Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 5 (30.1.1931)
- Date
- 1931-01-30
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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SO. Januar 1931 QEMBINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIQIONSOEMEINDE ZU LEIPZIG Seite 3 Schlemihl Eine Wortbetrachtung anläßlich des 150. Geburlstages Adalbert v. Chainissos (30. .lanuar). Von S. M e i s e 1 s. Das Bleibende, was Adalbert v. Chnniisso geschaffen, ist sein „Peter Schlemihl". Die Dichtung erschien zuerst 1814 und wurde schon nach kurzer Zeit fast in alle europaischen Spraken übersetzt, l'eter Schlemihl eroberte sich gleichsam im Fluge ii ganzen Kontinent; er warf seinen Schatten, den er verloren ,lte, in aller Welt voraus. l'eter Schlemihl, insbesondere der ihlemihl", wurde zu einem Gattungsbegriff. Man halte es nicht Ir eine Übertreibung: Schon in der Wahl dieses Buchtitels erweist •Ii Chamissos dichterische Erfindungsgabe. Der Held der Erzählt ist mit seinem Namen so unzertrennlich verwachsen, als wäre ihm von Ewigkeit her zugedacht gewesen. Es gehört schon wirkh ein Pech dazu, seinen Schatten zu verlieren, und nur einem Unicksmenschen wie Schlemihl kann so etwas begegnen. Auch sonst waltet über dem schattenlosen Mann wie über seinem ( linen ein gleiches Verhängnis. Wie der Mann durch die Welt ohne hatten wandert, so läuft Schlemihl ohne Stammbaum umher. Man i uß nämlich wissen: der Schlemihl ist, wie ein Sprachforscher es - iiiin ausdrückt, auch in sprachgeschichllicher Beziehung ein rechter - hlemihL Es ist ihm sprachgeschichtlich nicht beizukommen. Trotz ii erdenklichen Mühen, die man sich um ihn gegeben, ist es bis- I; r nicht gelungen, seine Abstammung unzweifelhaft festzustellen. Man weiß auch heute noch nicht, von wem er abstammt und wer 6i in Urahn war. Sirher ist nur, daß „Schlemihl" einen hebräischen I -prung hat. Aber auch der Ursprung ist in ein tiefes Dunkel geh III, das zu erhellen die Sprachwissenschaft vergeblich sich bemüht. In der ausgezeichneten ChnmissoAusgabe des Bibliographischen I -lituts geht der Herausgeber, Dr. Hermann Tardel, auf allen Spui i der Herkunft des Wortes Schlemihl nach, ohne indes zu einem I" friedigenden Ergebnis zu gelangen. Von allen Erklärungen und D 'Uhingen hält er nur das eine für sicher, daß in der jüdisrh-deutm ben Gaunersprache Schlemihl allgemein einen Unglücksmenschen l leutet Auch Heinrich Heine hat über die Herkunft des Namens 1 ilemihl nachgeforscht. In seinem „Romanzero" erzählt er, daß er si Ii um eine Auskunft persönlich an Chnniisso, den „Dekan der ilemihle" gewandt habe; Chamisso wies ihn an Hitzig, und Hitgab ihm folgende Erklärung: Im 4. Buch Moses, Kap. '25, wird die Geschichte von Simris Ermordung erzählt; nach einer alten erlleferuag soll jedoch nicht der Sünder Simri. sondern ein ganz iKhakiiger, nämlich Schlemihl ben Zuri Srhaddni, von dem Speere '! 'S Pinehas tödlich getroffen worden sein. Sonach wäre der biblische leniihl ben Zuri Srhaddai der Ahnherr aller Schlenühle. Diese! mische oder llitzigsche Erklärung ist nicht stichhaltig. Wohl geht Sage von der Ermordung des unschuldigen Schlemihl auf einen Irasch Tanchuma zurück, aber im althebräishen Schrifttum ist nirnd von Schlemihl als von einem Unglücksmenschen die Rede. Die angeführte etymologische Erklärung dürfte übrigens wirki h von Hitzig stammen, denn auch Chamisso machte sie sich zu en. Am 17. März 1821 schreibt Chamisso an seinen Bruder Hip i lyt: „Schlemihl oder besser Schlemiel ist ein hebräischer Name, und bedeutet Göttlich, Theophil oder aime de Dieu. Dies ist in der gewöhnlichen Sprache der .luden die Benennung von ungeschickten oder unglücklichen beulen, denen nichts in der Welt gelingt. Ein Schlemihl bricht sich den Finger in der Westentasche ab, er füllt auf den Rücken und bricht das Nasenbein, er kommt immer zur Unzeit. Schlemihl, dessen Name sprichwörtlich geworden, ist eine Person, von der der Talmud folgende Geschichte erzählt: Er hatte Umgang mit der Frau eines Rabbi, läßt sich dabei ertappen und