Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 41 (10.10.1930)
- Date
- 1930-10-10
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Seile 4 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Nummer I! Aus aller Welt Philipp Halsman« begnadigt, afcei aus Österreich ausgewiesen. Philipp HaUraann, der vom Bundespräsidenten Miklaa begnadig! und am!. Oktober aus der Strafanstalt siein entlaeeen wurde, isl vom Bezirkahauptmann von Krems, dem die Strafanstalt untersteht, aufgefordert worden, binnen 24 Stunden Österreich zu verlassen. Die rohe Behandlung, die dem nach Überzeugung aller unschuldig Leidenden während der Verbttßung seiner Kerkerstrafe und nach der Entlassung aus der Strafanstalt zuteil wurde, hat bei allen gerecht Denkenden liefe Empörung ausgelöst. Die „Neue Freie Presse" teilt mit. daß Halsmanns Mutter, die in Wien die Freilassung ihres Sohnes abwartete und in ihrer jammervollen Veriweiflung mehr als ein Jahr immer wieder bei allen jenen Behörden, die auf die Begnadigung i inen Einflufl haben, vorsprach, am Tage, an dein die Begnadigung amtlich publiziert wurde, sich beim Sektionschef Dr. Mayer im Justizministerium erkundigte, ob nicht endlieh die Freilassung ihres Sohne- /n erwarten sei. Dr. Mayer verneinte dies. Erat in den spülen Abendstunden hörte dann die Mutter, am Radio Bittend, von der Freilassung ihres Sohnes. Man scheint in Wien Kundgebungen für den freigelassenen Halemann befürchtet zu haben, weswegen man gogar der Mutter llalsmanns die unmittelbar bevorstehende Haftentlassung verschwieg. Wie die Zeitungen mitteilen, ist die Begnadigung Philipp Halsmanns kein mit der Bewertung des seinerzeitigen Prozesses zusammenhängender Akt, sie ist also nicht als der Wille der maßgebenden Stellen, begangenes Unrecht wieder gutzumachen, zu werten. Die Amnestierung geschah vielmehr mechanisch im Zuge der periodischen GnadenantrSge, die viermal im Jahre stattfinden. Zugleich mit 120 anileren Häftlingen ist Halamann aus dem GeAngnia entlassen worden. Klerikale Kreise versuchten bis zum letzten Augenblick eine Sabotierung des Instanzenzuges. Um die Freunde llalsmanns zu terrorisieren, hatte unter andern schon vor einem halben Jahre ein großer Teil der christlichsozialen Abgeordneten einen Gotteslfisterungsprozeß gegen den Publizisten Maximilian Schreier durchgesetzt, die Kampagne für llalsmanns Freilassung war auch durch den Beleidigungsproteß des völkischen Rektors der Wiener Universität, (irafen (ileispach, gegen den Zeitungsherausgeber Regierungsrat Kleebinder lahmgelegt. Halsman wurde nicht durch das Haupttor der Anstalt, sondern heimlich durch eine Hinterpforte In die Freiheit geführt. Kr hatte darum keine Gelegenheit, den wartenden Pressevertretern Erklärungen abzugeben. Er wurde in ein Gasthaus gebracht und bewacht, nur neine Angehörigen hatten Zutritt zu ihm. Dem Gasthaus personal wurde aufgetragen, über alles, was sie sahen und hörten, zu -: hw eigen. Halsmann und seine Angehörigen sind entschlossen, gegen die Ausweisung keinen Rekura einzulegen. Halamann wird zur Wiederherstellung -einer Gesundheil zunächst eine ausländische Heilanstalt aufsuchen und sich dann nach Frankreich zur Beendigung seiner Universitätsstudien begeben. Andererseits ist Halsmann entschlossen, e ine Wiederaufnahme des Verfahrens mit aller Energie zu betreiben. Der Schriftsteller Hans Margulis, einer der ersten, die für Halsmanns Unschuld eingetreten waren, veröffentlicht in der Presse einen Artikel Qber die Begnadigung Halsmanna, der mit den Worten schließt: „Jetzt i-i Philipp Halamann, unterernährt, überempfindlich, mit angegriffenen Lungen wieder in den Lärm des Tages hinausgetreten. Das kleine Vermögen, das sein Vater, der Ernährer der Familie denn -ie lebte von -einen Einkünften, und er starb unversichert, hinterlassen hat. ist längst durch enorme Prozeßkosten, durch Anw alt-i echnungen verzehrt und verbraucht. Hütten nicht fremd«' Menschen, von diesem einmaligen Schicksal angezogen, für Mutter und Schwester, für einen Großteil der Prozeßkosten gesorgt, die Frauen hätten bitterstes Elend ertragen müssen. I'nd jetzt ist Philipp Halsmann wieder ein freier Mensch. Ein freier Mensch? Nein. Nur ein in Freiheit gesetzter Mensch. Ann und hilflos steht er da. l ud ei. der -ich schon in der Haft weigerte, Geld anzunehmen, um die magere Kost aufzubessern, er wird auch weiter jede Unterstützung, die nichts ist als eine Geldgabe, ablehnen, lhiu liegt einmal vor allem daran, seine Unschuld vor aller Well zu beweisen; ea müßte dazu die Wiederaufnahme des Verfallrenerreicht werden. Dem aber stellen formale Schwierigkeiten entgegen, und wenn nicht bisher völlig verborgen gebliebene Tatsachen bekannt