Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 45 (7.11.1930)
- Date
- 1930-11-07
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seile 2 QEME1NDEBLATT DES ISRAELITISCHEN KELIGIONSCEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer i Präsidenten der Jugoslawischen Akademie, Vladimir Maiurani«5, geschildert und dessen Arbeil Uber «i i * * Bedeutung dea Wortes l ebali 111" berichtet. Es haudell sich hier um den berühmten Briel <l*'s Chasdai ibn Schaprut, Finanzministers am l l*>i«• des Kalifen von Cordova, Ab«) ur Kuhman III., welcheu ersterer an den König der Chaiaren, eines zum Judentume llbertretenen tatarischen Volksstammes an den Uleru der Wolga gerichtet Ist Viele Herrscher werben um <ii«» Gunst des Kalifen: der deutsche Kaiser, der König der Uebaliut, der Herrscher von Konstantinopel und mancher andere Monarch. Schaprut erfuhr durch den Gesandten dos bysantinisohen Kaisers vom Bestehen des jüdischen Reiches und versuchte durch einen Mann namens Mar Isaak beu Nathan, der bereit war. sein Leben zu wagen, den Brief Uber Konstantinopel hinauf zu senden. Dies gelang jedoch nicht, weU die Völker iwischen Byians und .lem Chazarenreiche miteinander in Fehde standen. Kwurde dann ein Versuch erwogen, <len Brief Ober Palistina zu befördern und nun heißt es wortwörtlich weiter: „Doch bevor ich vollends mit mir zu Kaie gegangen war, kamen Gesandte des Königs der Gebalim mit zwei Israelileu au, von denen der eine Mar Saul und andere Mar Joseph hieß. Als diese meine gedrückte Stimmung gewahrten, beruhigten sie mich und sprachen: „Gib uns deinen Brief, wir wollen ihn dem König der (iebalim überreichen. Der wird ihn. aus Achtung vor Dir, den in Ungarn wohnenden Israeliten senden; diese hinwiederum werden ihn nach Ruß(land) schicken, und von dort aus wird man ihn nach Bulgarien weiterbefördern, bis er endlieh an dein von Dir gewünschten Orte anlangt.'" In der wissenschaftlichen Welt besteht seit langen ein streit darüber, Ob man das Land der Gebalim in Kroatien oder aber im heutigen Polen zu suchen habe. „Gebalim" heim im Hebräischen und im Arabischen „Bergbewohner", Ist also unbedingt ein Synonym für „Kroaten". Dr. Vladimir Maiuranid polemisiert da mit dem polnischen Historiker Modelski („Krol Gebalim w li'scie Chasdaja, Lw'ow, 1'JIO). Bs .-ei noch erwähnt daß eine dritte Version Mar Saul und Mar Joseph als Bevollmächtigte des deutschen Kaisers Otto annimmt, während der Historiker Marquardt an eine Gesandtschaft des böhmischen Köllig Boleslav I. denkt Die Argumente Dr. Maiuranic', daß es nur Kroaten sein konntei sind folgende: Binsig iwischen Kroatien und Spanien Rah es eine direkte Sei Verbindung. Der Verkehr war derart lebhaft, daß sich beispielewei* im sisiliscben Palermo ein eigener slawischer stadlteil „Ilarat a Sakallba" entwickelte. In Cordova nah es eine große slawische, also kroatische Kolon!« der Zahl nach 18750 Minner. Zwischen dem König der Kroaten und dem arabischen Kalif« bestand ein Freundschaftsverhältnis, dalier konnten die beiden Jöd scheu Gesandten als Ranz tiestimmt annehmen, daß ihr König dei Wunsche des mächt igen Ministers am Hofe des Kalifen ohne weiter. entsprechen werde. Hingegen war das Verhältnis zwischen Abd ur Rahmen und dei deutschen Kaiser ein ziemlich gespanntes. Aus arabischen Chroniken wissen wir, daß tatsächlich Wiedel holt Gesandte des Königs der Slawen — Dura genannt — in Cordo\ w aren. Die beiden Daten Iber das Vorhandensein der Juden in Da matten im 4. und im tu. Jahrhundert sind durchaus kein Zufall. Charakteristisch ist, daß, nach dem Chasarenbriefe Schapruts / urleilen, kein direkter Verkehr zwischen den .luden Dalmatiens ui jenen Ungarns bestanden hat. Während wir durch großzügige Arbeiten in der jüdischen (• schichte immer mehr und mehr in den letzten Jahrsehnten über di Wanderungen der .luden aus Palästina nach West- und Südcuropa ei fahren, ist es erst in den letzten Jahren gelungen, auch über il Anfangsgeeohlchte der .luden in den slawischen Lindern nähere Aul Schlüsse zu erhallen. Harkavy hat als erster darüber geschrieben, Dubnow, Meisel und .1. Brutlkus folgten und jetzt bieten die Forschungen Dr. Vladini Mazuranic' und Dr. Krau Bulic', sowie die vielen Hinweise, die m« in den Werken des ersleren findet, viel Anregung zur weiteren Art" auf diesem Gebiete. Dr. Vladimir Mazuranic wurde leider im rüstigsten Schaffen dl hingerafft; von Dr. Kran Bulic aber dürfen