Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 44 (31.10.1930)
- Date
- 1930-10-31
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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31, Oktober 1930 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seito :t werden müssen. Kr gehl methodisch vor. verlang! zunächst von dem Verteidiger Demange die Akten, die an sich Eigentum dos Klienten sind. Die Anwaltskammer beschließt, Demange die Herausgabe ni untersagen, l:t die Verhandlungen bei verschlossenen Türen stattgefunden haben. Er sucht Scheurer-Kestner, den Vizepräsidenten dos Senats aul und gl wlnnt diesen wichtigen Mann. Er erfährt, daß sein Bruder auf Grund eines geheimen Schriftstücks verurteilt ist, das in lag Beratungslimmer gebracht wurde. Mit der Kenntnis dieser Tatsache wird tum erstenmal die fesl geschlossene Tür einen Spalt weit (eöftnet. Er geht auf die Suche nach dem wirklichen Urheber dos Bordereaus, dessentwegen Dreyfus verurteilt worden ist, vertraut Bernhard Lasare die Abfassung der ersten Druckschrift gegen das infamlerende Urteil an, lanciert die falsche Nachricht eines Entweichungsversuches seines Bruders in die englische Presse und verschlimmert dadurch, ohne es gewollt EU haben, dessen Lage. Als er tlaubt, genügendes Material gesammelt iu haben, erstattet er Anzeige egen Esterhasy. Am gleichen Ingo verläßt clor deutsche Milltärttachee Oberst von Schwartskoppen, der weiß, daß Esterhasy der wahre Verräter ist, Paris. Kein Glied In der Kollo wird von da an eschmiedet, an dessen Herstellung Mathieu nicht eifrigen Anteil rehabl hat. Mit allen großen Vorkämpfern der Revision, mit Demange, Labor), Cleinenceau, Joseph Reinach, Picquart, .Innres. Vtillerand, Btehl er in engem Zusammenhang. Die dramatischen Szenen zwischen ihm und diesen führenden Männern nac h der /.weilen Verurteilung seines Bruders in Rennes, bei denen es sieh um die Frage handelt, ob die Begnadigung des Hauptmanns vorlangt werden oll oder nicht, habe ich in meinem Buche ausführlich geschildert. Kin wunderbares Beispiel von Familiensinn, Aufopferungsbereit- -cliaft. Selbstlosigkeil und wahrer Seelengröße ist mit diesem heleutenden Manne dahingegangen. Wohl liegen von ihm Autseich- Hingen, insbesondere auch über seine Verbindung mit den großen Staatsmännern der Epoche vor; aber es isi sein Wille gewesen, daß liese Aufseichnungen, auch nach seinem Tode, nicht veröffentlich! werden sollen. <>l> er in diesem, mir von clor Familie mitgeteilten .Villen durch letstwillige Verfügung eine Änderung hat eintreten lassen, werden wir bald wissen. Die Kenntnis dieser Aufseichnungen w ürde die Droyfus-Litoralur. die ja gerade im letzten Jahre viel neues itaterial schon beigebracht hat. noch um wertvolle Mitteilungen bereichern können. Jüdische Verbände und Gemeinden HasBtvsrstaadssitsaag des Central-Verelns. Am letzten Sonntag fand in Berlin die Hauptvorstandssitpung des l'eutral-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens statt, zu der clio Mitglieder des Hauptvorstandes aus Berlin und aus allen Teilen cles Reiches in großer Zahl erschienen waren. Ober den Verlauf der Sitzung wird uns mitgeteilt. Jeder hatte das Hers voll, jeder wollte wissen, wie es am Rhein und au clor Elbe, wie es in Ostpreußen und wie es in Schlesien nach den Wahlen aussieht. Allgemein wurde anerkannt, dal.! der Centrai- Verein in eleu vergangenen Monaten sein Bestes getan hat. Der Centrai-Verein hal niemals vorgegeben, er könne eleu Nationalsozialismus überwinden, sondern er hat Stets erklärt, daß die Arbeil Sache der politischen Parteien sei. die die Gefahr der nationalsozialistischen llochilui verspätet erkannt und allzu optimistisch eingeschätzt hatten. In den Referaten, die Rechtsanwall Dr. Kehr (Kaiserslautern). Landtagsabgeordneter Justisral Kalk (Köln) und Dr. Alfred Wiener. Syndikus des C-Y.. hielten, trat klar zutage. dnl.i es auch iu Zukunft nicht Aufgabe cles Centrai-Vereins sein könne, den Nationalsozialismus als politische Gesamteracheinung zu bekämpfen, daß er -ich vielmehr im wesentlichen nur mit den judengegnerischen Anschauungen und Ausschreitungen dieser Parteien, wie inil dem völkischen Gedanken überhaupt, abwehrend und aufklärend auseinanderzusetzen habe. Dabei wurde die Notwendigkeit betont, daß man sich hei dieser Aufklärungsarbeil weit stärker als bisher cles gesprochenen Wortes, der Aufklärung von Mund EU Mund, zu bedienen habe und in jeder Korm taktvoll versuchen muß, mit dem nichtjüdischen Teil der deutschen Bevölkerung Verbindungen herzustellen: iu Privatiiäusern wie iu öffentlichen Veranstaltungen wird das Judentum so larzustelleii sein, wie es in Wirklichkeil isl, um eleu falschen Behauptungen entgegenzuwirken, die die Radauseitungeu und oft auch wissen schaftliche Magazine. Versammlungsradner und leider auch Qelehrte