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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1930-10-17 · 42 (17.10.1930) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
6 (1930)
Issue
42 (17.10.1930)
Date
1930-10-17
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Seile 4 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEM RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer -I: rung von Juden zur Agrikultur. Ks existieren honte In Amerika über 100000 jüdische Farmer, von denen viele Halbfartner sind. Indem ■le lieh mehr der Fremdenindustrie widmen. Man brauch! mehr Ackerbauschulen für die jüdische Jugend, man braucht technische Schulen. Im grofien und gansen also erscheinen Gegenwart «nd Zukunft des amerikanischen Judentums in einem nicht allzu rosigem Lichte. Ks bestellen aber auch akute Probleme der jüdischen Jugend, Das indische Eraiehungswesen wird finanziell vom Judentum getragen, da das öffentliche Eraiehungswesen hierfür nicht im geringsten sorgt. .Indische Erziehung ist dringendstes Bedürfnis, da sonst die .lugend den Zusammenhang mll dem Judentum verliert. Die Talmud-Thora- Schulen und die übrigen Spexialschulen für jüdische Erziehung belasten den Schüler sehr. Man geht jetzt zur Schaffung von Schulen Uber, die allgemeine Bildung mit religiöser Unterrichtung verbinden. Sogar die Jeschiwoth bevorzugen jetzt diese Doppelform. Das wirtschaftlich geschwächte und von Zukunftssorgen be- Bchwerte amerikanische Judentum hat also genug an seinen eigenen Problemen zu trafen und kann sich an allgemein jüdischen Zielen — ■ wird heute für zu viele Fonds gesammelt — nicht stärker beteiligen, als es ihm seiner Zahl und seiner wirtschaftlichen Kraft nach ankommt. He' Begeisterung für die Idee des Jüdischen Nationalheimi ist groß, und es ist lief zu beklagen, dafl der Beginn der Arbeit der erweiterten Jewish Agency mit einer Zeit schwerer wirtschaftlicher Depressionen in Amerika zusammenfällt. Das ist aber nur die eine Es kommt hinzu, daß das praktisch denkende amerikanische Judentum gewohnt ist. über die Verwendung der Fonds, für die es beisteuert nachtudenken. Auch über die Verwendung der Koren Hajessod-Gelder macht er sich Gedanken. Er fragt sich, warum die lewish Agency die grollen finanziellen Lasten der öffentlichen Krziehung und Oesundheil - wir steuern sogar zu den Kosten der öffentlichen Gesundheil der Araber bei — tragen soll, die eigentlich Sache der Regierung sind. Diese zwei Posten belasten das Budget der .lewish Agency in einer Weise, dafi die Leistungsenergie für den praktischen Aufbau stark gemindert ist. Alle fühlen, dafl BS so nicht weitergehen könne, dafl man die Regierung endlich dazu bringen müsse für öffentliche Gesundheil und Erziehung der .luden zu sorgen. Der amerikanische .lüde, der für den Keren llajessod spendet, will die (lewiüheit haben, daß sein (leid nicht dazu verwende! wird, um Ausgaben zu decken, die der Regierung zukommen. Wenn er für den Palästina-Aufbau beisteuert, so will er es entweder in der Form von Investments oder durch die Schaffung bleibender Werte, wie Kolonien usw.,, tun. Tritt hierin eine Wendung zum Guten ein. so wird die Begeisterung des amerikanischen .luden für das Palästinnwerk zunehmen. Der gegenwärtige Drive in Amerika, dessen Verlauf den in ihn gesetzten Erwartungen leider nicht entspricht, wird nicht allein durch die Wirtsehaftskrisis beeinträchtigt, sondern auch davon, daß er zu einer fortgeschrittenen Jahreszeil ins Werk gesetzt wurde. Er wird sich in das Jahr 1981 hineinziehen, so daß also auch der nächstjährige Drive zu spät wird einsetzen können. Ks werden heroische Anstrengungen erforderlich sein, um das Ziel, das mau sich gesetzt hat. zu erreichen. Die Bedeutung des Jiddischen für das Deutsche. In den „Mitteilungen der Akademie zur wissenschaftlichen Erforschung und zur Pflege des Deutschtums", die von der Deutschen Akademie in München he rausgegeben werden, beleuchte! der Sprachforscher Heinz Kloß die B e d e u! u Ii g des liddi sehen für das Deutsche. Er gibt die Zahl der liddischspreclienden schätzungsweise mit etwa II Millionen an und führt weiter aus: das Jiddische ist aus dem Mittelhochdeutschen und Frühneuhochdeutschen entstanden und hat diesen Charakter im wesentlichen bis heule bewahrt. Nur der Wortschatz hat Wörter hebrä Ischen, sla vi sehen und — in Amerika englischen Ursprungs aufgenommen; aber etwa 80% der Wörter sind deutsch. Das Jiddische gehflrt also zur deutschen Spraehiamilie. Außerhalb Deutschlands wird das Jiddische auch seit langem als deutsch angesehen. So wurden die Juden in Osteuropa während des Weltkrieges immer wieder als Träger einer deutschen Sprache verfolgt. Der französische Forscher Antobte Meillet hebt in seinem Buche „Les Langties dans l'Kurope Kouvelle" (t91K) hervor, daß ..Das