Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 9 (27.2.1931)
- Date
- 1931-02-27
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Semetaö cblottr DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDE-VERWALTUNG« Das Gemeindeblatt erscheint |eden Freitag und wird cn Mitgliedern der Rellglonagcmelnde unentgeltlich urch die Pott zugestellt - SchrHtleltung: ..melnderabblner Gustav Cohn, Leipzig, LohratraHc 10 Ichrlftleltung: NUMMER O / JAHR6AN6 7 FREITAG 27* FEBRUAR 1011 Anzelgenvcrwaltung und Druck: Buchdruckerei August Pries, Leipzig, BrQderatr. 59 - Fernruf 70006 - Postscheck Leipzig 53820 — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung de« Verlasser« gestattet Das Purim von Bobowno Von S. I) u I) n o w. Au» dein Hebräischen übersetzt von B. Segel. Der Ritualmordprozell von Welisch (Gouvern. Witebsk), der sich von 1828—1835, also nahezu 12 Jahn hinzog, gehört zu den fürchterlichsten und folgemehwertten seiner Art. Alle Leute aus den nördlichen Gegenden des „Ansicdlungsraynns" eri.....rten sich noch in den neunziger Jahren der Einzelheiten dieser G< richtsprozedur. die seihst in jener Schreckenszeil, da man allerlei Vi rfolgungeu und Bedrückungen gewöhnt war, unter den Juden KulJlaudl Furcht und Aufregung hervorrief. Neun Jahre hindurch waren in der genannten Stadt über 50 Familien unter der Anklage wegen Kniderniord im Gefängnis. Knien ausführlichen Bericht findet man in dem amtlichen „Protokoll über die Blutbeschuldigung von VYelisch", das auf Veranlassung der Regierung in wenigen Exemplaren gedruckt iii il den höchsten Staatsbeamten sowie den Mitgliedern des Senats (•stellt wurde. Dieses umfangreiche Buch enthält all«1 Verhandli igen, Zeugenaussagen, Dokumente und Untersuchungen; die Judenfeinde, die an der Aufrerhlerhaltung der Anklage grobes Interesse Ii Ken, schürten nach Kräften das Feuer und trachteten von allen S len „Ueweismulerial" herbeizuschaffen. Auch die Blutbcschuldi- | ug von Bobowno (Gouv. Minsk) sollte eine willkommene Handhabe lur Bekräftigung der erhobenen Anschuldigung bieten. Diese Spill le aus dem groben Welischer 1'rozeU, die gerade an einem Purim » 100 Jahren glücklich endete und den Ausgang des Hauptprozesses I i'hleuuigte, mag hier nach zeitgenössischen Dokumenten erzählt l -den. Zum richtigen Verständnis ist es jedoch nötig, in kurzen ' (en den Verlaut des Hauptprozesses zu schildern. , Am ersten griechischen Osterfeiertag 1823 wurde in Welisch ein ■ iner Christenknabe, Sohn eines ausgedienten Soldaten, namens 1 uiow, vennil.lt. Sofort wurde das (ierürht geschäftig verbreitet, 1 die Juden das Kind „zu rituellen Zwecken" gestohlen haben. I verrufenes Weib aus den niedrigsten Schichten der Landbevöliing, namens Terutiowa, sagte aus, da Ii der Knabe im Keller isser Juden versteckt liege und bald geschlachtet werden würde. „Zauberweib" aus der Umgehung „weissagte" in demselben ne. Zehn Tage später fand man die Leiche des Knaben in einem ipf auüerhalb der Stadt; der Arzt konstatierte an den zahlreichen nden, daß das Kind nach schrecklichen Martern und Qualen get worden sei. Nun wurden einige der ältesten Mitglieder der sehen Gemeinde unter der Bezichtigung, den „Kitualmord" ausihrt oder veranlaUt zu haben, mitsamt ihren Familien in den Kergeworfen. Die genannten Weiber hielten nicht nur ihr „Zeugnis" erlit, sondern schmückten es