Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 52 (26.12.1930)
- Date
- 1930-12-26
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 4 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIQIONSOEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer bei weitem nicht fassen konnte. Man war gespannt auf das erste Auftreten <les jungen Gesangvereins „Ilasainir", und man wurde nicht enttäuscht. Kr hat in der kurzen Zeit seines Bestehens viel erreicht; wenn auch das Stimmenverhältnis und das Dynamische noch etwas unausgeglichen sind, wenn auch die Singer ein wenig unter einer bei den räumlichen und atmosphärischen Verhältnissen begreiflichen Pooiumsnervosit&t standen, so war doch die Leistung im ganzen eine sehr respektable. Herr Qonski ist ein ausgezeichneter Chorleiter; die chorische Disziplin ist gut, die Behandlung der Aussprache vorbildlich. Das Programm umlafite eine Anzahl hebräischer und jiddischer Chöre, darunter die schwierige, melodisch und agogisch sehr interessante Talmud-Rhapsodie „Haine nindlikin" von Birnbaum. Chor und Solisten — die ausgezeichnete Sopranistin Frl. Wilamowska und unser rühmlichst bekannter Herr Sonnini. der auch einige fröhliche Jargonlieder beisteuerte waten mit hellem Elter hei der Sache, und Frl. Dr. Cassel gab mit einem ausgezeichneten einleitenden Vortrag über „Jüdisches l.ied und jüdische Dichtung", den sie durch Rezitationen Illustrierte, dem Programm des überaus gelungenen Abends Richtung und Geschlossenheit —tz. \\ interiesl des Vereins jüdischer Studenten. In der diesjährigen Leipziger Ballsaison hildete der vom Jüdischen Studenten-Verein veranstaltete Ball ein nicht zu übersehendes Moment. Man halte alles getan, um dem Abend eine prägnante Note zu geben; viele Mühe schien allerdings auf Dinge verwendet, die besser ihre Werte repräsentiert hätten, wenn es nicht zufällig ein Ballabend gewesen wäre. Es erscheint verfehlt eine Konzentration dort zu verlangen, wo man eigentlich eine Entspannung erwartet. Zur Gestaltung des Abends hatte man einige künstlerische Kräfte geworben, deren Leistungen dem Fest das Niveau gaben. Mit starkem Interesse nahm das Publikum an den Darbietungen Anteil und verlieh durch Beifallskaskaden seiner Beteiligung Ausdruck. Für den Frfolg des Abends zeichneten mitverantwortlich: Dora Stisson mit einer Romanze von Svbendsen und dem Violinkonzert a-moll op. 104 1. Satz. Ferner Iso Golland (am Flügel Frau Helen Hepner) mit einigen Liedern (Händel. Thomas, Glinka) und recht amüsanten und stimmungbringenden jiddischen Liedern. Dank der Begabung Gollands In Geste und Vortrag außerordentlich reizvoll. Toni Hai bell alberst am trug aus Stefan Zweig ..Jeremias" vor, teilweise mit Harmoniumbegleitung; vom Publikum mit Bewegung aufgenommen. Weiterhin bot Julius Nussenow ein Klavierkonzert von Alex. Tscherepnin, das große technische Anforderungen stellte, die Begleitung des Vortrags hatte Fräulein Rosa Terk inne, die durchaus den Schwierigkeiten gerecht wurde. Durch plötzliches Erkranken Mary Wulfsohns wurde das Publikum um einen weiteren musikalischen Genuß gebracht. Zum 'J. Teil des Abends mufl bemerkt werden, daß hier die Damen die Meriten innehalten, das Fest mit der Atmosphäre zu versehen, die Bällen den Frfolg zu verleihen pflegt (trotzdem sei bemerkt, dafl «las vorige Winterfest mehr Tempo besaß), die Merry-Berry-Band mit Hobby Freimann, die Picadilly-Band. später die Balaleikakapelle in der Bar. Sekt. Bowle. Tombola und Ainerican-Bar. Mokkazelt brachten Bewegung und Stimmung in die Menge, wer neichte noch etwas? B. Teeabend de« Keren Haje-sod. Sonntag, den 10. November, fand der traditionelle Teeabend des Keren Hajessod in Leipzig statt. Die Veranstaltung war überaus gut besucht, etwa 250 Teilnehmer halten sich zu dem festlichen Abend eingefunden. Aurh von auswärts waren zahlreiche Freunde ersehienenn, besonders aus den umgebenden Städten. Mit dem Leiter der Keren Hajessod-Arbeit. Herrn Dr. Martin Rosenblüth. hatten sich die Herren Salman Schocken und Ministerialdirektor Dr. Ha dt der Leipziger Keren Hajessod-Aktion zur Verfügung gestellt Nach Begrüßungsworten des Vorsitzenden, Herrn Dr. Loebenstein. und des Keren Hajessod-Sekretärs, Herrn Dr. Kantorszczyk. begründete Herr Dr. Badt in fesselnder, zwangloser Weise vom deutsch-jOdisehen Standpunkt aus die Judentrage und wies an Hand von vielen Erlebnissen und Beispielen der deutsch-jüdischen Umwelt auf die Notwendigkeit hin. sich heute in dieser aufgelockerten und erschütterten jüdischen Situation neu zu orientieren. Er betonte unsere SehlcksalsverbundenheH mit