Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 16 (17.4.1931)
- Date
- 1931-04-17
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4876568-5968779-5969243--3860-4878225- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Kaunas 1× ep/1000678
OCR text
17. April 1931 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seite 3 Teil |fldisch6D Menschen, die durch die Grenzziehungen im Osten während der umwälzenden Jahre 1018 1920 hin- und hergejagt, abgeschoben, registriert, zurückgestoßen und ohne Heimatrecht und Paß in ein Dasein der Unruhe und der ständigen Angst gedrängt wurden. Das Wort Franz Werfeis, daß der Sinn des .lude-Seins eine ungeheure Schwere in sich birgt, darf getrost ergänzt werden: . .. noch schwerer iber ist es, ein staatenloser .lüde zu sein! Erschütternd sind die Nachrichten, die gerade jetzt aus Litauen kommen. Wenn Staaten untereinander mit diplomatischen Zwistig-;eiten beschäftgt Bind, dann sind die breiten Massen immer die Leidtragenden, im Osten naturgemäß: .luden! In Kowno hat man ein (iesetz gemacht, das - - wahrscheinlich als krasse Auswirkung der allgemeinen Wiiischaftsdepression außerdem! — allen Ausländern und Staatenlosen die Ausübung eines Gewerbe» oder Handels im Bereich der litauischen Grenzen untersagt. Nun sind aus den Gerieten um Wllna, die einst litauisch waren und dann durch den bekannten polnischen Handstreich geraubt und besetzt worden sind, zahlreiche Familien, insbesondere jüdische, ins litauische Mutterland zurückgewandert, Diese, im eigentlichen sinne Staat st reuen Rückwanderer hat man jedoch für Staatenlos erklärt. Und so erhielt das neue Gesetz erst seine drakonische Schärfe. Was ist zu tun? Es geht nicht um wenige, sogenannte Einzelfälle, sondern um eine große Zahl von Familien. Und das alles im Zeitalter von Paneuropa oder Zumindestens unter der Aegide des Völkerbundes. F'rst in diesen Wochen kommt aus Genf die Kunde, laß das neugeschaffene Internationale Flüchtlingsamt, das übrigens den Namen Nansens tragen soll, seine Arbeiten mit allgemeiner Materialbeschaffung und mit der Ausarbeitung von Richtlinien in Angriff nehmen will. Inzwischen rufen die unfreiwillig ihrer Heimatrechte beraubten Massen nach Nansen, nach Rettung, nach irgendeiner Lösung. Unsere mitteleuropäischen Besorgnisse sollten nicht übermächtig ■ las gesnmljüdische Gewissen betäuben! Grenzen und nationale Probleme, politische und wirtschaftliche Zusammenhinge mögen ihre lierochtigurig haben. Aber über allem steht doch der Mensch. Und letzten Endes gibt es für uns. trotz aller Weltanschauungen und Differenzierungen, eine jüdische Verantwortung, die eine Art sichtbarer religiöser Verwirklichung darstellt. In die Wagschale der Zeitgeschichte muß nicht nur die moralisch prädestinierte Kraft des Völkerbundes, sondern die zur aktiven Hilfe verpflichtete jüdische Gesinnung geworfen werden. Das scheinbar ewige Problem der Staatenlosen bedarf einer dringenden und restlosen Klärung; die jüdischen I iihrer aller Lager und Richtungen haben hier eine Itasis. um ihre vereinten Kräfte einer großen religiösen, nationalen und monschhoitlichen Sache zur Verfügung zu Stedten. J. Raphael. Unsere Gemeinde BeriefcHgnag! Hei der Bezeichnung der in Nr. 14 auf der ersten Seite verüffonl- . Ilten Abbildung eines Blattes aus der venezianischen Haggada muß '\e Jahreszahl 1620 (nicht, wie irrtümlich angegeben war. 150(1) "ißen. Durch ein technisches Versehen ist in dem Aufsatz in Nr. 15 des iemeindeblattes: „Noch einmal: Das jüdische Leben Leipzigs usw.", ine Zeile weggefallen, wodurch der Sinn völlig unverständlich ge- Verein „Jüdisches Jugendhaus" Leipzig, Elsterstr.7 I Postscheckkonto: Leipzig Nr. 68274 worden ist. Her entsprechende Teil des Satzes mußte lauten: .....geht auch daraus hervor, daß der Artikel von Dr, Adler mit keinem Worte auf den vorangegangenen Aufsatz Besug nimmt, mit keinem Worte sich als eine Richtigstellung, ja auch nur als eine Ergänzung gibt. Im Gegenteil! Die unbestreitbare Leistung der