Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 46 (14.11.1930)
- Date
- 1930-11-14
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 GEME1NDEHLATT DER ISRAELITISCHEN RKL101ONSOEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer -Iii Zeiten dai Hau« tu erwerben und die Etage für den Rindergarten geeignet henurichten. Einen besonderen Dank sprach sie Herrn Nathansen aus, der seil Anfang dos Jahres unermüdlich tätig war, um dem Verein „Israelitischer Kindergarten" zu dem Besiti dos Hauses /n verhelfen und um alle entstandenen Schwierigkelten, die an Zahl und Art grofl waren, su überwinden. Alles dies hat Herr Nathansen nur aus Liebe tur guten Sache In unelgennUtslger Weise vollbracht. Frau Brenner erinnerte die Anwesenden daran, das der Israelitische Kindergarten In Zeiten schwerster Kriegsnöte, sozusagen ad hoc aus der damaligen Nähstube für arbeitslose jüdische Frauen im Januar 1915 geschaffen wurde. Im Sommer 1916 konnte er in die als ein Provisorium gedachte Wohnung in einem Hinterhaus der Aueustrafie 12 einziehen. Aus diesem Provisorium mußte aber ein Dauertustand von II Jahren werden, denn es gelaug dem Vorstand des Kindergartens trotz unendlicher Mühe jahrelang nicht, geeignetere Räume für den Kindergarten zu Duden. Besonders in den letiten zwei Jahren war diese Wohnungsfrage eine brennende geworden, weil der Garten, den man zehn Jahre durch den Rat der Stadt in einem Nachbargrundatück zur Verfügung halle, vor zwei Jahren für andere Zwecke benötigt wurde, und die Räume, die für SO 40 Kinder gedacht waren, reichten auch längst nicht mehr aus und waren, weil der Andrang zum Kindergarten immer größer wurde, mit 60 Zöglingen stark überbelegt In dem neuen Heim hat der Kindergarten jetzt bereits (ilt Rinder aufgenommen. Die Gelegenheit, die sieh Anfang des Jahres für den Erwerb dieses so besonders günstigen und vorteilhaften Hauses bot. mußte der Vorstand selbstverländlich wahrnehmen, und die Liebe zur Sache und der Oplimimus. der den Kindergartenvorstand jederzeit in seiner Arbeit beseelt hat, haben es auch bew irkt, daß, ungeachtet aller schlechten Zeiten, die Mittel aufgebracht wurden, die die Verwirklichung dieses Planes erforderte. Neben den freundlich gewährten Spenden wurde durch ein größeres hypothekarisches Darlehen von Herrn Biedermann, für das die Gemeinde die Bürgschaft übernimmt, die Summe, die notwendig war, vervollständigt. Erfreulich ist. dafi der „Israelitische Rindergarten" auch in dieser so unverhältnismäßig verbesserten Umgebung kaum nennenswert teurer wirtschaften wird als in den unzureichenden Räumen, die er früher innehatte. Ein weiterer freundlicher und vielversprechender Ausblick wurde von Krau Brenner für die anderen Klagen des Hauses als in durchaus erreichbarer Zukunft entwickelt. Sie führte aus, dafi dieses Haus besonders geeignet dazu sei. endlieh die Verwirklichung eines Hauses für das jüdische Kind bzw. die weibliche Jugend zu werden. Sowie die anderen zwei Etagen frei werden, wird die eine dazu dienen können, dem Kindergarten ein kleines Wohnheim für einige Kinder anzugliedern. Die Notwendigkeit hierfür ist seit Jahren erwiesen, da bisweilen durch längere Krankheit der Mütter oder sonstige ungünstige häusliche Verhältnisse die dringende Notwendigkeit besteht, Kinder für Tage oder Wochen auch nachts über unterzubringen. In dieselbe Etage würde die langersehnte Säuglingskrippe, die auch einem Wunsche des Frauenvereins liuth und speziell seiner leider allzu früh verstorbenen Führerin, Frau Regina Pfefferblüth, entspricht, unterzubringen sein. Außerdem könnte die sogenannte „Krabbol-Stubo" für kleine Kinder zwischen dem Säuglings- und Rindergartenalter in einem Raum dieser Klage Platz linden. Die Orts gruppe des Jüdischen Frauenbundes halte schon wiederholt Versuch, gemacht, in Prival-Fainiliou solch eine Krabbol-Stube zu schaffen. E ist aber immer an dein Mangel der dafür geeigneten Menschen ge Scheitert und erwies sieh auch auf diesem Wege als zu kostspielig In einer weilereu Klage des Hauses wird, so hofft Frau Brennet zuversichtlich, das