Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 16 (17.4.1931)
- Date
- 1931-04-17
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/4876568-5968779-5969243--3859-4878224- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 GEMEINDKBLATT DHU ISRAELITISCHEN RKLIGI0NSGEME1NDE ZU LEIPZIG Nummer Iti nt'iu'in Leben III erwecken. Auf die vielen biblischen Epen, von denen liier nur der „Noah" Bödmen und „Der geprttfte Abraham" Wieland« erwähnt Bein mögen, folgte eine Reihe biblischer Dramen. Wie Bodmer der erste war, der wieder biblische Stoffe in die deutsche Literatur einführte, so hat er sieh auch in biblischen Dramen zuerst versucht. Er schrieb unter anderem „Der erkannte .loset", „Oer Tod der ersten Menschen", ..Der Vater der Gläubigen", ein Drama, das die Opferung [saks behandelt, ferner „Der Fußfall vor dem Bruder", ein biblisches Drama für Kinder, das die Grofimul Josefs gegen seine Brüder schildert. Das verhalluisiniiltig bedeulendsle Weih dieser Gattung ist Klopstocks Trauersi>iel „Der Tod Adams", ein mehr dialogisiertes sentimentales Idyll als ein Drama. Dieses Trauerspiel Klopstocks winde in Deutsehland sowohl als in Frankreich mit Begeisterung aufgenommen und viel gelesen: merkwürdigerweise geliel es den Franzosen besser als den Deutschen. es w urde von den Franzosen beinahe iiberschwänglieh gelobt. „Chef d'oeuvre bien au dessus de l'Oedipe de Sophocle, avec lequel il a quelque ressemblance", urteilt darüber ein fransösiacher Kritiker jener Zelt. Das stück brachte später Gleim in fünffüßige Jamben. In einem Briefe au Lessing berichtet (Heim, er habe den Tod Adams „vorgelesen und mitgewciiit". Außer diesem i l auerspiel hat Klopstock noch zw ei biblische Dramen „Salomo" und „David" geschrieben. In diesem Zusammenhange sei auch erwähnt, daß Klopstocks Gattin Margareta (Mein) ebenfalls ein biblisches Trauerspiel „Der Tod Abels" verfaßt hat; es findet sich in ihren [Unterlassenen Schriften, die IT.V.t In Hamburg erschienen sind. Auch Johann Kaspar Lavater hat ein biblisches Drama „Abraham und Isaak" geschrieben. Die Geschichte der sieben Märtyrer behandelt August Hermann Niemeyer in dem Stück „Thirza und ihre Söhne" (177N): von demselben Verfasser ist auch „Abraham auf Moria", ein religiöses Drama, erschienen. nBelsaier, ein Schauspiel mit Chören" betitelt sich ein den Tod Belsazcrs behandelndes Drama von Christian Grafen EU Stolberg. Von den biblischen Dramen, die in der ersten Hälfte des Iii. Jahrhunderts erschienen sind, wären hervorzuheben: ..Die Muller der Makkabäer" von Zacharias Werner. „Saul und David" von Friedrich liiickcrl. „Ninilod" von Gottfried Kinkel. Sehr oft wurde der Fslhcrstoff bearbeitet: schon Haus Sachs hat die Ksthorgeschichte dramatisiert, und Goethe bat in sein Fastnachtsspiel „Der Jahrmarkt zu Plundersweilern" ein vollkommenes Ahasverus-Spiel eingebaut. Qrillparzers Fragment ..Esther" nimmt in der Reihe der Estherdramen eine gesonderte Stellung ein. denn es ist ein Drama von großer dichterischer Kraft. Mit dem Erscheinen von Hebbels „Judith" beginnt eine lebhaftere Bewegung auf dem Gebiet des biblischen Dramas. Wilhelm Gärtner dichtet einen „Simsou". (Itto Ludw ig „Die Makkabäer". Alfred Meißner „Das Weib iles Trias". Paul Heyse „König Saul". (Es mag au dieser Stelle angemerkt werden, daß auch der hervorragende Schauspieler Josef Kainz ein leider nur Fragment gebliebenes biblisches Drama „Saul" hinterlassen hat: einzelne Teile davon sind in Tageszeitungen und Zeitschriften erschienen.) Von den biblischen Dramen aus jüngerer und jüngster Zeit wollen wir summarisch die folgenden hervorheben: „Das Weib de« Uria" von Albert Geiger. „Simson" von Frank Wedekind, „Die eisten Menschen" von Otto Borngräber, „Die jüdische Witwe" von Georg Kaiser. ...laakobs Traum" von Richard Beer-Hofmann und „Jeremias" von Stefan Zweig. Alle diese Dramen besitzen starken poetischen Gehalt. Auffallend ist, dali kein bedeutender Dichter sich an den Moses wagte. Aus dem lit. Jahrhundert ist uns nur ein „Mose*" von Friedrich August Klingemann bekannt. Erwähnung verdienen der „Moses" von Karl Hauptmann und der „Moses" von Viktor Hahn, zwei Werke voll dramatischer Kraft und poetischer Schönheit, die jedoch der gewaltigen Moses-Gestalt nicht ganz gerecht werden. Zu dem biblischen Roman und dem biblischen Drama hat sich in jüngster Zeil auch der biblische Film gesellt. Aber während der Roman die außerordentliche Begebenheit, das Drama den außerordentlichen Menschen in der Bibel sucht, unternimmt es der Film, das Wunderreich der Bibel in der knappen Zeilspannt! einer vorbei flimmernden Stunde dem Publikum zu erschließen. Der Anfang ist seil langem gemacht worden. Wenn ich midi recht