Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 4 (23.1.1931)
- Date
- 1931-01-23
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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23. Januar 1931 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN HKLIGTONSOKMKINDE ZU LEIP/.Hi Seite B icheint noch beute eine große Menge von Zeitungen In diesem deutschjüdischen Idiom! Aber auch sonst im Lehen braucht man nur das ™ konservieren] was im Absterben ist. Und seihst wenn die Freunde der Jüdischen Sprache — su denen auch Ich In Autrichtigkeit ge- :„•„.,. — sie mit allen Mitteln wegen der Schönheit und kraft Ihrer Denk- und Auadrucksweise erhalten wollen, eine spräche muß Ihre Wurzeln in das Erdreich des Lebens senden, und von ihm mufl le gespeist werden. Die Wur/.eln des Jiddischen beginnen aber langsam in Polen zu verdorren; und wenn auch sein Schicksal sich nicht heute und morgen erfüllen wird, der Weg ist vorgeseichnetl So ist man heule iu Warschau auch im Judenviertel wirklich beinahe ein Fremder, wenn man nur Deutsch spricht. Mit Hebräisch dürfte man sogar noch viel schlechter auskommen. Die , lelgerühmte Renaissance des Hebräischen bringt für die Massen des Volkes kaum etwas. Lediglich eine kleine Schichl von Intellektuellen, insbesondere unter den Akademikern und Arbeitern, pflegt dir hebräische Umgangssprache, Für das Straßenbild und den allgemeinen Verkehr bedeutet sie aber nichts] Nur das kann der flüchtige Beobachter feststellen I Ober ihre Zukunltsmögllchkeiten vermag er aber natürlich nichts zu sagen, Selten habe ich eine größere Enttäuschung erlebt, als hei meinen Gängen durch die Warschauer Judenstadt, Ich forschte nach dem Quell charakteristischen, eindeutig bestimmten jüdischen Lehens. Und vergeblich suchte Ich nach dem ersten und wichtigsten Kennseichen einer nationalen Minderheit, nach der gemeinsamen Sprache! Daß aber dieser Zug zum Polnischen nur ein Ausdruck einer allgemeinen Assimilationsbewegung ist, soll in der nächsten Betrachtung gegeigt werden. (Fortsetsung folgt.) VI. Reichskonferenz des Verbandes ostjüdischer Organisationen in Deutschland TU Anwesenheit von 57 Delegierten aus allen Teilen des Deutschen I Reiches und einer großen (lästeschar wurde in Hannover die Ayl Reichskonferens des Verbandes ostjüdiacher Organisationen in leutschland abgehalten. Delegierte aus Bannen, Herlin, Bochum, Bonn, Braunschweig, Breslau, Cassel. Dannstadt. Duisburg, Dresden, '.Dierfeld, Erfurt, Hamburg, Hannover, Karlsrulle, Ludwigshafen, Mainz, Magdeburg, Mannheim, München, Pirmasens, Pforzheim, Sinti gart und Worms waren erschienen. Begrüßungsansprachen winden halten von R.-A, Block im Namen der Zionistischen Vereinigung lür Deutsehland, deren Ortsgruppe Hannover und der Jüdischen ilkspartei, Regierungsbaumeister Wittelshöfer für den Cenli il-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen (ilaubeus und Herrn sehe] von der ostjüdisoben Gruppe Hannover. Zum Präsidenten der Reichskonferens wurde einstimmig Herr Mix Gold reich-Bonn gewählt, zu Stellvertretern wurden gewählt Schneeweiß-Hannover und Lecker-Magdeburg. Herr Fett, Mitied des Präsidiums der Exekutive des Verbandes ostjüdischer Organisationen, erstattete den Rechenschaftsberichl für das iilossene Geschäftsjahr. Dieses Jahr war. so führte er aus, ein besonders schwieriges schon dadurch, daß die Wahlen zur Landesvernmlung der preußischen Gemeinden und zur Berliner Repräeen- IaulenVersammlung eine Belastungsprobe für den Verband darstellten. se Probe hat er aber gut bestanden. Auch in diesem Jahr hat der Verband Gelegenheit gehabt, zu beweisen, daß das Ostjudentum einen nicht zu unterschäblenden Kulturfaktor im jüdischen Leben in Deutschland darstellt. Der Verband bat auch au Umfang sugeimmen. Die Berliner Gruppe, die vor einem Jahre 22 Vereine r.fthlte, zählt heule deren 35. Der Gruppenverband Südwestdeutsch- 1 nil zählt heule 2<> Vereine. In dem Gruppenverband Rheinland- -Halen sind etwa!H>",', der Ostjuden des Rheinlandes organisiert. Trotz Wirtachaftsnot weist der Etat der Ortsgruppen xusammentiommeo die stattliche Summe von sikmmmi Mark auf. Diese Gelder Hideu zum Teil für soziale, zum Teil für humanitäre, kulturelle und religiöse Zwecke verwendet. Im vergangenen Jahre hat sieh der erbend auch näher mit der Frage einer Organisation in den west- ' heu Ländern auseinandergesetzt. Im März bildet eine Tagung von rtretern dieser Länder statt. Auch au jüdischen