Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 46 (14.11.1930)
- Date
- 1930-11-14
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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14. November 1030 OEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seite 3 hat die grandiose Vornehmheit und auch die — insbesondere für westeuropäische Augen und Ohren fatal scheinenden Eigentümlichkeiten des jüdischen Stammes ohne Parteinahme, aber auch ohne \ oreingenommenhelt aufgezeichnet. Er hat die Entwicklungsieschichte der Pogrome dargestellt, hat Ghettodumpfheil und Wandertrieb, Fanatisinus und reinste Menschlichkeit, (Ihmbe und Aberglauben (siehe sein Kapitel über W'underrabbis), Trägheit und i wige Bewegungt all diese vermeintlich einander widerstrebenden Faktoren vereint su dem Gesamtbild des Judenproblemes an sich. Er hat die beiden großen Gegensätze innerhalb des .ludcutumcs. die konservative Masse und die Empörer, die Neuerer, die Revolutionäre - - im Allen Testament Propheten genannt einander gegenliber gestellt. Er hat die jüdischen Gebete und den jüdischen '.laubeii ebenso in sich eingesogen wie die jüdische Qrofimut und wüschen Geiz. Nichts Jüdisches ist ihm fremd geblieben. Und hliefilich ist er nach Palästina gegangen, um die Entwicklung des Zionismus, dessen Ursprung er in Paris an dem ersten Verkünder der Lehre, Theodor Bend, miterlebt hat. Ob Londres sich für den Zionismus einsetzt, möge dahingestellt bleiben. Er seihst, in seiner unbeirrbaren Objektivität, äußert dazu: „Was man .Zionismus' nennt, ist nur eine Krankheit der jüdischen Seele. Nicht alle .luden befällt diese Krankheit, aber über die, die sie befällt, bekomm! sie Macht. Man wird nicht aus Überlegung Zionist; der Zionismus ist sogar, glaube ich. das Gegenteil von Vernunft. Zionist ist mau aus Instinkt. Es ist eine Leidenschaft, und tagtäglich sieht mau eine große Anzahl von Menschen, die dieser Leidenschaft nicht widerstehen können. Ein Mensch aber, der sich seiner Leidenschaft überlassen hat, ist glücklich." Und er läßt einen drciumlsicbzigjährigen .luden auf die Krage: ..Möchten Sie nach Palästinn gehen?" antworten: ..Meine Herren, ich habe drciuudsichzig Jahre darauf verwendet, die Heuen der Europäer zu gewinnen: mögen nun andere ein Gleiches bei den Arabern tun." Er hat das Minoritütsprohlcm in Palästina kennen gelernt, hat ■lie blutigen Exzesse in Jerusalem, Jaffa und in Tel-Aviv miterlebt; er weiß, daß Fehler auf beiden Seilen, auf der arabischen wie auf der jüdischen, begangen worden sind, und trotz seiner Bewunderung für die jüdische Stadt Tel-Aviv mit Ihrer Rührigkeil und ihren modernen Ideen, die doch alle nur einer uralten Sehnsucht dienstbar gemacht worden sind, läßt er gerade für diese Niederlassung die Antithese verkünden: „Du wirst errichtet werden!" ist der Wahlspruch dieser Stadt. Der Araber hat aber schon am Tag. als der eiste Grundstein gelegt wurde, geantwortet: „Du wirst zerstört werden!" Jüdisches Problem, arabisches Problem: beiden sucht Londres sachlich und tiefschürfend gerecht zu werden. Furiose Anklage erhebt er nur gegen Kuglnnd, den Treuhänder der lialfoui-Deklaration, ohne bei Ahschluü seines Werkes schon zu wissen, wie sehr die jüngsten Ereignisse der englischen Palästina-Politik ihm recht geben sollten. Albert Londres hat eine Reise zu den Juden und um die Juden gemacht. Kr hat Pathos und Ethos dieses Stammes, ebenso wie seine kleinlichen Irrungen und Schwächen erfaßt und verkörpert. Und es ist ihm mit seinein „Ewigen Juden am Ziel", dem er wohlweislich ein Fragezeichen hintanstellt, eine künstlerische Synthese des Judentums gelungen, wie sie kaum jemand vor ihm geliefert hat. Er läßt den Unterdrückten und den Unterdrücker, den religiösen und den nationalen