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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1930-10-17 · 42 (17.10.1930) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
6 (1930)
Issue
42 (17.10.1930)
Date
1930-10-17
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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$emetaö eWatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG« Dil Gemclndeblatt erscheint Irden Freitag und wird den Mitgliedern der Kellglnnsgcmclnde unentgeltlich Inrdi die Post zugestellt — Schrlftleltung: I emelnderabblncr Gustav Cohn, Leipzig, LöhrstraSe 10 NUMMER 42 / JAHRGANG 6 FREITAG 17» OKTOBER IOIO Anzeigen verwulttintf und Dnuit: Buthdrutketvl August Mm. Letaslg, Brüdt rstr. 59 - Fernruf 70006 - Postschedt Lapng 53020 - Nadidnidt nur mit Quellenangabe und mit (»cnelunlgunti des \ erfnsst -rs Kestattet UBERWINDUNG DES NATIONALISMUS Von Rabbiner Dr. Goldmann, Leipzig, Im Philovorlag läßt Rabbiner Dr. Felix Gold in a n n (Leipzig) sein neuestea Werk: „Der .lüde im deutschen Kulturkreis (177 Seiten, Preis broschiert M. 4,(i0) demnächst erscheinen. Wir bringen aus dem Buch, auf das wir nach Erscheinen noch näher eingehen werden, das Schlufikapitel: Der Kampf gegen den Nationalismus geht von der politischen Betrachtungsweise aus. Die tatsächlich vorhandene geistige Übereinstimmung der Nationalisten jeglicher Abstammung wird in Verbindung mit der meist augenfälligen Synthese von Nationalismus und Judenleindschaft dazu benutzt, um die Schädlichkeit des jüdischen Nationalismus zu erweisen. Man wirft ihm vor, datt er durch seine Fremderklärung nicht nur die Verbindung mit der deuthen Kulturwelt und dadurch den seelischen Anspruch auf gleiches Hecht auflöse, sondern dal! man durch theoretische Anerkennung der Grundlagen des Nationalismus die Unterstützung der (lleichberechting auch praktisch vorbereite. Man kann sich der Beachtlichkeil -er Argumente gewiü nicht verschließen. Aber man muß zugeben, ilitü sie ihren Kindruck nur auf die große, große Schar jener .luden ichen werden, die an sich allem Heligiösen gleichgültig gegenüberstehen, die selber um ihre Abstammung wissen oder denen andere re Abstammung vorwerfen und die wegen eines Judentums, das Den wenig oder gar nichts ist, nicht auch noch politische Nachteile leiden wollen. Kineo überzeugten jüdischen Nationalisten wird man mit nicht von seinem Wege abbringen, denn er rechnet ja — wenigns in der Theorie — mit solchen Kolgen, oder er bestreitet ihre "jlirhkeit. Der wirklich religiöse Jude erkennt aber, daß mit solchem EfUmentieren, dessen Richtigkeit natürlich auch für ihn feststeht.;ir ein Teil des Problems, und nicht der wichtigere, behandelt wird. Den Nationalismus überwinden heißt zunächst seine Grundsielten erkennen. Zwei Komplexe sind es, die in ihrem innigen sammenwirken verschulden: der allgemeine Nationalismus des 1 Jahrhunderts, der als eine Reaktion auf die weltbürgerliche Kinllung der vorangehenden Zeit entstand und, vom Denken der Zeit nährt, noch immer herrscht, und die der Religion entfremdete ulische Intelligenz, die weniger ihr Judentum verspürt als daß man ihr vorwirft. Wenn man behaupten wollte, daß nun die Juden bellen sind, den allgemeinen Nationalismus zu überwinden, so wäre >s eine törichte Überschätzung ihres Könnens. Wohl mögen sie an rer bescheidenen Stelle überall dort ihr Scherflein beitragen, wo - gegen den völkerverhetzendeii Machtnationalismus, wo es für olkerversöhnung, Ausgleich und Frieden zu kämpfen gilt. Aber Iis Überwindung des jüdischen Nationalismus als eine Folge ler Zurückdrüngung der Krscheinung überhaupt erhoflen, den Juden die Aufgabe nur auf diesem Wege zu weisen, wäre seitvergeudender, unsinniger Umweg. Bleibt also nur der andere Weg! Der positiv jüdische! Mau darf nicht vergessen, daß aus der trostlos öden Zeit der jüdischen Selbstauflösung in Deutschland, die in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts vor sich ging, und der der Antisemitismus ein Ende machte, noch außer dein Nationalismus ein anderer Weg hinausführte. Ks war. wie wir ihn kurz, charakterisieren wollen, der der Abwehr und der Einkehr! Die Angegriffenen schlössen sich zusammen, uin der Feindschaft zu begegnen. Ks bildeten sich — zuerst unter den Studenten, dann in weiteren Kreisen Abwehrorganisationen, die roher Gewalt entgegentraten, das Menschenrecht des Juden betonten und Lüge zu widerlegen trachteten. Schon damit begann die rein negative Einstellung sich ins Positive zu wenden. Man wehrte Angriffe gegen das Judentum ab. brandmarkte den Abfall, ohne freilich zur Klarheit über das Wesen dieses Judentums zu kommen, ohne das Verhältnis des Einseinen zur Gemeinschaft zu bestimmen. Man blieb in einer eigentümlichen Unklarheit. Die intellektuelle Jugend, die auf scharfe Formulierungen und Unbedingtheit drängte, halte dm Weg des Nationalismus gewühlt Die Freunde der „Abwehr und Einkehr" setzten sich aus den breiten Schichten der erwerbstätigen jüdischen Bevölkerung zusammen, die die Dinge mehr vom praktischen als vom theoretischen Gesichtspunkte aus betrachteten, die gewisse religiöse Traditionen noch kannten, sie vielleicht, wenn auch in noch so dünner Verwässerung. übten. In ihrer Milte regte sich fast instinktiv das Sehnen nach dein positiven Judentum. Bs führte nicht zur Klarheit, nicht zur Rückkehr zur Religion, es füllte die Synagogen nicht und gab den Häusern nicht die religiöse Weihe. Aber es führte dazu, daß Teile des jüdischen Beligionsiuhalts ihre Förderung fanden. Literaturvereine gründeten sich, um in volkstümlicher Form das Wissen vom Judentum zu verbreiten. Gesellschaften rief man ins Leben, die der Wissenschaft vom Judentum dienten. Logen pflegten den Gedanken der brüderlichen, der helfenden Liebe. Hunderte von Wohlfahrtsorganisationen widmeten sich der Verwirklichung der sozialen Forderung, große Vereine bildeten sieh nach dem Gedanken des alle Länder umspannenden Israel und schufen Hilfswerke überall, wo Juden ihrer bedurften. Aus allem Tasten sprach die Sehnsucht nach dein Positiven, und der Drang nach ..Abwehr" und „Einkehr", dessen lebendiger Ausdruck die größte jüdische Organisation Deutschlands. der „Centraiverein deutscher Staatsbürger indischen Glaubens" ist. kam den religiösen Richtungen zugute, ließ Orthodoxie und Liberalismus erstarken, kräftigte das Gemeindeleben, förderte das Einheitsstreben, den Zusammenschluß der Gemeinden zu starken Verbanden. Aber zur vollen Klarheit ist dieses Streben nicht gediehen. Noch

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