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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1930-10-31 · 44 (31.10.1930) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
6 (1930)
Issue
44 (31.10.1930)
Date
1930-10-31
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 Kummer 41 der die Bcbönen Wissenschaften eine Zeitlang getrieben hat und unterm Treiben fand, wie artig und leicht ea sei. Melodiechen nachzutrillern." Nach einigen weiteren Bemerkungen über das Unoriginelle und zum Teil Mittelmäßige In den Versen des polnischen luden schließt Goethe mit dem Wunsch, dem Verfasser „au! denen Wegen, \\" wir unser Ideal suchen, einmal wieder und geistiger" zu begegnen. Zu einer richtigen Wertung der Qoetheschen Kritik kommt man, wenn man Goethes eigenes Urteil über seine Frankfurter Rezensionen In Betracht zieht. „Die Rensensionen für die Krankfurier gelehrten Anzeigen," so schreib! er, „Italien einen eigenen Charakter. Wild, aufgeregt und Süchtig hingeworfen, wie sie sind, möchte ich sie lieber Ergießungen meines jugendlichen Gemüts nennen als eigentliche Rezensionen. Ks ist auch in ihnen so wenig ein Eingehen in die Gegenstände als ein gegebener, in der Literatur begründeter Standpunkt, von wo diese wären zu betrachten gewesen, sondern alles beruhe! durchaus auf persönlichen Ansichten und Gefühlen." I" seiner kritischen Betrachtung Ober die Gedichte eines polnischen .luden läßt Goethe gerade das außer acht, was in diesem Falle das Wichtigste war. nämlich das Phänomen Falkensohn, Daß ein polnischer junger Manu, der noch mit Lessing sich in einem jiddischen Deutsch oder einem deutschen Jiddisch unterhalten mußte, durch Mühe und Fleiß in kürzester Krist die deutsche Sprache so weil erlernt, daß er in ihr glatte, schöne, kunstgerechte Verse schreiben kann, ist Immerhin eine Leistung, die Anerkennung ver dient. Von diesem Gesichtspunkt aus waren die Gedichte Falken sohns zu betrachten gewesen. Ks war verfehlt, hier einen rein Goetheschen Maßstab anzulegen. Isaschar Bär Falkensohn war übrigens mit der Dichtkunst nur befreundet, nicht verschwägert. Sein Wahlstudium war die Heil künde, die er eifrig trieb. Kr promovierte im Jahre 177:1 zum Doktoi der Medizin und wirkte dann als praktischer Arzt in Milan. Eil starli 1781, (Iii er auch später der Muse 'Irene bewahrte, oh ei vielleicht im stillen auch weiterhin deutsche Verse schrieb — man weiß es nicht. Einen zweiten Gedichtband hat Falkensohn nicht herausgegeben. Aus aller Welt Prof«.....r Dubaaws »Graß an die Redenden und Seh« einenden". Professor Simon Dubnow, der hervorragende jüdische Historie r, der vor kurzem in tiefer Zurückgezogenhoit seinen 70. Geburtstag gefeiert und aus diesem Anlaß viele Hunderte von Glückwünschen aus allen Teilen der Welt erhalten hat. übergibt der Presse den folgenden „Gruß an die Redenden und Schweigenden": Miirch die mir in den letzten Wochen in so großer Zahl zugegangenen (ilückwünsche zu meinem Jubiläum fühle ich mich verpflichtet, allen Personen und Körperschaften, die mich durch ihre Aufmerksamkeil geehrt haben, meinen aufrichtigen Dank zu sagen. Die Stimmen aus allen Ecken der Diaspora erscheinen als eine weitere Bestätigung der Idee des einheitlichen Weltjudelitums, welche die Synthese von Geschichte und Gegenwart bilden muH Insbesondere erfreut mich der Widerhall meiner Iiistorisehen Ansichten, der in den Glückwünschen aus Deutschland ertönt, aus dem Lande, in dem es mir beschieden Ist, meine Lebensarbeil zu vollenden. Ich habe das deutsche Judentum stels als die Schutzwehr der jüdischen Kultur au der Grenze von Ost und Wesl betrachtet, und ich hoffe, daß es in unserer nationalen Renaissance noch von neuem eine aktive Rolle zu spielen haben w ird. Indem ich allen, die mir aus den verschiedenen Ländern ihre Grüße gesandt haben, danke, sende ich meinerseits allen denen meinen innigen Gruß, die in dem einzigen Lande, aus .lein ein freies Wort nicht dringen kann, in meinem Heimallande, das ich verlassen habe, im jetzigen Sowjetrußland, schweigen müssen. Mein Graß wird kaum zu ihnen gelangen. Sollte er aber einmal au ihr (Ihr dringen, SO mögen sie wissen, daß in den „feierlichen" .lubiläumstagen meine Gedanken und meine tiefe Trauer ihnen, den leidenden Brüdern, gcgolten haben. Merlin, im Oktober 1980. S. Dubnow. Mathieu Drevfis (fe-torben. Im Alter von 7H Jahren verstarb in Paris Mathieu Dreyfus. der Bruder des Obersten Alfred Dreyfus. In der Bewegung für die Rehabilitierung