Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 5 (30.1.1931)
- Date
- 1931-01-30
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer Resultat dos Fortschrittes vieler Jahrhunderte ist. Zu seiner Zeit stand dal Alte reatamenl aul der höclisten Stufe menschlicher Entwicklung, und mehr kann man von ihm vernünftigerweise nicht erwarten." Wie gnädig! Nun findet sich in dem zu Tel-Awiw herausgegebenen „Sophor Sikkaron" zu Ehren des siebzigjährigen Alexander SüUkind Rabhinowitz eine bemerkenswerte Studie von Dr. A. Kaminka über diesen Psalm, die ihn in einem ganz ungeahnten Lieble zeigl. Kaminka geht von der Präge aus, was die Erwähnung Edoms hier zu bedeuten babe. /.wischen Judla und Edom bestand allerdings Feindschaft. König David bekriegte die ldumäer erfolgreich; später, in der zweiten Hälfte des 9. vorchristlichen Jahrhunderls, kam es unter König Ainazija zu einem großen Krieg gegen sie, über den sich nur zwei S'otixen erhalten haben, im Konigsbuch und in der Chronik. Allein, bei der Bedrängung von Judla durch Nebukadnesar, der mit der Zerstörung des Reiches, der Verwüstung der Stadt Jerusalem und der Verbrennung des Tempels endete, wirkten die Amuioniter, Moabiter und Aramüer auf der Seite des Stärkeren mit, aber von den Edomiten (oder Idumäern) erzählt uns die Quelle nichts. Diese plötzliche Erwähnung der Edondter im Psalm ist also doppelt auffällig. Kerner ist es unverständlich, daß die Sänger zwar versichern, sie könnten und wollten nicht singen, aber am Ende singen sie eines der schönsten und ergreifendsten Lieder, welches nur durch den schrillen Ausklang so unharmonisch schließt. Indessen bestehen diese Schwierigkeiten nur, wenn man den Psalm lür nachexilisch hält und ihn nach der Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnesar entstanden sein läßt. Dann wäre es aber unverständlich, warum der Sänger, indem er der Heimat gedenkt, nicht erwähnt, daß sie jetzt verwüstet und verlassen daliegt, wie es in den Klageliedern geschieht, nicht den großen Jammer der überlangen Belagerung, der Eroberung und Zerstörung von Stadt und Heiligtum. Der Psalm ist offenbar viel älter, es müssen ihn Gefangene gesungen haben, die in den Eroberungszügen der Assyrer nach Babylonien verschleppt wurden. Auch unter Jujakim und Jojachin, den beiden vorletzten Königen von Judäa, führten die Babylonier häufig Gefangene in ihr Land, lange bevor sie der Selbständigkeit des jüdischen Reiches ein Ende gemacht. Einer dieser Gefangenen, dein es gelungen war. noch vor der Zerstörung Jerusalems in die Heimat zurückzukehren, schildert in diesem Psalm die Stimmungen und Erlebnisse in der (iefanuenschuft. Die Dränger forderten ihn und seine Schicksalsgenoasen auf. zu ihrem Ergötzen Zionslieder anzustimmen. Zionslieder, d. h. hebräische Lieder, die das Volk daheim singt, gibt es mancherlei Art. Es gibt Lieder zu Ehren (iottes (Schir Adonai), so z. B. das unserem Psalm vorangehende Lied „Preiset Gott, denn er ist gut. denn ewig währet seine Gnade", das sogar ..Lied des Herrn" par exeellence genannt wird. Ks gibt aber auch Kriegslieder. Von diesen sind im l'salmbuch aber nur versprengte Bruchstücke enthalten. Beide Arien von Liedern sind natürlich heiter und lustig, wie die Babylonier sie verlangen. Aber: Wie sollen wir ein Lied singen vor diesem sensationslüsternen Keimte? Das wäre ja Entweihung. Da stimmen sie dafür ein weltliches Lied an. welches zugleich ihren momentan gedemütigten .Nationalstolz zu heben imstande ist, nämlich einen Kriegsgesang, der auf den Sieg des judäiseben Heeres unter König Amazia gedichtet wurde. In zwei Versionen wird uns die Geschichte dieses Sieges übermittelt: im Buch der Könige (II, 14, 7). welches die Aussagen unmittelbarer Augenzeugen enthält, und im Buch der Chronik (II, 15, 11, 12), welches mehrere Generationen später verfaßt wurde, die Ereignisse schildert, wie sie sich die Nachkommen durch den Nebel der Zeit vorstellen. Das Königsbuch erzählt knapp und klar: Er. König Amazia nämlich, schlug Edom im Salztal. zehnlausend Mann, und in der Schlacht eroberte er (taphas) den Kelsen. Der Kels. von dem hier die Rede ist, ist der Burgfelsen. auf dem die Residenz der Könige der Edomiter sich erhob. Man hat sich den Vorgang so vorzustellen, daß Amazia das feindliche Heer der Edomiter, das in Judäa eingedrungen war, zurücktrieb, bis an den Kuß des edomitischen Burgfelsens: