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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1930-10-10 · 41 (10.10.1930) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
6 (1930)
Issue
41 (10.10.1930)
Date
1930-10-10
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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0. Oktober lo:to (1EMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RKLIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Seile 3 Linken Poale Zlon winde ein Sita im Präsidium reserlert, Es folgte eine Begrüßungsansprache «los Dichters Emst l oller, welcher den Kongreß aufforderte, sich durch das Schreiben ler Labour-Party Dicht tiuschen au lassen. Die jüdischen Arbeiter lögen sieh nicht durch nationalistische Tendenzen IU einer cliauvijstischen Haltung verleiten lassen. Ken (iurion erwiderte, es gäbe ich! nur einen englischen, sondern auch einen russischen, frauzöschen und leider auch arabischen Imperialismus. Palästina sei 'les der wenigen Lander, in denen die von Toller geforderte Einleitsfroni bestehe. Arthur Ruppifl erstattet sein Referat über „Die soziale struktur des jüdischen Volkes". Seine statistischen Erlegungen entsprechen den Ausführungen, die wir in Nr. 81 des lem.-Bl. zur Krage: Wie viel Juden gibt es? veröffentlicht haben, i knüpft daran (olgende Betrachtungen! Die heuligen .luden Westuropaa sind zum großen Teil Nachkommen eingewanderter Ostjuden, de starke Vermehrung der .luden im Osten führt zu ihrer wirthaftlichen Entwurzelung. Teilweise wandern sie aus, teilweise ihren sie das unsichere Leben von Luttmensehen. Die neueste Eniicklung entsieht Ihnen den Boden ihrer traditionellen Wirtschaftdien Betätigung, besonders in Sowjelrul.lland. Infolge der Elnanderungsbeschrftnkungen ist die überseeische Auswanderung von uden, die vor dein Kriege 200(MIO jährlich Umfaßte, heute auf 10 000 BSUnken und sinkt weiter. Die Ausgewanderten können nur zum eil ihre ethnische Eigenart beibehalten. Das Resultat ist Zerfall ler ethnischen Einhell und ein Hinüberwechseln zu anderen Völkern. Vermutlich wird in Osteuropa dieselbe Entwicklung vor sich gehen iVie in Westeuropa. Die Konz< nlrierung in Palästina erscheint demiach als das einzige Mittel zur Erhaltung des jüdischen Volkstums, \eil dort 1. die Möglichkeit besteht, einen größeren Prozentsatz der Bevölkerung zu bilden als anderswo, weil durch das Aufleben der ler arabischen Landessprache nahen hebräischen Sprache ein Instrument zur Fortentwicklung der jüdischen Kultur gegeben ist, und 3., weil lie .luden durch Zugaug zu sämtlichen Berufen, auch zur Urproduktion, die Möglichkeit haben, einen geschlossenen Wirtschaftskörper KU bilden. Dieses Zentrum wird auch das Judentum in der Diaspora Märken und vor weiterem Verfall schützen. Ks wird nur einen Teil des gesamten jüdischen Volkes unifassen, da selbst die Ansicdlung von nur einer Million .luden in Palästina mindestens noch '20 Jahre erfordert In Palästina wird ein geistiges Zentrum im Sinne Achad Haama entstellen, welches aber nicht bloß aus einer Reihe von Kulturinstitulionen, sondern aus einem geschlossenen jüdischen Gemeinwesen bestellen wird. Dieses wird imstande sein, autochlhone geistige Werte hervorzubringen. Louis Pierard, Mitglied des vor zwei Jahren in Krüssel begründeten sozialistischen Komitees für Palästina erstattete ein Referat über „ V ö 1 k e r h u n d u n "I P a I ä s t i n a - M a n <f a I ". Seine Sympathien für den Zionismus datieren seit einer Orientreise, die ihn tufällig auch nach Palästina führte. Kür die traurigen Ereignisse in Palästina sei die Arbeiterregierung Mac Donald nicht verantwortlich zu machen; diese Ereignisse seien die Folge eines Doppelspiels Englands während des Krieges. Die beiden Teile des Mandats seien miteinander gut vereinbar. Es müsse auf England ein Druck ausgeübt werden, daß es die Bestimmungen des Mandats besser anwende Bis bisher. Dali die Mandatskommission anlaßlich der leisten Beratungen in Qenl in so entschiedener Weise an dem Vorgeben der palästinensischen Behörden Kritik geübt hat, sei zu begrüßen, doch müsse der Völkerbund auch in Zukunft «lie Ausführung des Mandats überwachen, w ie es ihm als einer der Mandatarmacht Übergeordneten Instanz zukomme. Hei Eröffnung der Nachmittagssil s u n g verlas der Vorbitsende Ben (iurion nachstehende Erklärung: „Die Genossen Oskar Cohn und Ernst Toller sind im Auftrage der Fraktion Linke Poale Klon bei mir erschienen und haben in ihrem Namen erklärt, daß diese Fraktion bereit sei, sachlich an den Heralungen des Kongresses uif der Basis ihres Programms teilzunehmen. Das Präsidium hat diese Erklärung mit Befriedigung zur Kenntnis genommen. Damit ist diese Angelegenheit erledigt." In »las Präsidium wurde Seruhowel als Vertreter der Linken Poale '/Ann kooptiert. Als letzter Redner sprach M. Krem über „Das jüdische W a n d c r u n g s p r o b 1 e m ". Krem legte die Nöte der jüdischen Emigration infolge Anwachsen des Auswandcruiigsbedürfiiisscs einerseits und der verminderten Aufnahmefähigkeit der Immigrationsllnder