Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 43 (24.10.1930)
- Date
- 1930-10-24
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 (iKMKINDKHLATT DKI! ISRAELITISCHEN KELUMONSOEMKINDK ZU LEIPZIG Nummer 49 das erste Qebol des rabbinischen Judentums. Denn der Schulchan Aruch setil es an 'ü«' Spitie des Religionsgesetzes, Der Schulchan Aruch ist die späte Kodifikation der mündlichen Lehre. Im 16. Jahrhundert entstanden, laß! er in Kapiteln und Paragraphen nüchtern umi sachlich zusammen, was tausend und mehr Jahre früher Im Talmud als Gespräch, als Verhandlung, als Diskussion mit allen Zeichen der Ursprünglichkeii ausgesprochen wird. Aber an einseinen Stellen erhebt sich auch der Schulchan Aruch ni einem großen Schwung und zu einem mächtigen Pathos. Sie schweben dann über den trockenen und geordneten Satzungen als Zeugnisse der religiösen Glut, aus der jene einst hervorgegangen sind, wie eine Basaltkuppe a,is weilen Flächen von Sand und Kalk sich erhebt, ein Denkmal der vulkanischen Kräfte, die auch diese jetzt eintönige Landschaft i'in.»t in den Tiefen gestaltet hat. Und mit einem solchen Worte voll hinreißenden Schwunges, voller Heist und Leben beginnt der Schul— eban Aruch. ..Kr sei stark wie ein Löwe, früh am M o i gj '■ II a U I l u 8t e h e n I ü r d e n Dienst sei Ii c s S c Ii o p I eis. d a in i t er d i e M o r g e u r ö I e e r w e c k e." (Oracfa Chajim 1,1.) Das Frühaufstehen ist also ein Heldenstück. Der „Held", der iiier genannt wird, erinnert, wie auch die Erklärer /in Stelle bemerken, an das Wort: ..Wer ist ein Held.' Wer seinen Trieb bezwingt." (Sprüche der Väter IV, 1.) Die Energie, mit der der Mensch sich „den Händen des Schlafes", wie unser Nachgehet sagt, entreißt, ist der Sieg des Mensehen über sich selber, mit dem .in Tau beginnt. Das ist eine schwere Leistung. Gerade heim Frühaufstehen erfahrt jeder an seiner eigenen Person, wie die Kenntnis des Guten noch lange nicht die Verwirklichung des Guten ist. Bei begeisterter Anerkennung der sittlichen, wirtschaftlichen und gesundheitlichen Notwendigkeil des frühen Aufstehens kann man dennoch ein Langschläfer sein. Hier zeigt sich die Ohnmacht des bloßen guten Willens. Die Einsicht in das Rechte und Notwendige genügt noch nicht. Soll die Seele das (inte auch verwirklichen, so braucht sie stärkere Motoren. Kine solche Triebkraft ist für jeden die wirtschaftliche Notwendigkeit. Wer seine Stelle verliert, wenn er nicht um fünf I hr früh auf seinem Posten ist. der wird schon rechtzeitig aufstehen. In jenen „Frommen der alten Zeit" aber herrscht ein Heist aus einer anderen Sphäre. Die Macht einer leinen Ide.- (reibt den Menschen von seinem Lager. Aher diese Gottessehnsuchl bringt auch dem Körper und der Seele das Glück. Wer frühe aufgestanden ist. lebt in einer gesteigerten Frische und Rüstigkeit. Morgenstunde hat nicht nur Gold im Munde, sondern .null Freude, Kraft und Selbstbewußtsein, die n a t ü i 1 i c Ii e A r z nei f ii r Seele u n d N 8 r v e n! Welch ein Unterschied zwischen dem Arbeitstage, der um fünf, und jenem, der um zehn L'hr beginnt! Wenn Heinrich Grits, der Historiker cles Judentums, morgens um neun t'hr seine Vorlesungen am Jüdisch-theologischen Seminar in Breslau begann, hatte er bereits volle vier Arbeitsstunden hinter sich. Hätte er anders gelebt, dann hätte er wohl nicht sein gewaltiges Werk beenden können. Vielleicht aber wäre er auch nicht der fröhliche Mensch gewesen, der er mitten in seiner ungeheueren, Ober.....tischlichen Arbeit blieb. Mit dem frühen Aufstellen verbindet sich aher noch ein anderes Glück. Wei betet, findet jene innere Sammlung und Selbstbesinnung, die dem Menschen heule oft vertag! ist und nach der er doch Behnsüchti sucht. „Die Frommen der alten Zeit warteten ein,. Stunde, ehe sie beteten, damit sie ihr Herz aul (iolt richteten", tagt die Mischuah (Ber. V, 1). Zum Gebet muß der Mensch sich rüsten. Symbolisch wird diese Notwendigkeil durch den Unionen ausgedrückt, der am Eingange Jeder Synagoge steht, und mit dessen Wasser wir heim Eintritt die Hände benetzen Die reine Hand soll das Sinnbild des gereinigten, lies reinen Herzens sein, mit dem Mensch Gotl naht. Ein Mittel der Reinigung aher igt die Stille, die Betrachtung, die Sammlung vor dem Gebete, Da Stimmt der Mensch sein Herz, wie der Musiker sein