Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 42 (17.10.1930)
- Date
- 1930-10-17
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 8 QEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELI0I0N80EMEINDE ZU LEIPZIG Nummer Immer erblicken Tauaende in der Bekämpfung dea Judenhasses eine Autgabe, die mit jttdiaeher Betätigung aehleehthin sich deckt, noch Immer glauben die eitrigaten und erbittertaten Gegner des Jüdischen Nationalismus, dafi eine Fülle von praktiachen Tageaaulgaben <ias Judentum auamacht und dafi man sich um das ewige Weaen des Judentums nicht zu kümmern braucht. Noch Immer sieht man nicht ein, dafi dea jüdischen Nationalismus agitatorische Erfolge zu einem -uicn Teile darauf beruhen, dafi er eine klare und feste Anschauung folgerichtig vertritt, wahrend viele seiner Gegner nur den Antisemitismus und dm Nationalismus bekämpfen, ohne sonst jüdische Einstellung zu haben und positive jüdische Arbeit zu leisten. Das befreiende Bewußtsein, dafi es nur ein wahrhaft positives Judentum gibt, das der Religion, bat noch nicht die Gärung, das Tasten, das Suchen überwunden. Wohl dämmert den besten, den führenden Gel- Btern die Erkenntnis auf, dafi alles nichtnationale jüdische Wirken nur vergängliche Geschäftigkeit, nur Politik ist. wenn es nicht in der Rückkehr zur Religion gipfelt. Der (ieist der Philosophie vergangener Zeiten laatel noch schwer auf uns. Rationalismus und Materialismus, draußen schon überwunden, sind noch immer im Durchschnitt die geistige Haltung des gebildeten Juden! Krampfhafte Versuche werden gemacht, um das Wesen des Judentums in etwas anderem zu linden als in der Religion, man sucht seinen Inhalt im Sozialen, im Völkerverbindenden und in anderem mehr. Die Zeichen mehren sich, dafi durechte Erkenntnis wachst. Noch hindert aber auch der Streit, der um die wahre Form des jüdischen Glaubens entbrannt ist, noch identifizieren sich religiöse Richtungen und Parteien mit der allein wahren Religion, noch dringt der Gedanke nicht durch, daß Uber allen Unterschieden der religiösen Betätigung ein Gott, ein Glaube, eine Sittlichkeit, ein Zukunftahoffen walten! Und nur zaghaft wird der Weg zur Religion beschritten! Auch hier tut sich der assimilatorische Einflufi der Umwelt kund: Mag auch ein solches Eingeständnis beschämend sein, die Rückkehr zur Religion hei den Juden wird mehr durch die allgemeine religiöse Kidwicklung der Welt gewiesen, dir ja lütiüst Rationalismus und Materialismus überwunden hat und in dieser oder jener Form sich wieder zum religiösen Denken findet, als durch die eigene Kinsicht vom Wesen des Judentums. Diesem wogenden und wallenden, noch unklaren Kmpfinden, diesem unsicher tastenden Verlangen die sichere Bichtung zur Religion zu geben, das bedeute! die Oberwindung des Nationalismus! Kr kann dort nur herrschen, wo das historische Judentum nicht verstand, nicht gebilligt, nicht geübt wird. Wer den Nationalismus üherwind will, muß zur Religion erziehen! Und der Kampf gegen ihn verli. so an Schärfe und Verbitterung, er wird zu einem Wetteiter, zu ein. Bingen um die Seele des Juden. Man mag es seltsam linden, daß von einer Krziehung zur Religi geredet wird. Denn Glaube ist letztes Seelisches, Eigenstes, das nil in den Menschen durch die Kunst der Krziehung hineingelegt wer. kann. Aber doch darf von Krziehung gesprochen werden, wenn in darunter ein Wiedererwecken Versteht Der wirklichen Atheist gibt es ja so unendlich wenige. Fast überall schlummert gläuln: Gottvertrauen unter der dichten Decke, die andere Einflüsse, Zi geist, Sorge und Oberflächlichkeit darüber gebreitet haben, Sic entfernen ist die erste Aufgabe der Krziehung. Die Erkenntnis, <i im Interesse des rechten Ausgleiches von Judentum und Deutschtu der Nationalismus überwunden werden muß, bedeutet eine ein Mahnung an alle in Israel, die für seine Krziehung verantworte sind, es den Weg der Religion zu lehren! Klare Erkenntnis tut in . daß es nur eine Entscheidung zwischen nationalem und religiös. Judentum gibt. Wer als bewußter Jude den Nationalismus ableh muß sich für die Religion entscheiden und demgemäß leben u handeln! Der Ausgangspunkt dieser Betrachtungen war eine kritische B merkung gegen Hermann Cohens wissenschaftliche Meinung Ubi „Deutschtum und Judentum". Schließen wollen wir sie aber in einem Hinweis