Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 48 (28.11.1930)
- Date
- 1930-11-28
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 2 QEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIQIONSQEMEINDE ZU LEIPZIG \ nun in vereinzelten Pillen, Kinder lur vollen Ersiehung In 'Iiis Heim aufzunehmen. Herr Lehrer Fried, der 1908 gemeinsam mit seiner Krau (der Tochter des hiesigen allverehrten Herrn Oberkantor Hlllel Schneide r) > 11 * - Leitung des Kinderheims übernahm, hat in diesem Sinn.' diesen Posten bis MUT in bester Weise ausgetollt. Wahrend dieser Zeil ging in der angedeuteten Richtung eine dauernde Erweiterung der Autgaben des Kinderheims vor sieh. Schon 1913 wurde das i Obergeschoß IQr die Zwecke dos Kinderheims hinsugenommen; . in Jahr später wurde auch das 'J. Obergeschofi n.....letet, so dafi Erdgeschoß und I. Geschoß ausschließlich für /.wecke des Kinderheims, und das -'■ Ueschoß als Wohnung für die Familie des Heimleiters benutzt werden konnten. Gleichzeitig erfolgte aber auch eine Erweiterung der Autgaben des Kinderheims hinsichtlich der Zahl der Pfleglinge, die ganz in die Erziehung des Heims gegeben wurden. Der Lebenskampf der Familien, aus denen die Pfleglinge kamen, war immer schwieriger geworden; die Eltern der Heimkinder waren vielfach kaum mich in der Lage, ihre Kinder auch nur Uber das Wochenende aus Eigenem zu versorgen, und mußten deshalb wünschen, ihnen Segen einer ruhigen und stetigen Pflege im Heim auch über diese l'age hinweg zu verschaffen. Dazu kam noch, wohl als das Bedeutungsvollere, daß auch die Verwaltung des Kinderheims eine Wandlung nicht ungern sah. Die erziehliche Einwirkung Im Heim erwies sich imer mein als unvereinbar mit dem regelmäßigen mehrtägigen Autenthalt der Kinder im Elternhaus. Immer deutlicher erwies es sich als ein unmöglicher Zustand, daß die Erziehung der Kinder durch Einflüsse außerhalb des Heimes in ihrer Einheitlichkeit unterbrochen wurde. Der Obergang vom „Pflegeheim" zum „Kinderheim" konnte sich naturgemäß nicht jah vollziehen. Man durfte nicht und mochte auch nicht den Eltern, die Ihre Kinder wie Iiisher dem Heim nur während ihrer Abwesenheit anvertrauen wollten, einen Zwang auferlegen. Voll durchgeführt wurde diese Entwicklung im Laufe des Jahres 1920. Das Ehepaar Fried hatte Leipzig verlassen (Herr Fried folgte einem Rufe nach Oslo), und es gelang der Loge, zu seinem Nachfolger Herrn Albert Weill zu gewinnen, ''inen erfahrenen, zielbewußten und erfolgreichen Pädagogen, der nach 25Jäbriger Tätigkeil aus seinem Posten als Oberkantor der Synagogengemeinde m Dessau ausgeschie den war. Durch ihn wurde die Umgestaltung des Heims in eine Anstalt der geschlossenen FQraorge durchgefOhrt. Das Heini bietet etwa 80 schulpflichtigen Knaben und Mädchen Unterkunft und Erziehung. Neben den Heimeltern die Qattin des Heimleiters steht der Wirtschaft vor und betreut mütterlich die Pfleglinge «iikt im Heil......ine Erzieherin (z. Zt. mit bestem Erfolg Fräulein Jakob) und eine Helferin. Ii. sundln'itlicli und u>*i>tiu »•iilwickelii Sich die Heimzöglinge ill zufriedenstellender Weise. Die Grundsätze zeitgemäßer Erziehung bewähren sich auch Iiier sichtlich. Im Sommer werden die Kinder viel ins Freie geführt, alljährlich während der großen Som.....rferien verweilen sämtliche Kinder in Erholungsheimen (Bad Diirrenheri! oder Lrholuiiüsheiui der (iermania Loge: Döhlauer Heide); soweit der Gesundheitszustand eine besondere Kur erfordert, werden sie auch zu lladekuren nach Kol höre, und Kissingen usw. geschickt. Im Winter bietet auch der heim Heim befindliche freie Platz genügend Möglichkeil zum Umhertollen; im Heim werden die Kinder durch Beschäftigungsspiele zur Handfertigkeil in Bastelarbeiten angeleitet. Das Heim steht ollen für solche Kinder, die ••iner sachgemäßen, zielbewußten Erziehung bedürfen, sei es. daß ihnen, aus welchen Gründen auch Immer, eine solche im Elternhause nicht geboten werden kann, oder daß sie dorn Eiternbause entzogen werden müssen. Auch Waisen und tamiliengelöste Kinder linden im Heim Aufnahme. Die Mehrzahl der Zöglinge verbleibt 5 -8 Jahre im Heim. In den letzten in Jahren wurden '■'<" Zöglinge nach ihrer Entlassung aus der Schule einem handwerklichen, einzelne auch einem kaufmännischen Berufe zugeführt und bewähren sieh großenteils in erfreulicherweise. Seil einer Reihe von Jahren läßt sich das Heim auch die Fortsetzung der Fürsorge für die aus dem Heim Entlassenen, wenigstens für die Dauer der Lehrzeit, angi