Eres Israel, dem Lande, aus dem unsere Wiedergeburt mit unserer Arbeit käme und in dem der größte Teil der Jttdenbeit der ganzen Welt sein Zentrum erblicke. Nach einem Appell von seilen des Herrn Tunipowsky, der auf d doppelte Verpflichtung aufmerksam machte, gerade in der jetzig« schweren Situation sich für Keren Hajessod einzusetzen, wind, für den Keren Hajessod 29800 Mark gezeichnet. Auf die eigentliche zionistische Situation der Jetztzeit ging dan Herr Schocken in klaren und sehr weitsichtigen Ausführungen eii die fast ausschließlich von wirtschaftlicher Warle aus gehalten war. Beginnend mit der Darlegung der Schwierigkeiten, vor die Knglan sich bei der Erfüllung des Mandats in Palästina geslelll sieht, luden er aber entschieden den unbeugsamem). Willen, gegen dieses jetzt vei öftentlichte Weißbuch mit Energie anzukämpfen. Schon heule s durch geschlossene Abwehr, in der sich Nichlzionislen und Zionisti zusammenfinden, das eine erreicht, daß die englische Regierung Reratungen mit der Jewish Agency eintrete, um Abänderungen . dem Weißbuch vorzunehmen. Mit dein Hinweis, daß auf lange Jafa hinaus noch für eine" umfangreiche und angestrengte Aktion d zionistischen Institutionen Arbeit und Möglichkeit in Palästina \ liegen, schloß Herr Schocken seine Rede, die von nachhaltigem 1 druck bei der gespannt lauschenden Zuhörerschaft begleitet war. Nach einem Schlußwort des Vorsitzenden und Gesang der Hai wah fand die sehr gut verlaufene Keren Hnjessod-Versamtnlung i Ende. „Garconne. Flapper. Dame." Auch in diesem Jahre veranstaltete die Ortsgruppe Leipzi d e s .1 ü disehen F r a u e n bun de 8, einer Einladung des Schv Sternbundes zu seiner Handarbeitsausstellung nachkommend, ein Teenachmittag in den Logenrlumen. Im Anschluß erfolgte i Referat von Frl. Dr. Gertrud Oesterreicher über das Then „G a r c o n n e , F 1 a p p e r . Da in e". Da eine so starke Beteiligu war, daß trotz äußerster Ausnutzung alles verfügbaren Platzes, vi Teilnehmerinnen umkehren mußten, sei der Inhalt kurz Wied gegeben. Jede Zelt hat ihre Schlagwörter, die sowohl symptomatisch auch wandelbar sind: so aurh in unserer Zeit die Worte: Garem Flapper, Dame. Der Begriff und das Wort Garconne ist geprägt worden durch gleichnamigen Roman des französischen Schriftstellers Victor M gueritte und beseicb.net das Mädchen, das sein Leben in jeder I sieht frei wie ein Garron lebt. Dieser Roman sowie seine folgern Bände „Le Compagnon" und „Le Couple" tragen den gemeinsan Titel „La temme en chemln" — die Frau auf dem Weg, nämlich dem Weg zur Freiheit. Das Wort „Flapper" taucht zum ersten1 in Lindsays berühmtem Buch „Die Revolution der modernen .luv auf, ferner in dem neuen Buch von Warner Fabian: „College Qii und bezeichnet das „süße Mädel" zwischen 10 und 20, das auf i tischfm Gebiet gedankenlos abenteuert. Das Buch von Paula v. Reznicek „Die Auferstehung der Dar fällt zeitlich zusammen mit der Änderung der Mode und läßt <! Wort „Dame" zum Schlagwort werden. Diese drei Worte geben gleichzeitig einen Ausschnitt aus noch immer in Bewegung begriffenen Frnuenwandlung. Was Vorkriegsgeneration der Frauenttmpferin erstrebt hatte, die Qlei be recht ig ung. erfüllen Revolution und Nachkriegsjahre. Zwischen i jüngeren Generation — im Grunde die Nutznießerin dessen, was d ältere erkämpft hat — und der älteren tut sieb eine Kluft auf. (H zeichnend dafür die „Kleine Diskussion" zwischen Gabriele Tel und Helene Stöcker im Berliner Tageblatt, August 1028.) Von all d eroberten Freiheiten steht die erotische im Vordergrund (nach jed Revolution tritt eine Auflockerung scheinbar festgefügter Konv> Uonen und Beziehungen ein). Nicht mehr die ihre Freiheit kämpfende, sondern die ihre Freiheit bereits betätigende Frau ist Garconne, die bewußt — in beruflicher wie erotischer Besiehui — ihr eigenes Leben labt Während sich die Qareonne allmählich durchsetzt (gefeiert od bekämpft), wächst bereits wieder eine jüngere Generntion hera der Flapper, das Mädel mit Charme ohne Tiefendimension. das d Weekend-Freund so oft wie möglich und mit größter Leiehtigki wechselt. Erotische Freiheit ist Sinn und Recht ihres Daseins. Wie bei jeder Bewegung, die in überschnellem Tempo nach ihr Vollendung rennt, tritt der Umschwung ein — der große Moment d Selbstbesinnung. Er bringt neue Erkenntnisse: man hat den Sexi überbetont und die Liehe vernachlässigt, wenn nicht gar — dun zu schindle Bereitschaft der Frau entwertet. Ferner: die erreich! Gleichberechtigung bat nicht glücklicher gemacht. Man bat (ih n artigkeit der Leistung, die man angestrebt bat, mit Gleichwertig!.'