Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 15 (10.4.1931)
- Date
- 1931-04-10
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite -2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer I für den ewigen Gedankengehall seiner Weltanschauung in Ihrer universalen Spannweite eine neue zeitgemäße Ausprägung zu finden vermag. Damit dringt die Erkenntnis des das bürgerliche Lehen bejahenden und dennoch seine eigene Art bewahrenden jüdischen Wesens wieder In Kreise ein, tlie Ihnen bisher gleichgültig gegenüber- oder lernestanden. Hierdurch wird die Zahl derer eingeschränkt, die ihm den Kücken kehren, weil ihre mangelnde Kenntnis ihnen jeden inneren Zusammenhang mit Ihm nimmt, anderseits der Kreis derer vergrößert, die gi meiusam mit Israel guten Willens an der Fortentwicklung zur Erfüllung der höchsten allgemeinen Aufgaben der Menschheil mittätig sind. Die B c d e u t u n g d e s \Y e r k e s liegt also vorzüglich in dem Dienste, den es der Verwirklichung der von ihm vermittelten einheitlichen ethischen Werte leistet, die Einsicht in diese jüngste Bestandsaufnahme des Judentums alter ist doch wesentlich von seiner Verbreitung abhängig, die schon aus diesem Grunde zu wünschen i>t. Dann kann es auch zu der großen Abräumarboit beitragen, tun die mit so großer Betriebsamkeit .lahrlausende hindurch bis in die jüngsten 'J'nge hinein auch in unserm deutschen Vaterland systematisch gegen uns zusammengehäuffen Vorurteile gründlich zu zerstreuen. Zum Schutze dagegen richtet es den einheitlich fundierten Wall der Erkenntnis der kultisch religiösen, wellbürgerlich staatlichen, wirtschaftlich sozialen, wissenschaftlichen und künstlerischen Erscheinungen auf, deren gemeinsamer Sinn durch ihr Zusammenwirken das so vielfältig gedeutete und ebenso oft durch Mißdeutung entstellte jüdische W esen ergibt. So kann die Encyclopaedia Judaica den Wert eines Befreiungswerkes erlangen, das der Enzyklopädie der französischen AufklärungSphilOSOphen 1751 zur Seite gestellt werden darf. Darum sollte es in keinem öffentlichen Lesesaale, keiner größeren Schulbibliothek) in keinem der jüdischen Verbände und Einrichtungen, keinem Weltblatl und den ansehnlichen Zeitschriften, aber auch nicht dem nach allgemeiner Aufklärung strebenden Bücherfreund und Geistesarbeiter fehlen. Denn jeder, der in irgendeiner Form an der Ausgestaltung des allgemeinen Lebens mitzuwirken hat, — und wer möchte sich von dieser fruchtbarsten und beglückendsten Aufgabe selber ausschließen? — sollte nach Kräften „die ungeheure Chance" wahrnehmen, daß diejenige Gemeinschaft, deren Mitte die Quellen der die Welt beherrschenden Religionen zuerst entströmt sind, die zugleich als das begabteste Handelsvolk der Erde gilt und schließlich an jedem Ort mit hingehendstem Eifer für alle Bestrebungen zur Förderung der allgemeinen Kultur eintritt, daß sie unsere Sprache redet. Ein gutes Handwörterbuch wie dieses kann besonders dem Lehrer als Lehrbuch dienen. Der bloß exakten Gliederung des als elementar wichtig Ueberkonimenen wird hier eine Fülle neuer Wissensstoffe gegenübergestellt, die das Fundament des elementaren Wesens, wissenschaftlich neu begründet und dadurch den Ideen- und Gesichtskreis ausweitet. Wenn der Lehrer hiernach nicht allein Fragen behandelt, die ihm die slofTgebundene Theorie des Fach Systems aufgibt, sondern vor allein solche, die sich vom ei^r neu wirklichen Erleben her dem unsicher schwankenden Gefühl aufdrängen, dann muß er auch zugleich Forscher sein, der nicht nur seinen Unterricht gewissenhaft vorbereitet, sondern auch die Kim,!, nisse der Wissenschaft in mitteilsamer Entdeckerfreude zum bild haften Stolle auszugestalten versteht. Zumal nachdem das modern, Judentum die früheren formgesetzlichen Bindungen vielfach einan zipatoriseh abgestreift hat. ist damit auch die einheitliche Verbunden heil seiner Gesamtheit gelockert. Die kulturell assimilatorischen Leistungen hervorragender Einzelpersönlichkeiten aber sind bei all ihrer Kraft und Fülle, ihrem Sinn und Wert so zersplittert, daß dii persönliche Ueberzeuguug vielfach eine nahezu autonome Souverän tat für sich in Anspruch nehmen darf. So mag dorn einzelneu se wirksames Eintreten für die die Allgemeinheit umfassenden Aul gaben wohl die verdiente Ehre eintragen. Aber