Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 5 (30.1.1931)
- Date
- 1931-01-30
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 GEMEINDEBLATT DKR ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer telephonischem Anruf bei Frau Alma Cert, PfaSendorler str. In (Tel. 237;<ii auch abgeholt, Höhere Israelitische Sehale, Volksschulabteiling. Die Höhere Israelitische Schule teilt uns mit, dafl zu Ostern 1981 in ihrer Volksschulabteilung außer der bereits bestehenden 4. Klasse i ine i. Klasse eingerichtet wird. Für diese beiden Klassen, also für das 5. und 6. Schuljahr, können noch Schüler und Schülerinnen aufgenommen werden. Eltern, di>' ein Interesse daran haben, dafl Ihre Kinder ihrer Volksschulpflichl in der jüdischen Schuh" genügen, werden gebeten, >nli baldigst bei der Schulleitung m melden. Die jüdische Fran und ihre Umwelt Am 1!'. Januar sprach Krau Paula Ollendorff (Breslau) auf Einladung des Jüdischen Frauenbundes, Ortsgruppe Leipzig, und des Srhwesternbundes der Lelpslg-Loge über das Thema: „Die jüdische I ran und ihre Umwelt". Aus der übergroßen Gedankenfülle kann in folgendem nur einiges wiedergegeben werden. Wir leiden momentan unter einem starken Pessimismus: Es bedroht uns Terror von außen und Resignation von innen. Qrundiug jüdischen Wesens ist jedoch Optimismus: denn die besondere Eigenart jüdischer Auffassung ist die Verpflichtung zur Vorbildlichkeit, und wenn eine Lehre ein Vorbild hinstellt, das bis in die Ewigkeit deutet. SO offenbart sich darin ihr Optimismus. Frauenaufgabe ist es nun. diesen Optimismus tu verbreiten. Oer Terror von außen wird, wie er gekommen ist. wieder vorübergehen, denn es hat schon häufiger Zeiten gegeben, da wir von außen bedroht wurden. Wenn auch feindliche Stimmen laut werden, die wie Blüher sagen: ..Ein jüdischer Gedanke wird erst produktiv, wenn er durch ein deutsches Gehirn gegangen ist", so stehen dem doch auch Stimmen entgegen, wie die von Hoover. Dieser richtete bekanntlich an die amerikanischen -luden anläßlich des Rausch haschono-Kestes eine Botschaft, die allen .luden der Welt »all: er sprach darin seinen Dank aus für die große Leistung der .luden am Fortschritt der Menschheit. Am Fort- Bchritt der Menschheit beteiligt zu Bein, ist das höchste Lob, das einer Gemeinschaft nachgerühmt werden kann. Die Frau hat mit ihren neuen Rechten die Verpflichtung, auch neue Ideale aufzustellen. Bei den .Tuden alter Zeit galt der Mann als Träger des Judentums, Der legendäre Gedanke, daß die Frauen Israel aus Ägypten erlöst haben, war längst in Vergessenheit geraten. Buber hat einmal den Satz aufgestellt: Ootl wird nicht erstritten, nicht verteidigt, sondern verwirklicht. Die Ghettofrauen haben in diesem Sinne gehandelt, sie haben ihre Religiosität verwirklicht. Aber die jüdische Kultur jener Zeil war ausgesprochen männlich. Die Frau des Ghettos kannte keine andere Umwelt als ihr Haus und ihre Gemeinschaft; ihr Leben war nicht von den Problemen erfüllt, die die Frauen unserer Zeit bewegen. Es gab damals keinen Parteihader, kein Elteprotdem — für die jüdische Ehe galt noch die biblische Anschauung, die von Isaaks und Rebekkas Eheschließung erslhlt: Isaak nahm sie zum Weibe und liebte sie. Die heutigen Ehen kommen häufig über den ersten Teil dieses Satzes