wird getötet. Die Erläuterung stellt das Unglück dieses Schlemihl ins Licht, der so teuer das, was jedem anderen hingeht, bezahlen muß." In seinem Ruche „MorgiMiländische Wörter im Deutschen" gibt Enno Littmann zum Worte Schlemihl vier Erklärungen: 1. Schlemihl soll die spätere Aussprache des Namens Schelumi'el sein. Dann ist aber nicht der Fürst der Kinder Simeon gemeint, sondern ein Itahbinerschüler dieses Namens, der im 14. Jahrhundert zu Ens in Österreich lebte und ein rechter Pechvogel war. 2. Schlemihl soll aus Schlimmassal (eigentlich schümm-masal „Unglücksstern") neugehiidet sein mit Ungleichung an Namen wie Gabriel. 8. Es soll die hebräischen Wörter schein mo'il „der nichts nützt" enthalten. 4. Es soll mit Schelumiel nur insofern verwandt sein, als es dasselbe bedeutet, etwa „Heil Gottes". Dies soll ein Ausruf gewesen sein, den man gebrauchte, wenn man einem solchen Pechvogel, der eben auch anderen schaden kann, begegnete oder gar mit ihm zu tun hatte; dann wäre zu übersetzen „Gott behüte mich", und die Bedeutungsverschiebung und Übertragung auf die andere Person hätte stattgefunden wie in „Gottseibeiuns". Littmann hält die erste Erklärung für die beste. Das kann indessen nicht stimmen, denn der Name Schlemihl. obgleich er in der Bibel vorkommt, war unter den Juden nie gebräuchlich: auch im 14. Jahrhundert nicht. Und daß ein Rabbinerschüler zu Ens in Otterreich so geheißen hätte, ist höchst unwahrscheinlich. Sehr wahrscheinlich dagegen dünkt mich die Ableitung der Bezeichnung Schlemihl von der Paarung des deutschen Wortes „schlimm" mit dem hebräischen Worte „Matal", also Schliminasel. Dafür scheint schon der Umstand zu sprechen, daß beide Formen in der gleichen Bedeutung noch heute im Jiddischen gebraucht werden. Man sagt „Schlemihl" oder „Schliminasel", was dasselbe bedeutet. Im Jiddischen gibt es sogar noch eine dritte Form, das Subttantivum „Srhlimmasalnik". Diese Bezeichnung hat "ine einschränkende Bedeutung. Einen Schlimmasalnib nennt man einen, der beinah ein Schlemihl ist. Davon gibt es auch eine weibliche Form „Srhlimmasalnitze": so nenn) man gewöhnlich eine Frau, die in allen häuslichen Hantierungen ungeschickt ist. Es will mir scheinen, daß Chamisso nicht ohne Absicht dem Namen Schlemihl den Namen Peter beigesellt hat. Denn auch Peter scheint et mit dem Peel: zu tun zu haben, sonst würde man nicht so oft von einem dummen, faulen, langweiligen, verdrießlichen Peter sprechen. Vielleicht hat Chamisso mit Peter nur die deutsche Übersetzung für den hebräischen Schlemihl geben wollen. Allenfalls ist der Name Peter Schlemihl trefflich gewählt. Unsere Gemeinde ' -iiiialnarhrichtcii. 85. Geburtstag. Am 7. Februar vollendet Herr Adolf Haniil (Philipp-Rosenlhalstr 24) sein 85. Lebensjahr. Er gehört zu den -Ich Mitgliedern unserer Gemeinde. Einem weiten Kreise der ■ren Gemeindemitglieder hat der Jubilar persönlich nnhegestand n. d es dürlte seinen allen Bekannten angenehm sein, von dem Bestehen des Jubeltages Kenntnis zu erhalten. — Wahl. Bei der jüngst stattgefundenen Neuwahl wurde Archi- >'kl Wilhelm Haller, unser durch leint künstlerischen Schöpfun- I n geschätztes Gemeindemitglied, vom ..Bund Deutscher Arrhitek- 'i", Kreisverband Leipzig, in den Vorstand gewählt. Diese Wahl rf unter den heute waltenden Verhältnissen als ein besonderer Beweis für die Schätzung festgestellt werden, deren sich Herr Halter in den Kreisen seiner Rerufsgenossen erfreut. Wie kann man ohne (Jcldopfer Gutes tun? Indem man der K I e i d e r s t e 11 e des Schwtttembundes der Leiptig-Loge, Humboldts! r. 13. alles Entbehrliche aber noch gut Erhaltene an warmen Garderobestücken, Kleider. Mäntel, Schuhe, Unterwüsche. Leibwäsche, Bett- und Haus wüsche zur Verteilung an bedürftige Gemeindemitglieder QberUSt. Gerade in der kalten Jahressoll ist der Maugel an wärmender Kleidung besonders fühlbar. Es ergeht daher an alle Gemeindemitglieder die herzliche Mitte, ihre Bestände noch einmal zu überprüfen und alles Entbehrliche der Kleiderstelle zu übermitteln. Auf Wunsch werden die Sachen nach