aufzustellen wagen. In dem Referat Wieners wurde besonders ciarauf hingewiesen, daß in dem Mittelpunkt aller Diskussionen nicht nur für den Nationalsozialismus, sondern für alle nichtjüdischen Deutschen die Krage stelle: Ist der .lüde Angehöriger des deutschen Volkes oder Angehöriger einer eigenen politischen Nation? Wenn auch die deutschen .luden nicht nötig hätten, ihre deutsche Gesinnung Irgendwie auf öffentlichem Markte auszustellen, so sei es eine übertriebene Zurück hallung, wenn sie in vaterländischen Kragen oft aus allzu großem Takte, nicht etwa aus Mangel au (iesiunung gesc hw iegen hätten. Zu solchen Kragen, wo erforderlich, Stellung zu nehmen, sei zugleich ein Gebot clor Überzeugung und nicht minder ein Grundsatz dei Aufklärungsarbeit. Dr. Wiener wies am Schlüsse seiner Rede ciarauf hin. daß in dieser Zeit besonders bei der .lugend die Tal das Entscheidende sei. Der deutsche Wille der deutscheu .luden werde sich clurehsetsen und werde allmählich in der deutschen .lugend doch das Bewußtsein erwecken, dal! die deutschen .luden Zwangsläufig und unentrinnbar zum deutschen Volke gehören. Das sweite wichtige Gebiet, zu dem der Hauptvorstand Stellung zu nehmen halle, war die Krage clor jüdischen Wahlen. Rechtsanwalt Heinrich Stern (Berlin) und Rechtsanwall Kurl AI ex an clor (Krefeld) gaben ein Bild der Lage im Hinblick auf die Ende November Stattfindenden jüdischen Wahlen. Heinrich Stern wies besonders auf die richtunggebenden Verhältnisse in der Berliner Gemeinde hin. Dr. Alexander beschäftigte sich mil eleu Verhältnissen in ganz Preußen. Beide Redner äußerten, von der Versammlung einmütig Und lebhaft unterstützt, den dringenden Wunsch, jüdische Wahlen in clor Gegenwart unbedingt zu vermeiden. Die deutsche Sorge sei so groß, dal! innerjüdische Kragen im Augenblick zurückzutreten hätten. Der Hauptvorstand faßte einstimmig einen dahingehenden Beschluß. Dr. Ismar Freund und Justisral Dr. Julius Brodnitz behandelten die Krage „(iemeinden und Abwehr". Dr. Ismar Freund legte zu diesem Punkte interessante und wertvolle Richtlinien vor. Justizrai Brodnits teilte den Stand der Verhandlungen und der Zusammenarbeit mit. Kinmiitig wurde sein Standpunkt gebilligt, daß man sich dauernd in Kühlung mit dem interessierten Organisationen halten und in jede dargebotene Hand gern einschlagen müsse. Die Freundschen Richtlinien wurden allgemein als werlvoll anerkannt, aber, als den Ereignissen vorauseilend, nicht angenommen. Krgebnisse der Tagung, der eine Arbeitsaussehultsitzung des Haupt Vorstandes folgte, waren eine Überprüfung und Verbesserung der alten Arbeitsmethoden und die Erkenntnis, daß umfassende Aufklärung über Juden und Judentum in verstärktem Matte erfolgen müsse. So bleibt als (iesamleindruck der feste Wille, keine Beleidi gungen und Verkennungen cles Judentums hinzunehmen und alles bis zum Leisten für die Ehra des Judentums einzusetzen, ohne sich ab> r in diesen ernsten Zeiten iu seinem deutschen Gefühl erschüttern zu lassen. Scmcstrr-KrüHnuiiKsfrii'r des Berliner Rahhiiirr-emiiiars. Am 28. Oktober wurde das 115. Studiensemester des Rabbiner- Seminars mit einer akademischen Feier eröffnet. Zu ihr hatten sich das Dosentenkollegium, die Hörerschaft, die aus dein In- und Auslände wieder beträchtlichen Zuwachs erhalten hat, zahlreiche ehemalige Seminaristen und eine Anzahl jüngerer Akademiker eingefunden. Nach den üblichen Formation hielt der Nestor und Vorsitzende des DosentenkoUegiums, Dr. Joseph W o h I g e m u t h, die Kröffnungsvorlesiing über „Ii r u n d g e d a n k e n der Heligionsp h i los o p b i e Max Scheleri in j ü d 1 sc h e r B e I e u e Ii - tung". An den Beginn des Vortrags stellte Wohlgemuth einen kurzen Abriß clor Grundlagen der Religionsphilosophie des 1!). und 20. Jahrhunderts: I. Kant-Schule. Schleierniacber (Gefühlsreligion), 8. Rationalismus (Hermann Cohen) und 4. seine Oberwindung durch die neueste von Rudolf Otto vertretene Schule. Richtungweisend ist in neuester Zeit vor allem Max Seheler. Der Referent sondert aus dem grollen Fragenkomplex drei Problemgruppen au.-: 1. Glaube und Wissen. Offenbarung, 3. Reue als Wiedergeburt. Referent sieht überall dem Judentum wosonsverwandte Züge und geradezu die Einführung jüdischen Gedankenguts in die moderne Philosophie. Soweit sich chrlstologische Tendenzen fänden, seien sie dem System nicht immanent. Wohlgemuth will die Scheu vor der Benutzung nichljüdischeii Lchrguts insoweit überwunden w issen, als es geeignet sei. eine geistig-philosophische Grundlegung positiver Religion und jüdischer Gottes-, Sitten- und Gebetslehre zu bieten. Hierzu alter seien Scholen System und Methode besonders geeignet. Referent warnt seine Schiller als künftige geistige Kührer des Judentums vor selbstgefälliger Abschlioliung Im Geistigen. Stählung religiöser Treue in leben-