Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 8 (20.2.1931)
- Date
- 1931-02-20
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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20, Februar 1931 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Suite 3 ind bewußte Fälschungen nachwiesen. Unmittelbar vor der Schluß erhandlung des durch zwei Jahre sich hinsiehenden Prozesses tral tohling von der Anklage surttek und war damit vor aller Welt als rnorani und Meineidiger gebrandmarkt. Das Unterrichtsministerium igte Ihm daraufhin nahe, auf seine Professur zu verzichten. Nach innerem Sträuben mußte sich Rohling schließlich dazu verstehen ine akademische Winde niederzulegen. Er betätigte sich dann noch n'le Jahre lang in der antisemitischen Bewegung Österreichs und leutschlands. Ungeachtet der Ergebnisse des Prozesses gegen Hr. loch, die für Rohling vernichtend waren, liefern Rohlings Schrillen - heute den Antisemiten das „wissenschaftliche" Rttatseug gegen die uden. Sein treuester Schüler in Deutschland isl der Leipziger lammer"•Herausgeber Fritsch. Rohling war vor einer Reihe von Jahren in den Hintergrund getreten, er lebte in Salzburg und in Wien. In den letzten Jahren war schwachsinnig geworden. Kr starb in Not und Elend. Jüdische Verbände und Gemeinden UesellsehaU zur Forderung der Wissenschaft des Judentum*. Die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, i \., hüll ihre diesjährige Mitgliederversammlung am Mittwoch, dem •_'"). Februar, 20 Uhr, pünktlich, im Logenhaus, Berlin U 62, Kleiststraße 10, ab. Herr Dozent Dr. Harry Torcsyner, Berlin, wird Uber das Thema: ..Die Bibel und die I, ite rata reu des alten Orients" sprechen. Der auch für einen wei i ren Kreis sehr interessante Gegenstand des Vortrages wird sicher /. hlrelche Mitglieder veranlassen, dii Versammlung zu besuchen. Gäste können eingeführt werden. Ober ihre Religionsgemeinschaft besser erfassen und beeinflussen zu können. — im Vorjahre betrug die Zahl der Hilfeleistungen 5879, die stets im Zunehmen begriffen ist, in dieser Zahl sind alle Konfessionen eingeschlossen. Der Bahnhofshilte werden von der Stadl durch Jugend», Pfleg- und Fflrsorgeaml Schützlinge zugewiesen, ebenso vom katholischen und vom Israeltischen FUrsorgeamt. Für dieses übernimm) sie es, den Reisenden Fahrkarten zu besorgen und auszuhändigen und dafür zu Borgen, dafl die Fahr) auch wirklich angetreten wird. Bs Interessiert uns hier besonders zu erfahren, wieviel judische Durchreisende die Bahnhofshilfe in den letzten :> Jahren betreut hat: llriS: :!<i Frauen :i":t Männer 7 Kinder 1929: 22 Frauen 4S'_> Männer 1 I Kindel 1930: 15 Frauen 495 Mai.....t 24 Kinder llii Ö1S Personen 564 Personen also zirka 10% der gesamten Fälle entfallen auf Angehörige der jüdischen Konfession. Während die Zahl der Hilfeleistungen zunimmt, werden die Mitte] immer knapper, und es wäre zu wünschen, daß das segensreiche Werk der Interkonfessionellen Bahnhotshilfe, mit Rücksicht auf die für jüdische Hilfsbedürftige geleistete umfangreiche Hilfstätigkeit, auch von jüdischer Seile tatkräftiger gefördert würde, als dies Iiisher geschieht. Ks dürfte nur wenig bekannt sein, dafl die Interkonfessionelle Bahnhofshilfe ein Verein isl, der Mitglieder ohne Unterschied der Konfession aufnimmt: der Mitgliedsbeitrag ist außerordentlich gering (jährlicher Mindestbeitrag M. 1. ). so daß die Förderung des Vereins durch unsere Gemeindemitglieder auf keinerlei Schwierigkeiten stoßen dürfte. (Mitgliedsanmeldungen sind zu richten an Fräulein Marie Wach. Leipzig (' 1. Karlstraße 22.) Unsere Gemeinde Kiiiderheilstältc Kissingen. Auch in diesem Jahre können Kinder zur Erholung in die Kiu- ■ lerheilstälte Und Kissingen geschickt werden. Es wird jedoch ausdrücklich darauf hingewiesen, «laß als Zeil für den Erholungsaufenthalt ausschließlich der Monat Juni zur Verfügung sieht. Für den vierwöchentlichen Aufenthall ist ein Kostenbeitrag von 50 "•"> M. zu leisten. Anmeldungen müssen bis spätestens 7. März au Frau Teichtner, Pfaffendorfer Str. 18, gerichtet werden. Interkonfessionelle llalinholsliilfe. Im Kabinen der Arbeitsgemeinschaft des Jüdischen Frauenbundes - ach am ■">. Februar Fräulein Marie Wach, die Lederin der Interkonfessionellen Bahnhotshilfe, Ortsgruppe Leipzig, Ober das Thema: ..Was leistet uns die Interkonfessionelle Bahnhofshilfe?" V im gerade Ober diesen Vortrat; aus der Arbeitsgemeinschaft hier i 'richtet wird, so deshalb, weil diese interkonfessionelle Einrichtung, d von jüdischer Seite sehr stark in Anspruch genommen wird, allgei instes Interesse verdient. Ober die übrigen Referate wird am ■ iluß der Arbeitsgemeinschaft