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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1931-02-27 · 9 (27.2.1931) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
7 (1931)
Issue
9 (27.2.1931)
Date
1931-02-27
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 GKMK1NDKBLATT DKR ISRAKLITISCHKN RKLIG10NSGKMK1NDE ZU LEIPZIG Nummer mord beigewohnt zu haben behauptete und dafür die „unwiderleglichsten Beweise" zu erbringen sich erbot. Alle diese Zeugenaussagen steigerten das Gewicht der Anklage. Die Beschuldigten wurden, entgegen der Anordnung aus Petersburg) schwer gefoltert, verharrten aber hartnäckig bei der Beteuerung ihrer Unschuld. Im Jahre 1880 hatte die Kommission ihre Untersuchung beendigt und chowanski schickte lins Resultat mit einem entsprechenden Kommentar versehen nach Petersburg. Hier entdeckte man jedoch Ungehörigkeiten im der Untersuchung; auch die Polterung der Angeklagten blieb nicht unbekannt, und zudem setite man Zweifel in die Glaubwürdigkeit der Zeugen, zumal der Terutiowa und des Grudsinski. Bei dei Verhandlung vor dem Senat, die im Jahre 1881 begann, waren die Meinungen geteilt, und so sog sich die Sache Iiis 1880 hin. da der ganze Prozefl dem unter dem Vonita des Kaisers amtierenden Staatsrat (Gosudarny Sowlet) unterbreitet wurde. Die Untersuchung wurde von neuem aufgenommen, und nun kam das ganze Gewebe von Tücke und Lügen an den Tau. Der Slaalstral entschied, dafl die Anklage sich auf gänzlich unhaltbarem Grund aufhaue, daß Untersucher und Richter auf die Aussage durchaus unglaubwürdiger Personen hin ihr Urteil gefällt halten, dafl somit die ganze Beschuldigung in Nichts zerfalle. Am IS. Januar INltö wurde das allerhöchste Urteil ausgefertigt, wonach allen Angeklagten, die nahezu neun Jahre unschuldig im Gefängnis geschmachtet hallen viele waren inzwischen gestorben — sofort die Freiheit wiederzugeben sei. Die Terutiowa und ihre Genossinnen wurden nach Sibirien verschickt. Über den Renegaten (irudsinski. der. wie erwähnt, durch eine ,selbsterlebte" Geschichte, die sich in seinem Geburtsstädtchen Bobowno ZUgl tragen haben sollte, die Ueschuldigung gegen die .luden von Welisch bekräftigen wollte, erzählt das amtliche „Protokoll" folgendes: ..Im August 1827 meldete sich der Getaufte Grudsinski bei dei Untersnchungskommission und deponierte, dafl ihm als angeborenen .luden alle „Geheimnisse der Juden" bekannt seien, und dafl er auf Tatsachen beruhende Beweise in Händen habe, wonach die .luden sich des Blutes christlicher Kinder zu ihren (Islerfeiertagen bedienen. Er erzählte, dafl die .luden ein geheimnisvolles Much haben, welches man „Rambam" nenne, worin genau die Vorschriften beim Kinderschlachten angegeben, alle hierzu nötigen Geräte und Instrumente abgebildet seien. Auch gab er au. dafl er in seiner Kindheit die Abschlachtung eines Knaben mit eigenen Augen in dem Hause seiner Pflegeeltern gesellen habe, was er durch gewisse, noch heute in jenem Hause befindlichen Gegenstände beweisen könne". Das „Protokoll" erzähl! dann kurz, dal! (irudsinski iu Begleitung eines Polizeibeamten nach der entlegenen Stadt Bobowno geschickt wurde, um die angegebenen Indizien herbeizuschaffen, daß sich aber dort nach gründlicher Untersuchung herausstellt,., dali die Angaben des Renegaten auf Lüge beruhten, dafl (irudsinski in seiner Jugend einen schlechten Lebenswandel führte und < inen sehr üblen Leumund genofi. Als des falschen Zeugnisses überführt, wurde er auf direkten Befehl aus Petersburg am 26. März IH:ti> „in die Militärstrafknmpagnie gesteckt". DieM kurze, trockene Notiz des amtlichen ..Protokolls" erfühlt ine interessante Beleuchtung und Erweiterung durch ein historisches Dokument, das sich im Besitze des Uabbiners Wolf Turbow itz in Krozy (tjouv. Kowno) befand. Der genannte Rabbiner entstammt der Familie des Sabbathai Turbowitz, eines der llau|itheschuldigteii im Prozefl von Bobowno, und das mir von ihm zui Verfügung gestellt,. Dokument ist eine Art Familienchronik, die in rahbinischem Hebräisch abgefal.lt und nach Art der biblischen Bücher iu Vers-- geteilt, i ine genaue, mit historischer Treue wiedergegebene Schilderung des ganzen auf der Verleumdung Grudsinskis hin entstandenen Prozesses enthält. Die merkwürdige Chronik hat folgenden Wortlaut: Mairillatll Sabbathai. 