Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 45 (7.11.1930)
- Date
- 1930-11-07
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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November 1930 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seite IS ereitung, dessen Tendenz dahin geht, die Rechte auszugleichen, i. It. olnischen Arbeitern den Aufenthalt in Frankreich su ermöglichen, itttrllch mii Ausnahme der Militärpflichtigen. Bin von Dr. Kreutserger herausgegebenes Buch, „Wohlfahrtspflege und Soslaipolitik", 'handelt alle diese Fragen. In der lebhaften Diskussion, die dem aufschlußreichen Referal u'le, mul.ite leider festgestellt werden, dafi in Sachsen die Verhältsse well weniger günstig liegen. An die Tagung des Mitteldeutschen Landesverbandes Bchlofl sich ii ."> Uhr eine sehr gul besuchte Vortragsveranstaltung der Leipziger tsgruppe an, an der auch die auswärtigen Gäste teilnahmen. In nein mit starkem Interesse aufgenommenen Referal nah Krau Alma blndler die Eindrucke und Gedanken der Dürkheimer Tagung .■der. Sie führte folgendes aus: „Die Lebensgestaltung der jüdischen Krau" war das Thema, das •Ii die Sommerschule untres Bundes in den Septembertagen In Bad i Irkhelm (Pfalz) zur Aufgabe stellte. In einer Schule, wo gelernt l gearbeitet werden sollte, fanden sich viele Bundesfrauen summen, bereit. Neues aufzunehmen, selbst Anregung zu geben und \ I Schönes und Wissenswertes heimzutragen zu ihren Bundesiwestern, um sie wenigstens ein wenig teilnehmen zu lassen an der! ille des Erlebten. Ich bin sehr bereichert und erfüllt zurückgekehrt nd hätte Ihnen am liebsten gleich erzählt von dem Inhalt der schönen ige, die Ich genießen durfte. Schön waren sie nicht nur durch die rbeli und die Aufgaben, die zu erfüllen waren, sondern auch durch i ig Zusammensein mit so vielen Krauen, die von ihrer Arbeit und il ren Erfahrungen berichteten, die es verstehen, ihre Aufgabe als Frau, Mutter und Berufsfrau zu vereinen und Ihr Lehen dadurch zu i nein Ganzen zu gestalten. Lassen Sie mich heute versuchen, die Einrücke zurückzurufen und Ihnen SU berichten. Wir wurden am Sonnlag. dem 7. September, gastlich in Bad! Qrkheim empfangen und von der Verbandsvorsitzenden, Krau Michel, die mit großer Mühe die Tagung vorbereitet hatte, dem Ortsibbiner Dr. Steckelmacher und Stadtrat Dr. Strauß begrüßt. Krau Brenner eröffnete sodann die Sommerschule, deren Charakter einer moderneu Schule des gegenseitigen Gebens und Nehmens von Lehrern und Schülern, dem altjüdischen Brauche gemäß, auch d idurch gewahrt werden sollte, daß die Leitung nicht in der Hand der Vorsitzenden lag, sondern wechselnd verschiedenen Krauen übertragen würde. Den Einleitungsvortrag hielt Herr Dr. Dienemann (Offenbach) Uber das Thema: Lebensgestaltung de r jüdischen Frau aus den Motiven der jüdischen Religiosität. Er sprach nicht vom orthodoxen, sondern durchaus vom beraten persönlichen Standpunkte aus und versuchte, vom überferten Gesetz ausgehend, die Probleme der Gegenwart zu zeichnen.! n besonders wichtiger Faktor für die Aufgabe. Religiosität neu zu stalten, ist die Krau, an die durch ihre besondere Individualität i -onders geartete Probleme herantreten. Diese Probleme behandelt irr Dr. Dienemann, wie sie, hergeleitet aus der Überlieferung! lischer Religiosität, sich in Verbindung bringen lassen zu allen Peilen der heutigen Kultui kl ise und zu den Problemen der Gegenwart. Er gliedert seine Ausführungen in folgender Weise: 1. Aufgabe der Krau in bezug auf das Religiöse, auf das Jüdische i 1 engeren Sinne, -. Krau und Kcruf,!!. Ehe und eheliche Gemein- mit, 4. Die unverheiratete Krau, r>. Die Frau als Erzieherin. <i. Krau < d Gemeinschaft. Der letzte Pünkt der Ausführungen behandelt die Krage Krau und 1 melnschaft. Sie ist hineingestellt in die Gemeinschaft, muß Hechle ämpfcn: Wahlrecht, das Recht in der Gemeinde zu sitzen und mit - «stimmen, sie muß sich das GemeinschaftsbewuBtsein noch eigen, aber sie ist dazu berufen, in dieser Zeit, da die Gemeinschaft '•s bedeutet, das Individuum zu retten, trotz des starken Willens zur 1 melnschaft ein persönliches Leben zu leben. Mit seinen Ausführungen hat Herr Dr. Dieueuiaun das ganze einu der Sommersellule ..Lebensgestaltung der jüdischen Krauen" ifaßt, wenn er es auch in gewissem Sinne eingeengt hat. Kr gehl n den Motiven der Religiosität aus und ordnet der Krau damit das fühl zu. Religiosität ist das Fliehende, Werdende, das speziliscli n Gefühl eingeordnete. Kür ihn liegt die Aufgabe der jüdischen au darin, hier weilerziibaueu und damit Religiosität in ganz beimmter Linie zu verstärken. Am nächsten Morgen erhalten die Krauen «las Wort, und zwai mächst die Historikerin und dann die Philosophln. Frau Dr. Ed Inger stellt fest, daß wir uns in einem mcrk- Drdigen Übergang zweier Welten befinden, den