Vorhandensein des Jiddischen für die Geltung der deutschen Sprache ein wertvoller Aktivposten sei". In der ..Deutschen Kundschau" (1929, S. 71 ff.) hat Paul v. Sokolowski auf „die Bedeutung des Jiddischen als Schrittmacher der deutschen Sprache in Osteuropa" hingewiesen. Aber in Deutschland wurde da Jiddische bis heute wenig beachtet. Kloß untersucht die Gründe für diese Nichtbeachtung zum Schade; der deutschen Sprache. Einmal wirkt die Benutzung der hebräischei Schriftseichen für das Jiddische hemmend; weiter aber ist man gl wohnt, das Jiddische als ein „schlechtes" Deutsch, als einen „Jargon anzusehen und zu verachten. Das ist aber eine falsche Voratelluni die verhängnisvoll wirkt. Außerdem besteht eine Abneigung gegi die Ostjuden, die Träger des Jiddischen, die auf die Sprache Obel tragen wurde. „So machten es", schreibt Kloß, „eine über Alphabete Schwierigkeiten stolpernde Trägheil und ein aus falschem Deutscl bewufltsein und Rassenabneigung entstandenes Ressentiment mftglic daß die Stellen in Deutschland, die für eine Betreuung des Jiddisch zuständig wären, es fast geschlossen boykottierten". Das Jiddische ist in vieler Hinsicht für die deutsche Spracl von Bedeutung. In vielen Gebieten gibt es zugleich deutsch- und ji dischsprechende Minderheiten. Hier wäre ein Zusammengehen di beiden Sprachen förderlich. Man könnte gegenseitig Erfahrungen. I'i blikationen usw. austauschen. In Rumänien gibt es zusammen etv zwei Millionen Deutsche und Juden: diese Zahl reicht zur Gründui einer deutsch-jiddischen Hochschule aus: ein Ziel, das die Deutsch' i allein nicht erreichen können. Weiterhin sind die Angehörigen de deutschen Minderheiten, die im allgemeinen geschlossener wohin nicht so sehr darauf angewiesen, die Landessprache zu beherrsche: daher wird durch sie die Kenntnis des Deutschen im Ausland wonie., gefördert. Die Juden dagegen beherrschen fast überall neben dei Jiddischen die Landessprache: wenn sie daher in noch stärkere Maße als bisher am Deutschen interessiert werden, dann sind sie dii geborenen Mittler der deutschen Sprache. Kloß weist auf die Ri deutung der Zusammenarbeit in den Ländern hin, wo es starke un hochentwickelte jüdische landwirtschaftliche Siedlungen gibt. So zäh Argentinien 40(100 jüdisrhspreehende Farmer, die auch über ein wertvolle Fachpresse verfügen. Hier könnte der Einfluß des Deut sehen durch Zusammengehen vergrößert werden, und die Zusammen •rbeit wäre für die deutschen Niederlassungen ein Gewinn, „Ks sollt auch nicht übersehen werden", führt Kloß aus. „daß die Hau| ' Verbreitungsgebiete des Jiddischen in Osteuropa außerhalb di Ukraine zugleich die einzigen Gebiete . . . sind, in denen das Den1 sehe nicht nur als Muttersprache . . .. sondern auch als Verkohl - spräche . . . gesprochen wird. Ermöglicht wird das zum großen Tei durrh das Vorhandensein des Jiddischen, und sein Untergang wflrd den Verlust dos letzten Herrschaftsgebietes der deutschen Spracl bedeuten." Kloß macht beachtenswerte Vorschläge zur Pflege des Jiddische So wäre es nötig, kurze jiddische Texte in Antiqua herauszugelie damit Nichtjuden zunächst einmal über die Schwierigkeiten d> fremden Alphabets hinwegkommen; ein kleines Wörterbuch für di praktischen Gebrauch sollte dem Deutschen die Kenntnis der wich Ugsten fremden Vokabeln im Jiddischen vermitteln. Kloß verlam eine Zusammenarbeit mit dem Jiddischen Wissenschaftlichen [nstitl in Wilna. das sich die Pflege des Jiddischen zur Aufgabe macht. In der „C. V.-Zeitung" bezeichnet S. W. Jäger die Ausführung' von Heinz Kloß als nach jeder Richtung hin beachtlich und stimi dein Verfasser zu. wenn er sich einen Fortschritt davon verspriel wenn erst einmal die „Jargon Psychose" im Deutschtum überwund' sei. (.ITA.) Jüdische Verbände und Gemeinden Jahresbericht der gemeinnützigen jüdischen Kheanhahnungsslcll „K.\." Frankfurt a. M. Am 21. September 1980 fand die Generalversammlung des Ver ••ins statt, in welcher der Tätigkeitsbericht über das abgelaufene (!■ sehlftajahr erstattet wurde. Bis zum Hl. Dezember 1889 gingen 25 Anmeldungen von Männern und 73(i von Frauen ein. Die Amin düngen erfolgten aus allen Teilen Deutschlands, zum Teil auch ai dem Auslände. Die verschiedensten Berufe und die verschiedenste wirtschaftlichen und sozialen und alle religiösen Richtungen sin unter den Anmeldungen zu finden. Bis zum 81, Dezember 1929 wui den 128 Anbahnungen in die Wege geleitet, deren Zahl stieg bis zun September 1930 auf 329. War eine Anbahnung erfolglos, so wurde: sofort, wenn geeignete Bewerber und Bewerberinnen vorhanden waren, weitere Vorschläge in die Wege geleitet. Die Arbeit der„EA. ist mit erhebliehen Schwierigkeiten verknüpft, die einerseits auf dh spezifische Einstellung der Juden zur F^he, andererseits auf die wirt-

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