Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 43 (24.10.1930)
- Date
- 1930-10-24
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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emetaö eblatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE-ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG! p.is (Jemctndeblatt crsdielnt |cden Freitag und wird den Mitgliedern der Kcllglnnsgcmeindc unentgeltlich lurdi die l'ost zugestellt — Schrlftleltung: (ieraclnderabblncr Gustav Cohn, Leipzig, LAhratraSe 10 NUMMER 41 / JAHRGANG 6 FREITAG 24» OKTOBER IOIO AniducPYerwitOPg und Druik: Hudidrudkcrrl August ivirs. LetMdf, BrOdentr« 59 - Fernruf 70006 - Pottsduik Leipzig 53920 - Nachdruck mir mit Qiirllrnangabe und mit (ienehmlifunK de« Verfassers gestattet DAS MORGENGEBET UND DIE GEISTIGE GESUNDHEIT Von Huhhincr Dr. Max Bschelba eher, Düsseldorf. Im Vertage von Jac. Sternlicht-Dresden erscheint «lein nächst eine Bammelschrift „II t k i s n o u n d -I u d e n t n m". Durch freundliche Genehmigung des llerausgclicrs, Ministcrialrat Haus Qoslari sind wir in der Lage, schon jetzt den nachstehenden Beitrag sum Abdruck su bringen. Die Schrift!. Das .liiuYnliiiii nennt das Gebet den „Ergufi der Seele". Geborsam seinem innersten Qesetse t|iiillt es aus den Tiefen des Selbst hervor, und sein weiterer Weg ist ihm einsig ■ In fr Ii sein Ziel vorgeschrieben, durt'h (itilt. Das echte, das vollendete (Sehet ist nichts als die Zwiesprache der Seele mit Qott. Ks; lieht: „Lehre mich, Kwiger, Deinen Wen, daß ich wandle in Deiner Wahrheitl Mache mein Herz einig, daß ich ehrlflrchte Deinen SamenI" Ks verlangt nichts als: „Beuge unser Herz, daß wir Dir lienstbar seien!*' Die menschliche Schwäche bringt t's freilich dabin, dafi wir alle auch um äußere Dinge beten, um Gesundheit, um! rfolg, um Auskommen, vielleicht auch um geringere und seihst in schlechte und unwürdige Ziele. Aber diese Gebete, menschlich bq begreiflich, sind doch nicht mehr rein, sie sind schon Mittel zum recke geworden und stehen unter dem wahrhalten (lebete. Das reine Gebet sucht nicht das Glflck, aher es findet es un- - sucht Denn der Weg der Seele zu Gott ist in Wirklichkeit auch r (lang zu sich seihst. Die Kraft, mit der sie Gott sucht, durchingl das canze Lehen und gestaltet das Tagewerk so um, dal.l damit .Hein schon das Lehen glücklich wird. Diese grolle, mächtige, umalzende Kraft entfaltete das (lebet im frühen Judentum bei jenen, die in den rabbinischen (juellrn „Chassidim hbrischonim", die „Fronten der alten Zeit", genannt werden. Dort Überwindet es die Träg- I des natürlichen Menschen und giht ihm ein frisches LebensfQhl und eine klare Lebensfreude, die sonst selten erreicht werden. Im Psalm (57.!)) Jubelt der Sänger: „Kr wache, meine ieelel Kr wache, Flöte und Harfe! teh will die lorgenröte erwecken." Unsere alte Srhrifterklürung legte i der Betrachtung dieses Verses von Anfang an allen Nachdruck ii( das Wort „Ich". ..Ich will die Morgenröte erwecken, nicht aher oll sie mich erwecken." So strahlt also aus diesem Psalm eine unvergleichliche (lotles- und Lebensfreude. Im Dunkel, noch vor der liirgendämmerung. erhebt sich der gottbegeisterte Mensch und limint sein Lied an. Kr