religiös-liberalen .luden für das jüdische Leben Leipzigs wird, von einigen freundlich anerkennenden Worten begleitet, in eine Betrachtung der Wahlrechts frage hineingeschachtelt ..." Vorträge des Herrn Rabbiner Dr. Gohlinaiin. Am Sonntag, dem 12. April, beschloß Herr Dr. Goldmann mit einem Vortrag über das Thema „Angriffe auf den Talmud und ihre Widerlegung" seine Vortragsreihe über den Talmud. Die Vorträge nahen einen überwältigenden Erfolg gehabt, und dies kam besonders bei dein letzten Vortrag zum Ausdruck, hei dem die Synagoge, man kann sagen, bis auf den letzten Platz gefüllt war. Es hat sich gezeigt, daß diese Vorträge nicht nur unter den Leipziger Gemeindemitgliedern, sondern auch im Kreise der übrigen Leipziger Bevölkerung das weitestgehende Interesse gefunden haben, denn gerade die nichtjüdische Bevölkerung Leipzigs war es. die den überwiegenden Teil der Zuhörer stellte. Die fesselnde Art des Vortragenden gab derartig viel Anregungen, daß er nach dem Vortrag von vielen nichtjüdischen Mitbürgern noch um Aufklärung verschiedener Kragen angegangen worden ist. Wir würden es wünschen, wenn noch viele ähnliche Vorträge geholen würden, die den nicht jüdischen Kreisen das Verständnis unserer jüdischen Auffassung nahebringen und geeignet sind, die Saat des Hasses gegen unsere Glaubensgemeinschaft zu vernichten. Dein Vortragenden sei au dieser Stelle der herzlichste Dank der Genieindeverwaltung im Namen der gesamten Gemeinde ausgesprochen. „Rechtsstaat oder Drittes Reich" Die Ortsgruppe Leipzig des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens veranstaltete am IS. März 1081 eine Gemeindeversammlung, in der Herr A r t h u r s c h w e r i n e r. Berlin, ein Referat über das Thema: „Rechtsstaat oder Drilles Reich?" hielt. — Er führte folgendes aus: In fast allen Kreisen des Judentums hat ein Pessimismus Platz gegriffen, der an eine wirtschaftliche und politische Besserung keinen mehr glauben läßt. Mit Pessimismus und Verzweiflung ist aber nichts geholfen. Es ist notwendig, den Dingen klar ins Auge zu sehen, und zu tun. was aus der Lage heraus getan Werden muß. Nur wer gearbeitet hat. hat auch das moralische Recht zu hoffen. Vier konkrete Kragen müssen beantwortet werden: Wer sind die Wälder, die am 14. September 1030 für die nationalsozialistische Kartei gestimmt haben? — Wie wird Hitler seine Machtstellung ausnützen? — Hat sich die faschistisch-antisemitische Welle überschlagen? — Was können wir angesichts dieser Lage tun? — Zu der ersten Krage führt der Referent aus: Das große Heer der nationalsozialistischen Wälder vom 14. September ist sehr unterschiedlich zusammengesetzt. Ks wird gebildet aus Angehörigen des kleinen kaufmännischen und gewerblichen Mittelstandes, der sich durch die kapitalistische Welle bedroht fühlt: er liest von Hitler: „Alles hat gelitten, nur der Jude nicht!" Fast keiner weiß ja etwas von dem Untergang des jüdischen Mittelstandes. Hinzu kommen Anhänger aus den Kreisen der Beamten, der freien Berufe. Landwirte und der Zuzug von Jugendlichen, für deren Geltungstrieb gerade in dieser Partei das geeignete Feld vorhanden ist. Auch entdeckt man. wenn man gerade bei der Studentenschaft diesen Nationalsozialismus beleuchtet, daß dahinter ein krasser Egoismus steht. Da es — wie vor dein Kriege — beute nicht mehr die Privilegien auf Vererbung von Stellungen beim Staat und in den Kommunen gibt, so sind sie bemüht, alle anbequeme Konkurrenz auszuschalten: daher der numerus daUSUS, deshalb die Kämpfe gegen die jüdischen Studenten, damit durch diese nicht Posten in der Verwaltung besetzt werden können. Was wird Udler mit seiner Macht tun? Ein Parteiprogramm aufzustellen ist sehr leicht, aber es durchzuführen für einen Führer von Verantwortung sehr schwer. Man sieht aus allen Handlungen Hitlers, daß er es darauf angelegt hat. auf legale Weise zu seiner Macht zu gelangen, so legitim, daß seine» Feinde bereits daran verzweifeln. So ist es z. B. nicht im geringsten in seinein Sinne gewesen, daß die