auf Hermann Cohens, den Juden und den Deutsch, den Mann, der uns in seinem Erdenwandel die beste Synthe von Deutschtum und Judentum vorgelebt hat. Kr war ein wahr Deutscher, ein Schöpfer deutscher Kultur, ein Mehrer deutscln Ruhms. Aber er war auch ein echter Jude, der der religiös. Tradition seiner Jugend nicht nur äußerlich treu blieb, sondern di sie übte, vertiefte und lehrte, sie organisch mit seinem Philosoph scheu Lehenswerk bis in seine letzten Tage verband. In seinem den sehen Kulturwerk lobt auch seine jüdische Eigenart, und sein ges. uetes Andenken lehrt durch das lebendige Beispiel, was diese Ai führangen theoretisch darstellen wollten, daß der Jude ein um besserer Deutscher ist, je mehr er seines jüdischen Seins sich hewn ist, je mehr er in seiner jüdischen Eigenart, in seiner jüdisch Religion wirkt! DREYFUS Zur Aufführung im Capital. Ks ist gewiß nichts Zufälliges, daß in jüngster Zeit die Dreyfus- Affltre geschichtlich durch wissenschaftliche Bearbeitung auf (irund bisher unbekannter Quellen aufgerollt worden ist. Ist auch der Held der Dreyfus-Aflüre noch am Leben, so haben die Vorgänge seitist doch schon geschichtliche Bedeutung gewonnen. Die Angelegenheil könnt»' geschichtlich werden, trotzdem der Held noch lebt, weil es in Wirklichkeit nicht so sehr Angelegenheit Dreyfus gewesen ist als ein Vorgang allgemeinster Bedeutung. Auch dafi Dreyfua Jude war, ist bei den Vorgängen nicht das Wesentliche, sondern ein Zufälliges. Ks Liü vielleicht nahe, dafi jene ehrgeizigen, heförderungssüchtigen fieneralstalisoffiziere, denen es darum zu tun war, ihrem Chef ein greifbarea Ergebnis ihrer Suche nach dein Verräter zu schaffen, gerade den .luden zum Opfer ihrer 1-alschuiigcu machten. Kr war der einsige im Generalstab und erfreute sich menschlich nicht gerade besonderer Beliebtheit. Das gleiche aber, was Dreyfus geschah, wäre in jenem Augenblick auch einem anderen zugefügt worden, wenn nicht gerade Dreyfus als willkommenes Opfer dagewesen wäre. Zur Affäre wurde die Angelegenheit vielmehr erst mit dein Augenblick, uls das Kriegsgericht nicht sein wesentliches Augenmerk darauf gelichtet hielt, die Wahrheit festzustellen, ein gerechtes Urteil zu finden. Falsche Anschauungen von ..Rufe der Armee" und von dem Rechte des Staates, über «las Schicksal eines Bimelnen hinwegzugehen, um das Leben des Staates vor Erschütterungen zu bewahren, ließen diese Richter wider besseres Wissen einen Unschuldigen zur lebenslangen Deportation verurteilen, ließen die zuständigen Behörden wieder und w ieder jeden Versuch, der Gerechtigkeit zum Siege zu verhelfen, mit bedenklichsten Mitteln entgegentreten und galten erst dadurch dl Angelegenheit eine Bedeutung, die nicht mehr nur eine Augelegei heil eines Juden, des (ienernlstahsoftiziers Dreyfus, nicht mehr m eine Angelegenheit des französischen Staates bleiben konnte, d vielmehr sich zu einer Frage von internationaler Kraft auswuebs. I)> Dichter Kmile Zola erwies seine dichterische Intuition, als er d; scheinbar so fein ausgeführte Maschennetz der Verlogenheit in sein, meisterhaften Art entwirrte, erwies aber auch die grolle meiiscblicl Kraft, indem er den Mut fand, aus der großen Erkenntnis auch tu Tat zu schreiten. Kmile Zola, Piquart und die Anderen, die aus de Vorgängen die Lehn zogen, eine „Liga für Menschenrechte" zujiegnii den, traten wahrlich für den Unschuldigen auf der Teufelsinsel nid ein um seiner Person willen, sondern um der Idee willen. Ks Is der schon in uralter Zeit von den Propheten verkündete (iedank< daß ein Staat seine eigenen Grundfesten erschüttert, wenn er di Gerechtigkeit ins Wanken geraten läßt, daß auch das einzelne Schiel, sal nicht auf dein Wege des Unrechts geopfert werden darf, um v»l mcintlichc Erschütterungen des Staates zu verhüten. Jene Minne sahen voraus, daß die Erschütterungen, die das an Dreyfus verübt Justizverbrechen dem französischen Staat verursacht, weit gewaltige sein würden, als wenn rechtzeitig vor dein Volk und der gantet Welt das Versehen eingestanden werden würde. Emile Zola hat ii der Tat. wie er in seiner Verteidigungsrede ausführt, Frankreich im seinem „J'arcuse" einen ungeheueren Dienst geleistet, hat Frankreicl vor tiefergehender Unterwühlung seiner Grundlagen bewahrt, Inden er dazu drängte, das Netz der Fälschungen aufzuklären.