Mädchen Wohnheim, das seil vielen Jahren al brennend notwendig empfunden wird, seine Stätte linden können Berufstätige Junge Mädchen, die nicht aus Leipzig sind, können dorl für geringes Entgelt in Elnsel- oder auch Doppelzimmern Wohnunj und auf Wunsch Verpflegung haben. Gleichseitig kann man auch fü: andere junge Mädchen der Stadl die Gelegenheit für öffentliche ge seilige Zusammenkünfte mit diesem Wohnheim verbinden, um schließlich können junge Mädchen sowohl aus Leipzig, wie aucl solche, die im Wohnheim wohnen, Kurse in Kochen und Haushaltun auf hei|ueme und wenig kostspielige Art in diesem Mädchenhein erhalten. Alle diese Pläne lassen sich ohne große Schwierigkeiten und mil verhältnismäßig geringen Unkosten in absehbarer Zeit verwirklicher Sie werden im Verein mit dem jetzt schon bestehenden Tageshein ..Israelitischer Kindergarten" eine unendlich werlvolle Ergänzung und Bereicherung der jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen Leipzigs bildei und werden auf der anderen Seite weder die Gemeinde noch Einzel personell wesentlich belasten. Im Anschluß an die Ansprache der Frau Brenner beglück wünschte Herr Gemeindevorsteher Qoldschmidt den Vorstand des Israelitischen Kindergartens. Er sprach vor allem die groll' Bewunderung für die unter besonders schwierigen Verhältnissen vollbrachte Leistung aus und sah in der darin bewiesenen Tatkraft ein günstiges Zeichen für die weitere Entwicklung des Kindergarlen- Namens der Ortsgruppe dos jüdischen Frauenbundes und zugleich dei jüdischen Frauenvereine Leipzigs sprach Frau Recha Carlebach und gab der herzlichen Mitfreude der jüdischen Frauen Leipzigs si dem schönen Gelingen Ausdruck. Herr Gemeinderabbiner Cohn rühmte den Optimismus als die stärkste Triebkraft für gemeinnützig Werke und wies darauf hin, daß es innerhalb unserer Gemeinde jederzeit Kreise gegeben hat, die gerade für die an der Jugend zu lei.-tenden Aufgaben Verständnis bewiesen haben. Für die Höher Israelitische Schule betonte Herr (icmeindcrahhincr Dr. Carle buch, welche erfolgreiche Arbeit der Israelitische Kindergartei für die Vorbereitung der Kinder auf den Schulbesuch leiste. Im An Schluß an den Schriftvers: Bin Slrom ging aus von dem Garten, um zu tränken den Garten, wünschte er dem Kindergarten, dafi es ihn nie an dem „Strome" fehlen möge, der die Grundlage für seile segensreiche Tätigkeit bilden müsse. Ferner übermittelte Herr Walle Metz n er für die Leipzig-Loge herzliche Wünsche, in denen er be sonders auf die Ergänzung einging, die die Arbeit des Kindergarten auch für das von der Leipzig-Loge unterhaltene Kinderheim bedeute' Alsdann lieferten einige Kinder in einem Reigen einen anziehende Reweis für das, was sie unter kindergärtnerischer Anleitung gelen hatten. Der ewige Jude am Ziel' Von Doris Wittner. Nur wenigen Büchern dürfte eine also aufwühlende, bis an die letzten Nerven rührende Wirkung beschieden sein, wie diesem Khlichten Tatsachenbericht des französischen „Königs der Reportage". I'nd seltener noch dürfte ein christlicher Autor sich mit so intuitivem Verständnis in die Seele und die Sinne des jüdischen Stammes, gleichviel, WO er behaust sein mag, hineingefühlt haben. Dieses Einfühlungsvermögen kommt einer Genialität des Herzens gleich, ohne dal! darob die Objektivität des Hirnes ver- ') Alfred Londres,. Der ewige Jude am Ziel. Wien, Phaidon- Verlag. loren gegangen ist. Der große Wanderer Albert Londres - seihein Stückchen Ahasver - hat die (labe des Schauens, die ihre Mali Stäbe immer nur von Tatsachen und (icgcnstiiudlichkciteu nimmt. Albert Londres ist ausgezogen, die Juden kennen zu lernen. Dil Juden aller Welt. Er hat die Juden Whiteshapels und die Assimilan len Europas mit eifrigem Bemühen studiert. Aber er hat sich niclr damit begnügt, sondern er ist ihnen Schritt für Schritt gefolgt in de unvorstellbaren Armuta- und Blendaquartiere des Ifarmarosch (iebirges, der Karpathenwildiiis; hat sie aufgesucht in Polen, Rtl mänien. Beßarabien, der Ukraine, hat die Ghetti Warsehaus, Lein bergs, Lodzs und unbekannter östlicher Siedlungen durchforscht; er