Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 51 (19.12.1930)
- Date
- 1930-12-19
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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I i. Dezember 1930 GEME1NDERLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seite 3 i Komitee, wie In früheren Jahren, gebildet, um Zelte und Verufsbuden tu stellen und alle sonstigen Arrangements des Festes in Hand zu nehmen. Möge der Abend alle an jüdischer Jugend- .i11tiInteressierten, vor allem auch alle ehemaligen Schüler und hillerinnen der Anstalt zusammenführen und der jüdischen Schule erhaupl viele Herzen gewinnen. ufral an alle ehemaligen Schiller der Höheren Israelitischen Schule nl ihre (iiinncr. Wir sind vor kurzem darangegangen, eine „Vereinigung ehealiger Schüler der Höheren Israelitischen Schule" (Direktor r. E, Carlebach) zu gründen. Da uns bereits eine beträchtliche An- Iii von Anmeldungen sugegangen ist, haben wir Mut gewonnen d zugleich die Gewißheit, dafi unser Gedanke sich verwirklichen Öt. Deshalb appellieren wir nun in noch bestimmterer Form an . le, die diese Gründung in erster Linie betrifft, und bitten um > eitere schriftliche und mündliche Anmeldungen. Denn wir wissen i ir alllUgUt, dal! mindestens 300 -850 Schüler ihre volle Schulzeit Hill der II. LS. durchgemacht haben, dat.! aber außerdem eine viel I .il.iere Anzahl die Schule verlassen hat, welche nur einige Jahre Bill ihr ragebracht haben. Wir haben also allen Grund, zu fordern. . Ii unsere Vereinigung schon zu Beginn mindestens 200 Mitglieder eählen möge. Ist es denn wirklich so schwer, eine Feder zur Hand iu nehmen und seinen Entschluß auf einer Postkarte mitzuteilen? Oder gibt es etwa Menschen, die, als ehemalige Schüler dieser Anstalt, - ch nicht mehr zurückdenken können in die schönste Zeit ihres Lebens — die Jugend, die Schulzeit? — Aber das allein, die Plage li t Erinnerung an eine vergangene Zeil, ist ja noch immer nicht der maßgebendste Gedanke, einen solchen Verein ins Leben zu rufen. Wir wollen als ehemalige Schüler ein und derselben Anstalt uns \ ieder zusammenfinden, um nun im Leben als Kameraden zusammen- / istehen, vor allem in einer Zeil, die aus allen Ecken und Enden gerade uns .luden entgegenschreit: Halte! zusammen! Früher konnten w ir als Schüler einander in schulischen Dingen helfen und Freund sein, heute wollen wir als Erwachsene stützen und fördern, wo auch immer man uns rufen wird. Es ist doch die Tatsache wirklich nicht von der Hand zu weisen: wir „Ehemaligen" mikI Irgendwie miteinander verbunden durch unsichtbare Bande, die i isgehen von einem gemeinsamen, teuren Erlebnis. Und wie beschämend ist es. daß gerade solche Menschen, um nur ein Heispiel zu nennen, auf der Slraf.le aneinander vorbeigehen, ohne ein Wort tu wechseln, ja selbst ohne zu grüßen. Nein. Menschen, die die gleiche geistige Atmosphäre genossen haben, dürfen nicht so handeln, sie sind gewiß imstande, sich gegen - ilig anzufreunden oder anzulassen. Ja. wir wollen uns helfen: wirtschaftlich, geistig, persönlich! Aber ist es überdies auch nicht Pflicht aller ehemaligen Schüler, der Schule selbst, die sie erzogen. Dankbarkeit zu erweisen? Denkt n ich. und ihr werdet verstehen, daß wir als einen der wichtigsten Punkte in unser Programm setsen müssen: Unterstützung unserer I LS. in jedem Sinne. Siebzehn Jahre steht nun das Hans in der < ustav-Adolf-Straße, das uns Jahre hindurch unser Alles war. Es I >t manche Wirrnisse und Fähinisse durchgemacht, es bat alter stand- I hallen und es hat manchen von uns ohne jegliches Fadgelt lieheri Tgtl Wer erinnert sich heute noch dessen? Denkt nach und holt ch, was ihr versäumt habt. Unsere Vereinigung muß existieren. Sie muß gedeihen. Sie I u ß gestützt werden von allen ehemaligen Schülern, gleich ob sie l in oder reich sind, ob sie eine orthodoxe oder liberale Richtung : if ihrem Lebensweg eingeschlagen liaben! . . . Wir fordern aber auch alle Freunde der Schule auf. also diei nigen, die sie zwar nicht besucht, aber mit ihr sympathisieren, i .serer Vereinigung als passives Mitglied beizutreten. Ihr habt die- Iben Vorteile, dieselben Pflichten und Rechte wie die Aktiven! Und mm — nicht gezögert. Nicht immer die Schuld dem andern i geschrieben und sagen: „Ja, wenn d e r sich meldet, dann komme i ch ich." Drum: Postkarte her, Feder zur Hand und Anmeldung i it Angabe von genauer Adresse. Alter. Beruf und Ob ledig oder rheiratet bitte senden an Dr. B. Dobbriner. Münzgasse 7 1. 