legen sein: es finden regelmäßig Abende für sie im Heime statt, an denen sie mit Turnübungen, Lesen und Aussprachen befaßt werden, so daß 'las Hand zwischen ihnen und dl Heime fest verknüpft bleibt. Nebenher gehl eine nachgehende Fü Borge seitens des Schwesternliundes der Leipzig-Loge, Den Gedl ken der Zusammengehörigkeil festigt auch der Helmgottesdienst, rl seit einigen Jahren für die hohen Festtage eingerichtel ist. Seitdem das Kinderheim zum Erziehungsheim ausgebaut ist, wii ihm seitens der städtischen und staatlichen Behörden alle Autmei samkeil geschenkt. Nicht zum wenigsten dem Entgegenkommen di ser Stellen ist es zu danken, daß 'las Heim über die schweren Zeih der Inflation hlnweggeführl werden konnte, da es, wie alle ander. Anstalten, hei der Verteilung von Liebesgaben aus dem Auslände Ii rücksichtigt wurde. Volle Anerkennung sprechen dem Heim auch il Jugendämter aus, die ihm Kinder zur Erziehung übergeben habi An der Aufbringung der für die Erhaltung des Heims erfordi Mellen Mittel waren von Anfang an die Urinier der Leipzig-Loge hervorragender Weise beteiligt. Schon bei der Errichtung des Heii wurde der Gedanke, für die erforderlichen Mittel auch andere Lei] ziger gemeinnützige Organisati......n heranzuziehen, surückgewiesi Aus erzieherischen (iriillden war allerdings vorgesehen, dal.t di Litern, die ihre Kinder dem Heim anvertrauten, einen kleinen Koste beitrug zu leisten haben würden. Dieser wurde zuerst auf IUI l'i pro Tau testgesetzt, später auf .">(> Pfg, pro Tag erhöht. Ks heda: keiner Hervorhebung, daß ganz erhebliche Zuschüsse erfordernd wurden, betrug doch die Zahl der Verpflegtage schon in den ersten 11 Berichtsmonaten -117 und stieg im Laufe der Jahre bis auf durch schnittlich 10000 Verpflegtage im Jahr. Gegenwärtig gewährt di Loge regelmäßig zwischen s und in Freistellen: für die übrigen wei den die Verpflegkosten teils von den Litern, teils von Fürsorgesh len, Religionsgemeinde, Stadl u. a. bezahlt; jedoch auch in die» Fällen wird seitens der Loge nicht der volle Selbstkostenbetrag e hohen. Ein bedeutungsvoller Schritt für die Entwicklung des Heims wi die Schenkung des Hauses Poniatowskistr. Ii an die Leipzlg-Logi Bs war von den Brüdern der Heimverwaltung als ein schwerer Mai gel empfunden worden. dal.t die Räume nur ermietet waren: dadurr wurde manche wichtige und notwendige Änderung in der Elnrichtun gehemmt. Um diesem Mangel abzuhelfen, erwarben I Mitglieder di Loge, die Bxpräsidenten Ernst Ii I u m e n t ha 1, Emil Joske, Hein rieh Rosenthal und Hr. Max Joske das Grundstück und übei eigneten es 1920 der Loge für die Zwecke des Kinderheims. Dun-1 eine weitere Stiftung einer Reihe von Brüdern wurde tiijs ein Um hau des Hauses ermöglicht, hei dem besonders die hygienischen An lagen einer völligen Neugestaltung unterzogen wurden. Damit wurd das Heim in einen Zustand gebracht, der. nach Maßgabe der zur Wi fügung stehenden Räume, den hygienischen Ansprüchen der Zeit enl spricht. Wünsche bleiben bestehen, deren Erfüllung einer sorgen freieren Zeit vorbehalten bleiben muß. - — Zur Feier des Jubiläums fand am 19 November im Logentemp ••in Festakt statt. Die Begrüßungsansprache hielt der derzeitig' Logenpräsidenl Hr. Walter M e 11 n e r. der dem Kinderheimsusachu* eine Bronzeplakette als Erinnerungszeichen für die Stifter des Grund Stückes und dem Hr. Hermann Philipps b e r g . der über ein Vier teljahrhundert in hingebender Weise für das Kinderheim lätig wai die Menorabnadel des Bne Brith-Ordena Uberreichte. Die Fest anspräche, die der Lxpräsideni Gemeinderabbiner Gustav Cohi hielt, würdigte die Bedeutung und das Werden des Kinderheime und besonders die Leistung der Brüder, die sich um diese Einrichtung Verdienste erworben haben. Seim- Ausführungen klangen In de Wünsche aus. die mit der weiteren Entwicklung des Heims verknüpf! werden: die Einrichtung eines LehrUngsheims und die Ermögliehun der Aufnahme vorschulpflichtiger Kinder in Anschluß au das be stehende Heim. Dir (i lück w ünsche .1.1 Israelitischen ReUgiOOS gemeinde überbrachte Herr Gemeindevorsteher Goldschmidl Hei uns Juden halte es nicht eines Anstoßes zur Erkenntnis der Be deutung des Kindes für die Gesamtheil und ihrer Zukunft bedurft I.....ier habe Erziehung im Vordergrande jüdischen Lehens geatan den; es sei kein Zufall, da» gerade eine Jüdin, die unvergeßlich Henriette (ioldschmidt. bahnbrechend in der Ersiehungsfürsorge ge wesen sei. So leiste das Kinderheim innerhalb der Gemeinde eine