Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 41 (10.10.1930)
- Date
- 1930-10-10
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 (iEMElNDKBLATT DER ISRAELITISCHEN RKL1GIONSGEME1NDE ZU LEIPZIG Nummer 11 beliebt waren Fackeltänse. Von dem Patriarehen R ab bau Simeon i>, ii Qamaliel, dem angesehensten und ehrwürdigen Führer der Nation, wurde uberliefert, daß er sich darin besonders auszeichnete. Er besaß die Geschicklichkeit, acht brennende Fackeln während des Tanzes in die Höhe zu schleudern und sie nacheinander aufzufangen, ohne daß sie einander berührten. Qoldene Kandelaber ragten mit je vier ölgefttllten goldenen Schalen au der Spitie, in jeder brannte ein dicker Docht, angefertigt aus den abgelegten Priestergewfindern. Junge Priesterknaben kletterten allemal die Kandelaber hinan und schütteten Oel aus mächtigen Gefäßen nach. Welt über die ganze Stadt ergoß sich durch die Nacht der Lichtglam vom Tempelberg hinaus. Es war kein Hof In Jerusalem, In dem man nicht bei diesem Schein Körner zählen konnte. An beiden linden der obersten Stufen nahmen zwei Priester Aufstellung, jeder mit einer silbernen Trompete in der Hand, sie gaben, sobald der Hahn Mitternacht verkündete, ein dreifaches Signal: „Thekiah, Theruah, Thekiah", die Tore öffneten sich, und hinaus trat die Prozession, in deren Mitte das Gefäß für das Wasserschüpfen getragen wurde. Langsam und feierlich schritt sie die fünfzehn Stuten hinunter. Auf jeder Stufe sanken die Chöre mit Musikbegleitung einen der fünfzehn Sog. ..S t u f e n p s a 1 in e n" (Schir ha Maaloth, Psalm 120—184), die nach manchen Forschern aus diesem Anlaß gedichtet worden waren: (nach anderen waren das alte Psalmen, die schon von den Wallfahrern zum ersten Tempel gesungen wurden) Alle paar Stufen erklang das Signal von neuem. So gelangten si durch den Fruuenhof bis an das Osttor. .letzt wendeten sie sich ge gen Westen und stimmten ein Lied an mit dem Refrain: „Ann le .Im, weenenu le .Iah" (Wir gehören dem Ewigen und unsere Augen sinn erhoben zum Ewigen). Inzwischen erstrahlte der Morgenstern. Jetz waren sie beim Siloah angelangt, schöpften ein goldenes Gefäß von!! Log voll und unter Trompetenschall begaben sie sich in den Tempe zurück. Als sie beim Wassertor anlangten, erschollen die Trompete zum letzten Mal. Der Mann mit dem Gefäß schwenkte links ab au den Steg (Kebesch) in den Altarrauin. Da das Wasser am Sabbat und Feiertag nicht geschöpft werde durfte, mußte für den ersten Tag sowie für einen eventuellen Sabbi in der Milte des Festes das Wasser am vorhergehenden Abend f schöpft werden: es wurde über Nacht in einem geschlossenen goldene Fäßchen aufbewahrt. R. .losua b. Chananja erzählte: „Am Wasserschöpf-Fest schliefe wir die ganze Nacht nicht. Mancher schlummerte ein an der Schult' seines Nebenmannes." Noch die nächsten Generationen hatten das Sprichwort: „Wer du Wasserschöpf-Fest nicht gesehen, hat sein Leblag kein fröhliches IVgesehen." Weltkongreß für das arbeitende Palästina in Berlin Am "J7. September wurde im Sitzungssaale des ehemaligen Herrenhauses zu Berlin der erste Weltkongreß für das arbeitende Palästina in Anwesenheit von mehr als 200 Delegierten der verschiedi ästen Riehtungen der jüdischen Arbeiterschaft aller Länder und etwa 1000 Gästen, unter ihnen hervorragende Persönlichkeiten des internationalen Sozialismus und des jüdischen Lebens eröffnet. Dir Eröffnungsansprache hielt der Vorsitzende der Allgemeinen Jüdischen Arbeiterorganisation Palästinas (Histadruth klalith), D.Ben Gurion, in Hebräisch. Nach den ersten Worten des Redners erscholl von den Bänken der Fraktion der Linken Poale Zion stürmischer Protest; ununterbrochen wurde gerufen: „Jiddisch reden, jiddisch reden!", während der Kongreß dem Redner Reifall spendete und ihn ermutigt, hebräisch fortzufahren. Etwa eine Viertelstunde dauerte der Lärm, schließlich trat Ruhe ein und der Redner konnte hebräisch fortfahren, um dann den zweiten Teil seiner Allgprache in jiddischer Sprache zu halten. . In den 26 Jahren revolutionären Aufbaus in Palästina, führte Ben Gurion BUS, wurde ilem gesamten Jischuw der Stempel jüdischer Arbeil aufgedrückt. Histadruth fragt nicht nach politischer Vergangenheit und Einstellung ihrer Genosten, ihr ist jeder willkommen, der arbeitel und fremde Arbeitskraft nicht ausbeutet. Histadruth i-t keine Partei, aber auch nicht eine bloße gewerkschaftliche Organisation, sie