erinnere, war die Geschichte Simsons mit den Philistern der erste Bibclfilm, der auf der Leinwand rollle. in der Folgezeit wurden noch andere wunder- und bilderreiche biblische Filme in den Lichtspielhäusern vorgeführt. Die zwei prächtigsten Kibelliline, die wir in den letzten Jahren zu sehen bekamen, waren „Die zehn Gebole" und „Die Sklavenkönigin"; namentlich das letztgenannte Filmstttck überbot alles bisher auf die sein Gebiete Geleistete. Schon der Leistuugswert des Filmstückes „Die Sklavenkönigin" war recht bedeutend, denn dieser in seiner All meisterliche Film war an wundervollen Bildern und au bildhaften Wundern überaus reich. Die bildhaften Wunder — das isl es, was bei der Verfilmung der biblischen Stoffe hauptsächlich in Betracht kommt. Der Film, viel fach auf das Spannende und Wunderbare eingesleUt, greift bei Be handlang eines biblischen Stoffes zumeist nur das Wunder heraus, ihm ist es ein leichtes, auch das biblische Wunder in den flimmernden Lichtkreis zu stellen. Darin leistet der Film ganz Außerordentliches: er wirft die biblischen Wunderdinge malerisch auf die Leinwand und hebt mit Prachtbildern die Gesetze der Natur auf. Das Wunder in der Bibel vollzieht sich einfach, schlicht, geradezu natürlich; das biblische Wunder im Film ist wirklich wunderbar. Der Film vermag vieles, fast alles. In Los Angeles wurde sogar der Schöpfungsbericllt der Bibel gefilmt. Man denke, die Wellet Schaffung als Monuinentalfilin wo mau in knappen sechs Viertelstunden alles sehen kann, was in sechs vollen Schöpfungslagen zuslandegebracht worden ist. Man sieht, wie Himmel und Erde aus dem Chaos hervorgellen und wie sich das Licht von der Finsternis und das Trockene von den Gewässern scheidet, dann sieht mau auf der Erde das Gras aufgellen und Kraul und fruchtbare Bäume wachsen und im Wasser die grollen Walfistln sich regen, und unler dein Himmel allerlei gefiederte« Gevögel, un zum Schluß wird der Mensch aus dem Erdeustaub geschaffen und 'I Weib aus der Rippe des Mannes, -- kurz, mau sieht alles, wie es tler Schrift beschrieben ist. Die biblischen Stoffe eröffnen dem Fi Ii ganz ungeahnte Perspektiven. Dali die Sonne zu Gibeon stillest' und der Mond im Tale Ajalon, tlas ist wahrlich das kleinste d Wunder, die uns der Film vorführen kann. Die Phantasie tler Dicht hat nicht immer die Bilder der Bibel nachschalTend gestalten könn Es ist bezeichnend, dali seit Klopstocks Trauerspiel „Der Tod Adam bis auf Borngräbers Drama „Die ersten Menschen" tlie Dichter d Geschichte tles ersten Meiisehenpaares immer erst nach tler Ve treibung aus den Paradiese behandelt haben; offenbar trauten - ihrer Muse die dautisclie Kraft nicht zu, tlas Paradies paradiesisch schildern. Der Film aber wirtl sich auch ins Paratlies wagen dürft er isl solcher Aufgabe gewachsen. Er wirtl tlas Paradies noch pal diesischer ausmalen, als es sieh tler Bibelleser auch nur voizustell vermag. Unit tlie Kinobesucher werden darüber kaum erstaunen. Dei in der Filmwelt geschehen der Wunder viele. Jüdische Verbände und Gemeinden Kundgebum; des C.-V. 211 den antisemitischen Attentaten. Das Präsidium des Centralvcreins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat aus Anlaß der jüngsten judenfeindlichen Exzesse die politische Lage und ihre Ausw irkungen auf die Situation tles deutschen Judentums In einer besonderen Sitzung erörtert. Es gibt tler Hoffnung Ausdruck, dali Bluttaten w ie tlie in Hamburg und l'r.-Holland Einzelerscheinungen bleiben werden, wenn tler Staat seine Machtmittel mit aller Energie einsetzt. Attentate, Ueberfälle, Friedhofsschändungcn. Beschimpfungen ungeheuerlichster Art gegen Juden und Judentum sind die folgen einer von nationalsozialistisch-antisemitischer Seile systematisch betriebenen Presse und Versammlungstätigkeit, die mit politischer Propaganda nichts mehr zu tun bat. Ks gilt jetzt, die grolie Oeffenllichkeit auf die Ergebnisse tlieser maßlosen Heize in besonders eindringlicher Fori hinzuweisen und sie aufzurütteln. Schrille bei den Zentralbehörden im Reich und in den Ländei Wachrüttlang der Oeffenllichkeit durch eine Reihe von Kundgebung' Einleitung einer tlie weitesten Kreise erfassenden Aufklärungsakti' über tlie schamlosen l'ebergrifle und Rohheiten der Judenhetse li zunächst in Aussicht genommen. Der Schrei nach I ritlijuf Nansen. Noch kein Jahr Ist seit dem Tode des großen, hilfsbereiten No wegers vergangen, und schon merkt tlie Well, tlaß diese Kraft pr:n tischer und über Jeden Paragraphenzwang erhabener Nächstenlit h fehlt. Eine tler Hauptsorgen Nansens und eine seiner unentweglest' Bemühungen beim Völkerbund galten dem Eintreten für die Masse' tler Staatenlosen, -- das sind die unzähligen, zum größten