nicht hinaus. Ein Problem unserer Zeit kannte man damals allerdings auch: das war der Konflikt zwischen Jugend und Eltern, Wenn schon der Prophet Maleachl für notwendig erachtet. daß das Herz der Kinder den Eltern wieder zugeführt wird, so ist das ein Beweis, daß schon in sltbiblischer Zeil dieses Problem bestand, Aber im wesentlichen war das Leben der im Ghetto lebenden Frauen durch die mangelnde Berührung mit der I'mwelt reibungsloser als das der heutigen Krau. Selbst die so stark im Erwerbsleben stehende Olückel von Hameln war mit ihrem Judentum so verbunden, daß sie jeden Abend in ihr Büchlein schreibt: ..Ich danke Gott, dafl ich als Jüdin geboren bin". Als die Tore des Ghettos sich öffneten, glaubten die Menschen, dal! Bildung und Kultur jenseits des Judentums läge. Es war eine Zeit der Phersrhätzung der Bildung: ersl spätere Zeiten haben erkannt, was unter wahrer Bildung zu verstehen ist: ..Bildung ist nur. was übrig bleibt, wenn man alles vergißt was man gelernt hat". Auch der hochgeistige Rathenau sagte: „Alle Schöpfungen, die der Geist geschaffen hat. sind untergegangen, nur die nicht, die die Seele geschaffen hat". Rathenau, der immer die fortschreitende Materialisierung zu beseelen gesucht hat lud immer den Gedanken vertreten, daß an Stelle der drei M — Moment Mode, Meinung die drei G — Güte. Gerechtigkeit. Gesinnung treten müßten. Wenn man die Menschen dahin führen könnte, daß Güte und Gerechtigkeit ihre Triebkräfte wären, und an Sblle der Meinungen Gesinnung trete, würde ein Fortschritt der Menschheil EU verzeichnen sein. Dieser Fortschritt ist nur zu erreichen auf dem Wege des sozialen Gedankens. Nicht nur die sogenannte soziale Arbeit ist es, in der sich der soziale Sinn eine Menschen kundtut, sondern sein Verhalten im engen Kreis. Di, jüdische Lehre will in dem Menschen das Bewußtsein des Mitmensche! erwecken und legt ihm ein Verantwortungsgefühl für die ganz. Menschheit auf. Das Wort „was geht das mich an" stammt aus einen ganz unjüdischen Gedankenkreis. Die Aufgabe zur Versittlichun des .luden kennzeichnet Rathenau in den Worten, die er in einen Brief an einen Antisemiten richtet: „Kol jisroel ist dazu da, um jede Menschenantlitz vor den Sinai zu führen". Frau Ollendorfl schloß mi einem warinen Hinweis darauf, daß die Arbeit der beiden Organisa tionen — des Frauenbundes und des Schwesternbundes — dahn ziele, den sozialen Sinn im Menschen zu fördern. Aktuelle Fragen der jüdischen Wirtschaftspolitik. Am Donnerstag, dem 15. Januar, sprach in einer Versamni lung der Gesellschaft „Ort" Herr Dr. M i o h a e 1 T r a u b über aktuell' Fragen der jüdischen Wirtschaftspolitik. Einleitend bemerkte de Redner, daß er sich im wesentlichen auf den Osten, Rußland um Polen, beschränken werde, daß jedoch diese Betrachtungen auch ihr Bedeutung für die Verhältnisse in den westlichen Ländern habei Im Wirtschaftsleben der Völker hat sich ein Wandel vollzogen, de bei der besonderen Berufslagerung der .luden nicht ohne tiefgreifei den Einfluß auf die Verhältnisse der .luden bleiben konnte. Nicht au eigenem Antriebe, sondern infolge der geschichtlichen Entwicklun haben die .luden im Osten, wie auch anderwärts, im wesentlichen sie! im Zwischenhandel betätigt. Es kann nicht bestritten werden, da: diese ihre