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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1931-01-30 · 5 (30.1.1931) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
7 (1931)
Issue
5 (30.1.1931)
Date
1931-01-30
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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® emeitiö cbktt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMErlN DE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG! tt» C.emelndeblatt ersdielnt |cdcn 1'reltap: und wird in Mitgliedern der KetlKlnnsKemelnde unentgeltlich urdi die Post zugestellt — Sthrlftleltun«: .rmclnderabblner duatav Cohn, Leipzig, Lohrstra&e 10 NUMMER S / JAHRGANG 7 FREITAG IO* JANUAR lOII Anzclfit'nvtTHulluntf und Drink: lludi(lru«fc«*rrt August Prli-s Lrip/i«, llrüdrrslr. 59 - I t rnrul 70006 - rOHtm Mii. ik Letpilji 53920 - Niidulnuk nur mit Quellenansaht- und um (■«'nt'hmlpunK <lrs Verfassern geKlattt-t An den Strömen von Babel... (Ehrenrettung einei Psalmes.) Von B i n j a in i ii Segel. (C Der mit diesem Verse beginnende Psalm 1117 gehört bekanntlich EU den schönsten und ergreifendsten im ganzen Psalter. Er ist nicht bloß bei den .luden, sondern auch bei den christlichen Völkern sehr populär, der fünfte Vers: „Wenn ich dein vergesse, Jerusalem!" ist geradezu weltberühmt, ebenso der nachfolgende s" liste: diese beiden Verse geben dem Heimweh der Kriegsgefangenen den klassischen Ausdruck für alle Zeiten. Heim Klange des ersten Verses tauchen vor uns die Gestalten der nach Babylon verschleppten gefangenen .ludäer auf. Lewiten. sie haben ihre Harfen an die Weiden gehängt, die Zwingherren verlangen von ihnen Zionslieder, „etwas Lustiges". Aber die sonst so Sangesfrohen sind jetzt sangesmüde: „Wie sollen wir Lieder des Ewigen auf fremder Erde lingen?" . . . Doch jetzt schlägt die Sehnsucht nach der verlorenen II' imal in Groll gegen deren Bedränger um: „Gedenke, o Gott, den Ti Jerusalems den Söhnen Kdoms, die da riefen: reißet nieder, reißet nieder ihre Mauern bis auf den Grund! . . . Habel, du ElendeI Lobenswert (aschre) der dir heimzahlt deine Handlungsweise an uns; I' nswert, der da erfaßt und zerschmettert deine Säuglinge gegen Felsen 1" . . . Oer letzte Vers spricht einen so grausamen, geradezu unnienschn Kachewunsch aus, daß er nicht nur wie ein schriller Mißton Stimmungsvolle Lied abschließt, sondern ein direkt unmögliches zeichnet. Nach der Eroberung einer Stadt kann eine entmenschte iteska Säuglinge gegen das Pflaster oder die Wände der Häuser 'hmettern, wie es auch die russischen Chuligans bei Pogromen Imäßig taten; Kelsen linden sich jedoch in den Städten, auch in Salem, nicht. Dieser grausame Kachewuusch fiel schon den allen imentatoren auf. So bemerkt David Kimchi (110t)—1235) in ■m Kommentar zu dieser Stelle: „Diese (irausamkeit ist als Vormg dessen zu begreifen, was die Rnhylonior an den Juden nach Eroberung der Stadt verübt haben". Nun ist eine gesungene Graukell viel milder zu beurteilen als eine verübte, aber sie stört Isdestoweniger das Harmonische des schönen Gesanges. Das ie (iewoge der wehmütigen und sehnsüchtigen Stimmungen darf n nach allmählichem Übergang, in langsamer Steigerung in einen •n Schrei nach Vergeltung ausklingen, aber nie wird es ein so hier Dichter, wie der Sänger dieses Psalms, durch ein grauenhäßliches Bild den Gesamteindruck eines Werkes am Schluß ' llen. Es entspricht überdies nicht den Tatsachen, daß die Babyr judäische Säuglinge gegen die Felsen zerschmettert bitten, haben dafür das indirekte Zeugnis des Propheten Jeremias, der eigenen Augen die tragischen Ereignisse jener Zeit geschaut hat. 51. Kapitel seines Buches. Vers 20, spricht er im Namen (ioltes dei b w Ii Babel folgendermaßen au: „Ein Hammer bist du in meiner Hand, ein Werkzeug des Krieges, ich zerschmettere mit dir Völker und richte mit dir Königreiche zugrunde; ich zerschmettere mit dir Roß und Reiter, ich zerschmettere mit dir Wagen und Lenker. Ich /.er SChuicM Ire mit dir .Mann und Weil), ich zerschmettere mit dir AI! und Jung, ich zerschmettere mit dir Jüngling und Jungfrau... ich zerschmettere mit dir Herren und Würdenträger. Aber am Ende zahle ich heim an Babel und an alle chasdüischen Bewohner all das Böse, das sie in Zion angerichtet haben vor euren Augen. So spricht liott." Hier zähl! der Prophet alle Verheerungen auf, die Babel, ein Werkzeug in der Hand Gottes, gestiftet bat, und kündigt dem Werkzeug die Vergeltung an. Es ist bezeichnend, daß Jeremias dasselbe Wort (nappez) für zerschmettern gebraucht, welches im Psalm BIT von den angeblichen Säuglingen steht. Hätten nun die Bahylonier die Kindlein der Judler gegen die Felsen zerschmettert, so würde Jeremias auf keinen Fall das in seiner Anrede zu erwähnen unterlassen haben. Allein, der Psalm bietet auch noch andere Schwierigkeiten. Zunächst ist die plötzlich auftauchende Erinnerung an Edoni unbegreiflich, um so unbegreiflicher, wenn man den Psalm als nachexilisch betrachtet, wie es die Bibelkritik tut, die ihn nach der Zerstörung Jerusalems durch Nohukadnozar von einem heimgekehrten Exulanten verfaßt sein läßt. Da mußte doch diese wenig bekannte Episode mit Edom in einer gar zu fernen Zeit zurückliegen, die Wunde der Zerstörung Jerusalems war frischer. Im Vergleiche mit dem liroll gegen Babel mußte jener gegen Edom stark vorblaßt und abgekühlt sein. Die Erinnerung scheint als :m dieser Stelle deplacier!. In dem Huf nach Vergeltung au Babylon hätte ferner ilie Zerstörung der Stadt, die Verwüstung des Landes und Wegführung der Bevölkerung eher erwähnt zu werden verdient als die freilich grausame, aber immerhin untergeordnete Eintelheil der Zerschmetterung der Säuglinge, für die der Psalmist eine Vergeltung mit gleichem herbeisehnt. Diese Sehnsucht hat den christlichen Kommentatoren Anlaß EU allerlei Betrachtungen gegeben über den niederen ethischen Zustand des Allen Testamentes, der erst im Neuen die Stufe der Vollkommenheit erreicht habe, auf der kein Raum ist für Rachsucht. Aufrichtigen Bewunderern der Bibel verursachte dieser Schlußvers wahre Seelenqualen. Cornill i. B. sagt in seinen schönen und tiefen Vorlesungen Ober die Propheten Israels, er wäre gern bereit, sich eine Hand abhauen zu lassen, wenn nur dieser eine Vera in den Psalmen nicht stünde. Arnold B. Ehrlich weist entschuldigend darauf hin. daß, als Israel diese Vorstellungen hatte. Plato zum Wohl des Staates die Aussetzung schwächlicher Kinder empfahl. ..Man muß eben an diese allen Schriften nicht den Maßstab unserer Fthik anlegen, welche das

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