Instrument Diese ruhige Kontemplation ist ein unschätzbarer Weg zun K r i e d e u des II e r z e n s. Sie führt zur K I a r heil d e r See 11 Uber sich selber, über den Wen, 'l*'r' hinter ihr liegt, über den. .1 sii' noch zu durchmesssen hat. und damit zur Beruhigung d< Nerven. Ein Geschenk der Religion ist deshalb die ungestört halbe stunde des Morgengebetes zwischen dem Erwachen aus de Schlafe und dem Beginne der Arbeit. Kin Zeugnis für diesen Frieden der Seide, der mitten im schwersten Lebenskampfe auf den Flügeh des Gebetes kommen kann, ist auch jener .">7. Psalm, mit dein wii begannen. Sein Sänger stellt mitten in einer schrecklichen, feind liehen Welt. ..Meine Seele weilt unter Löwen. Ich lege mich nieder unter Wutentbrannten, unter Menschensöhnen, deren Seele Pfeil und Lanze und deren Zunge ein scharfes Schwert." Aher zwei Versi weiter spricht im Gebete der tiefste Frieden. „Fest ist mein Her/ (iott. fest ist mein Herz. Ich singe und spiele." Und dann folg) dei Aufruf an Harfe und Flöte, die Morgenröte zu erwecken. |). Mensch, der (iott suchend den Morgen erwartet, der in der stillen Sammlung sich selher und (iott findet, gewinnt den Frieden di Seele trotz allem. In diesem Psalm hat die Lebensstimmung ni" Frömmigkeit der Besten im allen Judentum Wort und Gest gewonnen. Der Besten im alten Judentum) Denn keineswegs ist die vul kanische Gewalt dos Gebetes und die ungeheuere Kraft des Ringens um (iott das seelische Eigentum des ganzen Volkes gewesen od. geblieben. »Rabbi Josua sagte: Bis zum Ende der dritten Morgen stunde darf man das Morgengehet sprechen, denn um diese Ze stehen die Kölligssöhne auf." So herichlel die Mi seh nah. und „dii Halachah, die gesetzliche Entscheidung, ist wie Rabbi Josua". Wo sind alle in unserer Loheiisstiiumung und Lebensführung »hon sei' Tausenden von Juliren wenigstens in diesem Punkte den Köllig söhnen mehr ähnlich als den „Frommen der alten Zeit", wie sein• in der Mischnah selher Rabbi Sellin.....n festgestellt hat (Sabba XIV. I). Die Erzählung von denen, die die Morgenröte erweckten ist für uns ein Klang aus verschollenen Tagen. Aher auch er gel nicht verloren. Kin Vermächtnis aus unserer alten Zeil, ist er dii anspornende Erinnerung an ein Fundament der seelisch. II y g i e n e. Eine Quelle der Gesundheit des Geistes und der Neni ist auch das frühe Gebet Weltkongreß des „Hechaluz" in Berlin Am '1.. '.(.. 4. und 5. Oktober fand der Weltkongreß der Hechaluz in Berlin statt. Ks beteiligten sich 71 Delegierte aus den Lindern Amerika. Pulen, (ializien. Rumänien, Litauen. Letland. Deutschland, Tschechoslowakei. Oesterreich. Bulgarien, Holland, Belgien, Ungarn und Krankreich. Der imposanten Eröffnungssitzung wohnten zum großen Teil Mitglieder oationaljüdischer Jugendbünde bei. Am Kongreß beteiligten sich außerdem die Arbeiterführer der jüdischen Gewerkschaft Bres-Israels „Hlstadruth". Die russische Hechaluz-Organisation, die von der Regierung der Sowjet-Union verfolgt wird und trotzdem unter großen Schwierigkeiten illegal weiterarbeitet, wurde durch einige Genossen vertreten, die vor einigen Monaten aus der Verbannung kamen. Die Konferenz versammelte sich im Zeichen einer lichtbaren Erweiterung des Hechaluz. Der Vorsitzende Genosse Dobkin gab einen Oberblick über die Entwicklung des Hechaluz in allen Ländern und konnte große Fortschritte dieser Bewegung in den letzten Jahren feststellen. Im Namen der Hlstadruth begrüßte Sprinsak die Konferenz. Kr legte dii Schwierigkelten der Situation in Palästina, sowie die einer Kinigun zwischen den verschiedenen Riehtungen der Arbeiterschaft in de Diaspora dar und gab der Hoffnung Ausdruck, dal.) es dem Hechalui gelingen werde, diese auch ihn befreienden Schwierigkeiten zi überwinden. Namens der Zionistischen Exekutive begrüßte derei Mitglied Felix Rosenblfith die Konferenz: Der Hechaluz sei fem Gruppe innerhalb der zionistischen Bewegung, welche wohl am meisten Ursache hat, mit den Ergebnissen der Arbeit in den letzt, i Jahren unzufrieden zu sein. Andererseits sei diese Arbeit, allgemfil als Weizinanusche Politik definiert, rein praktisch auf den Aushau der jüdischen Positionen in Palästina im (leiste des Hechaluz gerichtet gewesen. Die Sammlung von Mitteln für den Aufbau Palästinas sei der Weg. der zum Aushau der Chaluziuth führe. Die rein pattstino