wissenschaftlichen IHuUonen bat der Verband mitgearbeitet Einer der wichtigsten Programm punkte des Verbandes ist sein Kampf um die 1 I eichberechtigung innerhalb der jüdischen m ei ii de ii in Deutschland. Dieser Kampf wird solange 'Hergehen, bis die theoretische Anerkennung der Forderung nach '•ichbereelitiffunj; auch seitens eines großen Teiles der Liberalen Ii in allen (ie.....Inden praktisch ausgewirkt hat. Daß die jüdischen imeJndea von der Mitarbeit der Ostjuden nur profitieren können, eine anerkannte Tatsache; das Ostjudentum i>! ein belebendes emenl in der Gemeinde, Die Naoiunittagssitsung des ersten Tages war der Mauptaussprache er die aktuellen Probleme des Verbandes gewidmet. Am Abend nil eine große öffentliche Kundgebung statt, die von Herrn Fischel leitet wurde, und in der die Herren Benxion Eetl. Dr. I. Taubes, rakowsky, Dr. Koretz, Waldmann und Max Goldreich Ansprachen leiten. Ii. der Vormiltagssitzuiig des zweiten Konferenztages referierte!,r. Alexander Rosenfeld über „Jugendarbeit und Kulur". Er forderte alle dem Verbände angeschlossenen Organisationen und Ortsgruppen auf, die bestehenden Jugendgruppen zu unterstützen bzw. die Organisierung der ostjüdischen Jugend innerhalb der positiv jüdisch eingestellten Jugendbünde zu fördern, darüber hinaus aber auch jugendpflegerische Soxialarbeit zu leisten. Ferner entwickelte er den Plan einer systematischen Kulturarbeit, Dr. Israel Taubes hielt ein Referat: ..Die wirtschaftliche Lage u n il das Genossenschaftswesen". Er wies auf die sihwere Wirtschaftskrise in der gansen Welt bin und beleuchtete besonders die schwierige Lage des jüdischen Kleinbürgertums in Deutschland. Der Referent glaubt, daß durch Schaffung von Kredit- und Darlehnskassen die wirtschaftliche Lage für die ostjüdischen Kleingewerbetreibenden und Handwerker erleichtert werden könnte. Er streift noch kurz die Krage der Umschichtung und trat energisch für die Ergreifung produktiver Berufe ein. — F e l d m a ii n - Bochum propagierte ebenfalls die S c h a I f u n g v o n Kredit- und Darlehnskassen durch den Verband. Zucker-Holländer (Karlsruhe) sprach über „Organisation und Presse". Erstellte mit Befriedigung fest, daß es im Laufe des leizten Geschäftsjahres gelungen i>t. durch Schaffung von Besirksgruppen das ostjfldiche Lehen im Reich zu intensivieren und dem Verbände neue Kräfte zuzuführen. Er verlangt, dal! die anwesenden Delegierten die Verpflichtung übelnehmen, innerhalb ihrer Ortsgruppen dafür einzutreten, daß jedes Mitglied die „Jüdische Welt" abonniert. Auf dir Referate folgte eine lebhafte Aussprache. Dil- Konferenz nahm eine Reihe Resolutionen an. darunter die (olgenden: Der Verband osljüdischer Organisationen ist eine überparteiliche jüdisch-nationale Organisation und führt auf dieser Grundlage eine selbständige Gemeindepolik. Abmachungen mit anderen Parteien oder Gruppierungen sind nur dann zulässig, wenn: die Partei oder Gruppierung den Verband als selbständigen und gleichberechtigten Verhandlungspartner anerkannt hat und seinen Forderungen zustimmt: wenn eine Abmachung vorher die Zustimmung der Exekutive gefunden hat. Die Reichskonferens fordert die Leitung des Verbandes auf. dahin zu wirken, daß Parteien oder Gruppierungen, mit denen Bündnisse abgeschlossen weiden, der Verbandsleitung gegenüber die Verpflichtung übernehmen, im Rahmen der Beschlüsse der Reichskonfereuz zu handeln. Die Refchskonferens spricht allen im Kampf um die Gleichberechtigung Stehenden Gruppen ihre vollste Sympathie aus und verspricht feierlichst, diesen Kampf mit allen Mitteln zu unterstützen. Die VI. Reichskonferens siebt als eines der wirksamsten Mittel zur Linderung der Not die organisierte Selbsthilfe an und empfiehlt, um dem Verarmungsprozeß entgegenzuarbeiten, »Ii«» Schaffung jüdischer Darlehnskassen und Kreditgenossenschaften. Die Konferenz ersucht die jüdischen Gemeinden, Landesverbände und jüdischen Körperschaften, durch baldigste Zurverfügungstellung von Geldmitteln die Gründung von Darlehna- und Kreditgenossenschaften zu ermöglichen, bestehende Kreditinstitute nach Möglichkeit zusammenzuschließen und damit Mitglieder BchwächergesteUter Gemeinden zu unterstützen, zur Erlel hterung der Kreditbeschaffung nicht nur die Bürgschaft dritter, sondern auch die Zession von Aufträgen, sowie Ueberelgnung von Gegenständen aller Art als Sicherheit entgegenzunehmen. Die VI. Reichskonferenz lenkt die Aufmerksamkeit der breiten