Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 7 (13.2.1931)
- Date
- 1931-02-13
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seit« 2 QEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN REUGIONSOEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer "i daß Ruflland, trotz und nach Dostojewski, sich wenigstem vorläufig der organisierten U.....oral, <it'in Bolschewismus unterwart. Wenn wir hier von dem Thema der uns vorangesetsten Frage anscheinend etwas abgewichen sind, so haben wir damit doch schon einen Hauptteil der Antwort aul diese Frage gegeben. Denn es muß ohne weiteres einleuchten, dafl man einen Mann, der die Menschen von einem Aspekt, wie er hier geschildert wurde, beurteilt, unter keinen Umständen In die Publik eines Judenhassers, eines 'i»s-iherzigen, von Rassen- oder Religionshaß Inspirierten, landläufigen Antisemiten einreihen darf. Solches isl aber tatsächlich geschehen, und man findet sogar Zitate aus Dostojewski In den berüchtigten pseudowissenschaftUchenEditionen der sogenannten RassenschUtsler oder anderer apriorischer Antisemiten. Man kennt diese bequeme Art der Zitation. Man weiß, wie solche Übereifrige „Wissenschaftler", während sie 'Ii«' pikanten, schmackhaften Rosinen ausaiehen, darüber den gansen, großen und nahrhaften Kuchen vergessen. Der ganze, der große Dostojewski darf aber, wie gesagt, nicht hui dem Etikett eines programmatischen, eineprinzipiellen Judengegners versehen werden. Er selbst verwahrt sich dagegen In der striktesten, unzweideutigsten Form, woraul wir noch später zurückkommen. — Es bleibt unbestritten wahr: in Beinen Romanen kommen einzelne jüdische Personen nicht besonders gut weg. Wenn man sich zum Beispiel des jüdischen Klavierspieler.- in den „Dämonen" erinnert, oder der Gestalt des Jüdchens, des jüdischen Roulettespielers und unverschämten Diebes im „Jüngling", so mag man sich vielleicht darüber wundern, daß Dostojewski mit solcher Treffsicher heil die schwarzen Schafe aus dem großen Kreise des Judenvolkes herauszulesen weiß. Demgegenüber muß jedoch gerechterweise erklärt werden, dafl diese Gestalten vor allem sehr realistisch gezeichnet sind, und dafl es solche räudige Schafe innerhalb des Judentums nun einmal gibt. Es ist schließlich ureigenste Sache des Künstlers, sich mit jenen Personen zu beschäftigen, die seine künstlerische Gestaltungslusl reizen. /weitenkummi diesen Figuren ausschließlich episodistischer Werl zu. und es wäre ein sehr falsches Verfahren, aus dem Charakter von Episodengestalten einen Schluß auf das ureigenste Wesen, auf die ..Idee" eineganzen Volkes ziehen zu wollen. Man muff nur erwägen, welche Untiere von Menschen (ofl als dominierende (iestalten -einer Romane) Dostojewski aus den Reihen seines doch so sehr geliebten und von ihm erhöhten Russenvolkes entnimmt und schildert, ohne dafl dieser Vorgang -einem Glauben an das russische Volk, an eine einzigartige, fast messianische Prädestination desselben, an die gewaltige, weiterlosende Güte und Liebe des russischen Volkes, Abbruch zu tun vermöchte. Schließlich i-t es einfach unwahrscheinlich, dafl Dostojewski durch die-e Schilderungen über die Juden den Stab brechen wollte, über ' in immerhin bemerkenswertes Element der Bevölkerung Rußlands, das „unter -einen Söhnen drei Millionen .luden" zählt, wie Dostojewski sagt. (Es war in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts.) Dies wäre mit dem Wesen eine- Dostojewski, mit -einer i>izu allumfassender Liebesfähigkeil heraufentwickelten Seele, völlig unvereinbar. — Abel es i-t gar nicht nötig, im gewaltigen Meere Dostojewskischer Ertählungskunsl nach Beweisen für -eine Ansiedden und Gesinnungen in betreu" der .luden zu fahnden. Besitzen wir ja tatsächlicfa -M etwas wie eine programmatische Stellungnahme Dostojewskis zur Judenfrage, nämlich -einen, in dem von ihm herausgegebenen „Tagebuche" veröffentlichten Aufsatz: „Die Judenfrage", eben jenen Aufsatz, der von unverständigen Antisemiten so verständnislos ausgeschrotet wird. Dieser Aufsati i-t im Jahre 1*77 erschienen, also etwa vier Jahre vor dem Tode Dostojewskis (er starb am '■>. Februar [28. Januar] 1881), als eine Öffentliche Stellungnahme aul verschiedene Zuschriften von jüdischer Seite, darunter auf die einei ihm befreundeten jüdischen Dame. Man darf diesem AufsatM definitiven Weit zuerkennen, da er ja Schoo in die letzte Periode Dostojewskischen Schaffens fällt und somit gleichsam ein Resümee -einer Anschauungen enthält. Sie bilden, wie der vortreffliche deutsche Uebersetzer Dostojewskis E. K. I.'ah-in sagt, den ..intellektuellen Rechenschaftsbericht" degenialen Russen. Der unter dem Titel „Beichte eine- .luden in Briefen an