hat staatsbildende Ziels, aber ihre Staatsidee ist nicht im heutigen Sinnesie erstrebt einen Staat der Arbeitenden, ■ u-ii stufenweisen Aulbau einer großen Gemeinschaft, die berufen sein soll, da- Problem des jüdischen Volkstums zu lösen. Wir erweitern die Grenzen Palästinas durch Erhöhung seiner Produktivität. Wenn wir einen Dunaffl Hoden auf ' den hundertfachen Erlrag bringen, so bedeutet das einen Gewinn von 98 Dutum. Wir brauchen dai um niemanden aus dem Lande zu drängen. Unser Endziel: territoriale und staatliche Unabhängigkeil für alle Bewohner; unsere Aufgabe: aUe erfaßbaren Kräfte auf dieses Endziel hin zu konzentrieren. Palästina wird so jüdisch sein, wie das jüdische Volk es inachen wird. Das jüdische Brei Israel kann nur ein Land der Arbeit und des Friedens sein; mit den arabischen Kindern des Landes wollen wir uns susammenschließen. Arbeiter. Intellektuelle, t'haluzim — scharen wir uns um die palästinensische Arbeiterklasse, die zu einem Arbeitervolk werden will! Kaplau-ky begrüßte den „Altmeister des internationalen und des deutschen Sozialismus" Eduard Bernstein, den „führenden (ieist Unseres Jahrhunderts" Professor Albert Einstein, den Vorsitzenden der Zion. Exekutive Nahuin Sokolow, den Sekretär der Gewerkschaftsinternationale Sasse nbach, den in Vertretung von Albert Thomas erschienenen Direktor Donau vom Internationalen Arbeitsamt in Gent, den französischen Sozialistenführer und Enkel von Karl Marx Jean Longuet, den Sekretär des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundea Alexander Knoll, den großen hebrii i sehen Dichter Saul T s c h e r nie ho wsk i. Begrüßungsansprachen an den Kongreß richteten: Eduard Bernstein- Professor Einstein, Generalsekretär Sassen bach, Nahuin Sokolow (als ihm das Wort erleilt wird, verlassei die Linken Poale Zion den Saal, während der Kongreß Sokolow eil langdauernde Ovation bereitet). Jean Longuet, Alexand. Knoll, Dr. Weinberg (Vorsitzender der Sosialdem, Fraklic in der Berliner Stadtverordnetenversammlung). Nach Verlesuni einer Reihe von Begrüßungsschreiben sprach als letzter Redner det Führer der amerikanischen Arbeiterdelegation Abraham Ship 1 i a k o f f über das Thema ,. Die j ü d i s e h e Arbeit e r s C h a I ' u n d Palästina". Er gab eine ausführliche Schilderung dei Eindrücke, welche die amerikanische Arbeiterdelegatiou auf ihre: Palästina-Reise vom dortigen Aufbauwerk empfangen hat, und hob gegenüber der an Umfang viel größeren amerikanischen Arbeiter bewegUng die Planmäßigkeit und Systematik in dem Werke dei palästinensischen Arbeiterschaft, den organischen Zusammenbau', aller von ihr geschaffenen Einrichtungen hervor. Durch Zwischen rufe von der Linken Seile schon zu Beginn seiner Rede wiederhol' unterbrochen und irritiert, ließ sieh Shipliaknff zu einigen lieft iget Ausfällen gegen die Linke Poale Zion und deren Führer Serubowel hinreißen. Hatte schon seine Bemerkung, er habe in den palästincn Stachen Siedlungen Menschen verschiedenster Parteistellung, abei keine „Linken" gefunden, stürmischen Protest ausgelöst, so steigert) sich der Widerspruch der Linken Poale Zion zu einem wilden Tumult, als er diese als „unsere Araber" apostrophierte. Erst als Shipliakofl seine Aeußerung zurückgezogen hatte, konnte er seine Rede untei stürmischem Beifall beenden, worauf die Sitzung, welche trotz dei geschilderten Zwischenfälle einen ungemein eindrucksvollen Vei lauf genommen hatte, unter dem Absingen der Internationale in jiddischer und hebräischer Sprache geschlossen wurde. Am Vormittag des '2H. September wurden die Beratungen de- Kongresses im großen Saale des Berliner Logenhauses bei stiirkstei Teilnahme von Delegierten und (iüsten forlgesetzt. Es fiel auf, «tut die Fraktion der Linken Poale Zion fehlte. Die Delegierten dieseI Fraktion waren durch eine Verfügung des provisorischen Kongreß Präsidiums bis auf weiteres von der Teilnahme am Kongreß aus geschlossen; als Bedingung für deren weitere Teilnahme war von dei Fraktion eine schriftliche Erklärung verlangt, daß sie fernerhin BUl jede Obstruktion verzichten werde. Die Abgabe «lieser Erklärung war aber verweigert worden. Auf Vorschlag Elieser Kaplans wurden in das Kongreß Präsidium gewählt: Ben Gurion, Sprlnzak und Kap 1 a n s k y für die Histadruth Shipliakoff und Shlosberj für die amerikanischen Arbeiter, ferner Fritz N a p h t a I i (Deutschland) und Ingenieur Reis (Polen). Den abwesenden