen (050 RM. i Jahr einschließlich Amortisation), der Absatz der gezogenen Prunkte ist gewährleistet, er soll genossenschaftlich organisiert werden. IS Gut ist marktmäßig äußerst günstig gelegen: eine größere Stadt, ittbus, mit ihrem bedeutenden Markt ist in unmittelbarer Nähe; Berdem besteht dort eine größere jüdische Gemeinde, auf die sich " Siedler jederzeit stützen können. Auf Gaglow sollen in der Hauptsache landwirtschaftliche Edel- •idukte (Gemüse, Obst usw.) augebaut Werden, die eine größere tdabilitüt gewährleisten als die Produkte des Qrofibauernbetriebet, ireh die enge Zusammenarbeit mit dem Lanileskulturamt ist eine lerne, den heuligen wissenschaftlichen Erkenntnissen entspresnde Hearbeitung des Bodens gesichert. An geeigneten Siedlern besteht kein Mangel. in HIS laufen täglich Briefe ein von ehemaligen Landwirten aus ii abgetretenen Gebieten im Osten Deutschlands, die nicht Uber die ktel zum Ankauf eines neuen Gute« verfügen; täglich melden sich lemalige Frontsoldaten, die durch Krieg und Inflation ihre Stellung verloren haben und nun aufs Land hinaus wollen; in der jüdischen 1 :irtenbauschule Ahlem werden Hunderte von jungen Menschen aus- £< bildet, für die nach Vollendung ihrer Lehrzeit eine geeignete Stelle und später eine Exislenzmöglichkeit geschaffen werden soll. Täglich erscheinen Eltern, die sich über die Aussichten informieren, die ihre Kinder nach einer solchen Lehrzeit haben werden. Natürlich kann nicht wahllos jeder beschäftigt und angesiedelt werden, der sich darum bewirbt. Der RIS ist sich der ungeheuren Verantwortung bewußt, die ihm auferlegt ist, und es werden stets die Hosten unter den Bewerbern ausgesucht. Nachweis praktischer Kenntnisse, sei es in privatem Betrieb oder in einer Gartenbauschule, ist unbedingt erforderlich, außerdem muß der Siedlungsanwärter in der Lage sein, aus eigenen privaten oder anderen öffentlichen Mitteln (Stiftungen usw.) die Anzahlung von SIMM) HM. aufzubringen. Ferner muß er eine Probezeit ablegen, nach deren Ablauf sich erfahrene Fachleute darüber klar werden, ob der Praktikant geeignet ist, eine eigene Siedlerstelle zu bearbeiten. Daneben wird versucht, diejenigen Siedler, die zwar die Eignung, aber nicht das notige Geld haben, auf anderen jüdischen Gütern unterzubringen. Jüdische Siedlung in Deutschland welch schwerer Schlag für den Antisemitismus, der immer behauptet, daß der Jude nur vom Handeln und Schachern lebe! Der Jude ergreift l'tlug und Hac ke. Spaten und Sense, und erobert sich die deutsche Erde noch einmal, jene Erde, für die seine jüdischen Brüder im Kriege gefallen sind, mit der seine Vorfahren seit Jahrhunderten geistig und kulturell verwachsen sind. Und die Erde wird konzilianter sein als die Menschen, sie wird ihm die Daseinsbedingungen zugestehen, die ihm ein großer Teil seiner Mitmenschen verweigern will — —. Natürlich soll hier in Gaglow k e i n u e ups Ghetto geschaffen werden. Man hat beim Ankauf des Gutes die dort beschäftigten christlichen Landarbeiter mit übernommen und wird sie auch weiterhin beschäftigen. Die Zusammenarbeit von christlichen und jüdischen Arbeitern kann nur von Nutzen sein: die christlichen Arbeiter in Gaglow und die Nachbarn sehen, wie grundlos die Vorwürfe und Vorurteile gegen die Juden sind, sie lernen sie achten und schätzen, und anderseits werden die jüdischen Arbeiter von der größeren Erfahrung ihrer christlichen Kollegen nur profitieren können. Es ist vorauszusehen, daß in kurzer Zeit auch jüdische Handwerker und K I e i n k a u f 1 e u t e nach Gaglow ziehen werden. Die jüdischen Handwerker und Gewerbetreibenden in den Landstädten, die heule schutzlos unter Boykott und Drohungen zu leiden haben und schließlich entmutigt der l'ebeimacht weichen müssen, werden in Zukunft nicht mehr das Heer der Arbeitslosen in der Großstadt vermehren, sondern eine neue gesicherte Existenz auf den jüdischen Siedlungen finden, wo sie sich bei einigem Fleiß sehr bald einen festen Kundenstamm unter den Siedlern schaffen können. Von den jüdischen Siedlungen wird ein neuer Aufschwung der jüdischen Bevölkerungszahl ausgehen. Wenn wir lesen, daß heute allein in Berlin die jüdische Gemeinde jährlich um über 800 Seelen kleiner wird — in den anderen deutschen Großstädten haben wir ähnliche Verhältnisse - . so müssen wir klar und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.