werden, wenn nicht der wirkliche Mörder gefaßt wird und ein (ie-tiindnis ablegt, so wird Philipp Halamann nicht zu helfen -.ein. Denn wie er keine Begnadigung gewollt hat man kann nur einen. der wirklich schuldig ist, begnadigen , so will er sein Hecht, gi will er den Sieg der Gerechtigkeit über die Justiz." Jüdische Verbände und Gemeinden Tagung des gesehäftsfUhreiidcn Ausschusses des Hiltsvereins. Am 18. September fand unter Vorsitz von Dr. James Simon ein. Sitzung des (iescliäftsführenden Ausschusses des Hills Vereins de Deutschen Juden statt, in der die Ereignisse in Rumänien im Son mer dieses Jahres, die Schritte, die vom Hilfsvereiii, der AHianci Israelile Univeraelle und dein Joint Foreign Coniniittee unteriioinniei wurden, und die weitere Arbeit im Interesse der rumänischen Jude: besprochen wurden. Der (leschäftsführende Ausschuß beschloß, da; rumänische Kulturwerk fortzuführen, und bewilligte einen größer* Betrag für das Schuljahr 1980/81, der einer Reihe von Anataltei hauptsächlich für fachgewerblicho Ausbildung, zukommen soll. Voi besonderer Wichtigkeil erscheint die Mitwirkung des Hilfsvereiii bei der Einrichtung einer zentralen Berufberatungsstelle in Bukan - die für die berufliche Umschichtung der rumänischen Juden, angi sichts der trostlosen wirtschaftlichen Verhältnisse Rumäniens, vi großer Bedeutung zu werden verspricht. Der Generalsekretär Dr. M. Wischnitser berichtete über Ii. sprechungen, die er vor kurzem in Genf über die Lage der rumäni sehen Juden hatte, ferner über die Tagung der Permanenten Inlernali nalen Konferenz für Wandererschulz, die am II. und 12. Septemtx in (ienf stattgefunden hat. Der Hilfsvereiii setzte sieh mit nndcti i jüdischen Organisationen für die Reorganisation und Konsolidicrne der Konferenz ein, die in Anbetracht der schwierigen Migration« p'-obleme der Gegenwart von größter Wichtigkeit für die Arbeit pri vater Organisationen für Wnndererschutz ist. Dr. Wischnitser nahi auch die Gelegenheit wahr, das Internationale Arbeitsamt über di< derzeitige Arbeit des Hilfsvereins zu informieren. Dein Hilfsausschuß für jüdische Durchwanderer in Köln wurdi wie im Vorjahre, angesichts des großen jüdischen Durchwandere! Verkehrs durch Köln eine ansehnliche Subvention bewilligt. Trotz der wirtschaftlichen Depression stellten sich zahlreich Persönlichkeiten für den Ausbau der Organisation des HHfsvereiin In Berlin und im Reiche zur Verfügung. Die Kundgebung für d. Werk des Hilfsvereins am 7. April 1980 fand ein starkes Echo übe all im Deiche und hat die Hilfsbereitschaft der deutschen Juden fOl ihre Glaubensgenossen noch mehr geweckt. Der Geechäftaffihrendi Ausschuß besprach Maßnahmen zur möglichst intensiven Auagestal hing der Propagandnarbeit. Sächsische Gemeinden Plauen: Friedenskundgebung. Der .1 ü d. F r i e d e n s b u n d halte zu Sonntag, den 28. d. M. vorm 11 Uhr. zu einer Kundgebung geladen, zu welcher die Gemeinde ihri liberale Synagoge zur Verfügung gestellt hat. Eine große Zahl Judei und Nirhtjudcn hatten diesem Huf Folge geleistet. Der volltönend) wohlklingende und gut geschulte Synagogenebor leitete die Feiei mit Beethovens „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre" ein, und sang auch dann zum Schluß das „Halleluja" von Lewandowski. Ii einer kurzen Ansprache des Genieindepredigers Herrn II ei man; führte dieser aus, daß die Bibel eine Kriegsstimmung völlig ahlchm Das ergebe sich u. a. daraus, daß der Heldenkönig David nicht sein. Kampfes wegen verherrlicht werde, sondern wegen seines Saiten spiels und seiner Lieder. Das h'riedensideal des Juden wurzle in dei erhabensten Oesetzen der Bibel, in der Nächstenliebe. Die Lehre VOIl der Gleichheil aller Mensrhen, ohne eine Trennung durch Landes grenzen, sei die Grundlage unserer Friedensidee, denn: Ein Gotl Eine Menschheit, Ein Vater — alle Menschen Biiider! Hieran schloß sich ein Sprechchor des Jüdischen ■lugcndhundc- Die einem Sprechebor eigene Ausdrucksart, die hervorragend. Uebereinstimmung von technischem Können und beseeltem Vortrat schuf eine so ergreifende Wirkung, daß keiner der Anwesenden sie! dem Bann dieser jungen, aber mitreißenden Stimmen entliehet konnte. Und was sie sagten, waren doch nur Zahlen, nackte Zahlen Und gerade diese nackten Zahlen ließen uns erinnern, was bei man chem schon von der Zeit bedeckt war, ließen uns erinnern, daß diesel Krieg 11 Millionen Tote erfordert hat, ließen uns erinnern, daß de Unsummen, die die zerstörten Sachwerte kosteten, genügt hätten. Um jedem Deutschen, jedem Bussen, jedem Oesterreicher, jedem Belgiei ein eigenes Haus im Werte von zehntausend Mark zu erbauen. Und die Schlußworte, diese: Nie, nie, nie wieder Krieg! Sie klingen Im