man als das Ende!S männlichen Zeitalters bezeichnen kann. Die Familie, wo die Krau nur im Hause tälig und im Besitz des Mannes ist, existiert nicht mehr. Sie ist aufgelöst, und die Erringung des Wahlrechtes i>l nur der Endstein einer Entwicklung, die beginnt mii dem Eintritt der Frau in die Öffentlichkeit als wirtschaftlicher Faktor, Wir müssen mit der Auflösung der männerrechtlichen Kultur vom Manne hei rechnen, sei es in bezug auf Erbrecht. Berufsausbildung, Zulassung zu Ämtern, Wahlrecht. Alles dies sind Untererscheinungen der großen Tatsache, deren großen Zug der Entwicklung wir nur nicht sehen können, weil wir ihr zu nahe sind, .leite Einzelheit läßt sich einordnen in großen Zusammenhang. Krau Margarete S u ß m a n n kommt in ihren von dichterischer Vision durchgeführten Ausführungen über die B 6 r u f s p r o b I e in a - l i k der Krau eigentlich zu demselben Resultat wie Dr. Edlnger, Es erübrigt sich, in diesem Augenblick den Inhalt dieses Vortrages wiederzugeben, da Krau Sußmann ihn im Winter persönlich hier hallen wird. Es >ei nur von ihrem Ruf zur Schwesterlichkeit gesprochen, die wir Kinnen einander und den Männern in hohem Main' gewähren sollten, um einander zu helfen und eine neue Well zu erbauen auf den Trümmern der alten, in der die Krau die Führerl II sein soll. Der Eindruck ihrer Wolle war so stark. daB wir aus dieser Feierstunde nur langsam in die Wirklichkeit zurückfanden. Die nun folgende Diskussion wagte >ich auch an diese seherischen Ausführungen wenig heran. Behandelt wurde hauptsächlich die von Dr. Dieneinann aufgestellte Forderung der Religiosität an die Frau der Gegenwart. Frau Brenner stellte drei Mindestforderungen nu die Krau der Gegenwart: 1. Die Einhaltung des Freitagabends, •J. das Lichtsünden, das ja eine besondere symbolische Bedeutung in sich hat, 8. das Maasseriiohincn, das so wichtig i>t. dafi es hei der Erziehung den Kindern als jüdisches Gebot nahezubringen ist. Ein großer Teil der Diskussion behandelte auch die Kragen: die Krau und die Gemeinschaft, die Krau in der Gemeinde. Es wird der Wunsch ausgesprochen, daß durch die Krau ein besonderer weiblicher Zug in die Gemeindeberatungen hineingetragen wird und deshalb ist daran zu arbeiten, durch Vermehrung der weiblichen Gemeindeverordneten ihren Einfluß zu verstärken. Der i*. September brachte uns die Anregungen und Erfahrungen der Juristin und Arztin zur Lebensgestaltung der Krau unter besonderer Berücksichtigung der brennenden Kragen der Schwangerschaftsunterbrechung. Geburtenkontrolle usw. durch R.-A. Dr. Margarete Herent (Merlin) und Dr. med. Rahel Straua (München). Aus der Diskussion müssen die Worte von Frl. P a p p e II Ii e i m und Herrn Dr. Dienemann ganz besonders hervorgehoben werden. Einig waren alle, die zu diesem Thema sprachen, darin, daß die Krau das Leben zu erhalten und zu verteidigen hat. und daß Buch im besonderen die jüdische Religion auf diesem Grundsatz der Heiligkeit und Unantastbarkeil allen Lebens beruht. Auseinandei gingen die Ansichten darin, ob der 5; '-'18 zumal in seiner heutigen Form — diesem Schutz des Lebens dient, ja. ob überhaupt das Strafgesetz in dieses ganz persönliche Gebiet hineinzureden hat (Dr. Herent). Während aus den Ausführungen von Krau Dr. Straua der reiche und schwere Erfahrungsschatz der Ärztin sprach, wurde aus den Worten von Fräulein Pappenheim und Dr. Dienemann deutlich, daß es hier um Kragen geht, die nicht vom Augenblick her und in ihren Einzelhandlungen und -nöten beurteilt und gelöst werden dürfen. Es geht um ein QrundgefÜhl, um eine t"rkr;ift. die größer, weiltragender und geheimnisvoller ist als die gegenwärtigen sichtbaren Schwierigkeiten In der Gesamtvorstandssitsung wurde über alle in der Sommerschule angeregten Kragen, über Berufs- und üundesfragen diskutiert Krau Grete Bial und Krau Schönewald (Bochum) sprachen erneut von der Notwendigkeit der Mitwirkung der Krau in den gemeindlichen städtischen und staatlichen Körperschaften, um den jetzt so geringen Einiluß der Krau zu stärken und sie zu einer Macht zu gestalten. Folgende Resolution wurde angenommen: „Der Gesamtvorstand des JFB. hat auf seiner Tagung in Bad Dürkheim am 10. IX. 1060 beschlossen, allen Landesverbänden und Ortsgruppen erneut zu empfehlen, die Schulung und Aktivierung der Krauen für ihre Pflichten als Staatsbürgerinnen und Mitgliedei der jüdischen Gemeinden als Bundesaufgabe aufzunehmen. Ks wird empfohlen, EinfQhrungskurae in das Arbeitsgebiet der staatlichen und kommunalen Aufgaben und der jüdischen Gemeindeverwaltung einzurichten. Besuche der Stadtverordnetenversammlungen und Gemeindesitzungen, Besichtigungen der kommunalen und gemeindlichen Einrichtungen und Heime werden als wichtiges Schuld ugsmittcl angesehen. Darüber hinaus betont der JFB., daß die Verantwortung für Staal