Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1930-10-31 · 44 (31.10.1930) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
6 (1930)
Issue
44 (31.10.1930)
Date
1930-10-31
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/4876568-5968776-5969197--3503-4877905
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

ßemeiuöcblatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU I JtlDTI^L AMTLICH ES NACH RICHTEN BLATT LLIl XaglWD&R GEMEINDEVERWALTUNG! Das Cemelndeblatt erscheint jeden l'reltag und wird : den Mitgliedern der Kellglonsgemelnde unentgeltlich durdi die Post zugestellt — Schrtftleltung: Gemeinderabbiner Gustav Cohn, Leipzig, Löhrstrafie 10 NUMMER 44 / JAHRCANC ö FREITAC iU OKTOBER IOIO An2rl|ti'nv>'r»altui<K und Druck: ßu<Jidruck<-r>-l Auliusi l'rles, Lrlp/Ig, HrOdt-rstr. 59 - IVrnruf 70006 - l'ustsdicik Leipzig 53920 - Nadiilnidi nur mit Quellenangabe und mit Om'hmlininK drs \ crlanm-r» gestaltet ISASCHAR BÄR FALKENSOHN Goethes Kritik der „Gedichte Von S. M l);is Interesse t>" dieser eigenartigen Gestali wird hier in Leipzig dadurch gesteigert, daO der junge Literat sein Btudium (Mediiin) auch in Leipzig betrieben hat (Vgl. Prof. Dr. Daniel Jacoby im Buphorion, herausgegeben von August Sauer, IM. 7; ferner: AZdJ. 1900, S. 8S6 f.. wo auch einige Proben von Bttrs Gedichten wiedergegeben sind.) I>ie Rchriftleitung. Wer war Iaaschar Kür Palkensohn? — Isaschar Kar Falkensohn war ein polnischer .lüde, dessen Name der Olympier Qoethe in einen Kwigkeitswinkel der Literaturgeschichte hineingeietst hat. Wohl ist der Mann halb »erchollen und sein Werk halb vergessen, aber das ewig lebendige Wort Goethes, das über ihn gesprochen ward, läßt ihn nicht ganz n Vergessenheit sinken. Isaschar Kär Kaikensohn wird in mancher Literaturgeschichte erwähnt, fast in jeder Goethe-Biographie genannt, und es gibt wohl keine der großen, mit Einleitungen und Anmer- Iinigen versehenen (ioethe-Ausgaben. worin nicht auf ihn au der ehörigen Stelle hingewiesen würde. Diesen winzigen Teil an Unterblicbkeit bat Kalkensobn dem Umstände zu verdanken, dal.! Goethe sein Buch „Gedichte von einem polnischen .luden" für wert befunden hatte, in den Frankfurter gelehrten Anzeigen ausführlich zu besprechen. lielier den äußern Lebensgang dieses Falkensohn sind die Nachlebten recht spärlich. Mau weifi nur. dal! er 1~4<> in der polnischen Stadl Samostje geboren wurde, mit vierzehn Jahren verheiratet und nit achtzehn bereits Vater mehrerer Kinder war, und daß er, der Deutsch kaum lesen und kein deutsches Wort sprechen konnte, als Swansigjihriger über die Qrente und nach Deutschland ging, um du 'ii studieren. Ks ist recht anregend und nicht minder lehrreich, die Kntwieklung zu verfolgen, die die „Aufklärung" unter den .luden les Ostens, die sogenannte llaskalah. in ihren Anfängen genommen hat. Saß da ein junger Mensch irgendwo in einem polnischen Städtchen, verkehrte nur mit jiddischsprechenden .luden, lebte unter Polen >der Ruthenen und sehnte sich nach deutscher Bildung und deutscher Kultur. Ks gali manchen gebildeten Jüngling im (ihetto, der In Geographie schwach war und manche Oroßstadt nicht dem Namen nach kannte, aber Weimar kannte er, dort hat Goethe gewohnt, Marbach kannte er. dort wurde