Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 42 (17.10.1930)
- Date
- 1930-10-17
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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17. Oktober 1030 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN ItELIG IONSGEMEIN DE ZU LKll'/Ki Seite :; L$ « Picquart (Albort Basscrmann) Alfrod Dreyfus (Eritz K ortner) Emile Zola (Hein Georg) l)i<> Erschütterungen, die die Völker nach dem Kriege, eines e das andere, gegenwärtig erleben, haben tu einer Beeinträchtigung des Vertrauens in das Rechtslohen geführt. Daruni ist es so vohltuend, wenn die Droyfus-Affnre, die eben nun doch schon gerichtlich geworden ist, den Völkern als ein warnendes Beispiel vorgeführt wird. Es darf als ein ganz besonderes Lob für Richard i Iswalda „Droyfus-Film" betont werden, dafl in ihm, wie ja auch der Vorsprach Bruno Weils zum Ausdruck bringt, diese seine allgemeine Itcdeutung im Vordergrund steht. Es konnte natürlich nicht überl iIlgen werden, dafl Dreyfus als .lüde den Intrigen zum Opfer fiel. Aber dieser Umstand' ist bescheiden und nicht mehr als nötig belont. Mit ganzem Nachdruck aber wendet sich der Film an das Gei ' ■ liligkoitsgofühl der Welt, und man darf sagen, daß die meister- Ite Regie diese Absicht in wirkungsvollster Weise durchgeführt h.it. Wenn es auch hier und da einzelne Bilder gibt, die weniger ansprechen, in der grollen Mehrzahl sind diese Szenen von einer packenden Gewalt, und es gibt in dein von Anfang bis zum Ende geradezu atemberaubenden, spannenden Film eine ganze Zahl von Höhepunkten, die ungemein erschüttern. Korbten immer wieder hinausgeschrieenes „Ich bin unschuldig" ist der Schrei nicht eines Einzelnen, sondern aller derer, die Irrtümern ihrer Richter anheimfallen und zumal jener, die da im Bewußtsein einer erlittenen Beugung des Rechts die Reinheit ihres Gewissens ihren Peinigern ins Gesicht rufen. Es darf der Hoffnung Ausdruck gegeben werden, daß der Film, der ja in allen Teilen Deutschlands llunderttauscmlcn vorgeführt werden wird, dieses eine mit ihm beabsichtigte, kulturelle Ziel verwirklichen hilft: Durch Empörung über jede Rechtsbeugung muß dem Vaterlande in der Befestigung des Rechtslebens seine sittliche Existenz gesichert werden. ('. Aus aller Welt Problem deamerikanischen Judentums. Der Chefredakteur der grollen New Yorker jüdischen Tagesitung „Morning Journal", Herr Jacob Fish ma n , einer der Führer der .luden und Zionisteu in den Vereinigten Staaten, weilt gegenulig in Berlin. Der ITA-Vertreter ergriff diese Gelegenheit, um Ii mit Herrn Fiahman darüber zu unterhalten, wie weit die allgeeinen jüdischen Aufbauziele, insbesondere der Aufbau dos jüdischen lionalhcims in Palästina, in das Bewußtsein der breiten judischen -sen in den Vereinigten Staaten eingedrungen sind, und ob — •■siehts der gegenwärtigen wirtschaftlichen Depression in Anieta — die auf das amerikanische Judentum gerichteten finanziellen iBnungen mit Bezug auf die Verwirklichung dieser Ziele berechtigt id. Darüber hinaus kam das Gespräch auf die allgemeine Lage im erikaniseben Judentum und auf die Zukunft dieses groUen und chtlgen Teiles des Weltjudeutums. Die Äußerungen des Herrn -hinan werfen sehr interessante Schlaglichter auf die gegenwärtigen rhältnisse im amerikanischen Judentum und die Probleme, die in n zutagetreten. Herr Fishmau führte ungefähr aus: Man gilit sich einer Täuschung hin. wenn man glaubt, da 1.1 die den Amerikas heute in der Lage und willens sind, beträchtlich ehr als den proportionell auf sie entfallenden Teil für die Aufbaumle des Weltjudeutums beizutragen. Die gegenwärtig in Amerika Trächende Wirtschaftskrisis hat die jüdischen Schichten weit schwer als die übrigen Schichten Amerikas getroffen. Die Juden sind in 'rer wirtschaftlichen Struktur und in ihrer beruflichen Gliederung ichter durch Krisen zu erschüttern; sie besitzen zu wenig von den irklichen amerikanischen Reichtümern, wie z. B. Boden, Bodcnliätze und Industrien. Dazu kommt, daß sich bei der Verschärfung ■r ökonomischen Situation das Vorurteil gegen die Juden, die geissen Berufen stärker zudrängen, verschärft. In der „White Collar Industry" zum Beispiel, in den große Massen von Angestellten beschäftigenden Riesenunternehmungen, sind jüdische Angestellte nicht erwünscht. Das gleiche ist der Fall bei den „Public Utilities", z. B, im Telephonwesen, bei dein nur wenige jüdische Mädchen ankommen können, hei Elektrizitäts-, Gas-, Wasserwerken u. ä. in. Man kann nicht behaupten, daß es sich hier um Auswirkungen eines krassen Antisemitismus handelt, und man hofft, daß. wenn man der Sache mit Takt und Vorsicht nachspürt, sich eine Besserung wird erzielen lassen. Der American Jewish Congross läßt sich eine Untersuchung nach dieser Richtung angelegen sein. Es kommt hinzu, daß sich auch die Zahl der manuellen jüdischen Arbeiter zusehends verkleinert. Es ist verständlich, daß die Kinder der älteren jüdischen Arbeiter nicht gern mehr in die „shops" gehen. Im Schneiderfach, einem früher überwiegend jüdischen Beruf, haben wir längst das Übergewicht eingebüßt, die Italiener sind hier in die jüdischen Positionen eingedrungen. Das große amerikanisch-jüdische Problem — das Problem einer Gemeinschaft von Millionen — ist ein Problem der Jugend. In den Vereinigten Staaten werden jährlich 75IHK) jüdische Kinder geboren. Was wird aus dieser Jugend werden, wenn ihr der Zugang zu den Angestolltenborufen und den Intollcktucllcnhcrufcn Immer mehr erschwert wird? Bei Aufnahme in die Universitäten und Hochschulen worden besonders die jüdischen Studierenden stark gesiebt. Die Juden sind in einer zu großen Zahl in den medizinischen und in den juristischen Berufsstand eingedrungen. Ohne einem ausgesprochenen Antisemitismus zu huldigen, lassen die Universitäten bei Aufnahme jüdischer Studenten eine gewisse Proportion walten, keine Universität wünscht es, 40—.V)",, jüdische Hörer zu haben. Man findet Handhaben genug, um durch eine gewisse Praxis bei Aufnahmeprüfungen Juden zurückzudrängen, bei der New Yorker Medical School wurden Tausonde jüdische Studienwillige zurückgewiesen. Tausonde junge Juden reisen in ferne Universitäten, um dort unterzukommen. Einigermaßen Abhilfe könnte geschaffen werden durch Zu wände-