andererseits dar. Palästina wird zum Ziel der jüdischen Einwanderung nicht aus romantisch-ideologischen, sondern aus rein ökonomischen (Jründen. Jüdische Masseiieinwaiiderung sei nur auf politischem Wege möglich: Erstens durch Kampf gegen die imperialistische Okkupationsmacht, für die Palästina nur strategische Bedeutung hat, die die jüdische Einwanderung beschränkt und Araber und Juden gegeneinander ausspielt. Zweitens durch Spaltung des unter der Kührung der arabischen Großgrundbesitzer stehenden arabischen BeVÖlkerungSSektOTS. Man müsse an der Seite des arabischen Proletariats den Kampf gegen den arabischen Feudalismus führen und eine sozialistische Bodenreform zugunsten der Fellachen anstreben. Drillens durch Aufgabe der Koalition mit dem jüdischen Bürgertum und Schaffung einer einheitlichen jüdisch-arabischen Klassenkampffront in Palästina. Am 2t). September sprach Salman Rubaschow über die jüdische Arbeiterbewegung in allen Ländern; Herl Katsnelson über das jüdische Arbeiterwerk in Palästina; in der Nachmittagssitzung Joseph Sprinzak über die zionistische Bewegung und die jüdische Arbeiterschaft; Ing. S. Kaplansky über die Aufnahmefähigkeit Palästinas. (Unter Berücksichtigung der günstigen Lage Palästinas und der besonderen Eignung der Juden für Handel und Industrie rechnet er mit der Möglichkeit einer Gesamteinwohnerzahl von 5 7 Millionen.) Am 30, September hielt nach einer Generaldebatte Ben Qu rion ein Referat Uber „Unsere Besiehungen zum arabischen V o I k o u ii d / u r M a n d a l a r in a ch i ". Die Generaldebatte wurde im weiteren Verlaufe des Tages fortgesetzt und brachte u. a. die Auseinandersetzung zwischen der „Linken" und der ..Rechten". Nach Schluß der Generaldebatte wurde eine Reihe von Resolutionen eingebracht. Der Kongreß einigte sich auf die Resolution der Histadrulh, welche feststellt, daß England seine Aufgaben gegenüber dem jüdischen Volk und der Arbeiterbewegung in Palästina nicht erfüllt bat. Alle Versprechungen seien werllossolange nicht eine breite, zeitlich unbeschränkte Einwanderung zugelassen weide. Ein freies, nutonomes Leben der beiden Völker Palästinas sei nur zu erreichen durch den gemeinsamen Kampf der arbeitenden Klassen beider Völker. Die Insinuationen des Berichtes der Shaw-Kommission seien aas drei judenfeindlichen Quellen geschöpft, nämlich den Informationen der britischen Kolonialbeamten, der arabischen feudalistischen Unterdrücker und der kommunistischen Feinde Zlons. Die jüdische Einwanderung bewirke nicht Verdrängung der Araber, vielmehr können Millionen von Einwanderern ins Land kommen, ohne die wirtschaftlichen und sozialen Interessen der gegenwärtigen Bevölkerung zu beeinträchtigen. Rubaschow verlas ein Manifest an die j ü d 1 SC h e A rbe 11erschaf t, die j ü d 1 sc h e .1 u g e n d u n d d i e jüdischeu Volksmassen. Zum erstenmal in der Geschichte der jüdischen Arbeiterbewegung heißt es in dem Manifest sei ein Kongroß zur Förderung des Aufbaus eines arbeitenden Palästinas zusammengetreten, hinter dem eine Viertelmillion von Wählern sieht, Arbeiter und Intellektuelle, Menschen, «lie der zionistischen Arbeiterbewegung angehören, und Menschen, die mit ihr aus sozialistischen oder nationalen Erwägungen heraus sympathisieren. Der Kongraß proklamiert eine Weltliga für das arbeitende Palästina und konstituiert sich als (iründuugskougrcl.l dieser Liga. Der Kongreß der WeUllga soll eine dauernde Institution sein und alle drei Jahre lagen. Die Liga gelobt der Histadrulh treue Gefolgschaft, sie wird für deren wirtschaftliche und politische Autonomie kämpfen, und sie finanziell stützen. Das Manifest stellt fest, daß «lie jüdische Arbeiterschaft Palästinas nicht bloß eine Blee, sondern eine fertige Tal gebracht hat. Die Hilfe der jüdischen Arbeiterschaft in aller Welt nimmt sie nicht für sich selbst in Anspruch, sondern für «las Ziel der Errichtung einer freien jinlischen Heimstätte, gebaut auf der (iruinllngc gerechter Arbeit, nationaler Befreiung, sozialistischer Verwirklichung und Internationaler Solidarität. Ueber Vorschlag von Flieser Kaplan wurde ein Rat der Liga geschaffen, der '_•."> Mitglieder zählen soll. Iii davon wurden vom Kongreß gewählt, die restlichen 12 werden von den einseinen Ländern entsandt werden. Der Rat. welcher Mindestens einmal im Jahre zusammentreten soll, wird sich eine ständige Exekutive wählen und deren Silz bestimmen. Unter den gewählten Mitgliedern des Rates befinden sich Ben (iurion. Sprinzak, Neustadt, Locker, Dobkin. Silbcrscheid. Naphtali. Dr. Ilelloiann-Riga, Shipliakofi, Finestone, Jaari; den Linken Poale Zion wurde ein Sita reserviert. Nach einer Schlul.iansprache Ben liurions, in der er die vom Kongraß geleistete Arbeit und die erzielten Resultate würdigte, wurde der Kongreß am Mittwoch, den I.Oktober. 10 Uhr vormittags, geschlossen. Der Kongreß stimmte in das Schwuohlied ein, während «lie Linke «lie Internationale saug. Unter Absingen des Hialikscheu Liedes „Tochi'sakuah" gingen «Ii«' Teilnehmer am KougreU auseinander.

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