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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1931-01-23 · 4 (23.1.1931) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
7 (1931)
Issue
4 (23.1.1931)
Date
1931-01-23
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite J: GEMEINDEBLATT DHU ISRAELITISCHEN RELIGIGXSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer I sich 'Ii'' Frage: Für oder gegen >i>'n Zionismus! Die Zukunft wird lehren, ob er jene Stellung aufrechterhalten kann. Pas Lexikon der Jahre 1920—80 konnte nur das uns vorliegende lein; und es ist sein V'oraug, daß es neben trockenen Namen, Daten und Ziffern soviel Leben In »ich schließt. In ihm erfährt man vom neuen Palästina, von den ausgezeichneten Trägern und sämtlichen Gruppen und GrUppchen des Zionismus. Und daneben stehen die großen, modernen Gebiete, die die neueste Zeit für das gesamte Judentum erschlossen bat: also z.B. Jüdische Frauenbewegung, Bildende Kunst und Drain.i. Musikwissenschalt, Statistik, Wanderbewegung, Moderne Wohlfahrtspflege, Sport und Körperkultur, Verlagswesen, Wirt- Schaftsand Sozialgeschichte u.v.a. Namen von solchem Klan« wie Arnold Zweit;. Hans K 0 h n , Fei, W e 11S C h , F oliv A. rheilhaber, Arno Nadel u.a. teilen sieh hier in die \ erfasterschaft. So wenig wie der Liberalismus oder die Orthodoxie hat ühri gens der Staatsbürger-Verein Ursache, über Zurücksetzung zi klagen. Ludwig Hollaender, Julius l!iil>. Rabbiner D. F. Goldmam (Leipzig) sind unter den Mitarbeitern ebenso vertreten, wie C.Selig mann und Rechtsanwalt Heinr. Stern und wiederum die Rabbine Pinchas Kuhn (Leipzig) und Jakob Freimann (Berlin). Es erübrigt sich noch zu erwähnen, daß die Ausstattung, Drucl und Papier, Bilder- und Kartenmaterial auf voller Hübe stehen, - dafi «'s ein Genufl ist. in dem Winke EU lesen. Freilich, für de einfachen Mann ist der Anschaffungspreis (etwa 160 ILM.) recht ei heblich, und der Verlag wird Sorge trafen müssen, Ermüliiguiige eintreten zu lassen. Wer immer aber ein gröfieres Opfer für jüd sches Wissen aufbringen kann, er wird einen Hausschatz besltzei von dem beides gilt, was die Sprüche der Väter anraten: „Erwii dir einen Freund, erwirb dir einen Lehrer!" Eindrücke aus Warschau E. stand I0r mich bisher als Axiom lest, «lall jeder .lüde Deutsch v erst e h e n m ü sse, da er ja doch /.um mindesten die „jüdische" spräche beherrscht, die man gewöhnlich mit dem englischen Ausdruck als ..jiddish" bezeichnet. Meine Erfahrungen im jüdischen Zentrum Warschaus haben mich aher eines anderen belehrt. Dafür einige Beispiele: Im Judenviertel betrat ich mit einem Bekannten, der auch kein Polnisch spricht, eine Konditorei. Wir bestellen etwas, und zwar in deutscher Sprache. Das Fräulein, fraglos eine Jüdin, versteht uns nicht, und oh wir es mit Deutsch. Englisch, Französisch oder Jiddisch versuchen, allem setzt sie ihr hartnäckiges „nie vozumiem" entgegen! \\ ii gehen hinaus, und an der Tür sagt mein Freund: „Da werden wir unsere ,Achile' anderswo kaufen müssen!" Heim Worte „Achile" lächelt die Junge Dann', aher auch der Hinweis darauf, dat.! sie sich verraten hat. kann sie nicht dazu bewegen, mit uns Deutsch oder Jüdisch zu sprachen. Ein zweite Erfahrung! Auf einem der großen Höfe der Franzitkanergasse spielen kleine Kinder! Ich traue sie auf Deutsch, ob hier eine Synagoge sei, und wiederhole, da sie mich offenbar nicht vorstehen, ne in Begehren auf Jüdisch. Mit offenem Munde starren sie mich an. und schließlich führt mich ein Junge zu einem alten Manne, der Jüdisch kann. Verstanden hat mich keiner! Ein drittes Bild! Aul einer der Veranstaltungen des Internationalen Kongresses zur Bekämpfung des Mädchenhandels, zu dem ich delegiert war. wird uns eine junge polnische Jüdin vorgestellt, eine Advokatin, deren Vater im jüdischen Lehen Warschaus eine große Rolle spitdt. si« spricht Englisch und französisch fließend, Deutsch kann sie nicht, und die Annahme, sie konnte vielleicht Jiddisch verstehen, weist sie als schwere Beleidigung zurück! Und zum Schluß eine noch .....rkwürdigera Erfahrung! Wir sind in einem jüdischen Thealer, und die Leute, die sich köstlich üher jeden