im Zusammenhange berichtet werden. Fräulein Wach führte etwa folgendes aus: Die Leipziger Ortsl ippe des Vereins der Interkonfessionellen Bahnhofshilfe (-mission) i rde im Jahre 1913 gegründet In ihrem Vorstand arbeiten die \ (-Inderinnen der 8 Religionsgemeinschaften; zur Zeit vertritt Frau 1 lene Lusiig im Vorstande der Ortsgruppe die jüdische Konfession. I manchen Städten arbeiten die verschiedenen Konfessionen neben- isnder; es sind dies: Merlin. Frankfurt, Elberfeld, Nürnberg, Ham- ' li. Wilhelmshaven-Rüstringen, Mannheim. Im Gegensatz dazu lud n ii in Leipzig kein Nebeneinander-, sondern ein Miteinandorarbeiten di r Konfessionen. Die Helferinnen, die auf dem Bahnhofe ihren I -nsl tun, werden vom Vorstände für alle Konfessionen gewählt. 1 s Zimmer der Leipziger Bahnhotshilfe befindet sich seit zirka 1 Jahren gegenüber des Bahnsteig 26. Das Programm der Bahnhofs- I fe lautet: Frauen. Mädchen und Kindern, einerlei welcher Staatslehörlgkeil und welchen Religionsbekenntnisses, bat. Schutz und I ilfe zu gewähren und sie besonders vor den Gefahren der Groß- M zu bewahren: auch werden Kindertransporte beaufsichtigt, wie i Ii. Ferientransporte usw. Es beschränkt sieh aber nicht darauf. ' Ii tu nimmt sich auch der männlichen Kranken. Blinden, der I Uchtlinge, Auswanderer und sonstiger Hilfsbedürftiger au. Sie ' ssen daher gut geschult sein, müssen alle ITnlorbringungsmüglich- I' den in den betreffenden Städten kennen, um die einzelnen Fälle die richtigen Stellen verweisen zu können. Trotz der interkonfes ■ nellen Einstellung der Bahnhofshilfe ist es doch nötig, daß diese Im einzelnen Fall konfessionell arbeitet, um die einzelnen Menschen Jüdische Seele — jüdische Kunst. Der durch sein jüngst veröffentlichtes Werk „Jüdische Kunst" dazu besonders berufene bekannte Kunstgeschichtler Dr. Ernst Cohn- Wiener sprach im Jüdischen Frauenbund über das Thema ..Jüdische Seele - jüdische Kunst". Die ungemein lebendig vorgetragenen und durch zahlreiche ausgezeichnete Lichtbilder begleiteten Ausführungen gipfelten in dem Gedanken, daß es wohl nicht einen jüdischen Kunststil, deutlich erkennbar aber eine jüdische Kunst gäbe, deren Kennzeichen es sei. daß in ihr die jüdische Setde sich auswirke. Schon in ältesten Zeiten hat es jüdische Kunst betätigung gegeben. Ihr Kennzeichen war das Ringen um eine Kunstgestaltung, die von dem Rerngedanken des Judentums, der Undarstellbarkeil Gottes, bedingt war. In größerer Ausweitung des Verbotes „Du sollst Dir kein Bildnis machen" entwickelte sich eine Scheu vor jeglicher Darstellung des Figürlichen, die sich deutlich sichtbar auch noch in den alten Handschriften durch Beseitigung der Gesichtszüge erkennen läßt. Aus diesem Gedanken heraus mußte die jüdische Kunstdarstellung vorzugsweise symbolhaft werden. In den verschiedensten Kunstäußerungen an Sarkophagen. Münzen, architektonischem Schmuck usw. kehren in mannigfaltigster Abwandlung die Symbole des jüdischen Gottesdienstes wieder, manche für uns bis heute noch ungedeutet und vielleicht immer undeuthar. Diese Symbolhaftigkeit kennzeichne! das jüdische Kunstschaffen noch bis in das spätere Mittelalter hinein, ausgeprägt beispielsweise in hebräischen Handschriften, bei denen oftmals allein die Schrift in ihren verschiedenen Anordnungen das künstlerische Hihi hervorruft. So verrät diese Kunstflbung deutlich die jüdische Seele, wenn sie auch in ihren Formen sich durchaus abhängig zeigt von der Kunst der Umwelt. Der besonders starke hellenistisch-römische Kintluß ist in di u älteren Kunstwerken unverkennbar. Kr wird etwa mit dem 9. Jahrhundert durch den Kintluß der islamischen Kunst abgelöst, wie dies bei der engen Berührung in der spanischen Periode das Gegebene war. Wiederum in anderen Formen, aber immer durchaus im Einklänge mit der jüdischen Seele, betätigt siell dann die Kunst im (ihelto. liier, in der äußeren Abgeschlossenheit, wo die Seele sieh nur in einem engeren, sieh stels gleichbleibenden Umkreise bewegt, wird ihr Ausdruck gegenständlicher; und so sehen wir. Insbesondere In den illuminierten Handschriften, diese starke Betonung des Konkreten. Aeußerst interessante Hinspiele dafür, wie auf einzelnen Blättern in lebendigster Darstellung ganze Vorgänge geschildert werden — beispielsweise das Hacken der Mazza -, finden sieb in diesen Handschriften. Nach dem Fallen der Ghettomauern wird die Reteiligung der Juden am Kunstschaffen In ungeahnter Weise gesteigert. Ks "eht aber zunächst eine Vernachlässigung der jüdischen Seele vor sich. Sichtbar wird dies schon an den Synagogenbauten. Haben die allen Synagogen, wie die Wormser. die Fegensburg^r und die Pnger Alt-