ihre gemeinsam ab getrennte Behandlung durch eine so verschwindende Minderheit wie die jüdische kann dieser nimmermehr zum Heile gereichen, zum,, wenn ihre Forderungen zwar dem Gebote der Gerechtigkeit enl sprechen, aber doch nicht In dem so sorgsam eingehegten Boden der jn dischen Lehre wurzeln. Daher werden Spitzenleistungen, wie sie nur aus der Not der Zeit und dem Selbsterhaltungstrieb oder Gel tungsbedürfnis geboren werden, immer nur als persönliche, niemals aber der Gemeinschaft als Kollektivleistung zugesprochen werden. Diese muß ein Standardwerk wie das hier vorliegende sein, bei dein der einzelne hinter der Gesamtheit zurücktritt. Nur darf diese darum nicht auf die im modernen Leben der Völker durch ihre aufstacheln den Triebe so stark unterwühlte Bahn des sich chauvinistisch über liebenden Nationalismus abirren. Nur dann vermag es den Erkennt nisgrund der Ideen zu stärken, welche die überall und vielleicht nirgends mehr als im Lande ihrer Väter durch ihre äußeren Leben formen zersplitterte Gemeinschaft Israels innerlich stark erfal Solche geistige Erstarkung Israels kann gar nicht hoch genug wertet werden, denn von ihr hängt ebenso sehr sein F'ortbcsl. wie die allgemeine Anerkennung seiner Ideenwelt ab, die mit di Erscheinen des Messias ihren Siegeszug anheben soll. Bei so mafivi abgewogener Selbstbesinnung wird das neue Wörterbuch nicht aller Unterweisung und Beratung vermitteln, sondern überdies in dei Höhenluft weltgeschichtlicher Auseinandersetzung zwischen den Ewigen und Zeitbedingten auch ein neuer Wegbereiter, Bannerträgei und zugleich Leitstern sein. Möge das Werk, das seiner monumentalen Bedeutung wej von Franz Rosenzweig neben Mischna, Talmud, Mischne Tora, dei Turim und Schulcham Aruch angeführt wird, als allgemeines Haubuch in keiner größeren Bücherei fehlen. Sächsische Gemeinden Mmm i. V. In der Zeil vom 16.—22. März d. J. fand in den Räumen der Eugen-Fuchs-Loge die Wanderausstellung jüdischer Künstler statt, die die Großloge für Deutschland U.Ü.B.B. veranstaltet hat. Der wundervolle Logentempel gab einen Ausstellungsraum ab. wie ihn man sich idealer nicht denken kann. Die Sammlung wurde durch den Direktorder l'lauener Kunstschule, l'rof. Hanuseh, übernommen und eingerichtet. Die Eröffnung fand am Montag, den lü. .März In einer gemeinschaftlichen Sitzung der Schwestern und Brüder der Eugen-Fuchs-Loge statt, wobei der Präsident Dr. Goldberg eine kurze Einführung über die ausstellenden Künstler und ihre Werke hielt Anschließend hielt Frau Trude Goldberg einen Vortrag über den auch an der Ausstellung beteiligten Maler Stanislaus Bender. Der in seinem Aufbau außerordentlich klare und von der Rednerin rhetorisch sehr wirksam dargebotene Vortrag ließ die außerordentliche Vielseitigkeit des Malers Bender vor den Zuhörern erstehen. Besonders ist ja Bender als Maler ostjüdischer Typen bekannt, daher war es vielen ganz neu. in ihm den Schöpfer von Reklamekunst wiederzuerkennen, die durch das tägliche Leben allgemein bekannt ist. Erinnert sei nur daran, daß die Verpackung der Feurich-Kekse, die Umhüllung der Stollwerk-Schokolade, die Reklameplakate für Maffei- Lokomotiven und vieles andere von ihm stammen. Der Vortrag lö>t allgemeine Aberkennung aus. Vom 17. März ab war die Ausstellung für alle Mitglieder der .Iii'! sehen Gemeinde zugänglich und wurde im reichen Maße hiervon 0 brauch gemacht. Auch einige Verkäufe hissen erkennen, daß trotz d Schwere der Zeit das von der Vortragenden geprägte Schlagwort „D jüdische Künstler ins jüdische Heim" beherzigt worden ist. Unsere Gemeinde Warnung! Aus Plauen wird uns mitgeteilt: Bin Betrüger der sich Dr. L II. Merfeld nennt und auf seiner Visitenkarte vermerkt, daß er ■ Rio de Janeiro, Brasilien, sei, tritt mit großer Frechheit auf, behaupl daß er mit Großindustriellen in Verbindung stehe, momentan nur Geldverlegenheit sei, weil seine Bezüge aus Rio de .Janeiro von di Bergwerksgesellschaft, bei der er angestellt sei, noch nicht eingegaim seien. Auf Grund solcher Angaben hat er in einzelnen Fällen höhei Beträge erhingt, als mau sie sonst einem jüdischen Durchreisend' zu geben pflegt. Der Betrüger hat auch sächsische Gemeinden tcb< heimgesucht. Er ist ein kleiner, bartloser, sehr beweglicher, elega: gekleideter Mann.