Witz der in jiddischer Sprache aufgeführten Posse amüsieren, müssen bestimmt alle Jüdisch verstehen! Trotzdem hört man in der Pause und heim Hinausgehen last nur Polnisch! Nimmt man noch hinzu, dat.! man in den Straßen der Warschauer Judenstadt — abgesehen von Buchhandlungen und Geschäften, in denen rituelle Waren verkauft werden kaum ein jüdisches Schild liest, so verstärkt sich der Eindruck, daß das Jüdische im Volksgebrauch eine lanusam aussterbende Sprache ist. Dilgebildeten Leute w ollen einfach nicht „Jiddisch" sprechen, und auch Deutsch, sofern sie es beherrschen, vermeiden sie nach Möglichkeit Beim Kongraß, dem Teilnehmer aus aller Welt beiwohnten, die Polnisch nicht kannten, waren die Yorhnndlungssprächen Französisch, Englisch und Deutsch. Auch die Vertreter der polnischen Regierung bedienten sich der französischen Sprache. Polnisch sprach lediglich die Abgesandte der jüdischen Frauenvereine I Und dabei handelte es sieh noch nicht einmal um eine Vertreterin der typischen polnischen Assiniila- Von Dr. Felix G ol d m a n n. 2. Sprachliches. tion, sondern um eine im jüdischen Lehen bewährte, durchaus Ihn Judentums bewußte Frau aus Lemberg. Ich fragte sie, warum si denn als einzige Polnisch gesprochen habe. Sie könne kein Franzi Bisch, erwiderte sie. Und auf ineinen Einwand, daß sie doch dan auf dem Internationalen Kongreß Deutsch habe reden können, wi sie so erstaunt und fassungslos, dali ich die Unierhaltung schleunig abbrach! Bei den b reit e n M usso u dos Volkes stellt es alier so, da sie wohl im Mause und im Gottesdienste Jiddisch sprechen, im üffei liehen Leben es aher tunlichst vermeiden. So erklärt es sich, dal! s sogar im jiddischen Theater ihr Programm Polnisch verlangen in im Gedringe um die Garderobe Polnisch schimpfen. Sie sind von di Oberzeugung durchdrungen, dafi jeder polnische Bürger sich d Landessprache bedienen müsse, und es ist, als lebten sie in ein stillen Angst, ihre staatsbürgerliche Treue könnte verdächtigt werde . wenn sie Jiddisch sprächen. Darum sind sie dem Fremden, dem I bekannten gegenüber so zurückhaltend. Die Kinder aber lernen abgesehen von den strenggläubigen chassidisehen Kreisen - ütx haupl nur die Landessprache 1 Seit die allgemeine Schulpilicht e geführt ist und keine Schule eine Konzession erhält, in der il e polnische Sprache nicht Hauptfach ist. schreitet die Assimilation i i Riesenschritten vorwärts. Und für einen ganz grollen Teil der Kind l werden allmählich Deutsch und Jiddisch tatsächlich zu Fremdspracli Dali dein so sein muß, ist freilich leicht einzusehen. Solauge i - heutige Polen teils zu Kuliland und teils zu Österreich gehörte, v l die polnische Sprache nebensächlich. Die Sprache der Machthal war Russisch oder Deutsch, und beide begünstigten das ..Jiddisch weil sie dem Polnischen soviel Abbruch tun wollten wie irgend m< lieh. Mit der Wiederherstellung des polnischen Staates erstarkte al I das Nationalgefühl, und da die Gleichberechtigung der national n Minderheiten nur auf dem Papier stellt, ist mau schon aus wirtsch: liehen Gründen, um sich erhalten zu können, gezwungen, sich i Landessprache der Mehrheit zu bedienen. Und in gleichem M. tritt das Jiddische zurück. War es noch vor IUI Jahren eine bestai: Seltenheit, wenn ein den unteren Schichten angehöriger Jude die | nlSChe Sprache wirklich beherrschte, so ist es heule eine Selbsh StändlichkeiL Und in abermals 80 Jahren wird es vielleicht i Wunder sein, wenn einer fließend Jiddisch spricht und versteht, l Entwicklung, die in England und Amerika zu einer immer fühlbai werdenden Entthronung des alten ..Mameloschen" führt, macht ai vor der starken polnischen Festung nicht Halt! So hat mau den Bindruck, als ob das Jiddische in Polen I langsam« n Untergange verurteilt sei. Und die wirklichen Kenner >■ Landes, die ansässigen Juden, die mau befragt, machen zwar I Wendungen, bestätigen aber im Grunde die Annahme! Gewiß i es eine starke Bewegung zur Erhaltung der jiddischen Sprache. '• in Wilna ihren Mittelpunkt hat. gewiß wird sie wissenschaftlich > arbeitet, und die Literaturdenkmäler werden gesammelt Gewiß

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