Schiller geboren. Königsberg kannte r, dort hat Kaut gewirkt Als Isaschar Här Kalkensobn das Licht der „Aufklärung" erblickte, da gab es freilich noch kein Ooethesches Weimar, aber es (ab damals schon ein Königsberg Immanuel Knuts. Dorthin lenkte er auch seine Schritte: seine erste Haltestelle auf dem Wege zur hOhern Bildung war Königsberg. Ks ist indes so gut wie sicher. von einem polnischen |udcn" e i s e I s. dat.! Falkensohn, der nur geringe Vorkenntnisse besaß, und zumal da er noch mit der Sprache zu kämpfen hatte, die Vorlesungen Kants nicht besuchte. In der Liste der jüdischen Zuhörer Kants. Uber deren Zahl und Namen ziemlich genaue Angaben existieren, ist der Name Kalkensobn nicht vorhanden. Nach kurzem Aufenthalt in Königsberg begab sieb Kalkensobn nach Herlin. wo er in Moses Mendelssohn einen geistigen und in Daniel Itzig einen materiellen Körderer fand. Durch Mendelssohn wurde er mit Ramler und l-.es- Bing bekannt; sie fanden an dem jungen, wißbegierigen polnischen .luden ihr Gefallen und sagten ihm manch aufmunterndes Wort. In Berlin wandte er sich mit doppeltem Eifer dem Studium der deutschen Sprache zu. las fleißig deutsche Literaturwerke, insbesondere deutsche Dichtung, daneben trieb er Latein, Griechisch, Geschichte, Mathematik und Philosophie. Kr machte rasch Fortschritte. Schon nach kurzer Zeit dürft«' er es wagen, die ersten literarischen Versuche in deutscher Sprache zu machen. Kr schrieb deutsche Verse, schlichte, schöne Lieder, wie sie jeder Jüngling zu schreiben pflegt, der eine Hoffnung ist. Als erste und einzige Frucht seiner Muse gab Kalkensobn im Jahre 177'J ein Versbuch unter dem Titel „Gedichte von einem polnischen Juden" heraus. Diese deutschen Gedichte eines polnischen Juden erregten in damaligen Literaturkreisen ziemlich Aufsehen. Im allgemeinen wurde das Küchlein recht günstig aufgenommen. Goethe schrieb darüber einen längeren, kritischen Aufsatz in den Krankfurier gelehrten Anzeigen; die Resension ist in Goethes Werken als elftes Stück der Aufsatzreihe „Schriften zur Literatur" abgedruckt. Ks ist vielleicht die merkwürdigste Rezension, die Goethe geschrieben hat. Sie lobt ein wenig, tadelt viel, ist zum Schluß von einein guten Wunsch für den Verfasser begleitet und hebt sich in der Mitte durch einen pathetischen Anruf an den deutschen Genius zur dichterischen Mühe empor. „Zuvorderst müssen wir versichern." schreibt Goethe, „daß die Aufschrift dieser Bogen einen sehr vorteilhaften Kindruck auf uns gemacht bat. Da tritt, dachten wir. ein feuriger Geist ein fühlbares Herz, bis zum selbständigen Alter unter einein fremden, rauhen Himmel aufgewachsen, auf einmal in unsre Welt. Was für Empfindungen werden sich in ihm regen, was für Bemerkungen wird er inachen, er. dem alles neu ist'.'... Er wird linden, was er nicht sucht, und suchen, was er nicht findet Dann seine Gefühle, seine Gedanken in freien Liedern der Gesellschaft, Freunden, Mädchen mitteilen: wenn er nichts Neues sagt, wird alles eine neue Seite hallen. Das hofften wir und griffen — in Wind... Abstrahier! von allem, produziert sich liier wieder ein hübscher junger Mensch, gepudert und mit glattem Kinn und grünem, goldbesetztem Rock.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.