des wegen Landesverrats unschuldig verurteilten und nach der Teufelsiusel verbannten seinerseitigeu Hauptmanns Alfred Dreyfus war Mathieu Dreyfus die zentrale Kraft. Kr war es, der zuerst auf den Major Kslerhazy als den wirklichen Verfasser des fälschlich Dreyfus zugeschriebenen „bordereau", des eigentlichen corpus delicti gegen Dreyfus, hingewiesen hat. Kr war es auch, der Persönlichkeiten wie Senator Scheurer-Kestner, Oberst Picquart, Emile Zola von der Unschuld seines Iii Uders überzeugt und so die Bewegung für die Rehabilitierung Dreyfus" eingeleitet hat. Ober Mathieu Dreyfus äußert snh der Berliner Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil, der Verfasser des bekannten Dreyfus-Buches, der durch seine freundschaftlichen Beziehungen zu Alfred Dreyfus und seiner ganzen Familie besonders berufen i*|, über den tapferen Mathieu Dreyfus zu sprechen, gegenüber der Jüdischen Telegraphentgentur: Mit Mathieu Dreyfus ist eine der ganz grollen Figuren der klassischen Droyfus-Kpoche dahingegangen. Ein Mann, der, von reinstei Bruderliebe getrieben, für die Aufklärung des unseligen Justizirrtums Soviel wie irgendeiner getan hat. der in stiller Bescheidenheit die Jahre seines Alters verbringend, durch die Heldenhaftigkelt seines schließlich erfolgreichen Kampfes den Anspruch erworben hat, künftigen Generationen als großes Vorbild zu dienen, und der unter dir großen Juden Frankreichs und der Welt heule schon eingereiht werden darf. Als ich in der vergangenen Woche die gesamte Familie Dreyfus zu Tisch gebeten halle, um zahlreiche erwiesene Aufmerksamkeiten in bescheidener Weise gutzumachen, schriet) mir Frau Lucie Dreyfus, die über alles bewundernswerte Frau des Obersten, daß alle anderen Familienmitglieder gern kämen, aber „mein Mann ist in diesem Augenblick ermüdet und infolge des ernsten Zustandet seines Bruders schlecht disponiert". Bei Tisch drehte sich die Untei haltung beende!s um Mathieu. aber auch seine nahen Verwandten dachten in diesem Augenblick nicht daran, daß er wenige Tage darauf «las Zeitliche gesegnet hallen würde. Um zwei Jahre älter als Alfred Dreyfus, war er von vier Brüdern der drittälteste, Alfred der jüngste. Als der Kapitän verhaftet wurde, legte Major du Pal\ de Clam Frau Lucie ein Schweigegebot auf. Ersl am letzten Oktober tage IM'.ll durfte sie wenigstens ihrer Familie die Verhaftung mi! teilen. Mathieu, der in der väterlichen Fabrik in Mülhausen tätig isl, kommt am Tage darauf, am I. November 1804, in Paris an. Seine Schwägerin Lucie erwartet ihn am Bahnhof, und schon in diesem Augenblick setzte der Kampf der beiden, zuerst gegen die Anklage, dann gegen das Urteil, und schließlich um die Revision ein. Mathieu hatte selbst militärische Neigungen, wollte ursprünglich gleichfalls Offizier werden Und liebte es besondere, mit den Kameraden seines Bruders zu verkehren. Kr versucht, kaum in Paris angekommen, durch eine Unterredung mit dem untersuchungsführenden Offisiei ■ tu Paty den schrecklichen Irrtum aufzuklären. Diesem schlägt er vor. eine Unterredung zuzulassen, die Maldini unter vier Augen mit seinem Bruder haben wolle, wobei du Paty jedes Wort und jede Geste belauschen könne. ..Mir wird er die Wahrheil sagen, (übt er da- Verbrechen ZU, so werde ich selbst ihm die Pistole in die Hain! drücken." Als trotz aller Bemühungen Dreyfus verurteilt wird, tröslel ihn einer der Sekretäre des V erteidigers Demange: „Sie hallen Ihn Pllicht getan." — „sie beginnt", antwortete Mathieu. Er gibt die Tätigkeit in Mülhausen auf. zieht mich Paris. Am Vorabend dei Degradation sieht er seinen Bruder einige Augenblicke und schwört ihm, daß er sein Lebe?:, .seine Existenz, sein Vermögen für die Sucln nach dem Schuldigen aufwenden werde, UnermOdlich ist er tälig Alle Pfade verfolgt er. Jede Spur wird von ihm nachgeprüft. Und auf wieviel falsche Fährten sucht mau ihn zu locken wieviel Fallen werden ihm gestelltI Die Familie beschließt, die Führung ih r ganzen Befreiuugsknmpagne ihm anzuvertrauen. Aber mit seinei elsässischen Zähigkeit, die er. wie der Bruder, besitzt, mit seiner Menschenkenntnis und seiner größeren Erfahrung in den Dingen lies täglichen Lebens weilt er auch abzuwarten. Als whr bald nach der Verurteilung jüdische Schrittst« Her Aufrufe vorbereiten und eine Revisionskam|»agne entfesseln wollen, wehrt er ab. weil er erkennt, daß Proteste allein nichts nützen, daß materielle Tatsachen beschafft

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