noch mit allerlei gruseligen Krdichgen aus. Der Hall des Pöbels wider die Juden nahm in bedroh- 1 ier Weise zu; Streitigkeiten zwischen .luden und Christen hatte ' dort stets gegeben, und einigen Rädelsführern schien die Gelegenil 1 günstig, den Juden den Garaus zu marhen. Im Verlaufe der lereuchung stellte sich heraus, dafi jene Rädelsführer die Teruk V. t. j' g k . tu! hu tiowa und die „Zauberin" zur Ablegung ihrer Zeugenaussage bewogen hatten, dali die ganze Angelegenheit eine von langer Hand vorbereitete teuflische Machination war. Das Bezirksgericht füllte ein freisprechendes Urteil, das auch von der zweiten Instanz dem Gerichtshof von Witebsk, im Jahre 1824 bestätigt wurde. Aber während die Juden sich rüsteten, Gott für dieses neue Wunder zu danken, waren ihre Feinde nicht müßig, und als im Winter 1824 Kaiser Alexander [, auf einer Heise nach Taganrog in Wilesch halt machte, veranlaliten sie die genannte Terutiowa, dem Kaiser einen Protest gegen das freisprechende Urteil beider Instanzen zu überreichen, „da, wie doch allgemein bekannt sei, niemand anders als die Juden den Mord ausgeführt haben". Im Jahre 1825 wurde von Kaiser Nikolaus eine eigene Kommission unter dem Vorsitze des bekannten Judenhassers Generalgouverncurs Chowanski in Witebsk mit der Untersuchung der Angelegenheit betraut. Diese Untersuchungskniuuiission ging nun von der als sicher angenommenen Voraussetzung aus. dali die Juden schuldig seien, und sah ihre einzige Aufgabe darin, belastendes „Beweismaterial" herbeizuschaffen. Der ersten „Kronzeugin" schlössen sich noch zwei andere Weiber, namens Maronowa und Koslowskaja, an, die die ungeheuerlichsten Dinge zusammenlogen und in ihrer teuflischen liier, die Juden zu verderben, sich sogar zu dem „Geständnis" verstiegen, dali sie au der Mordtat, die auf Geheilt der Geineindevorstehung in der Synagoge ausgeführt worden, teilgenommen, ferner dali sie von den .luden beredet worden seien, die jüdische Keligion anzunehmen. Die Kommission nahm diese Aussagen für bare Münze und verordnete darauf. daU TO jüdische Familien von Welisch und Wiletisk in den Kerker geworfen würden. Von Petersburg kam der Befehl, alle Synagogen in Welisch zu schließen, die Juden zu überwachen, ihnen jede Zusammenkunft zu verbieten, und zu verhindern, dafi sie sich mit den Inhaftierten ins Einvernehmen setzen. Im Jahre 1827 wurde der Generalgouverneur Chowanski beauftragt, die Untersuchung mit aller Strenge fortzusetzen und genauen Bericht nach Petersburg zu senden, die An geklagten jedoch beim Verhör nicht durch Mittel der Gewalt zur Aussage zu zwingen. Die Kommission wurde durch neue, aus Petersburg und Witebsk beorderte Mitglieder verstärkt, und die Untersuchung nahm ungeheure Dimensionen an. Chowanski hatte sich verbürgt, den Wahrheitsbeweis für die Anschuldigung zu erbringen und Lügen, welche seine Ilandlanger lieferten, als Aussagen „glaubwürdiger Personen" zu sammeln. Die Terutiowa wullte von immer neuen durch die Juden verübten Kindermorden zu erzählen, berichtete allerlei Grauenerregendes über die „Geheimnisse der Juden", und die Folge war, dafi sich die Gefängnisse von Witebsk immer mehr füllten. Unter den fragwürdigen Individuen, die Chowanski als Zeugen herbeiholte, befand sich ein getaufter Jude, namens G r u d - sinski, der in seiner Geburtsstadt Bobowno selbst einem Kinder-