Dostojewski" *) herausgegebene Briefwechsel des .luden Abraham Urja Kowner mit Dostojewski, an den zieh enteret aus dam Kerker, WO ei wegen einegroßen Baukbctrugceine Strafe abbüßte, wandte. •) Erschienen München, 1927, Ii. Piper & < o. enthält im grollen und ganzen keine neueren Aspekte zur Judeufrngi als die in den politischen Schriften schon ausgedrückten. Sie erhärten nur die Ansicht von der verständnisvollen und sachlichen Bemühuii) Dostojewskis um das Problem des Judentums und beweisen, dal Dostojewski den landläuligen Bassen- und Religionsantisemitlsmu ablehnte. In den sogenannten politischen Schriften i-t Dostojewski genötigt Strenger und strikter als in seinen sozusagen „auf weile Sicht" ge schrlebenen Romanen zu den Tagesfragen Stellung zu nehmen. Uni hier entpuppt sich seine sehr aktive, kämpferische, leidenschaftlich politische Natur. Aber auch hier ist seine Stellungnahme himmelwei entfernt von der demagogischen Form engherziger Tagespolitik. Den er bleibt auch da seiner Idee, seinem Traum von einem Rußland, von „höchsten russischen Gedanken" einer „Vereinigung aller Ideen treu. Und wenn er mit der einen Hand zerstören muß, ist er docl immer wieder bemüht, mit der andern aufzuhauen, 7.u vereinigen, zu versöhnen. Daher hallet auch seinen politischen Aeuflertingen je« Aera ewiger Ideen an, die ihnen einen leichten Zug ins Utopisch verleihen. Anderseits bleibt er in ihnen der gleiche lebensnahe Uli weltverbundene Realist, der er immer gewesen. Kr geht auch in de Politik von keiner vorgefaßten Doktrin, von keinem System aus. i nimmt zu den gerade auftauchenden Tagesfragen, zu irgendeinei politischen Bericht oder sonst einem bemerkenswerten Vorfall ui mittelbar Stellung und entw ickelt daran, an einem faktischen Vorfal seine Ideen, die er allerdings dann bis in die äußersten und weil verzweigtesten Konseipienzen durchdenkt. Kr reagiert auf die Kicc ni—e seelisch unmittelbar und daher sind die Resultat -einer Untersuchung manchmal scheinbar widerspruchsvoll, verworn und unsystematisch, Wie das seelische Wesen des Menschen eben i- Man wird daher bei Dostojewski vielleicht stets ein streng umschrii benes Programm vermissen, aber dafür statt starrer Doktrin das Goli seelischer Unmittelbarkeit ernten. Aus der V erbindung einer höchsten religiösen Idee und kra- Bestem Realismus ergibt sich die Weltanschauung Dostojewskis. Un so verwunderlicher und merkwürdiger ist seine Stellungnahme zu dei Juden. Denn wenn mau sich einesteils vor Augen hält, dal Dostojewski für «las russische Volk selbst eine messianische Berufui in Anpruch nahm, dafl er aber anderseits als bodenständiger, glühe der Busse, der er war, sich mit den Meinungsäußerungen des eil fachen Volkes identifizierte, in denen er die tiefsinnigsten Wah heilen ZU erfassen wußte, Wahrheiten, die werlvoller, richtunggebend« und fruchtbarer zu sein schienen als die abgründigsten Thenn, irgendwelcher volksfremder Intellektuellen, so mufl mau auf die A -einer Stellungnahme sehr gespannt sein. Sind ja doch die .luden seihst ein Volk, das den Unbedingt est' Anspruch auf die messianische Sendung macht, und war das Verb! nis des russischen Volkes zum Juden stets sehr problematischer Natu Wie also würde es möglich sein, solche Gegensätze ZU vereinigen, noi dazu unter dem A-pekt allmenschlicher Versöhnlichkeit? Dies käme ja einer Lö-ung der Judenfrage gleich. Hier kann gleich gesagt werden, dafl Dostojewski es sich n nicht zumutet, die Judenfrage zu lösen, denn „solch ein Problem gel über meine Kraft . . .". Was er uns bietet, sind daher nur fragmentarische Erkenntnis seiner Intuition entsprossen. Hinweise zu einer möglichen Orient rung aber kein letztes Wort. Diese Unzulänglichkeit aber li< weniger au ihm selbst, als an dem Fragmentarischen der ganzi Situation. Denn die zu beul teilenden Strömungen und Kräfte -ii noch gar nicht in ein«' endgültige Beziehung getreten. Jedenfalls im mau. wenn man .-ich die historischen Gegebenheiten vor Augen h und soviel Toleranz aufbringt, um den Glauben und die Weltanschi ung Dostojewskis zu respektieren, anerkennen, daß er sich ernst, B richtig und mit größtem Wohlwollen dieses Problemangcnnii i n hat und sich darin so weit eingefühlt hat. als es die prldestinie Grenze seines Einfühlungsvermögens ihm gestattete. Dieae Grei aber reicht sehr weit. So erklärt er vor allem, und das müßten sich alle RassetUchUtl merken: „Am meisten wundert mich eins: wie und woher kommt BS, d mau mich für einen F e i u d d e r .1 u d e u als V o I k, B Nation, ja für einen .ludenlias-er hält?" Und weiterhin: .....doch beruht diese Abneigung durchaus nicht auf irgci einem Kassen- oder Re 11 gionShaB, -.....lern auf gewist Tatsachen . . ."