Stellung als beachtenswerte Förderung des Wirtschaft« lebens gewertet werden muß. Jetzt aber tritt überall die Tenden zutage, daß der Weg vom Produzenten zum Konsumenten abgekün werden soll. Darunter leidet naturgemäß der Jude, der aus einen von ihm bisher vorwiegend geübten Berufszweige ausgeschaltet win1 Ks ergibt sich für ihn die Notwendigkeit einer Rückkehr zur Pro duktiou. die sich gewiß nicht leicht vollziehen kann. Dazu kommt fü die Juden des Ostens, daß das Gebiet, auf dem sie lange Zeiten hin durch in Massensiedlungen gelebt haben, infolge des Wtdtkrieges aul geteilt worden ist. Dadurch ist die Geschlossenheit der jüdische Siedlung — denn es handelt sirh vorzugsweise um das Gebiet de ehemaligen Ansiedlungsrayons — zerrissen worden. Drei Millione im heutigen Rußland lebender Kleinhändler sind durch die Neuon nung der politischen Verhältnisse deklassiert worden. Hier hat di Gesellschaft „Ort" eingegriffen und in umfangreichem Maße dafii Sorge getragen, daß wenigstens ein Teil dieser Deklassierten wiedi in den Wirtschaftsprozeß eingegliedert worden sind. Immerhin i auch jetzt noch eine außerordentliche Zahl solcher jüdischen Dekla sierten vorhanden, die mehr als eine Million betrügt Anders, ab. nicht geringer, sind die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der etw 88 Millionen Juden in Polen. Diese sind von nicht zu übersehend Wichtigkeit auch für die Westjuden als Reservoir, auf das man. bc spielsweise in Deutschland, aber auch in anderen Ländern, nicht Ve ziehten kann. Auch hier erleben die Juden gegenwärtig ungeheu Schwierigkeiten. Ihnen stehen 8 Gegner gegenüber: Der Staat, d ungeachtet aller verfassungsmäßigen Garantien, die Juden System, tisch in Nachteil setzt durch steuerliche Maßnahmen sowohl wie dun behördliche Neuordnungen im Wirtschaftsleben, die nie im Wortlau! doch aber in der Wirklichkeit ihre deutliche Spitze gegen die .lud' richten: der Großproduzent, der sein wirtschaftliches Üborgewlel dazu ausnützt die kleineren und kleinen Betriebe an sich zu reiß' und hier im besonderen seine Ausdehnungstendenz wiederum geg. den Juden richtet: und schließlich der Konsument, der infolge ehe chauvinistischen Verhetzung in übermäßiger Weise den Juden boyki tiert. Auch hier hat die Arbeit des „Ort" einsetzen müssen: auch Iii' mußte ilie Umschichtung vom Zw ischenhandel und vom Kleingewerl zu einer produktiven Tätigkeit durchgeführt werden. Der maßge liehe Grundsatz, von dem die Arbeil des „Ort" sich dabei leiten liil ist der. nicht auf philanthropischer Grundlage vorangehen, sondern d< Aufbau produktiver Existenzen durch eine Hilfe herbeizuführen, d in Darlehen besteht um durch die Rückzahlung der Beihilfen ein« seits die einmal gewährte Stütze immer wieder neu nutzbar zu mach' und andererseits den auf diese Weise fostverwurzelten Existenz, das Bewußtsein zu geben, aus eigener Kraft aufgebaut zu haben. I ist notwendig, daß weitere Kreise, als bisher erfaßt werden konnte mit dieser Arbeit vertraut werden, nicht bloß, um auf diese Weil die Arbeit fester zu verankern und weiter auszudehnen, sondern auc weil die Kenntnis dieser Entwicklungen auch in Deutschland V< allergrößter Wichtigkeit ist. — Im Schlußwort wies der Vortragend auf mehrere in der Aussprache aufgeworfene Anfragen, darauf hi