1. Bs war in den Zeiten des Kaisers Nikolaus, der über ganz Rußland, Polen und andere Ländei herrschte. In jenen Zeiten war Chowanski Befehlshaber (Generalgouverneur) in Witebsk. Die Stadl Welisch war ebenfalls unter Chowanski8 Oberhoheit. Da gingen einige gottlose Leute hin und erhoben gegen die Juden von Welisch und gegen alk anderen .luden die Ueschuldigung. dafl bei ihnen ein Gebot bestehe, in ihre Mazzoth ('hristenblut zu kneten. Und die Leute von Welisch seien die Mörder, ilie jedes Jahr einen Christen morden, das l'.lut auffangen und den übrigen Juden verkaufen. Als diese fürchterliche Beschuldiung Chowanski zu Ohren kam, enttlauimte "i' in Zorn und Ingrimm gegen das Volk (iottes, am meisten aber zürnte er den Bewohnern von Welisch; er kam wutsohnaubeni dorthin, nahm die Häupter der Gemeinde gefangen, schlug sie Kesseln und peinigle sie durch harte und bittere Marter. Unter d Beschuldigten war eine angesehene und reiche Krau, namens i; bekka, die man anklagte, als die erste an den Gemordeten Hand , gelegt zu haben, und mau peinigte sie am härtesten. Sogar lira und Bräutigam wurden unter dein Trnuhaldarhin weggerissen ui den Marlern unterworfen, Alle ertrugen ihre Qualen mit grofli Mut und legten kein falsches Bekenntnis ab. Diese bittere Peinigu beschwichtigte aber nicht die Wut des grausamen Machthabers; lieft alle Männer. Frauen und Kinder ergreifen und in die unl irdischen Räume des (ielängnisses werfen, wo es von Ungesiel und Ratten wimmelte, die das Fleisch dei Gefangenen ab fr allen u au ihren Gesichtern nagten; dort blieben sie sieben Jahre. At lief) er die Synagogen und Lehrhäuser schließen und versiegeln vi sieben Jahre. 2. Fiu Jehudi lebte in der Stadt Bobowno im üouverneuv Minsk, der hielt Sabbathai ben Jehuda ben Meschulam, aus der i mibe Turbowitz. Sabbathai war angesehen und reich und sein Na in der ganzen (legend bekannt. Kr war Eigentümer einer Fabrik \ Wollstoffen. Einmal blieb ihm viel von seiner Ware zurück, da reis er nach Moskau, um seine Ware zu verkaufen. In seinem Hause zog er einen Knaben namens Feiwisch, eine vater- und mutterl Waise, den er zu sich nahm und unterrichten ließ; er blieb im Hai viele Jahre. Feiwisch wandelte schlechte Wege, da wies ihn Sab Ihai surecht; er gehorchte aber nicht und lieft sich taufen, da stahl er und raubte, wo er nur konnte. Kr wurde abgefaßt, iu ■ ■ Kerker geworfen; dann, als er herauskam, näherte er sich dem ( wanskl und leistete ihm Dienste. Da beredete ihn Chowanski, gc die Bewohner seiner (ieburtssladl eine Ulutheschuldigung zu heben, daß sie den Itluthandel mit den Leuten von Welisch gel ben, denn er (Chowanski) wollte sie alle verurteilt sehen. Feiwigchorchle di m Chowanski und schrieb einen verleumderischen Iii an den Kaiser folgenden Inhalts: Als er im Hause des Sabbat Turbowitz weilte, sei dieser einmal iu Geschulten nach Moskau reist und nahm ihn (Feiwisch) mit sich. Auf dem Rückwege, unw der Stadt, begegneten ihnen zwei Christen, der eine war blind i dei andere sein Führer. Da rief Sabbathai dem Führer zu: „W halb verbringst du deine Tage mit dieser erbärmlichen Besch; gung? Setze dich zu mir. ich will dich wie einen Sohn hallen. ,1 ich habe keine Kinder und du scheinst mir ein tapferer Mann sein; ich werde dir von meinem Brote und meinen Kleidern gel und dich zu meinem Erben machen". Dem Knaben geliel die Red, Uefl den Blinden im Stich, setzte sich in Sabbathais Wagen und unl ihm lustig und guter Dinge in sein Haus. Sabbathai aber Ii; zwei Urinier: den ältesten Hille] und den jüngeren Abraham: IL habe den Christenkuaiien ergriffen, auf seine Knie yelegt und bei ihm Sandek (Pate) gewesen, Sabbathai aber habe ein Messel nominell und ihn geschlachtet. Das Itlut hätten sie in ein Hei aufgefangen und die Leiche unter dem Boden des Hauses vergra Die Verwandten Sabbathais sollen das Itlut iu die nächsten um! die entlegenen Städte gebracht haben, um es den Juden zu IV> zu verkaufen. So habe Sabbathai jedes Jahr getan, nämlich ei Christen ermorden und sein Itlut auffangen. Kiuinal habe er eil Christen aus der Stadt Disna gebracht, gleichfalls abgeschlachtet dessen Itlut aufgefangen: alle Geschlachteten seien in seinem II begruben. Einmal wären sie über eine der Vorschriften beim Schi, teu im ungewissen gewesen, da hätten sie das Gefäß mit dem I in die eine Hand und den Talmud-Traktat Pessar Ii im in die an genommen, um nachzusehen: da ergoß sich etwas Itlut auf das Ii die Spuren seien noch heute zu sehen. Als er eines Jahre» kei Christen habhaft werden konnte, habe er sechs Maß Itlut bei Rebekka aus Welisch gekauft". Als der Kaiser diese abeiwil Anklage las, schenkte er ihr keinen Glauben, denn diesem K; ging die Wahrheit über alles. Er ließ den Angeber vor sein Au kommen. Dieser kam. und der Kaiser forschte ihn aus und di< ihm mit harten Strafen, falls er nicht die Wahrheit sagen wii alter der Gottlose wiederholte mit dein Munde, was er gesrhru hatte. Da gab Gott, der allein Wunder tut. dem Kaiser in den S einen seiner Beamten, den Podpulkowoik Rodakowski, zur Un Buchung hinzusenden, und dieser war wahrheitsliebend, gutta und menschenfreundlich. Rodakowski verließ die Hauptstadt in uleitung des Angebers, der gefesselt war. Sie kamen nach Mii nahmen dort den Polizeibeunilen (Strobczy) Sacharcinski und eil Soldaten mit sich und kamen nach Itobowuo.

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