seiher ist tlas Lieht, das die dunkle Welt •leuchtet. Wenn sonst der Morgen den Menschen erweckt, erweckt iier der Mensch den Morgen, .löset Israels, der grolle holländische Maler, in dem zugleich die jüdische Ucberlioferung wunderbar lebendig war, hat in seinem (icmäldc „Saul und David" im städtischen Museum in Amsterdam diesem QegenstOck zu Rembrandfal „Saul und David", tler Frömmigkeit dieses l'salmwortes herrlich (icstalt und Farbe verliehen. Zur altjüdischen, schon lange nicht mehr in ihrer vollen Kraft herrschenden Lohensordmiug gehört das Gebet vor Tagesanbruch, Fern von dem beschwingten Hymnus des Psalms offenbart auch die ruhige Sprache unseres Keligionsgeselzes diesen wundervollen LebensstiL Denn das grolle Frühwerk des rabbinischen Judentums, die Mischnah, stellt (Berakhotb 1,2) die frage: ..Wann beginnt tl i e Zeit, in der mau das Schema des Morgens sagen darf?" Sie antwortet: „Sobald man unterscheiden kann swischen Blau und Weiß (Rabbi K linset' sagt: Zwischen It I a u u n d (I r ü u ) , u n d in a u m u ß es voll e n d e t h a h e u . s o b a I d tl e r erste S o n n e n - strahl g e k o m tu e n i 8 t. Ii a h h i .1 o s u a sagt: m a u in u ß es vollen tl e t Ii a I) e n bis /. u r d r i 11 e n S t u n d e (i) U h r ). d e n n es ist tl i e W eise d er K ö u i g s k i u d er, i n d e r dritten Stunde aufzustehen." Die Mischnah stellt also eine ahsleigende Stufenleiter auf. Sie beginnt mit dem gottentflammten Menschen und schließt mit dem Bürger, für den tlas liehet Zeit hat. tler nicht mehr getrieben wird von dem einst unbeswinglichen, nunmehr aher zahmgewordenon Drange der Seele. Gott zu lohen, und tler gegen i) Uhr sich erhebt, nicht mehr das Licht tler Welt entzündend, sondern von ihrer grellen, heißen (Hut erweckt. Aher jene Krston, mit denen die Mischnah anheilt, die ..Frommen tler alten Zeit" sind die einsigen, die in der Dunkelheit das kommende Licht grüßen, und tler erste Morgenstrahl Hndel Bie wach vor Qott. Dieses frühe Gebet war ein Triumph der Seele und des Willens. Denn eine tler stärksten Lebensmächte ist die natürliche Trägheit. Träge war der Mensch Immer. Auch in den fernen Zeiten tler Bibel ist er immer gerne lange im Bett liegen gehliehen. Die Bibel und tlas frtthrabbinische Schrifttum warnen vor dem laugen Schlafen mit seinen sittlichen und wirtschaftlichen Schällen. „Wie lange. Fauler, willst du liegen? Wann willst du aufstehen von deinem Schlafe.' Km wenig Schlaf, ein wenig Schlummer, ein wenig die Hände falten im Liegen! Da kommt wie ein Wanderer deine Armut und dein Mangel wie ein gewathieter Mann", mahnen die Sprüche Salomes (6.V.9—11). Und die Sprüche der Väter rechnen (It. 14) den langen Schlaf am Morgen zu den vier Dingen, tiie „den Menschen von tler Well bringen". Also ist er keine Selbstverständlichkeit, sondern beinahe ein Wunder, der Mensch, in dem tlie Sehnsucht nach Gott und tlas Verlangen, ihn zu preisen, so stark sintl, tlaß er tlie Morgenröte erweckt. Dieser Aufschwung zu Gott ist seiher sein Lohn. Sein Tageslauf isl von Anfang an verändert. Anden ist tler Beginn, anders tlie Fortsetzung seiner Arbeit, anders seine ganze Lebensstiinmung. Diese Umwandlung des Menschen und seiner Tagesordnung ist