hier brachte er dem feindlichen Beere eine entscheidende Niederlage bei, brachte zehntausend Mann davon zur Strecke, wodurch das Heer zerschmettert wurde, und eroberte den Kelsen. Duinil war wohl der ganze Krieg beendet. W haben da einen Kriegsbericht vor uns, wie er auf dem Schlachtfell vom Sieger nach getaner Arbeit verfaßt zu werden pllegt. Viel wortreicher, aber weniger plastisch, mit weniger Ei uze heilen ausgestattet, lautet der Bericht in dem Buche der Chrom Hier nimmt sich König Amazia mächtig zusammen, führt sein Vol nach dem Salztal und schlägt zehntausend von den Edomilen. V< der Eroberung des Kelsens mit der edomitischen Königsburg wii nichts erwähnt. Dagegen wird erzählt, daß die Judäer weitere zeln tausend edomitische Krieger gefangennahmen, sie au die Spitze ein Kelsens (ohne nähere Grtsbezeichnung) hinaufbrachten und von do in die Tiefe hinabstürzten. Sind die Zahlenangaben in diesen antik Kriegsberichten Uberhaupt nicht wörtlich zu nehmen, so trägt dies offenbar Jahrhunderte nach dem Ereignis niedergeschriebene Nac riebt das unverkennbare Merkmal der Übertreibung an sich. Es i I technisch unmöglich, Tausende von Gefangenen auf einen Kelsen . i schleppen und sie von dort hinabzustoßen! Eine derartige Übe treibung konnte erst viel später in Kreisen entstehen, die dem Krie fernstanden und keine lebendige Anschauung von ihm mehr hatte Es bleibt also als historischer Kern nur die im Konigsbuch übi lieferte Nachriebt zurück, daß Amazia ein edomitisches Heer um Ki des Burgfelsens des edomitischen Reiches geschlagen und dies. Kelsen genommen, erobert hat (taphas). Ein Kriegsgesang, der a I dieses Ereignis gedichtet wurde, enthielt den Vers „Gedenke, o Go . den Söhnen Edoms den Tag Jerusalems" . . . Der Groll gegen d ■ Edomiter war um so bitterer, als dus ja ein Stammverwandtes Vo i war. Dieses Kriegslied singen nun die gefangenen Judäer den Bah loniern vor. Wieder in die Heimat zurückgekehrt, ohne Furcht \ ■ dem Zwingherrn, streuen sie nun in das ehemals auf babylonisch Eide gesungene Lied gegen Edom eine neue Strophe gegen Bai I ein: „Babel, du Elende! Preis dem, der dir heimzahlt, was du n - angetan!" Dann folgt eine weitere Strophe aus dem historisch n Kriegsgesang gegen die Edomiter: „Ein Hurra, ein Preis auf d n Feldherrn, der den edomitischen Burgfelsen erobert und das feil - liebe Heer gegen diesen Felsen zerschmettert hatte". Die Erobern dieser zweimal in der Bibel (Übadia 3, Jeremia 49, IG) als uneinneli bar geschilderten Felsenburg muß wohl als besondere militürisr e (iroßtat gegolten haben, etwa wie in unserer Zeit die Eroberung i - Luvcen. Es ist also begreiflich, daß das Lied dein Eroberer ein sonders kräftiges Hurra darbringt. „Aschrö schejoches wenippez etil olalajich el ha sela." Das Zeitwort „achas" (in „schejoches") ist synonym mit d n Zeitwort „thaphas" und bedeutet nicht anfassen, sondern ergreil erobern. Auch in der Mesa-inschrift kommt dieses Verb im gleicl n Sinne vor. Das Hauptwort „olalajich" bedeutet hier nicht Silugliisondern junge Männer, Soldaten. In dieser Bedeutung kommt Wort in der poetischen, getragenen Sprache mehrmals vor. lassen ihr Vermögen ihren olalim zurück" (Psalm 17, 14), „Ihre Ob i gingen gefangen vor dem Feind" (Klagelieder 1, 5). Jeremias 8, l wird der „olal" in Parallele gesetzt mit dein „baehur", letzteres V I bedeutet aber ganz gewiß nicht einen Säugling, sondern den JUngb Diese Beispiele lassen es als sicher erscheinen, daß auch im Psalm ■ „Olalajich" (deine Olalim) nicht Säuglinge, sondern junge Mensel n bezeichnet, die das feindliche Heer bildeten. Der ganze Satz ist n Vers aus einem alten Kriogsgesang, gegen Edom und verherrlicht i l Heerführer, der das feindliche Heer gegen den Felsen zerschmeb I und ihn erobert hat. Es ist ulso weder von Säuglingen überhaupt, noch von babyK isehen im besonderen die Rede. Der Dichter drückt nicht den Wun > nach einer nachkriegerischen Rachetat aus, sondern zitiert einen V der eine Heldentat in einein vor Jahrhunderten stattgefunde: n Kriege verherrlicht. Der Psalm ist nicht nachexilisch, sondern wo i verfaßt, als Jerusalem noch aufrecht stand. Kaminkas Ausführun u sind so überzeugend, erklären so einfach und natürlich alle Schwie keilen des Psalms, daß man sich förmlich wundert, warum man m 1 längst darauf gekommen. Das ist ja immer der Fall, wenn eine Wal heil ans Tageslicht gezogen wird.