1 ii s j a G 0 t I I i e b. M e n o K i e s. Dr. rer. pol. R. Dobb r I n e t i ie politische und wirtschaftliche Lage der Juden in Deutschland. Die Ortsgruppe Leipzig des Zentralvereins deutscher Staatsbürger j idiachen Glaubens veranstaltete am Donnerstag, dem '27. November, i ie Gemeindeversammlung, in der Herr Professor Georg Bernhard zu dem Thema: ..Die politische und Wirtschaftliche Lage der .luden in Deutschland" sprach. Der Referent führte in der außerordentlich stark besuchten Versammlung etwa Folgendes aus: Die politische Lage der .luden in Deutschland ist durch das Ergebnis der Wahlen vom 14. September dieses Jahres erheblich verschlechtert worden, wenn auch die dadurch heraufbeschworenen Gefahren andere sein werden, als die, an die man zunächst zu denken geneigt ist. Die antisemitische Propaganda, die nach dem Kriege einsetzte, ist keineswegs spontanes Ergebnis der Lage nach dem Zusammenbruch, sondern war schon während des Krieges ganz sorgfältig vorbereitet, weil ein kleiner Kreis Eingeweihter für die zu erwartende tiefe Verstimmung, die dem Kriegsende folgen würde, eine Ablenkung schaffen wollte. Diese Kelze ist dann allerdings mit bizarren Theorien antikapitalistischer und sozialistischer Elemente verflochten worden, die gefühlsmäßig auf die breite Masse außerordentlich wirkten. Der Erfolg, den die NSDAP, erzielen konnte, ist jedoch nichl auf all dies, sondern auf das unendliche Elend zurückzuführen, das augenblicklich infolge der Arbeitslosigkeit in Deutschland herrscht. Weder im Bankwesen, noch in der Industrie spielen die .luden die maßgebende Rolle, um derentwillen die Nationalsozialisten die .luden für die gegenwärtige mißliche Lage verantwortlich machen möchten. Aber gerade darum ist die Gefahr des Anwachsens dieser Bewegung so groß, weil es auf geschäftlichen Gedanken beruht. Der Geschäftsantisemitismus greift auch auf die politischen Parteien über und führt dazu, daß den Juden politische Stützen, die ihnen Iiisher noch zu Gebote standen, mehr und mehr beeinträchtigt werden. Die Abwehr der Juden steht jedoch in gar keinem Verhältnis zu den Gefahren, die sie gegenwärtig bedrohen. Es gibt eine viel zu große Reihe von Glaubensgenossen, die blind werden, wenn es sich um Antisemitismus handelt. Wenn man auch über den gesellschaftlichen Antisemitismus hinweggehen könnte, so darf nicht die Gefahr des Antisemitismus übersehen werden, der ins Aggressive geht, der Religion, Rasse und Staatsbürgerrechte anzutasten beginnt. Und diese Gefahr droht gegenwärtig Immer mehr. Dir müßte eine geschlossene Abwehr der Juden gegenübertreten. Um so mehr, als auch die wirtschaftliche Lage der .luden eine solche Abwehr erfordert Gewiß ist diese wirtschaftliche Lage der .luden im großen Rahmen nicht anders als bei den anderen Deutschen. Es kommt aber zu der allgemeinen noch eine besondere Art jüdischer Wirtschaftsnot. Sie beruht darin, daß es bei dem Juden nicht mehr darauf ankommt, was er leistet: daß er boykottiert wird, aus keinem anderen Grande, als weil er Jude ist. Wegen seines Bekenntnisses ist der .lüde heute noch weit schwerer als Angestellter unterzubringen als der nichtjüdische. Besonders fühlbar wird dies dadurch, daß mau heule in der Industrie, im Handel, im Bankwesen Juden immer sellener in führenden Stellungen findet, in denen sie früher wegen ihrer Befähigung gern beschäftigt wurden. Alle diese Erwägungen sollten dazu führen, daß die .luden sich zu der Erkenntnis durchringen, den Erfolg einer Abwehr durch das unbedingte Zusammenhalten Aller stärken zu müssen. Weder dürfen sich Juden von dieser Abwehrarbeit selber ausschließen, noch dürfen zwischen Juden und .luden Schranken gezogen werden, unter denen die Einheit leiden muß. lieber allen kulturellen und sozialen Unterschieden müsse das Bewußtsein der geschichtlich gewordenen Schicksalsgeineinschaft alle Juden zusammenführen: im besonderen müsse der Gegensatz zwischen West- und Ostjuden überbrückt werden, da die antisemitische Bewegung ja auch einen Unterschied zwischen West- und Ostjuden nicht mache. Besonders weist Prof. Bernhard darauf hin. dal! diese Unterscheidungen auf dem wirtschaftlichen Gebiete fallen müssen, und betont die moralische Verpflichtung insbesondere der jüdischen Arbeilgeber, dal! sie. angesichts lies unbezweifelbnren Boykotts christlicher Firmen in entsprechendem Maße jüdische Angestellte beschäftigen. An den mit starkem Beifall aufgenommenen Vortrag schloß sich eine kurze Aussprache, in der die Herren B i e u e n s t o c k und Seiinger ihrer Freude darüber Ausdruck gaben, daß die Ortsgruppe des C.-V. durch die Berufung eines so eindrucksvoll für die Einheit werbenden liedners ihren Wunsch nach Beseitigung voii Innerjüdischen Gegensätzlichkeiten bekunde. Unsere Jugend Nachtrag zum Urne In über den Gautag des Itrith llanliiii. Durch einen Irrtum der Druckerei des Gemeindeblattes waren in unserem Berich! über den Gaulag einige sinnstörende Fehler. F.s ist wohl allen klar, dal! wir keinen Vorstand und Verein haben. Die betreffenden Stellen sollten heißen: Unter 1). V.s Leitung und D. V. betonte in seinem Schlußwort. Britli Haolim.