Juden, den Lernenden und den Gelehrten zu uns sprechen, läßt uns am Jüdischen Alltag, aber auch am jüdischen Feiertag in der ganzen Welt teilnehmen. Und die von ihm gezogenen Folgerungen erspriefien lediglich aus dieser Delailskenntnis des gesamten jüdischen Lebens. An einer Stelle Schreibt er: „Ks ist merkwürdig, daß gerade die Juden die Erfinder des Sündenbocks sind. Ihre Priester beluden das Tier mit allen Sünden und jagten es dann davon. Die Völker des Ostens (Nur des Ostens? Die Ited.) sind von dieser Idee inspiriert worden. Sie haben den Kock durch die Juden ersetzt." Es ehrt den Franzosen Alherl Londres, den französischen Christen, dieses Buch geschrieben zu haben. Ks gehört Mut und Unerschrookenheii dazu. Kein Unbefangener wird sich der großartigen künstlerischen Wirkung dieses Werkes zu entziehen vermögen. Die Juden selbst werden es vielleicht mit geteilten (iefi'thleii. aber sicher auch nicht ohne Ehrfurcht vor dem Dichter und dem grollen Verteidiger ihrer Sache lesen, selbst wenn sie zuweilen nicht mit ihm einverstanden sind. Unsere Gemeinde Betritt: Erscheinen der Nummer 17 des Geuicindehlattes. Mit Rücksicht auf den in diese Woche fallenden gesetzliehen 1 eiertag (Büß- und Bettag) erscheint die nächste Nummer des Gemeindeblattes einen Tag später. Dir Redaktionsschluß für die Nummer 17 bleibt unverändert: Dienstag früh in Uhr. 1 * eahend mil den Herren Salnian Schurken und Ministerialdirektor Dr. Hermann ttadt. Den Leipziger Juden, die zum Teeabend, der am Sonntag, dem 16. November, im Kammermusiksaal des Zentraltheaters stattfindet, i ingeladen sind, steht ein großer Genuß bevor, da auf diesem Abend ie in weiten Kreisen der Judcnhcit bekannten Herren Salman hocken und Ministerialdirektor Dr. Hermann Badt über aktuelle! robleme des Palästinaaufbnues sprechen werden. Die Entwirklung der jüdischen Gemeinden in Deutschland, unter be anderer Itcriirksirhtiguiig der Leipziger (ieineinde. Am Montag, dem 17. November, abends 8,3(1 Uhr, findet in den Räumen der „Gesellschaft der Freunde", lüng-Meßhaus. 1 röndliiiring 91, die erste Zusammenkunft der von der Ortsgruppe Leipzig des jüdischen Frauenbundes veranstalteten „Arbeitsgemeinschaft zur Einführung in die praktische Arbeil in der (ieineinde und allgemeinen Poli- 1 i k" statt. Das Thema des ersten Abends ist „Die Entwicklung der jüdischen Gemeinden in Deutschland mit besonderer Berücksichtigung der Leipziger Gemeinde". Referent: Herr Gemeinderabbiner G. Cohn. Verträge de« Herrn Rabbiner Dr. (ioldiiiann. Der zweite Vortrag des Herrn Rabbiner Dr. Goldmann in der Vortragsreihe über „Das Ostjudentum" mit dein Thema „Sprache" Rndel am Dienstag, dem 18. November, pünktlich 8 I hr abends, im Schulsaal der Bäheren Israelitischen Schule, Gustav-Adolf-Str. 7, statt. Verkauf und Austctlug von Ilaudarbeilen (Mischer Frauen in Leipzig beginnt Sonntag, den 28. November, nachmittags 4 Uhr, in den Räumen der Leipzig-Loge. Arndtslr. 1. Die Ausstellung ist Montag, Dienstag. Mittwoch und Donnerstag von II 1 Uhr vormittags und von 4—7 Uhr nachmittags geöffnet. Es sind in diesem Jahre besonders geschmackvolle, preiswerte und praktische Geschenkartikel zum Verkaut angefertigt worden, so daß jeder Gelegenhell hat. seine Channuckah-Einkäufe hier zu machen. All allen Nachmittagen finden gesellige Veranstaltungen statt, zu Jenen alle lieineindemilglieder herzlich eingeladen sind. F'ür Bewirtung ist gesorgt, jedoch kein Kaffeeswang. P r o g r a m m f ü r die N B C h in i 11 a ge: Sonntag, den 23. November: Eröffnung. Heitere Darbietungen von Frau II. Durra vom Stadttheater In Halle (Saal»'). Montag, den 24, November: Fraueubuiidsveranstallung. Vortrag von Frl. Dr. Osterelcher: „Garconne — Flapper — Dame. Drei Schlagworte und ihre liefere Bedeutung".