wir noch manche grol Leistung und Veröffentlichung, auch auf dem (iebiete der jüdisch. Altertums- und Geschichtsforschung, erwarten. Jüdische Verbände und Gemeinden Haaptversanualnag de» MitteMeattek.es LMflesverbnades des Jüdische! Frauenbünde». Am Dienstag, dem 28. Oktober, fand in Leipzig die ungewöhnlich gut besuchte Hauptversammlung des Mitteldeutschen Landesverbandes statt. Au ihr nahmen Krauen aus Chemnitz, Dresden. Dessau, Erfurt, Eisenach, Halle, (lern. Gotha. Magdeburg, Meiningen, Zwickau. Zittau u. a. teil. Nach Erledigung des geschäftlichen Teils referierte Frl. Dr. Danelius, eine Magdeburger Fürsorgerin, über ..Freie und staatliche Wohlfahrtspflege". Sie führte .in-, daß in Deutschland die staatlich organisierte Wohlfahrtspflege erst jüngeren Datums sei und auch heute noch in Amerika nicht existiere. Sie habe bei uns in Notmaßnahmen während des Krieges begonnen und sei dann in der Inflationszeit weiter ausgebaut worden. Doch müsse auch heute noch die öffentliche Wohlfahrtspflege, die nur einen Bruchteil der Bedürftigen erfasse, durch die freie ergänzt werden. Während vor dem Kriege der Alnio»eiioiiipfängcr nicht einmal sein Wahlrecht ausüben durfte, also vollkommen rechtlos war. sind heute seine Ansprüche gesetslich geregelt. Leider befinden sich die jüdischen Petenten ihren christlichen <■»•fährten gegenüber in großem Nachteil, ds sie meistens aus anderen als den Arbeiterklassen kommen und weder Krankennoch Invaliden- oder Arbeitslosenversicherungen angehören. Hinzu kommt noch, daß sie sich zum größten Teil bus Ausländern rekrutieren, doch darf die Stadt sich ihrer Unterstützung nicht entziehen, da dies unter die Fül sorgepllichtvcrordiiung fällt. Frl. Dr. D. gab nun ein anschauliche-. Itild der staatlichen Für »orge, indem sie den Leheiislauf eines Menschen schilderte, der durch die öffentliche Fürsorge von der Geburt an betreut w ird. Sie beginnt damit, die werdende Mutler der Wochnerinuntei>ucliung zuzuführen. sie mit Lebensmitteln zu versorgen, ihr eventuell Aufenthalt in einem Entbindungsheim zu ermöglichen. Das Kleinkind vom 8. 8. Jahre wird in den Kindergärten betreut, doch ist die gesetzliche Fürsorge für dieses Alter in Deutschland nicht sehr ausgebaut. Hier findet di freie Wohlfahrtspllege ein dankbares Feld, doch soll mau die Stsi.lt zu ZuschuUleistuugen heranziehen. Auch für die BrholungsfQrsorg ist eine sogenannte „Kanu-Leistung" der Stadt im Gesell VOrgesehei Handelt es sich um die Fürsorge eines gefährdeten Kindes, so ist di Stadt verpflichtet, dieses einem Heim seiner eigenen Konfession SUZU führen und die Kosten zu übernehmen. Jüdische Mädchen werden i der Israelitischen Fürsorgeanstalt in Köpenick untergebracht Da wenig gut geleitete Itcpzin kam früher für Knaben in Frage. Jet. soll das unter Leitung eines tüchtigen Arztes stehende Heim i Wolzig gute Resultate erzielen. Mau ist in den letzten Jahren bei d< Fürsorgeerziehung dazu übergegangen, den Zöglingen mehr Freiln zu gewähren, und sie weniger streng als früher von der Well absi schließen, eine Maßnahme, die sich gut bewährt und den lleiiueiitla seneu zu einer schnelleren Einstellung zum Leben verhilft, dem si oft ganz fremd gegenüberstanden. Zweifellos ist für manch. Kirnt die Unterbringung in Familie der Heimerziehung vorzuzieln Führt mau nun die Schulentlassenen mit Hilfe der Berufsberatung stelle einer Lehre zu, so ist Handelskammer oder Haudwerkskamm. zur Beihilfe heranzuziehen und auf diese Weise die Wirtschaft Fürsorge der Stadt tu ergänzen. Diese Ergänzungen der (JnterstQtsui gen unterliegen nicht der Anmeldepflicht. Jeder Bedürftige kann VOI öffentlichen Wohlfahrtsamt 2 Zentner Kohlen, einen Vorrat au Ka löffeln verlangen, sowie Mittel zur notwendigen Pflege. Es sind de Städten dazu Richtlinien, nicht Höchstsätze gegeben, tu der Gesuie heilsfürsorge wird der Tuberkulose besondere Beachtung gesehen 1 und zu ihrer Bekämpfung reichlichere Mittel zur Verfügung gestellt Dagegen ist die Krüppelfürsorge nur eine ,.Kaun"-Vorschrifl. Wende! sich Ausländer um Unterstützung an das Wohlfahrtsamt, wird ihnei leider häutig mit Ausweisung gedroht, doch ist diese Drohung fa immer unberechtigt Weder staatenlosen, noch zwangsweise im Krieg* nach Deutschland geführten Ausländern kann die Aufeutliallserlauhn entzogen werden; die Maßnahme trifft nur solche, die sieh eines Vei gehena schuldig gemacht haben Ein neues Auslümlerrecbt ist in Voi